Kritik: The Bad Batch

Kannibalen-Trance fürs Heimkino
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
Jugendgefährdende Inhalte
  • Titelbild für Kritik The Bad Batch mit Jason Momoa, Suki Waterhouse und Keanu Reeves in einer Wüste
  • Mit 'A Girls Walks Home Alone At Night' machte die iranisch-stämmige Regisseurin Ana Lily Amirpour international auf sich aufmerksam. Für ihren zweiten Spielfilm 'The Bad Batch' krallte sich Netflix die Independent-Filmemacherin. Ein folgerichtiger Schritt: Innovative Filmkunst trifft auf ein mutiges Netzwerk - was kann da noch schief gehen? Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht's Texas, irgendwann in der nahen Zukunft: Schwerverbrecher kommen nicht mehr in einen Hochsicherheitstrakt, sondern werden einfach in einem eingezäunten, autarken Wüstenabschnitt freigelassen. Dort herrschen eigene Regeln, eigene Hierarchien fernab der zivilisierten Gesellschaft. Auch die junge Arlen (Suki Waterhouse) findet sich plötzlich in der zermürbenden Ödnis wieder. Ihr…

    62%

    Mäßig

    Handlung
    40%
    Schauspiel
    70%
    Atmosphäre
    85%
    Visuelle Umsetzung
    80%
    Tiefgang
    35%

    'The Bad Batch' ist ein handlungsarmes Spektakel, das den Zuschauer durchgängig verwirrt. Tiefgang und Schauspiel ordnen sich dabei klar der dichten Atmosphäre und der gelungenen Machart unter, doch das Gesamtwerk ist eine Enttäuschung.

    User Rating: 2.6 ( 1 votes)
  • Erscheinungsdatum: 23.06.2017
    Filmlänge: 118 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: Film & TV House

Gesamtbewertung:

Mäßig
62%

Mit 'A Girls Walks Home Alone At Night' machte die iranisch-stämmige Regisseurin Ana Lily Amirpour international auf sich aufmerksam. Für ihren zweiten Spielfilm 'The Bad Batch' krallte sich Netflix die Independent-Filmemacherin. Ein folgerichtiger Schritt: Innovative Filmkunst trifft auf ein mutiges Netzwerk - was kann da noch schief gehen?

Darum geht's

Texas, irgendwann in der nahen Zukunft: Schwerverbrecher kommen nicht mehr in einen Hochsicherheitstrakt, sondern werden einfach in einem eingezäunten, autarken Wüstenabschnitt freigelassen. Dort herrschen eigene Regeln, eigene Hierarchien fernab der zivilisierten Gesellschaft.

Auch die junge Arlen (Suki Waterhouse) findet sich plötzlich in der zermürbenden Ödnis wieder. Ihr Verbrechen? Unbekannt. Es dauert nicht lange, bis sie einer Horde Kannibalen in die Hände fällt und kurzerhand (im wahrsten Sinne des Wortes) eines Arms und eines Beins entledigt wird, die auf der Speisekarte der Menschenfresser landen. Arlen kann fliehen - und humpelt auf direktem Wege in die Kommune des Gurus "The Dream" (Keanu Reeves). Obwohl sie sich dort schnell gut eingliedern kann, sinnt die junge Frau auf Rache. Ihr Ziel: Kannibalen-Anführer Miami Man (Jason Momoa, "Game of Thrones")...

Suki Waterhouse mit amputierten Arm vor einem Container in einem Szenenbild für Kritik The Bad Batch

Na und? Dann verliert man eben mal einen Arm und ein Bein. Für die tapfere Arlen (Suki Waterhouse) kein Grund für Resignation.

Dont' mess with Texas

Die Exposition des Netflix Originals ist meisterhaft gestaltet. Die sengende Hitze der texanischen Einöde, die flimmernden, gelb-gesättigten Bilder gepaart mit der ohnehin sehr verstörenden Musik der südafrikanischen Rap-Combo "Die Antwoord" erschaffen eine wahnsinnig dichte, mulmige Atmosphäre. Diese wird von der ersten Sekunde an etabliert und bleibt bis zum Abspann bestehen.

Auch inhaltlich geht Amirpour gleich in die Vollen: die unfreiwillige Amputation der Gliedmaßen unserer Protagonistin ist abstoßend, heftig und rabenschwarz inszeniert (spätestens wenn das Bein genüsslich auf dem Grill brutzelt). Diese heftige Szene wird jedoch schnell abgefedert, als Arlen entfliehen kann und auf einem Skateboard im mühsamen Kraftakt durch die Prärie  rollt. Das ist so staubtrocken in Szene gesetzt, dass man sich als Zuschauer direkt mal den ersten Schock von der Seele lacht. Doch dann schlägt die Regisseurin einen ganz anderen Weg ein...

