7.4/10

Kritik: Das Licht, aus dem die Träume sind

LICHTSTREIFEN AM HORIZONT

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Genres: Familie, Komödie, Startdatum: 12.05.2022

Interessante Fakten für…

  • Der Film spielt in der Heimatregion des Regisseurs
  • Wie im Film erwähnt, stammt Mahatma Gandhi ebenfalls aus der Region Gujarat
  • Das einflussreiche Onlineportal Kinofenster empfiehlt den Film für den Einsatz in der Schule aufgrund des breit gefächerten Inputs zu den Themen Kunst, Gesellschafts- und Naturwissenschaften

Film bedeutet mehr als „Play“ zu drücken. Das lernt der kleine Samay und auch wir können etwas lernen. Über das Licht und wie es der Ursprung aller Geschichten ist. Und über ein Land in dem es viel zu erzählen, aber wenig Erzähler gibt.

johannes 1
#Kinogänger #Klassiker #Trashfan

Darum geht’s

Am Bahnhof Chalala im westindischen Niemandsland hält ein paar Mal täglich der Zug, viel mehr passiert nicht. Der 9-jährige Samay (Bhavin Rabari) sucht das Abenteuer mit seinen Freunden und vor allem im örtlichen Kino. Was läuft ist eigentlich egal, völlig fasziniert von der Magie des Films verbringt der Junge Stunde um Stunde im Kino und lässt sich vom Vorführer Fazal (Bhavesh Shrimali) das Geheimnis erklären, wie aus Licht und Filmstreifen bewegte Bilder entstehen. Sein größter Traum ist, dem vorherbestimmten Leben zu entfliehen und selbst Filme zu machen.

Es werde Licht!

„Ich möchte alles über das Licht studieren. Denn aus Licht werden Geschichten gemacht“. So setzt es sich Samay in den Kopf und wir können uns glücklich schätzen, Teil seines praktisch orientierten Studiums sein zu dürfen.

Kino ist für viele von uns eine Konstante der Unterhaltunsindustrie, eine Gegebenheit, die nur noch selten die Wertschätzung erhält, die sie verdient. Durch die Augen eines Kindes erzählt der Film von der Entdeckung der Film-Magie, es ist, als würde Regisseur und Drehbuchautor Pan Nalin seine eigene Biographie nachzeichnen. Die Geschichte eines Menschen, der dem Bann des Kino unwiderruflich verfällt. Die Erzählung ist naiv-kindlich, durchsetzt von bittersüßer Romantik, durch die kindliche Perspekte manches mal aber auch etwas unlogisch: eine Erzählperspektive, in der Kinder aus Sperrmüll einen funktionierenden Filmprojektor bauen und auf ihren klapprigen Fahrrädern über Kilometer einen LKW verfolgen. Doch kommen Samay und seine Clique dermaßen charmant daher, dass man die „Kinder können alles“-Logik gerne verzeiht.

Außerdem baut der Film sein Fundament nicht ausschließlich auf kindlichen Fantasien sondern überrascht auf vielen Ebenen: eher unerwartet wagt der Film eine detailreiche Darstellung analoger Filmprojektion. Vom sympathischen Sidekick Fazal lernt Samay das große Einmaleins der Filmvorführer:innen und auch dem Kinopublikum wird auf verständliche Art erläutert, welcher Zauber einer Filmprojektion innewohnt. Das ist im besten Sinne lehrreich, denn: was besser verstanden wird, wird auch mehr wertgeschätzt.

Liebe macht blind

Doch Technik lässt sich nicht ohne Physik erzählen. Naturwissenschaftsmuffel brauchen jetzt nicht abzuschalten, denn auch diesem Thema widmet sich Das Licht, aus dem die Träume sind mit einer überraschenden Ernsthaftigkeit. Die titelgebenden Energie wird ausführlich erkundet, wie es Kinder eben tun. Licht, das sich im Wasser bricht. Licht, das Schatten wirft. Licht, das in Spiegeln tanzt und beliebige Farben annimmt. Und nichts anderes ist Film – Licht, das durch einen bedruckten Streifen Celluloseacetat fällt. Die Magie des Kinos wird in technische Begriffe übersetzt.

