Kritik: The Highwaymen

Die Toten Hosen
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
  • Poster für Kritik The Highwaymen mit Woody Harrelson und Kevin Costner als Texas Ranger
  • Bonnie und Clyde sind romantisierte Figuren der Popkultur, doch in Wirklichkeit waren sie skrupellose Cop-Killer. Deshalb erscheint es nur allzu fair, die Geschichte auch mal aus der Perspektive zweier müder Texas-Ranger zu erzählen; ehrlich und trocken. Ob die Rechnung von ‘The Highwaymen’ aufgeht, erfährst du in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht’s: Frank Hamer (Kevin Costner) und Maney Gault (Woody Harrelson) sind zwei ausrangierte Texas Ranger, die von der großen Depression der 30er Jahre besonders hart getroffen wurden. Doch als die Flucht von Bonnie und Clyde das Land in Atem hält, beschließt der Gouverneur von Texas (Kathy Bates),…
    Kritik: The Highwaymen tba
    1
    Handlung
    75%
    Spannung
    60%
    Schauspiel
    85%
    Tiefgang
    85%
    Emotionen
    70%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 29.04.2019
    Filmlänge: 132 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: © 2019 Netflix

Gesamtbewertung:

Ordentlich
75%

Bonnie und Clyde sind romantisierte Figuren der Popkultur, doch in Wirklichkeit waren sie skrupellose Cop-Killer. Deshalb erscheint es nur allzu fair, die Geschichte auch mal aus der Perspektive zweier müder Texas-Ranger zu erzählen; ehrlich und trocken. Ob die Rechnung von ‘The Highwaymen’ aufgeht, erfährst du in der Kritik.

Darum geht’s:

Frank Hamer (Kevin Costner) und Maney Gault (Woody Harrelson) sind zwei ausrangierte Texas Ranger, die von der großen Depression der 30er Jahre besonders hart getroffen wurden. Doch als die Flucht von Bonnie und Clyde das Land in Atem hält, beschließt der Gouverneur von Texas (Kathy Bates), sich professionelle Hilfe von den Texas Rangern einzuholen. Frank und Maney sollen Bonnie und Clyde endlich dingfest machen - tot oder lebendig.

Das Korrektiv für ‘Bonnie und Clyde’ (1967)

Ebenso wie im Klassiker mit Faye Dunaway und Warren Beatty als Bonnie und Clyde, die sich mit der Bekanntgabe des falschen Gewinnerfilms bei den Oscars 2018 erneut einen Namen gemacht haben, steht in The Highwaymen ein starkes Duo im Vordergrund. Doch in vielen Belangen haben wir es mit einem Gegenentwurf zum Film aus den 60ern zu tun: Die Geschichte wird aus einer vollkommen neuen Perspektive erzählt: statt der Räuber folgen wir nun der Gendarmerie.

Die Realität im Nacken

Ein Film über Bonnie und Clyde hört sich nach Romantik, Action und Thrills an. Doch im Gegensatz zum Klassiker aus dem Jahr 1967 bietet The Highwaymen davon nichts. Der Film ist langsam, mürrisch und gebrochen wie ein alter Kriegsveteran. Regisseur John Lee Hancock hält nichts von Romantisierung und verschreibt sich voll und ganz der Realität.

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Dementsprechend werden in The Highwaymen kaum dramaturgische Maßnahmen ergriffen, um die wahre Geschichte mit noch mehr Spannung aufzupäppeln. Bis auf ein oder zwei kleinere Verfolgungsjagden zu Fuß oder per Auto gibt es keine große Action. Die dramatischen Momente werden von Hancock mit einer Gleichgültigkeit inszeniert, die sich ihrer selbst bewusst ist. Der Nebeneffekt: The Highwaymen ist zäh.

Der Film schlürft von Szene zu Szene, ohne dabei jedoch sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Schließlich handelt es sich um eine relativ geradlinige Crime-Story, die in einem Blutbad enden wird. Der Weg dorthin fühlt sich an wie ein Roadmovie mit Einflüssen des Neo-Westerns - staubige Landschaften, gottverlassene Highways und vernarbte Antihelden.

Zwei kaputte Texas Ranger

Alles hängt an Kevin Costner und Woody Harrelson. Ohne die charismatischen Leads im Zentrum würde der zähe Film zusammenbrechen. Zwar haben beide Schauspieler schon aufregendere Rollen gespielt, doch die Paarung des Duos geht auf.

