7.6/10

Kritik: Jackass Forever

Alt und trotzdem infantil

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Genres: Komödie, Startdatum: 10.03.2022

Interessante Fakten für…

  • Jason ‚Wee Man‘ Acuña sagte, von allen 4 Jackass-Filmen habe „dieser am meisten weh getan“.
  • In einem GQ-Interview sagte Johnny Knoxville, dass Jackass Forever sein letzter Beitrag zu Jackass sein wird.
  • Eine Szene, in der Knoxville (als Irving Zisman) in einem Rollstuhl auf dem Dach einer Bushaltestelle sitzt, während sein Pullover Feuer fängt, war in den Trailern zu sehen, wurde aber nicht in den Film aufgenommen.

Die Stars der MTV-Generation sind zurück! Johnny Knoxville, Steve-O, Wee Man und Co. wollen es noch einmal wissen und werfen sich trotz hohen Alters wieder ins Stunt-Kostüm. Ob es die alten Knochen immer noch draufhaben und ob sich das Konzept eigentlich schon abgenutzt hat, erfahrt ihr in unserer Bewertung und Kritik.

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Darum geht’s

Simpler geht es nicht mehr: eine infantile Crew an Jugendfreunden, ein paar wahnwitzige Stunt- und Ekel-Ideen, laufende Kameras und die Bereitschaft, den Selbsterhaltungstrieb für einen kurzen Augenblick auszuschalten. Das war Jackass im Jahr 2000, das ist Jackass im Jahr 2022. Johnny Knoxville, Steve-O, Chris Pontius, Preston Lacy, Dave England und Ehren McGhehey holen sich Nachwuchs und prominente Gäste und verstümmeln sich nach allen Regeln der Kunst selbst: mit explodierenden Gegenständen, Rampen, Elektroschockern und gefährlichen Tieren. Entertainment kann so einfach sein.

Trip down memory lane?

Über den Fortsetzungswahn Hollywoods habe ich in vielen meiner letzten Rezensionen bereits sinniert (Matrix Resurrections, Texas Chainsaw Massacre). Tatsächlich war Jackass Forever aber das erste Sequel seit langem, auf das ich mich aufrichtig gefreut habe. Um die Jahrtausendwende schlagartig zur Popkultur erhoben und seitdem in unterschiedlichen Ausführungen ein treuer Begleiter. Jackass 3D gehört für mich sogar zu einem der besten Vertreter des damals sonst einfallslosen 3D-Kinos.

Zwar würde es sich im Zeitgeist der romantisierenden Vergangenheitsverklärung durchaus anbieten, einen sentimentalen Abklatsch der Abenteuer der eingeschweißten Crew zu servieren, doch das Team um Regisseur Jeff Tremaine feuert weiter unbeirrt einen kontextlosen Sketch nach dem anderen ab. Tatsächlich verrät erst der Abspann, welche Stunts mit einem liebevollen Blick auf die Anfänge von Jackass reproduziert wurden – nur halt einfach mit noch mehr Explosionen und Fäkalien.

Alter schützt vor Torheit nicht!

Die größte Sorge, dass die mittlerweile um die 50-jährigen Darsteller nicht mehr an den Wahnsinn der letzten Filme anknüpfen könnten, wird in den ersten 45 Minuten mit knochenbrechender Vehemenz zunichte gemacht. Allein das virtuose Intro kombiniert erneut Fäkalhumor, Stuntfreude, Absurdität und den völligen Gaga-Humor der Jackass-Crew – ohne Frische oder Risiko einzubüßen. Und auch die vielseitigen Stunts zeigen erneut: den Jungs (und der neu hinzugekommenen Rachel Wolfson) ist absolut nichts heilig. Und: ihre herzlich-asoziale Team-Dynamik ist immer noch ansteckend!

Ohne zu viel zu spoilern, aber dennoch einen Vorgeschmack auf den Anarcho-Vibe von Jackass Forever zu geben, hier ein paar Fragen, die man sich in der Entstehungsphase wohl gefragt hat: Was macht ein Bienenschwarm, wenn man seine Bienenkönigin auf einen Penis schnallt? Was kann man mit 70 Litern Schweinesperma alles anfangen? Tut es wirklich so weh, oberkörperfrei in Kakteen zu springen? Und wie viele Schläge in die Weichteile benötigt es, bis Ehren McGhehey aus dem Sack blutet? Zweifelsfrei gehören viele Stunts zu den heftigsten in der Jackass-Historie. Dass im Hintergrund immer irgendwer den Arm in der Schlinge hat, sagt eigentlich alles.

