8.7/10

Kritik: Elvis

ES KANN NUR EINEN GEBEN

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Genres: Biografie, Startdatum: 23.06.2022

Interessante Fakten für…

  • Tom Hanks war im März 2020 einer der ersten Prominenten, die sich mit dem damals rapide verbreitenden Corona-Virus infizierten. Die laufende Produktion wurde unterbrochen.
  • Gerüchten zufolge war auch Lana Del Rey an der Rolle von Elvis Ehefrau Priscilla interessiert.

Der vielleicht perfekteste Entertainer der Welt bekommt ein filmisches Denkmal. Vom Jungspund der die Welt entjungferte zum tragischen Perfektionisten, vom grellen Funkenflug bis zum Erlöschen der Flamme ist Elvis eine mitreißende Achterbahnfahrt.

johannes 1
#Kinogänger #Klassiker #Trashfan

Darum geht’s

Wem muss man Elvis Presley noch vorstellen? Seine Musik geht in die Seele, seine Auftritte sind zeitlos, sein Leben die Blaupause des tragischen Superstars. In Memphis hebt der junge Elvis (Austin Butler) ab und fliegt durch Jahre des Erfolgs. Wichtigster Begleiter ist sein Manager „Colonel“ Tom Parker (Tom Hanks). Der Jahrmarkt-Schwindler versteht es aus Talenten Geld zu machen. Unermüdlich treibt er den Sänger von einem Höhepunkt zum nächsten. Die Liebe zur Musik bleibt das Epizentrum in Presleys Leben, doch Familie, Freunde und seine Frau (Olivia DeJonge) bleiben am Boden zurück und können nur noch zusehen, wie der Superstar weiter und weiter aufsteigt – und verglüht.

How to make an Elvis

Jeder fängt klein an, selbst der King. Für Elvis gestaltet sich der Beginn der Reise am Fuß des Berges als schwierig, eine Kindheit in Armut, doch mit einem klaren Ziel vor Augen: Fliegen lernen. Aus dem Zauberwald der Roadshows, Karnevals und staubigen Highways führt sein Weg auf die Bühnen des Landes und bis in den Himmel. Sein Fährmann auf dieser Reise, gleichsam Schamane und Scharlatan, ist der Manager „Colonel“ Tom Parker. Everybodys Darling Tom Hanks mimt den Mephisto angemessen, doch ohne wirklichen Verve. Als verführerischer Marktschreier, der diesem blauäugigen Talent das Blaue vom Himmel verspricht, ist Hanks dann doch durch seine Filmografie vorbelastet, man nimmt ihm die Rolle nicht vollkommen ab, er erinnert wahlweise an einen schmierigen Autohändler oder den Pinguin aus Batmans Rückkehr. Den musikalischen Einflüssen des Musikers wird respektvoller Raum gegeben. Rock’n’Roll sieht sich nicht erst seit gestern mit der Anschuldigung konfrontiert, eine „weiße“ Spielart des Blues zu sein, welche mit Abwandlungen von schwarzen Musiker:innen Milliarden abschöpfte, während diesen der Zugang zum Markt unmöglich blieb. Auch hiervon erzählt Elvis, doch ohne herablassende „Vergebt uns!“-Dringlichkeit, sondern in dem man die Musik sprechen lässt. Egal ob B.B. King oder Hank Snow, Elvis schöpft aus dem Vollen und bleibt den Musikern und seiner Liebe zu ihrem Werk ein Leben lang treu. Er soll nicht müde werden, seine Verbundenheit und Unterstützung für seine Wegbereiter:innen aufrechtzuerhalten.

„Colonel“ Parker (Tom Hanks) verspricht dem jungen Elvis (Austin Butler) Lichter, Glanz und Ruhm.

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Ob der King tatsächlich als Jugendlicher die schwarzen Musiker:innen der Beale Street bewunderte, mit ihnen sang und lebte, müssen Biograf:innen klären. Ziemlich wahrscheinlich schummelt Luhrmann, um den Glanz seines Helden nicht zu trüben. Das darf man ankreiden. Dennoch funktioniert das erste Drittel des Films hervorragend. Der Mythos wird nachvollziehbar abgeleitet, aus dem Weltschmerz des Country Blues und der ekstatischen Hoffnung des Gospels entsteht eine musikalische Melange. Aus sündiger Musik, vorgetragen mit christlicher Hingabe, entsteigt Elvis.

Verbotene Früchte

Der Exegese des Musikers wird inhaltlich viel Raum gegeben, zeitlich sind wir nach einem kurzen Umriss der Kindheit jedoch bereits auf voller Fahrt. Zu Musik-Biopics gehört häufig auch eine anfängliche Phase des Stolpers, Aufgebens und Suchens, doch ehrlich: Wie könnte man das jemandem vormachen, der Elvis singen gehört hat? Ab dem ersten Auftritt, dem wir beiwohnen, ist klar: für diesen Jungen führt der Weg nach vorne, bis es nicht mehr geht. Die Auftritte sind mitreißend inszeniert, nach der Pandemie ist es befreiend, Konzerte als das zu erleben, was sie sein können: Physische Erfahrungen. Die Begeisterung, der Hype und die Empörung werden eingefangen und übertragen sich auf den Kinosaal. Nicht zuletzt die sexuelle Zweideutigkeit von Elvis‘ Bühnenpersona war ausschlaggebend für seinen überrollenden Erfolg. Sein suggerierender Hüftschwung ist für die Jugend eine „Kostprobe der verbotenen Frucht“, mit seinen Auftritten plant Manager Parker: „Gefühle zu wecken, von denen das Publikum nicht weiß, ob es sie genießen darf“.