Weniger Schocker als Arthouse

Ana Lily Amirpour könnte diesen stark eingeführten Ton des Filmes einfach weiter durchziehen und einen astreinen, tiefschwarzen Kannibalen-Schocker abliefern. Macht sie aber nicht. Relativ schnell entwickelt sich der Film zu einem Mosaik aus unterschiedlichen Philosophien, stilistischen Kniffen und Genres (der Film wurde als "romantische Sci-Fi" beworben). Das ist zwar überaus atmosphärisch und nett anzusehen - aber der rote Faden erschließt sich dem Zuschauer dabei nicht.

Viel zu beliebig scheinen die Szenen aneinander gereiht, ohne dass die zahlreichen Metaphern auch nur annähernd entschlüsselt werden. Ist das Wüstengefängnis ein Sinnbild für unsere Gesellschaft? Verkörpern die Kannibalen die Ellenbogen-Mentalität frei nach dem Motto "Fressen und gefressen werden"? Halten die endlosen Drogentrips der Figuren der unreflektierten Party-Kultur einen Spiegel vor? So sehr man sich auch anstrengt - die Bilder sind kaum zu dechiffrieren. Gerade weil die Regisseurin partout nicht mit dem dazu nötigen Code rausrücken will.

Glaubhaftes Szenenbild & guter Score

Wenn man die inhaltliche Ebene ausblendet, gibt es in The Bad Batch allerhand zu entdecken. Die abgefuckte Kommune mit ihren durchgeknallten Bewohnern; die drogenlastigen Electro-Parties; die mit Flugzeugwracks und Trailern übersäte Wüste - das Szenenbild ist eine der klaren Stärken des eigenwilligen Werks.

Ein Grund, warum die Atmosphäre - anders als die Story - bis zum Ende fesselt, ist auch der vielseitige Soundtrack, der die Unterschiedlichkeit und den schieren Wahnsinn der einzelnen Szenen gekonnt unterstreicht. Da fließen amtliche Techno-Bretter mühelos mit 80er-Songs und melancholischem Minimal zusammen. Das ist stark gemacht!

Verheizte Superstars

Im Vorfeld warb Netflix mit ein paar richtigen Hollywoodgrößen. Leider fallen die Auftritte der Stars verhältnismäßig ernüchternd aus. Die zwei Szenen mit Giovanni Ribisi und Comedy-Urgestein Jim Carrey hätte es nicht wirklich gebraucht, auch Keanu Reeves bekommt nur ein paar wenige Minuten spendiert, in denen er zwar solide, jedoch nicht einprägsam aufspielen kann. Lediglich Jason Momoa macht als Kannibalen-Bodybuilder eine richtig gute Figur und hat mit seinem kubanischen Akzent auch noch richtig Charme.

Jason Momoa mit Sonnenbrille und oberkörperfrei in einem Szenenbild für Kritik The Bad Batch

Jason Momoa zeigt trotz Sonnenbrille seine intensiv gekurvten Augenbrauen.

Hauptaugenmerk liegt aber auf der Newcomerin Suki Waterhouse. Die gutaussehende Britin stapft mit kritischem Blick und verfilzter Mähne durch die Szenerie und ist hin und wieder ebenso verloren wie der Zuschauer selbst. Sonderlich viele Facetten traut ihr das Drehbuch zwar nicht zu, doch ihr selbstbewusstes und teils mutiges Auftreten ist der Grund, warum der Zuschauer nicht vor lauter Konfusion frühzeitig abschaltet.


Was brauchbares auf Netflix? Wie wär's damit: 

Fazit:

'The Bad Batch' ist ein verwirrendes Allerlei

Man könnte Netflix eine Mogelpackung unterstellen: die atmosphärische Dystopie auf den Spuren von Mad Max überzeugt weder mit seinen Superstars, noch mit einer ausgeklügelten und stringent erzählten Geschichte. Auch Fans von blutgetränkten Kannibalen-Streifen kommen nicht auf ihre Kosten. Zu verwirrend, zu beliebig, zu undurchschaubar kommt The Bad Batch daher. Lediglich die unheimliche Stimmung, der tolle Soundtrack und das starke Set-Design bleiben hängen. Für einen guten Film ist das allerdings zu wenig.

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