Kritik: Nebenan

Hitchcock am Tresen
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Wer kennt das nicht, man wollte längst gehen und bleibt doch noch etwas länger beim Bier sitzen. In Nebenan wird die gemütliche Runde zum humorvollen Psychothriller. Ist das promillehaltiger Nonsense oder eine spannende Story, bei der man gerne noch eine Runde bleibt? Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht’s? Daniel (Daniel Brühl) lebt als erfolgreicher Schauspieler in seiner Berliner Loft-Wohnung. Auf dem Weg zu einem Casting kehrt er in einer urigen Eckkneipe ein und begegnet zufällig seinem Nachbarn Bruno (Peter Kurth). Aus dem Small Talk der beiden wird schließlich ein hitziger Schlagabtausch, denn Bruno weiß mehr über Daniel, als dem Schauspieler lieb ist. Geh'n ein Ossi und ein Wessi in die Kneipe... Da sitzen sie nun beim Bier zusammen, zwei Figuren, die vermutlich mehr unterscheidet, als eint. Der eine ein wortkarger Herr im besten Alter, eben noch auf der Nachtschicht, jetzt schon am Tresen. Der andere ein moderner Kosmopolit, immer busy und auf dem Sprung rund um den Globus. Ein Duo, welches wohl nur ein Ort der Welt zusammenbringen kann – die Kneipe. Dort ist die Welt noch in Ordnung und es „fragt dich keiner, was du hast oder bist“, sang schon Peter Alexander. Hier gibt es keine Trennung zwischen erster und zweiter Klasse und auch die Getränkekarte macht es schwer, seinen Status zu inszenieren, letztlich trinken alle Bier vom Fass, vom Maurergesellen bis zur Geschäftsführerin. Die Kneipe ist ein Gleichmacher und das macht diesen Film ab Minute 1, oder besser, Bier 1, spannend. Noch wissen wir wenig, das Drehbuch muss erst die Unterschiede zwischen unseren beiden Protagonisten freilegen. Wie auf einer Ausgrabung setzt das Script mal den Meißel, mal den Pinsel an um die Charaktere und ihre Kontraste freizulegen. Daniel ist beruflich erfolgreich, freundlich, wortgewandt, ein ursprünglich aus Köln stammender Strahlemann ohne Berührungsängste. Bruno ist ein abgekämpfter Durchhalter kurz vor der Rente, graue Vergangenheit in der DDR, noch grauere Nachwendebiographie, die gute Seele der Nachbarschaft, dessen Kleidung sich chamäleonartig an das Tabakgelb/Tresenbraun der Kneipe anpasst. Bruno würde über Daniel sagen: Zugezogener. Daniel würde über Bruno sagen: alter Ossi. Small Talk mit dem Stalker So sitzen die beiden also in dieser verqualmten Kneipe, einem urdeutschen Ort der Gemütlichkeit, in dem man noch „Expresso“ bestellen kann, ohne schief angeguckt zu werden. Das Gespräch zwischen Schauspieler und Fan verläuft routiniert, Daniel antwortet freundlich auf alle Fragen und Brunos mal mehr, mal weniger verblümte Kritik. Nach 10 Minuten Small Talk lässt Bruno plötzlich die Bombe platzen: Er ist Daniels Nachbar, getrennt nur durch den Innenhof. Zeuge jedes durch den Hof hallenden Wortes und Beobachter der Vorgänge hinter der Fensterfront. Diese Tatsache zieht einen Rattenschwanz an Offenbarungen hinter sich, denn Bruno weiß nicht nur über Daniels Leben hinter geschlossenen Balkontüren Bescheid, er weiß auch, was vor sich geht, wenn der Schauspieler um die Welt jettet und Frau, Kinder und Haushälterin zurückbleiben. Das allsehende Auge Bruno genießt den Moment mit süffisantem Grinsen, Daniel ist perplex und bangt, was da noch kommt. Wir kleben an Brunos Lippen, denn nun nimmt das Drama seinen Lauf. Woher Brunos Lust am Blick durch den Vorgang stammt, bleibt sein Geheimnis. Daniel sieht sich mit seinen unterschwelligen Vorurteilen konfrontiert, das Stichwort „Stasi“ fällt früh. Bruno selbst hüllt sich in Schweigen und wir bleiben im Dunkeln darüber, was er nun eigentlich im Schilde führt. Der Film überzeugt durch hervorragende Arbeit mit Schattierungen. Werbung Es gibt kein schwarz-weiß, Daniel ist nicht einfach ein neureicher Zugezogener, Bruno ist nicht einfach der murrige Systemverlierer. Über beiden liegt ein Schatten und jede Szene wirft neue Schlaglichter, in denen wir Details erkennen. Daniel will immer wieder durch die Tür stürmen und der Kneipe den Rücken kehren, aber kann es einfach nicht. Und auch wir bleiben gebannt in der Ecke sitzen, die Wendungen sind zu überraschend, die Dialoge zu gut, die Witze zünden. Das minimale Drehbuch, der eingeschränkte Radius der Figuren, das Auf- und Abtreten von Nebenfiguren erinnert mal an eine Sitcom, mal an ein Bühnenstück. Thriller mit 0,5l statt 9mm Die Spannung kann gehalten werden, wir können uns fallen lassen in diesem Theken-Thriller, der prall gefüllt ist mit Voyeurismus und Lebenslügen, nebenbei erzählt er von Gentrifizierung, Ost-West-Erinnerungskultur und Prominenz in der Öffentlichkeit. Daniel Brühl spielt toll und stellt ein überraschend aufgeklärtes Alter Ego dar. Er lässt uns hinter den Vorhang blicken, warum sich Promis wie er manchmal so verhalten, wie sie es in der Öffentlichkeit nun mal tun. Bruno bleibt bis zuletzt geheimnisvoll. Mit der Miene eines Westernhelden lässt er sich nicht durchschauen und schmeißt Daniel lediglich Häppchen hin, um zu sehen, wie er danach schnappt. Ist er ein Opfer der Wiedervereinigung, der sich an einem westdeutschen Newcomer rächt? Versucht er tatsächlich zu helfen, indem er die Wahrheit so schonungslos wie möglich verpackt? Oder ist er ein ostberliner Joker, der die Welt einfach nur brennen sehen will? Peter Kurth hätte nicht besser gecastet werden können, überhaupt ist das ganze Ensemble in Topform und vermeidet es, die typischen Berliner Karikaturen darzustellen, die in jedem zweiten Satz „icke“ sajen, weeste? Dem internationalen Durchstarter Daniel Brühl hat mit seinem Debüt Mut bewiesen, welches außerhalb Deutschlands vermutlich floppen wird, aber dafür etwas spezifisch Deutsches erzählt, ohne die Leichtigkeit zu verlieren. Mit Daniel Kehlmann als Drehbuchautor und Peter Kurth als Co-Star hat er auf die richtigen Pferde gesetzt. Brühl ist noch nicht am Ende seiner Reise angekommen und hält auch auf dem Regiestuhl das Steuer fest in der Hand. Fazit: Noch ne Runde, bitte! Wer braucht schon Clubs, Bars, Cornern oder Hauspartys – die Kneipe ist der magische Ort, an dem sich alles trifft und wirklich alles passieren kann. Daniel Brühl schickt in seinem Regiedebut sein Alter Ego an diesen Ort und entwickelt eine schwarze Komödie, in der bei Bier, Schnaps und Sülze alte Wunden aufgerissen werden, Masken fallen und Kartenhäuser einstürzen. Der beste deutsche Film des laufenden Kinojahres.
    Kritik: Nebenan
    Schauspiel
    90%
    Spannung
    80%
    Humor
    75%
    Dialoge
    80%
    Szenenbild
    75%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 15.07.2021
    Filmlänge: 92 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , ,
    Bildrechte: Warner Bros.
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Gesamtbewertung:

Gut
80%

Wer kennt das nicht, man wollte längst gehen und bleibt doch noch etwas länger beim Bier sitzen. In Nebenan wird die gemütliche Runde zum humorvollen Psychothriller. Ist das promillehaltiger Nonsense oder eine spannende Story, bei der man gerne noch eine Runde bleibt?