Die Sturm-und-Drang-Jahre des Rock’n’Rollers sind von mitreißender Energie. Austin Butler ist unter der unüberschaubaren Zahl der Elvis-Imitatoren einer der gewöhnungsbedürftigeren, doch kann ihm seine Szenenpräsenz nicht abgesprochen werden. Die schmalzige Stimme singt und spricht überzeugend, auch die deutsche Synchro steht dem US-Pendant in nichts nach. Die Aura ist spürbar, der Hüftschwung sitzt. Bei all der perfekten Imitation geht dem Schauspieler manches mal die Leichtigkeit abhanden. Wer den wahren Elvis performen sieht, kann sich seinem schalkhaften Humor kaum entziehen. Dieser Witz geht an Butler verloren – schade, aber zu verkraften. Ohne Hast werden alle wichtigen Phasen durchlaufen, das Drehbuch nimmt sich Zeit, lässt uns jeden Moment aufsaugen und genießen. Die frühen Sun-Sessions; der kometenhafte Aufstieg; das 68er-Comeback-Special, welches in seiner schlichten Brillanz jede moderne Half-Time-Show wie eine peinliche Zirkusnummer scheinen lässt; die langen, zehrenden Jahre in Las Vegas. Jedes Kapitel ist eine Augenweide, jeder Auftritt ein Blick in den Zauberspiegel einer verlorenen Ära. Obwohl er schnell in den goldenen Käfig gerät, steht die Zeitgeschichte um Presley herum nicht still. Segregation, aufbegehrende Jugend und die Morde an Martin Luther King und Bobby Kennedy schallen herauf bis zum Olymp auf dem sich Elvis wiederfindet.

Die Flamme erlischt

In den späten 1960er Jahren verliert der Künstler den Boden unter den Füßen, das Jahrzehnt wird zum Wendepunkt des Films und entführt uns unwiederbringlich in tragische Gefilde. Allem Glamour, all den mitreißenden Performances wohnt ab jetzt eine tiefe Traurigkeit inne und die Gewissheit, dass niemand sicher landen kann, wer jahrelang nur geflogen ist. Die Gesellschaft erodiert und zwischen den Generationen entsteht ein Bruch. Mit Altamont, dem Mord an Sharon Tate und Race Riots ist der Hippie-Traum ausgeträumt.

Tragik braut sich zusammen, doch wendet sich der Film nie der Tragödie zu. Ihre Figuren kämpfen zu hart, glauben an das Gute, machen weiter bis zur Erschöpfung. Trotz künstlerischer Freiheiten fühlt sich das Gesehene nie künstlich an, die Crew arbeitet beobachtend. Der Künstler inszeniert sich selbst, die Kamera muss nur draufhalten. Gekonntes Spiel mit Fernsehaufnahmen lässt uns Zeitgeschichte erleben. Über 2 ½ Stunden entsteht ein wunderbar tiefes Porträt eines jungen Mannes, der sich seiner eigenen Größe nicht bewusst ist. Der nach Hollywood will, um so gut zu werden wie James Dean. Der überschwängliches Lob abwinkt und stattdessen auf Fats Domino verweist. Der selbst am Ende noch an seinem Lebenswerk zweifelt, nichts hat, auf das er stolz ist. In seinen einsamsten Momenten sitzt er allein und in sich gekehrt am Klavier, spielt in Moll transponierte Versionen seiner Hits und öffnet seine schmerzende Seele für die Zuschauer:innen.

Nach all den Filmminuten, all den mit dem King verbrachten Jahren, all den Höhen und noch höheren Höhen, all dem Blues, Gospel, Gebeten und Flüchen, sind wir den Tränen nahe. Doch nicht Elvis. Der King singt weiter.

Fazit

8.7/10
Sehr gut
Community-Rating: (1 Votes)
Schauspiel 8/10
Musik 9.5/10
Emotionen 8.5/10
Atmosphäre 9/10
Visuelle Umsetzung 8.5/10
Details:
Regisseur: Baz Luhrmann,
FSK: 6 Filmlänge: 159 Min.
Besetzung: Austin Butler, Helen Thomson, Olivia DeJonge, Richard Roxburgh, Tom Hanks,

In der Riege der Musiker-Biopics gibt es ein neues Großwerk. Das Reenactment des Live Aid-Auftritts in Bohemian Rhapsody war ein Geniestreich, doch in Elvis reihen sich unzählige derartiger Gänsehaut-Momente aneinander. Die Wechselbeziehung zwischen Karriere und Zeitgeschehen trägt gute erzählerische Frucht, auch wenn biografisch vermutlich kaschiert wurde. Alle, die auch nur entfernt für Musik zu begeistern sind, sollten schleunigst ins Kino rennen.

Artikel vom 28. Juni 2022

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