Kritik: Je Suis Karl

Hashtag Hass
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Im Zeitalter der Neuen Rechten und Identitärer Bewegung tut sich das Kino manchmal noch schwer, diese Phänomene zu greifen. Christian Schwochow versucht sich an einem mitreißendem Drama, welches die rechte Szene im neuen Jahrtausend realistisch abbilden soll. Ist das belehrendes Schulfernsehen oder geht es unter die Haut?   Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht’s Gerade noch wuselte die fünfköpfige Familie durch die Berliner Wohnung, doch als Vater Alex (Milan Peschel) noch einmal kurz raus muss, geht im Haus eine Bombe hoch. Nur er und seine Tochter Maxi (Luna Wedler) überleben. Der unbegreifliche Anschlag wird zum medialen Großereignis – die Rede ist von einem islamistischen Terrorakt. Witwer Alex findet nicht mehr ins Leben zurück und Maxi ist bis ins Tiefste verängstigt, verzweifelt und wütend. Verständnis findet sie bei ihrer neuen Bekanntschaft Karl (Jannis Niewöhner). Durch ihn bekommt sie auch Anschluss an die Re/Generation-Bewegung, dort nimmt man sie mit offenen Armen auf und zeigt Verständnis für ihre Wut. Opfer Maxi wird zum Maskottchen der Organisation, die für den Terrorakt von Berlin und überhaupt alle gesellschaftlichen Probleme ihre eigene Erklärung haben: die Einwanderung von Menschen aus anderen Kulturen. Viel zu spät realisiert Maxi, dass hinter der Instagram-tauglichen Jugendbewegung eine militante Vereinigung steht, die bereit ist, mit allen Mitteln zu kämpfen. Neue Rechte Die europäische Rechte hat einen gehörigen Aufschwung erlebt, vermutlich auch, weil sie sich massiv verändert hat. Statt auf Flugblättern in Frakturschrift wird völkisches Gedankengut heute bei Instagram verbreitet; statt am Tresen wird auf Podien gestritten; statt Glatze trägt man Undercut. Die Rechte hat sich verändert, deshalb müssen sich auch die Erzählungen über sie verändern. Geschichten über Jugendliche, die an den rechten Rand geraten, das hatte immer einen Geschmack von Belehrung und Bildungsauftrag. Wohl kaum eine deutsche Schule an der nicht kurz vor den Ferien der Fernseher ins Klassenzimmer rollte, um gemeinsam Kriegerin, Kombat Sechzehn oder eine Reportage über junge Neonazis zu sehen und zu diskutieren. So wichtig die Auseinandersetzung mit der Gefahr und so sehenswert diese Filme auch sind, sie werden der Lebenswelt junger Menschen nicht mehr gerecht. Junge Neonazis sind nicht nur die perspektivlosen Schläger aus grauen Wohnblöcken, die stockbesoffen zu „Landser“ im Moshpit den Hitlergruß zeigen. Junge Rechte beherrschen heute Social Media, Memes und Weichzeichner-Filter. "Wir müssen über die Dinge reden, die uns Angst machen." Karl in Je Suis Karl Mit diesen Worten bringt Karl Maxi zum Reden, in einem Café sitzend, an dem Morgen als sie sich zufällig auf der Straße begegnen. Maxi ist, seit die Paketbombe ihre Mutter und zwei Brüder aus dem Leben riss, nicht mehr der schlagfertige Teenager an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Ratlos, in sich gekehrt, enttäuscht von ihrem Vater, der kaum Halt bietet; enttäuscht von der Polizei, die über die Tat im Dunkeln tappt; enttäuscht über die Regierung, die scheinbar tatenlos zusieht, während Terroristen Attentate verüben: „Ich habe Angst. Zum ersten Mal in meinem Leben.