Worum geht’s?

Daniel (Daniel Brühl) lebt als erfolgreicher Schauspieler in seiner Berliner Loft-Wohnung. Auf dem Weg zu einem Casting kehrt er in einer urigen Eckkneipe ein und begegnet zufällig seinem Nachbarn Bruno (Peter Kurth). Aus dem Small Talk der beiden wird schließlich ein hitziger Schlagabtausch, denn Bruno weiß mehr über Daniel, als dem Schauspieler lieb ist.

Geh'n ein Ossi und ein Wessi in die Kneipe...

Da sitzen sie nun beim Bier zusammen, zwei Figuren, die vermutlich mehr unterscheidet, als eint. Der eine ein wortkarger Herr im besten Alter, eben noch auf der Nachtschicht, jetzt schon am Tresen. Der andere ein moderner Kosmopolit, immer busy und auf dem Sprung rund um den Globus. Ein Duo, welches wohl nur ein Ort der Welt zusammenbringen kann – die Kneipe. Dort ist die Welt noch in Ordnung und es „fragt dich keiner, was du hast oder bist“, sang schon Peter Alexander. Hier gibt es keine Trennung zwischen erster und zweiter Klasse und auch die Getränkekarte macht es schwer, seinen Status zu inszenieren, letztlich trinken alle Bier vom Fass, vom Maurergesellen bis zur Geschäftsführerin.

Die Kneipe ist ein Gleichmacher und das macht diesen Film ab Minute 1, oder besser, Bier 1, spannend. Noch wissen wir wenig, das Drehbuch muss erst die Unterschiede zwischen unseren beiden Protagonisten freilegen. Wie auf einer Ausgrabung setzt das Script mal den Meißel, mal den Pinsel an um die Charaktere und ihre Kontraste freizulegen.

Schauspieler Daniel (Daniel Brühl), wie immer auf dem Sprung

Daniel ist beruflich erfolgreich, freundlich, wortgewandt, ein ursprünglich aus Köln stammender Strahlemann ohne Berührungsängste. Bruno ist ein abgekämpfter Durchhalter kurz vor der Rente, graue Vergangenheit in der DDR, noch grauere Nachwendebiographie, die gute Seele der Nachbarschaft, dessen Kleidung sich chamäleonartig an das Tabakgelb/Tresenbraun der Kneipe anpasst.

Bruno würde über Daniel sagen: Zugezogener. Daniel würde über Bruno sagen: alter Ossi.

Small Talk mit dem Stalker

So sitzen die beiden also in dieser verqualmten Kneipe, einem urdeutschen Ort der Gemütlichkeit, in dem man noch „Expresso“ bestellen kann, ohne schief angeguckt zu werden. Das Gespräch zwischen Schauspieler und Fan verläuft routiniert, Daniel antwortet freundlich auf alle Fragen und Brunos mal mehr, mal weniger verblümte Kritik. Nach 10 Minuten Small Talk lässt Bruno plötzlich die Bombe platzen: Er ist Daniels Nachbar, getrennt nur durch den Innenhof. Zeuge jedes durch den Hof hallenden Wortes und Beobachter der Vorgänge hinter der Fensterfront. Diese Tatsache zieht einen Rattenschwanz an Offenbarungen hinter sich, denn Bruno weiß nicht nur über Daniels Leben hinter geschlossenen Balkontüren Bescheid, er weiß auch, was vor sich geht, wenn der Schauspieler um die Welt jettet und Frau, Kinder und Haushälterin zurückbleiben. Das allsehende Auge Bruno genießt den Moment mit süffisantem Grinsen, Daniel ist perplex und bangt, was da noch kommt. Wir kleben an Brunos Lippen, denn nun nimmt das Drama seinen Lauf.