Plauzen, Prolls und Penisse

Selten hat man in einem Film dieser Größenordnung so viele männliche Geschlechtsteile gesehen, die in allen erdenklichen Formen verdroschen werden. Allein die Establisher-Shots der Stunts sorgen regelmäßig dafür, dass ein Raunen durch den Kinosaal geht – vor allem von der männlichen Fraktion. Wenn die Szenen dann wieder und wieder in Slow Motion dargeboten werden, kristallisiert sich erneut die Stärke der Jackass-Reihe heraus: Katharsis. Was wäre das dümmste, was man machen könnte? Ah, das hier! Gut, dass das jemand anderes ausprobiert hat!

Zweifelsohne ist auch Jackass Forever primitiv und prollig bis zum Abwinken und appelliert an die niedersten Instinkte. Aber es ist eben auch kreativ! Die vielen liebevoll eingerichteten Sets, Apparaturen, Verkleidungen und hanebüchenen Stories rund um die Stunts sind die Kirsche auf dem Kakao des Wahnsinns. Und die kleinen Pranks zwischen den Takes sind ohnehin großartig – Stichwort: Taser!

Inhaltlicher und ethischer Abfall

Spätestens im letzten Drittel geht Jackass Forever merklich die Puste aus. Die Gastauftritte (Eric André, Machine Gun Kelly, Tyler, the Creator) haben häufig keinerlei Mehrwert oder Daseinsberechtigung. Die Gagdichte nimmt ab, an Pimmeln hat man sich sattgesehen, und das dumme Gesabbel der Akteure nach den Stunts ist nicht mal im Originalton erträglich. Da ist das Grande Finale noch mal ein schönes Spektakel, wie bei allen Jackass-Filmen zuvor. Ansonsten gilt: je unspektakulärer die Aktion, desto gekünstelter schreien die Burschen durch die Gegend und kugeln sich auf dem Boden. Performer, eben.

Was den Test der Zeit jetzt schon nicht bestanden hat, sind die etlichen Szenen, in die Tiere involviert sind. Egal, ob Spinnen, Skorpione, Geier, Schlangen, Bienen oder Bären – viel von dem, was hier aufgefahren wird, grenzt an Tierquälerei. Wenn erwachsene Menschen freiwillig ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, meinetwegen. Aber lasst bitte die Tiere da raus!

Feierabend für das Hirn

Eigentlich verfehlt eine Rezension über das anarchistischste Format der Welt schon ihren Zweck. Denn Jackass Forever ist hirnfreie (obgleich nicht herzfreie!), nihilistische, grenzüberschreitende Kost, die sich über jede ernsthafte Auseinandersetzung mit sich selbst nur kaputtlachen kann. Fakt ist: wir haben es mit niederschwelligster Unterhaltung zu tun. Das kann man hassen, das kann man feiern – aber man weiß, was man bekommt.

Fakt ist aber auch, dass dieser stumpfsinnige Humor gerade mehr denn je eine willkommene Abwechslung (und Ablenkung!) bietet. Sich mit anderen Fans 96 Minuten lang den Arsch darüber abzulachen, dass sich erwachsene Ex-Punks der Reihe nach die Knochen brechen, hat etwas ungewöhnlich befreiendes. Und diese Rolle füllt Jackass Forever mit Bravour aus, weil er genau weiß, was er bezwecken will: ein wenig trotzigen Eskapismus im Angesicht einer Welt, die sich in ihrer Sinnfrage manchmal einfach zu ernst nimmt.

Fazit

7.6/10
Gut
Community-Rating: (2 Votes)
Handlung 7/10
Humor 8.5/10
Ausstattung 8.5/10
Stunts 9/10
Ethik 5/10
Details:
Regisseur: Jeff Tremaine,
FSK: 16 Filmlänge: 96 Min.
Besetzung: Bam Margera, Chris Pontius, Johnny Knoxville, Steve-O,

Sie können es immer noch! Auch in Jackass Forever reiht sich ein absurder Stunt an den nächsten. Trotz ihres deutlich höheren Alters stürzen sich Knoxville und Konsorten mit Gebrüll in ihr Verderben und scheuen weder Nacktheit, Schmerz noch Ekel. Die Rezeptur ist immer noch genauso effektiv, wie vor 22 Jahren, auch, wenn der Film gegen Ende ordentlich an Geschwindigkeit und Gags verliert. In diesen angespannten Zeiten ist er jedoch mehr als willkommen, weil sich die ausgelassene Stimmung der Crew mühelos auf die Zuschauer*innen überträgt. Jackass Forever liefert, was es versprochen hat!

Artikel vom 12. März 2022

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