Kritik: Lieber Thomas

Rebell ohne Grund?
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
  • Titelbild für Kritik Lieber Thomas mit Albrecht Schuch
  • Mit 'Lieber Thomas' bekommt eine schillernde Persönlichkeit der ostdeutschen Literaturszene ein würdiges Denkmal gesetzt: Thomas Brasch. Schriftsteller, Rebell, Liebhaber und hoffnungsloser Egomane. Was das wuchtige Drama auszeichnet, erfahrt ihr in unserer Bewertung und Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht's? Er will einfach nicht ins Konzept passen, der rebellische Thomas Brasch (Albrecht Schuch, Schachnovelle). Die Exekutive der DDR ist ihm zu willkürlich, sein Vater zu wenig sozialistisch, der Westen zu kapitalistisch und die Profs seiner Hochschule nicht fordernd genug. Lautstark schießt der Querulant gegen jegliche Form von Autorität. Seine Leidenschaft: das Schreiben – und die Frauen! Sein Weg zum gefeierten Schriftsteller ist so widerspenstig, wie er selbst. Im ständigen Konflikt mit sich und seiner Umgebung erobert Thomas Brasch zwar die Herzen im Sturm – etwa das der Schauspielerin Katharina (Jella Haase, Fack Ju Göhte 3) – aber verfällt zunehmend dem Wahnsinn. Werbung (adsbygoogle = window.adsbygoogle || []).push({}); Ein streitbarer Protagonist Vielen dürfte Thomas Brasch heutzutage kein Begriff sein. Das ist tatsächlich verwunderlich, wenn man überlegt, was für ein exzentrisches und grenzübergreifendes Leben der Schriftsteller geführt hat. Schon die ersten 20 Minuten von Lieber Thomas machen deutlich: der Kerl hatte nicht nur einiges in der Birne, sondern auch keine Scheu, seine Meinung mit aller Wortgewalt in die Welt zu schreien. Klingt seine marxistische Exegese anfangs noch wie der stürmerisch-drängerische Aktionismus eines Zwanzigjährigen, so zeigt sich schnell, dass Brasch seinen Worten Taten folgen lässt. Sein Flugblatt-Protest gegen den Prager Frühling 1968 bringt ihn zwischenzeitlich hinter Gitter, und selbst als sich erste Erfolge anbahnen, will er ums Verrecken nicht konform sein. Revolte um jeden Preis. Das ist zwischenzeitlich unglaublich anstrengend, doch genau diese Erschöpfung möchte Regisseur Andreas Kleinert auch auslösen – denn unter diesen Charaktereigenschaften leidet vor allem auch Thomas Brasch selbst. Gefangen im ständigen Widerspruch So richtig Heimat finden kann er nicht. Nicht örtlich, nicht menschlich. Dies löst einen ständigen Drang nach Veränderung aus, dem Thomas Brasch schon früh hinterherhetzt. Sei es die „Flucht“ nach Westberlin, seine erste Buchveröffentlichung oder seine Filmpremiere in Cannes, genug ist es nie. Diese innere Zerrissenheit wird in Braschs Gedicht „Was ich habe, will ich nicht verlieren“ so deutlich, dass es sogar als Kapitelunterteilung des Films dient: Was ich habe, will ich nicht verlieren, / aber wo ich bin, will ich nicht bleiben, / aber die ich liebe, will ich nicht verlassen, / aber die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, / aber wo ich lebe, will ich nicht sterben, / aber wo ich sterbe, da will ich nicht hin: / aber bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin. Thomas Brasch in 'Lieber Thomas' Dieser Widerspruch wird zum Leitthema des Films. Alles, was Brasch erreicht, vergrößert das Vakuum in ihm sichtbar. Eine zentrale Rolle spielt dabei sein Vater Horst (Jörg Schüttauf), dessen Ablehnung Thomas Brasch immer wieder anfeuert und gleichzeitig gegen Windmühlen anlaufen lässt. Kein klassisches Biopic Drehbuchautor Thomas Wendrich (Je suis Karl) widersteht der Versuchung, ein klassisches DDR-Biopic mit plakativen Feindbildern abzuliefern. Vielmehr ist Lieber Thomas ein facettenreiches und unvollständiges Abbild einer Persönlichkeit, die niemand so richtig zu fassen bekam. Der ständig vor sich hin tippende oder kritzelnde Denker entzieht sich auch heute noch jeglicher Definition, ist selbst sein eigener unzuverlässiger Erzähler. Immer wieder driftet Lieber Thomas ins Surreale ab, macht dabei aber die Übergänge von Traum und Wirklichkeit nicht deutlich. So entstehen regelmäßig urkomische, zutiefst brutale oder tragische Szenen, die man erst nach einem kurzen Kopfschütteln als Traumbilder identifiziert. Diese disruptiven Momente sind Gold wert, denn mit über zweieinhalb Stunden Laufzeit ist der Film trotz seines üppigen Inhalts doch an einigen Stellen etwas lang. Albrecht Schuch erneut meisterhaft! Ab der ersten Sekunde nimmt Albrecht Schuch (Systemsprenger, Fabian oder der Gang vor die Hunde) die Leinwand ein. Vom dickköpfigen Studenten über den streitfreudigen Rebellen bis hin zum charmanten Liebhaber und wahnsinnigen Schriftsteller – Schuch ist sogar ein Erlebnis, wenn er nur Kippe rauchend vor der Schreibmaschine sitzt. Das ist große Kunst und definitiv preisverdächtig! Ihm zur Seite stehen ebenfalls fabelhafte Schauspieler*innen: Jella Haase, Joel Basman, Anja Schneider, Adrian Julius Tillmann, Ioana Iacob und der besagte Jörg Schüttauf, um nur einige aus dem großartigen Ensemble zu nennen. Da wird so gut gespielt, wie inszeniert wird – was dafür sorgt, dass man nach dem Abspann (die Musik-Collage ist eine Klasse für sich!) nicht nur erschlagen, sondern auch ziemlich inspiriert ist. Fazit: Einprägsames Porträt einer zerrissenen Seele Lieber Thomas hätte angesichts der ambivalenten Figur, dem ereignisreichen Leben und schieren Menge an Veröffentlichungen von Thomas Brasch nach hinten losgehen können. Doch die bewusst offene und stark inszenierte Annäherung an den Schriftsteller gibt einen wuchtigen Einblick in eine ringende und streitbare Persönlichkeit. Die echten Konflikte verschmelzen mit surrealen Traumsequenzen und wissen nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu schockieren. Angeführt von einem fantastischen Albrecht Schuch ist Lieber Thomas einer der Triumphe des deutschen Kinos 2021.
    Kritik: Lieber Thomas
    Handlung
    85%
    Schauspiel
    85%
    Dialoge
    85%
    Kostüm & Maske
    80%
    Charaktere
    85%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 11.11.2021
    Filmlänge: 150 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , ,
    Bildrechte: 2021 Wild Bunch Germany