Prost! Bruno (Peter Kurth) ist Daniel (Daniel Brühl) immer zwei Schlücke voraus

Woher Brunos Lust am Blick durch den Vorgang stammt, bleibt sein Geheimnis. Daniel sieht sich mit seinen unterschwelligen Vorurteilen konfrontiert, das Stichwort „Stasi“ fällt früh. Bruno selbst hüllt sich in Schweigen und wir bleiben im Dunkeln darüber, was er nun eigentlich im Schilde führt. Der Film überzeugt durch hervorragende Arbeit mit Schattierungen.

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Es gibt kein schwarz-weiß, Daniel ist nicht einfach ein neureicher Zugezogener, Bruno ist nicht einfach der murrige Systemverlierer. Über beiden liegt ein Schatten und jede Szene wirft neue Schlaglichter, in denen wir Details erkennen. Daniel will immer wieder durch die Tür stürmen und der Kneipe den Rücken kehren, aber kann es einfach nicht. Und auch wir bleiben gebannt in der Ecke sitzen, die Wendungen sind zu überraschend, die Dialoge zu gut, die Witze zünden. Das minimale Drehbuch, der eingeschränkte Radius der Figuren, das Auf- und Abtreten von Nebenfiguren erinnert mal an eine Sitcom, mal an ein Bühnenstück.

Thriller mit 0,5l statt 9mm

Die Spannung kann gehalten werden, wir können uns fallen lassen in diesem Theken-Thriller, der prall gefüllt ist mit Voyeurismus und Lebenslügen, nebenbei erzählt er von Gentrifizierung, Ost-West-Erinnerungskultur und Prominenz in der Öffentlichkeit. Daniel Brühl spielt toll und stellt ein überraschend aufgeklärtes Alter Ego dar. Er lässt uns hinter den Vorhang blicken, warum sich Promis wie er manchmal so verhalten, wie sie es in der Öffentlichkeit nun mal tun.

Bruno (Peter Kurth) versetzt Daniel (Daniel Brühl) Stiche

Bruno bleibt bis zuletzt geheimnisvoll. Mit der Miene eines Westernhelden lässt er sich nicht durchschauen und schmeißt Daniel lediglich Häppchen hin, um zu sehen, wie er danach schnappt. Ist er ein Opfer der Wiedervereinigung, der sich an einem westdeutschen Newcomer rächt? Versucht er tatsächlich zu helfen, indem er die Wahrheit so schonungslos wie möglich verpackt? Oder ist er ein ostberliner Joker, der die Welt einfach nur brennen sehen will? Peter Kurth hätte nicht besser gecastet werden können, überhaupt ist das ganze Ensemble in Topform und vermeidet es, die typischen Berliner Karikaturen darzustellen, die in jedem zweiten Satz „icke“ sajen, weeste?

Dem internationalen Durchstarter Daniel Brühl hat mit seinem Debüt Mut bewiesen, welches außerhalb Deutschlands vermutlich floppen wird, aber dafür etwas spezifisch Deutsches erzählt, ohne die Leichtigkeit zu verlieren. Mit Daniel Kehlmann als Drehbuchautor und Peter Kurth als Co-Star hat er auf die richtigen Pferde gesetzt. Brühl ist noch nicht am Ende seiner Reise angekommen und hält auch auf dem Regiestuhl das Steuer fest in der Hand.

Fazit:

Noch ne Runde, bitte!

Wer braucht schon Clubs, Bars, Cornern oder Hauspartys – die Kneipe ist der magische Ort, an dem sich alles trifft und wirklich alles passieren kann. Daniel Brühl schickt in seinem Regiedebut sein Alter Ego an diesen Ort und entwickelt eine schwarze Komödie, in der bei Bier, Schnaps und Sülze alte Wunden aufgerissen werden, Masken fallen und Kartenhäuser einstürzen. Der beste deutsche Film des laufenden Kinojahres.

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