Woody Harrelson und Kevin Costner als Texas Ranger stehen auf der Leiche eines Polizisten auf einer Straße.

Maney (Woody Harrelson) und Frank (Kevin Costner) jagen einer Spur toter Polizisten hinterher. "Wir schießen 2, 3, 4, 5 Bullen um" wirst du danach nicht mehr mitgröhlen.

Zwei vom Leben gezeichnete Texas Ranger, moderne Cowboys, die in der Zeit stehen geblieben sind, in texanischem Slang vor sich hin schnattern und mit einer “Ich bin zu alt für den Scheiß”-Attitüde die Story nach vorne hieven - wenn das Musik in deinen Ohren ist, geht die Rechnung des Films auf.

Der Gewalt überdrüssig

Die Chemie der Protagonisten beruht dabei weniger auf coolen Sprüchen und Buddy-Cop-Humor, sondern auf Empathie. In einigen Dialogen zwischen Costner und Harrelson werden die Narben der Charaktere präsentiert - die taffen Herren wurden von ihrer brutalen Vergangenheit nämlich zu Taten gezwungen, die sie immer noch heimsuchen. Das gegenseitige Verständnis der beiden Protagonisten füreinander ist die Seele des Films.

Die schleppenden Dialoge verzichten dabei auf jede Sentimentalität. Wenn Maney trocken davon erzählt, wie er 50 Banditen im Schlaf erschossen hat, ist es nur das leichte Zittern in seiner Stimme, das den großen Unterschied ausmacht. Die Ranger flüchten vor ihren Traumata in eine scheinbare Apathie und ebenso passiv erzählt The Highwaymen die blutrünstige Geschichte von Bonnie und Clyde.

Gesichtslose Killer

Der Film schenkt dem berühmten Verbrecherpaar keine Aufmerksamkeit. Die meiste Zeit bleiben Bonnie und Clyde gesichtslose Hinterköpfe oder Silhouetten in weiten Panoramaaufnahmen. Damit verbietet Regisseur Hancock jede Identifikation des Zuschauers mit den Crime-Ikonen.

Umso grotesker wirkt es, sobald der Film die Hysterie um Bonnie und Clyde bei den amerikanischen Bürgern zeigt. Die “Entmenschlichung” der Antagonisten in The Highwaymen ist ein mutiger Schachzug von Hancock, doch für seine eigenwillige Vision kann man den Regisseur nur loben.

Die Menschlichkeit von Bonnie und Clyde wird nur durch Gespräche mit Angehörigen bewiesen. Besonders kraftvoll ist dabei der Dialog zwischen Frank und Clydes Vater, der dem Ranger beweisen will, dass sein Sohn kein böser Mensch sei, während Frank ohne Kompromisse klar stellt, dass er Clyde bei der erstbesten Gelegenheit erschießen werde.

Frank lädt eine Pistole in einem Schlafzimmer in einem Szenenbild für Kritik The Highwaymen

Frank ist zum Töten bereit.

Wer ist gut, wer ist böse?

The Highwaymen ist einer der Filme, der die Regeln für Helden und Schurken in den Mixer wirft. Was dabei herauskommt ist ein matschiges Grau, das sich durch den gesamten Film zieht. Inwiefern sind die zwei Texas Ranger besser als Bonnie und Clyde? Wer darf wann den Abzug drücken? Der Weg beider “Paare” ist mit Leichen gepflastert. Diese Ambivalenz fordert dich dazu heraus, dein eigenes Urteil zu bilden. Wenn du stattdessen nur schnelle Unterhaltung sucht, wirst du sie in diesem Film nicht finden.

Fazit:

‘The Highwaymen’ ist ein langatmiges Crime-Drama mit starker Ambition

Das Netflix Original verschenkt Potential und wird sich auch nicht als Oscar-Kandidat etablieren können. Die beabsichtigte Gleichgültigkeit des Films verursacht beim Zuschauer nämlich oft eben diese Gleichgültigkeit, die echte Spannung und Emotionen verbietet. Dafür halten Costner und Harrelson dich mit starken Performances wach. Dennoch ist The Highwaymen ein intelligenter Gegenentwurf zur bekannten Geschichte von Bonnie und Clyde, der die Hetzjagd nach dem Verbrecherpaar auf authentische Weise dokumentiert und dabei moralische Konflikte aufwirft, die dich auch noch nach dem Abspann jagen werden.

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