“ Die ersten zwanzig Minuten des Films schnüren einem die Kehle zu. Eine Familie wird zerrissen, die verbliebenen Teile finden nicht mehr zusammen. Der Film ist nicht nur ein Lehrstück über politischen Radikalismus, sondern ein ernsthaftes Drama über Verlust und das Erwachsenwerden. Maxi erlebt zum ersten Mal existentielle Angst und nabelt sich von ihrem Vater ab, der ihr nicht helfen kann. Die Bombe entreißt sie der behüteten Adoleszenz und lässt sie in einem Haufen Asche zurück. Sie sucht Identität und findet die Identitären. Während ihr Vater in Schockstarre verfällt, will Maxi handeln. Die Frage, wie junge Menschen an Neonazis geraten, wird modern beantwortet. Es ist nicht Arbeitslosigkeit, Rebellion oder Ausländerhass, sondern die Unsicherheit und Entwurzlung einer modernen, jungen Frau. Werbung Die ersten Zusammentreffen mit der Bewegung, die für ihre Vision eines „zukunftsgewandten Europas“ eintritt, sind mitreißend, für Maxi genauso wie für uns. Ein pumpender Soundtrack, eine paneuropäische Runde von jungen, offenen Leuten, die tagsüber Seminare besucht und abends im Club feiert. Die Szenen machen Spaß und haben einen Flair von Studentenparty im Auslandssemester. Die Erzählperspektive beginnt bei Maxi und ihren ersten Begegnungen mit Karl, lässt uns dann aber hinter die Kulissen blicken. Ein Moment, der erschaudern lässt. Ab sofort sind wir Maxi viele Schritte voraus, während sie noch von der einladenden Fassade Re/Generations begeistert ist, haben wir bereits gesehen, wie es dahinter modert, brodelt und alte Gewächse aufblühen. "'Sieg Heil'? That was yesterday. Get over it!" Karl in Je Suis Karl Dem Film mangelt es nicht an Schauermomenten. Die Parallelen zur Identitären Bewegung sind deutlich und beabsichtigt. Wer wissen will, wie nah die fiktive Re/Generation-Bewegung an der Realität ist, muss nicht lange suchen, junge völkische Gruppen erobern das Netz im Sturm. Symbole und Dynamiken anderer Jugendkulturen werden gekapert und umgedeutet. Im Film wird selbst die emotional aufgeladene Solidaritätsbekundung „Je Suis Charlie“ für die eigenen Zwecke missbraucht. Am Ende verliert sich der Film etwas zu sehr im Spektakel, Karl und seine Schergen provozieren die absolute Eskalation, seine Anhänger strömen überall auf dem Kontinent auf die Straßen, ins Pulverfass Europa fällt ein gezündeter Bengalo. Was dann folgt, ist ein actionreicher Höhepunkt. Leider geraten die Figuren dabei in den Hintergrund, als würden sie im Getümmel der Straßenkämpfe verloren gehen. Es ist, als ob der Film kurz vor Schluss von einem tiefen Tauchgang auftaucht, mitten in stürmische See hinein. Das Ende, die weiteren Schritte von Maxi, die als Terroropfer mittlerweile zu einer festen Größe in der rechten Szene aufgestiegen ist, bleiben im Dunkeln. Ihre Zukunft ist ungewiss, doch unsere ist es auch, da ist der Film deutlich. Bürgerkriegsähnliche Gefechte zwischen einer europäischen, neurechten Bewegung und der Polizei, bewaffnet und auf offener Straße, das gibt es nur im Film. Doch alten Hass im modernen Gewand – das ist real, hier und heute. Fazit: So nah dran, dass es brennt Auch nachdem der Abspann gelaufen ist, will die Gänsehaut einfach nicht verschwinden. „Kann das wirklich wahr sein?“, fragt man sich immer wieder während der zwei Stunden, in denen eine Jugendorganisation mit vermeintlich besten Absichten nach und nach ihr wahres Gesicht zeigt. Auch wenn die inhaltliche Darstellung der neurechten Gedankenwelt manchmal zu viel Raum im Drehbuch einnimmt und den Fluss stört, sowie die finale Katastrophe etwas forciert ist, sehen wir dennoch einen ergreifenden Film, der bewegende Figuren und unerwartete Wendungen bereithält. Politisches Kino, das nicht nervt oder fertige Antworten liefert, sondern uns gemeinsam mit den Figuren auf eine Reise schickt, deren Ausgang wir selbst in der Hand haben.
    Kritik: Je Suis Karl
    Tiefgang
    75%
    Emotionen
    80%
    Dialoge
    70%
    Schauspiel
    85%
    Atmosphäre
    70%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 16.09.2021
    Filmlänge: 126 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: Pandora Film Verleih
  • YouTube