Gesamtbewertung:

Stark
84%

Mit 'Lieber Thomas' bekommt eine schillernde Persönlichkeit der ostdeutschen Literaturszene ein würdiges Denkmal gesetzt: Thomas Brasch. Schriftsteller, Rebell, Liebhaber und hoffnungsloser Egomane. Was das wuchtige Drama auszeichnet, erfahrt ihr in unserer Bewertung und Kritik.

Worum geht's?

Er will einfach nicht ins Konzept passen, der rebellische Thomas Brasch (Albrecht Schuch, Schachnovelle). Die Exekutive der DDR ist ihm zu willkürlich, sein Vater zu wenig sozialistisch, der Westen zu kapitalistisch und die Profs seiner Hochschule nicht fordernd genug. Lautstark schießt der Querulant gegen jegliche Form von Autorität. Seine Leidenschaft: das Schreiben – und die Frauen!

Sein Weg zum gefeierten Schriftsteller ist so widerspenstig, wie er selbst. Im ständigen Konflikt mit sich und seiner Umgebung erobert Thomas Brasch zwar die Herzen im Sturm – etwa das der Schauspielerin Katharina (Jella Haase, Fack Ju Göhte 3) – aber verfällt zunehmend dem Wahnsinn.

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Ein streitbarer Protagonist

Vielen dürfte Thomas Brasch heutzutage kein Begriff sein. Das ist tatsächlich verwunderlich, wenn man überlegt, was für ein exzentrisches und grenzübergreifendes Leben der Schriftsteller geführt hat. Schon die ersten 20 Minuten von Lieber Thomas machen deutlich: der Kerl hatte nicht nur einiges in der Birne, sondern auch keine Scheu, seine Meinung mit aller Wortgewalt in die Welt zu schreien.

Thomas Brasch in einem Szenenbild aus Lieber Thomas

Thomas Brasch (Albrecht Schuch, v.l.) gerät immer wieder mit seinem Vater (Jörg Schüttauf) aneinander.

