6.5/10

Kritik: Borga

German Dream

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Genres: Drama, Startdatum: 28.10.2021

Interessante Fakten für…

  • Dies ist York-Fabian Raabes Spielfilmdebut, zuvor drehte er jedoch bereits einen Dokumentarfilm in Ghana – man spürt, dass er einen guten Blick und Gefühl für das Land hat.

Dieses preisgekrönte Drama erzählt die Auswanderung nach Deutschland aus afrikanischer Perspektive. Das ist im Jahr 2022 zwar aufsehenerregend und spannend, für ein rundum emotionales Filmerlebnis lohnt das jedoch noch lange nicht.

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#Kinogänger #Klassiker #Trashfan

Darum geht’s

In einem Vorort der ghanaischen Hauptstadt Accra wächst der junge Kojo (Emmanuel Affadzi) auf. Seine Perspektive: Sein Leben lang Metallschrott sortieren und hinter seinem großen Bruder die zweite Geige spielen. Die Begegnung mit einem „Borga“ wird zum Schlüsselerlebnis. Diesem Auswanderer, der in Deutschland scheinbar reich geworden ist, will Kojo nacheifern. Als junger Erwachsener wagt Kojo (Eugene Boateng) die Reise nach Deutschland. Hier kann er innerhalb des Systems nur schwer Fuß fassen, doch durch illegale Geschäfte unter falschem Namen füllt sich das Portmonee langsam. Und dann verliebt sich sogar Lina (Christiane Paul) in ihn – beziehungsweise in die Person, die Kojo vorgibt zu sein.

Get Rich or Die Tryin

Der American Dream ist niemals ausgeträumt. Der Strom der Einwandernden reißt nicht ab und alle träumen von einem Start im Land der unbegrenzten Möglichkeiten – sie träumen nicht nur nachts, sondern auch im hellen Licht der Kinoprojektoren. Doch längst sind es nicht nur die USA von denen geträumt wird, viele sehnen sich nach einem Neustart in Deutschland – im 21. Jahrhundert wird auch der German Dream geträumt.

Nachdem das deutsche Kino in der Vergangenheit der türkischen Migration nach Deutschland Denkmäler setzte, ist die Einwanderung aus afrikanischen Staaten noch offenes Terrain. Im Jahr 2020 betrat Berlin Alexanderplatz diese Bühne und hinterließ tiefe Fußspuren, denen Borga nun folgt – womit wir direkt beim größten Problem des Films sind: es drängen sich Vergleiche auf, denen der Film nicht standhält. Doch der Reihe nach.

Protzig, nicht cool

Sobald er Deutschland erreicht, beginnen die Probleme. Zunächst für Kojo, später dann auch für uns. Seine ersten Schritte sind schwankend und dadurch nachvollziehbar und einnehmend. Als der Neuankömmling schließlich in das heikle Geschäft des internationalen Drogenschmuggels einsteigt, nimmt der Film Fahrt auf – jedoch nicht genug, um uns atemlos alle Logik vergessen zu lassen. So fragt man sich, als Kojo auf seinem ersten Heimatbesuch im Edelhotel absteigt, woher er plötzlich über derartige finanzielle Mittel verfügt. Als frisch eingesetzter Drogenkurier (kleine Päckchen schlucken und jenseits der Grenze auf natürlichem Weg wieder „abgeben“) darf vermutlich niemand mit einem Gehalt knapp überm Mindestlohn rechnen, Kojo hingegen lebt wie ein Rockstar. Der Film bleibt in seiner Erzählweise auf dem Teppich, gleichzeitig jedoch etwas unrealistisch. Einige eindrucksvolle Momente gehen dadurch verloren, denn sein protzhafter Auftritt als neureicher Wiederkehrer aus Deutschland hätte im Gegenspiel mit den Schattenseiten des Drogen-Business stark gewirkt. So sehen die Bilder doch etwas albern und gewollt aus, Deutschrap-Video statt Blow.

Überhaupt ist es etwas schwer mit unserem Protagonisten zu sympathisieren: er dealt mit Drogen, zieht seinen Neffen mit rein, vertickt giftigen Elektroschrott nach Afrika, erwartet vom Staat außer Geld und Arbeit nur wenig – nicht gerade das Material aus dem Helden sind. Glücklicherweise ist in der Fülle seiner Eigenschaften auch viel Positives zu entdecken. Kojo ist herzlich, lustig und zielstrebig – Eugene Boateng holt aus dem Charakter wirklich alles heraus. Dabei drehen sich die emotionalsten Momente der Figur um Familie, Anerkennung vom Vater, Rivalität mit dem Bruder und Respekt. Archaische Themen die eigentlich immer funktionieren. Doch alles was darüber hinaus interessant sein könnte, streift der Film nur, trifft aber nicht. Man hat ihn schnell vergessen.

Großer Schritt oder PR?

Das Schicksal afrikanischer Migranten ist eines der prominentesten Fragen im aktuellen öffentlichen Diskurs. Obwohl der Film durch einen vielschichtigen und gefühlvollen Blick auf die Situation in der ghanaischen Heimat besticht, wird er der Komplexität des Themas Migration nicht gerecht. Während Berlin Alexanderplatz ein Deutschland in Form eines neonfarbenen Fleischwolfs von der Leine ließ, ist Borga eine wesentlich handzahmere Variante.

Der Blick zurück in die alte Heimat ist erhellend und regt zum Diskurs an. Die Geschehnisse in Deutschland fühlen sich jedoch sehr beschränkt an und wirken eindimensional. Statt die verzweifelte Situation eines Neuankommenden wirken zu lassen, begnügt man sich mit einzelnen, unemotionalen Einstellungen und widmet wertvolle Erzählzeit einer seichten Liebelei, die für Feelgood-Momente sorgt, aber sonst nichts voranbringt.

Der Film verkündet auf seiner Internetseite stolz, was er bisher „erreicht“ hat. Schwarzer Cast, Crew, Creative Heads; afrikanische Perspektive und afrikanische Sprachen. Doch wenn damit kein Film produziert wird, der emotional nachhallt, dann bleiben diese „Errungenschaften“ nichts als PR.

Fazit

6.5/10
Mäßig
Community-Rating:
Handlung 7/10
Emotionen 5/10
Tiefgang 5.5/10
Schauspiel 7.5/10
Szenenbild 7.5/10
Details:
Regisseur: York-Fabian Raabe,
FSK: 12 Filmlänge: 104 Min.
Besetzung: Christiane Paul, Eugene Boateng,

Borga widmet sich einem Thema, dessen filmische Diskussion längst überfällig ist. Die Crew wählt eine afrikanische Perspektive, die nicht nur die Erzählung bereichert sondern auch den Blick in die ghanaische Heimat nahe bringt, wie es ausländischen Produktionen selten gelingt. Doch die Perspektive allein erzählt keine großen Dramen – der Film ist fade und vergesslich, vieles nicht nachvollziehbar, die Liebesgeschichte konstruiert und blutleer, die familiären Konflikte vorhersehbar und die Globalisierungskritik weiß nichts Neues zu erzählen. Filme über Migration gibt es viele bessere und hoffentlich werden weitere folgen.

Artikel vom 14. April 2022

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