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Gesamtbewertung:

Gut
76%

Im Zeitalter der Neuen Rechten und Identitärer Bewegung tut sich das Kino manchmal noch schwer, diese Phänomene zu greifen. Christian Schwochow versucht sich an einem mitreißendem Drama, welches die rechte Szene im neuen Jahrtausend realistisch abbilden soll. Ist das belehrendes Schulfernsehen oder geht es unter die Haut?

 

Darum geht’s

Gerade noch wuselte die fünfköpfige Familie durch die Berliner Wohnung, doch als Vater Alex (Milan Peschel) noch einmal kurz raus muss, geht im Haus eine Bombe hoch. Nur er und seine Tochter Maxi (Luna Wedler) überleben. Der unbegreifliche Anschlag wird zum medialen Großereignis – die Rede ist von einem islamistischen Terrorakt. Witwer Alex findet nicht mehr ins Leben zurück und Maxi ist bis ins Tiefste verängstigt, verzweifelt und wütend. Verständnis findet sie bei ihrer neuen Bekanntschaft Karl (Jannis Niewöhner). Durch ihn bekommt sie auch Anschluss an die Re/Generation-Bewegung, dort nimmt man sie mit offenen Armen auf und zeigt Verständnis für ihre Wut. Opfer Maxi wird zum Maskottchen der Organisation, die für den Terrorakt von Berlin und überhaupt alle gesellschaftlichen Probleme ihre eigene Erklärung haben: die Einwanderung von Menschen aus anderen Kulturen. Viel zu spät realisiert Maxi, dass hinter der Instagram-tauglichen Jugendbewegung eine militante Vereinigung steht, die bereit ist, mit allen Mitteln zu kämpfen.

Neue Rechte

Die europäische Rechte hat einen gehörigen Aufschwung erlebt, vermutlich auch, weil sie sich massiv verändert hat. Statt auf Flugblättern in Frakturschrift wird völkisches Gedankengut heute bei Instagram verbreitet; statt am Tresen wird auf Podien gestritten; statt Glatze trägt man Undercut. Die Rechte hat sich verändert, deshalb müssen sich auch die Erzählungen über sie verändern.

Karl (Jannis Niewöhner) weiß die Menge zu begeistern – und aufzuwühlen.

Geschichten über Jugendliche, die an den rechten Rand geraten, das hatte immer einen Geschmack von Belehrung und Bildungsauftrag. Wohl kaum eine deutsche Schule an der nicht kurz vor den Ferien der Fernseher ins Klassenzimmer rollte, um gemeinsam Kriegerin, Kombat Sechzehn oder eine Reportage über junge Neonazis zu sehen und zu diskutieren. So wichtig die Auseinandersetzung mit der Gefahr und so sehenswert diese Filme auch sind, sie werden der Lebenswelt junger Menschen nicht mehr gerecht. Junge Neonazis sind nicht nur die perspektivlosen Schläger aus grauen Wohnblöcken, die stockbesoffen zu „Landser“ im Moshpit den Hitlergruß zeigen. Junge Rechte beherrschen heute Social Media, Memes und Weichzeichner-Filter.

"Wir müssen über die Dinge reden, die uns Angst machen."

Karl in Je Suis Karl

Mit diesen Worten bringt Karl Maxi zum Reden, in einem Café sitzend, an dem Morgen als sie sich zufällig auf der Straße begegnen. Maxi ist, seit die Paketbombe ihre Mutter und zwei Brüder aus dem Leben riss, nicht mehr der schlagfertige Teenager an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Ratlos, in sich gekehrt, enttäuscht von ihrem Vater, der kaum Halt bietet; enttäuscht von der Polizei, die über die Tat im Dunkeln tappt; enttäuscht über die Regierung, die scheinbar tatenlos zusieht, während Terroristen Attentate verüben: „Ich habe Angst. Zum ersten Mal in meinem Leben.“

Maxi (Luna Wedler) und Vater Alex (Milan Peschel) klammern sich aneinander. Erdrückende Filmminuten.