Das Romantische wird technisch, das Technische wird romantisch.

Romantisch bedeutet hier manchmal leider auch: emotional verklärend. Da geht die Liebe zum Film dann so weit, dass ein Filmfan den Projektor wie die erste große Liebe umarmt, in inniger Liebe umschlungen. Im Sinne der Erzählung ist das zu verzeihen, es veranschaulicht die tiefe Zuneigung, die viele Filmfans fühlen, dennoch ist es dann doch zu viel des Guten.

Die Hymne auf das Kino wird penetrant-schmalzig gesungen und letztlich bleibt der Film an der Prämisse hängen: Alt gut, Neu blöd. Analoge Filmprojektion ist Filmkunst, digitale Projektion vom Laptop ist blutleerer Schrott. Woran das festgemacht wird, bleibt Spekulation. In diesen Momenten stößt die kindlich-naive Perspektive an ihre Grenzen. Optisch jedoch funktioniert die infantile Liebeserklärung vorzüglich: Farbenfroh wie ein Bollywood-Film, projiziert an bröckelig verputze Wände, fließt der Film von der Leinwand in den Zuschauerraum. Pan Nalin sollte seine Emotionen mehr visuell ausdrücken, als sie seinen Figuren in den Mund zu legen.

Flimmernde Einblicke

Unter der verträumten Oberfläche schimmert ein melancholischer Kommentar über das moderne Indien durch, wie tiefblaues Wasser unter einer glänzenden Eisschicht. Ein Land in dem Gerichte gekocht werden, die man nur zu gerne für das schale Popcorn eintauschen möchte. Ebenso jedoch ein Land, in dem das Kasten-System noch allzu real ist. Ein Land in dem man, um etwas aus sich zu machen, Englisch lernen und wegziehen muss. In dem „Recycling“ bedeutet, dass oberkörperfreie Niedriglohn-Sklaven Kunststoff in dampfenden Bottichen einschmelzen. In dem Väter ihre Söhne mit patriarchalen Strukturen und Rohrstock erziehen, vielleicht zu ihrem besten, denn das Schicksal stellt zur Wahl: Englisch und Wegziehen oder dampfende Bottiche. Kein einfaches Land.

Mit beeindruckender Leichtigkeit transportiert der Film schwere Kost, die zu denken gibt, aber keine Bauchschmerzen bereitet. Es ist keine alleinige Liebeserklärung an den Film als physikalisches Wunder, es ist auch eine Erzählung über den Verlust kindlicher Unschuld, von einem Jungen, der allen Gegebenheiten zum Trotz nur ein Ziel verfolgt: Das Licht zu studieren und es benutzen, um Geschichten zu erzählen.

Fazit

7.4/10
Community-Rating:
Visuelle Umsetzung 8.5/10
Emotionen 6.5/10
Tiefgang 7.5/10
Handlung 7/10
Atmosphäre 7.5/10
Details:
Regisseur: Pan Nalin,
FSK: 12 Filmlänge: 112 Min.
Besetzung: Bhavesh Shrimali, Bhavin Rabari,

Es warten einige Überraschungen auf diejenigen, welche eine simple Feelgood-Hymne an das Kino im Stile von Cinema Paradiso erwarten. Das Licht, aus dem die Träume sind ist eine dicht gewebte, locker-romantische Komödie über die audiovisuelle Kunst als physikalisches Wunderwerk. Erzählt durch Kinderaugen verliert sich der Film in mancher Szene in allzu emotionalem Anhimmeln, aber so ist es nun einmal mit der ersten Liebe. Fast zufällig streift der Film Impressionen aus dem modernen Indien, die tiefe Eindrücke hinterlassen. So leicht und trotzdem vielschichtig kann Kino sein.

Artikel vom 16. Mai 2022

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