Klingt seine marxistische Exegese anfangs noch wie der stürmerisch-drängerische Aktionismus eines Zwanzigjährigen, so zeigt sich schnell, dass Brasch seinen Worten Taten folgen lässt. Sein Flugblatt-Protest gegen den Prager Frühling 1968 bringt ihn zwischenzeitlich hinter Gitter, und selbst als sich erste Erfolge anbahnen, will er ums Verrecken nicht konform sein. Revolte um jeden Preis. Das ist zwischenzeitlich unglaublich anstrengend, doch genau diese Erschöpfung möchte Regisseur Andreas Kleinert auch auslösen – denn unter diesen Charaktereigenschaften leidet vor allem auch Thomas Brasch selbst.

Gefangen im ständigen Widerspruch

So richtig Heimat finden kann er nicht. Nicht örtlich, nicht menschlich. Dies löst einen ständigen Drang nach Veränderung aus, dem Thomas Brasch schon früh hinterherhetzt. Sei es die „Flucht“ nach Westberlin, seine erste Buchveröffentlichung oder seine Filmpremiere in Cannes, genug ist es nie. Diese innere Zerrissenheit wird in Braschs Gedicht „Was ich habe, will ich nicht verlieren“ so deutlich, dass es sogar als Kapitelunterteilung des Films dient:

Was ich habe, will ich nicht verlieren, / aber wo ich bin, will ich nicht bleiben, / aber die ich liebe, will ich nicht verlassen, / aber die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, / aber wo ich lebe, will ich nicht sterben, / aber wo ich sterbe, da will ich nicht hin: / aber bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

Thomas Brasch in 'Lieber Thomas'

Dieser Widerspruch wird zum Leitthema des Films. Alles, was Brasch erreicht, vergrößert das Vakuum in ihm sichtbar. Eine zentrale Rolle spielt dabei sein Vater Horst (Jörg Schüttauf), dessen Ablehnung Thomas Brasch immer wieder anfeuert und gleichzeitig gegen Windmühlen anlaufen lässt.

Kein klassisches Biopic

Drehbuchautor Thomas Wendrich (Je suis Karl) widersteht der Versuchung, ein klassisches DDR-Biopic mit plakativen Feindbildern abzuliefern. Vielmehr ist Lieber Thomas ein facettenreiches und unvollständiges Abbild einer Persönlichkeit, die niemand so richtig zu fassen bekam. Der ständig vor sich hin tippende oder kritzelnde Denker entzieht sich auch heute noch jeglicher Definition, ist selbst sein eigener unzuverlässiger Erzähler.

Immer wieder driftet Lieber Thomas ins Surreale ab, macht dabei aber die Übergänge von Traum und Wirklichkeit nicht deutlich. So entstehen regelmäßig urkomische, zutiefst brutale oder tragische Szenen, die man erst nach einem kurzen Kopfschütteln als Traumbilder identifiziert. Diese disruptiven Momente sind Gold wert, denn mit über zweieinhalb Stunden Laufzeit ist der Film trotz seines üppigen Inhalts doch an einigen Stellen etwas lang.

Albrecht Schuch erneut meisterhaft!

Ab der ersten Sekunde nimmt Albrecht Schuch (Systemsprenger, Fabian oder der Gang vor die Hunde) die Leinwand ein. Vom dickköpfigen Studenten über den streitfreudigen Rebellen bis hin zum charmanten Liebhaber und wahnsinnigen Schriftsteller – Schuch ist sogar ein Erlebnis, wenn er nur Kippe rauchend vor der Schreibmaschine sitzt. Das ist große Kunst und definitiv preisverdächtig!

Thomas Brasch als Thomas in einem Szenenbild für Kritik Lieber Thomas

Auf der Suche nach der nächsten Liebe: Thomas umgarnt die Schauspielerin Katharina (Jella Haase).

Ihm zur Seite stehen ebenfalls fabelhafte Schauspieler*innen: Jella Haase, Joel Basman, Anja Schneider, Adrian Julius Tillmann, Ioana Iacob und der besagte Jörg Schüttauf, um nur einige aus dem großartigen Ensemble zu nennen. Da wird so gut gespielt, wie inszeniert wird – was dafür sorgt, dass man nach dem Abspann (die Musik-Collage ist eine Klasse für sich!) nicht nur erschlagen, sondern auch ziemlich inspiriert ist.

Fazit:

Einprägsames Porträt einer zerrissenen Seele

Lieber Thomas hätte angesichts der ambivalenten Figur, dem ereignisreichen Leben und schieren Menge an Veröffentlichungen von Thomas Brasch nach hinten losgehen können. Doch die bewusst offene und stark inszenierte Annäherung an den Schriftsteller gibt einen wuchtigen Einblick in eine ringende und streitbare Persönlichkeit. Die echten Konflikte verschmelzen mit surrealen Traumsequenzen und wissen nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu schockieren. Angeführt von einem fantastischen Albrecht Schuch ist Lieber Thomas einer der Triumphe des deutschen Kinos 2021.

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