Die ersten zwanzig Minuten des Films schnüren einem die Kehle zu. Eine Familie wird zerrissen, die verbliebenen Teile finden nicht mehr zusammen. Der Film ist nicht nur ein Lehrstück über politischen Radikalismus, sondern ein ernsthaftes Drama über Verlust und das Erwachsenwerden. Maxi erlebt zum ersten Mal existentielle Angst und nabelt sich von ihrem Vater ab, der ihr nicht helfen kann. Die Bombe entreißt sie der behüteten Adoleszenz und lässt sie in einem Haufen Asche zurück. Sie sucht Identität und findet die Identitären. Während ihr Vater in Schockstarre verfällt, will Maxi handeln. Die Frage, wie junge Menschen an Neonazis geraten, wird modern beantwortet. Es ist nicht Arbeitslosigkeit, Rebellion oder Ausländerhass, sondern die Unsicherheit und Entwurzlung einer modernen, jungen Frau.

Werbung



Die ersten Zusammentreffen mit der Bewegung, die für ihre Vision eines „zukunftsgewandten Europas“ eintritt, sind mitreißend, für Maxi genauso wie für uns. Ein pumpender Soundtrack, eine paneuropäische Runde von jungen, offenen Leuten, die tagsüber Seminare besucht und abends im Club feiert. Die Szenen machen Spaß und haben einen Flair von Studentenparty im Auslandssemester.

Italien, Österreich, Tschechien, Deutschland, friedlich vereint. Pro Europa? Oder doch contra "die Anderen"?

Die Erzählperspektive beginnt bei Maxi und ihren ersten Begegnungen mit Karl, lässt uns dann aber hinter die Kulissen blicken. Ein Moment, der erschaudern lässt. Ab sofort sind wir Maxi viele Schritte voraus, während sie noch von der einladenden Fassade Re/Generations begeistert ist, haben wir bereits gesehen, wie es dahinter modert, brodelt und alte Gewächse aufblühen.

"'Sieg Heil'? That was yesterday. Get over it!"

Karl in Je Suis Karl

Dem Film mangelt es nicht an Schauermomenten. Die Parallelen zur Identitären Bewegung sind deutlich und beabsichtigt. Wer wissen will, wie nah die fiktive Re/Generation-Bewegung an der Realität ist, muss nicht lange suchen, junge völkische Gruppen erobern das Netz im Sturm. Symbole und Dynamiken anderer Jugendkulturen werden gekapert und umgedeutet. Im Film wird selbst die emotional aufgeladene Solidaritätsbekundung „Je Suis Charlie“ für die eigenen Zwecke missbraucht.

Maxi trauert, mit ihr die ganze Stadt – und Karl nutzt die Stimmung für seine eigenen Ziele.

Am Ende verliert sich der Film etwas zu sehr im Spektakel, Karl und seine Schergen provozieren die absolute Eskalation, seine Anhänger strömen überall auf dem Kontinent auf die Straßen, ins Pulverfass Europa fällt ein gezündeter Bengalo. Was dann folgt, ist ein actionreicher Höhepunkt. Leider geraten die Figuren dabei in den Hintergrund, als würden sie im Getümmel der Straßenkämpfe verloren gehen. Es ist, als ob der Film kurz vor Schluss von einem tiefen Tauchgang auftaucht, mitten in stürmische See hinein. Das Ende, die weiteren Schritte von Maxi, die als Terroropfer mittlerweile zu einer festen Größe in der rechten Szene aufgestiegen ist, bleiben im Dunkeln. Ihre Zukunft ist ungewiss, doch unsere ist es auch, da ist der Film deutlich. Bürgerkriegsähnliche Gefechte zwischen einer europäischen, neurechten Bewegung und der Polizei, bewaffnet und auf offener Straße, das gibt es nur im Film. Doch alten Hass im modernen Gewand – das ist real, hier und heute.

Fazit:

So nah dran, dass es brennt

Auch nachdem der Abspann gelaufen ist, will die Gänsehaut einfach nicht verschwinden. „Kann das wirklich wahr sein?“, fragt man sich immer wieder während der zwei Stunden, in denen eine Jugendorganisation mit vermeintlich besten Absichten nach und nach ihr wahres Gesicht zeigt. Auch wenn die inhaltliche Darstellung der neurechten Gedankenwelt manchmal zu viel Raum im Drehbuch einnimmt und den Fluss stört, sowie die finale Katastrophe etwas forciert ist, sehen wir dennoch einen ergreifenden Film, der bewegende Figuren und unerwartete Wendungen bereithält. Politisches Kino, das nicht nervt oder fertige Antworten liefert, sondern uns gemeinsam mit den Figuren auf eine Reise schickt, deren Ausgang wir selbst in der Hand haben.

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