Kritik: The Unholy

Ich sehe was, was du nicht fühlst
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
Jugendgefährdende Inhalte
  • Wo Gott eine Kirche baut, da baut der Teufel eine Kapelle daneben. So auch in 'The Unholy': Ein stabiles Fundament und ein Skript wie ein Bauplan, aus dem sich etwas wundervolles errichten ließe. Doch bei der Umsetzung hatte scheinbar der Teufel die Maurerkelle in der Hand.   Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht’s? Der zuletzt erfolglose Reporter Gerry (Jeffrey Dean Morgan) stolpert plötzlich über eine Sensationsstory: in einer Kleinstadt vollbringt die junge Alice (Cricket Brown) Wunder, nachdem ihr die Jungfrau Maria erschienen ist. Bald ist selbst der skeptische Gerry überzeugt, dass hier übernatürliche Kräfte am Werk sind. Doch sind sie göttlichen Ursprungs – oder kommen sie von einer dunklen Macht? Glaube und Wahrheit Film ist ein Spiegel der Gesellschaft, sagen manche. Häufig ist das, was wir auf der Leinwand sehen, nicht wahllos zusammengeschnittene Stories, sondern Erzählungen, die in Bilder fassen, was uns alle beschäftigt. Eine der großen Sorgen der letzten Jahre sind sogenannte „Fake News“ und das abnehmende Vertrauen in Massenmedien. Ihre Bedeutung als „Gatekeeper“ der Wahrheit, welche Wissen für uns bündeln und deuten, schwindet. Statt vom „Wissen“, sprechen manche nun häufiger wieder vom Glauben: ob man eine Nachricht oder einem Medium „glaubt“. Glauben scheint irgendwie nicht in die Medienwelt zu passen, man verbindet ihn eher mit einem anderen, ehemals mächtigen Meinungsmacher, an dem mittlerweile viel gezweifelt wird… Womit wir nun endlich beim Thema des Films wären: "Dir ging es nie um die Wahrheit. Dir ging es um den Ruhm." Gerrys Verlegerin in The Unholy Gerry hat nämlich ein Problem – er ist ein Betrüger. Statt für seine Zeitung Stories zu finden, fabriziert er sie selbst. Teile seiner zurückliegenden Arbeit wurden als Fälschungen entlarvt (ein in Deutschland nicht unbekannter Tatbestand). Seinen Job durfte er behalten, nun jedoch am unteren Ende der journalistischen Nahrungskette. Seine Verlegerin kennt kein Pardon, denn Gerry hat durch seine Fakes dem Vertrauen in das geschriebene Wort massiven Schaden zugefügt. In der scheinbar von der Gottesmutter besuchten Stadt begegnet Gerry nun einer Institution mit ähnlichem Imageproblem – der katholischen Kirche. Auch Bischoff Gyles (Cary Elwes) weiß um den Autoritätsverlust seiner Einrichtung. Dem Diktum „Wir sagen – ihr glaubt“ wird nicht mehr zweifelsfrei gefolgt. Vor langer Zeit definierte der Bischoff von der Kanzel herab Wahrheit und Unwahrheit, doch diese Macht schwindet. Und auch der stigmatisierte Redakteur Gerry weiß, was es bedeutet, wenn dem eigenen Wort nicht mehr bedingungslos geglaubt wird. Als Alice ihre ersten Wunder vollbringt und die Bilder um den Globus gehen, kämpfen die beiden um die Deutungshoheit – ob die Heilungen ein christliches Wunder oder ein weltliches Phänomen sind hängt vor allem davon ab, wer sie uns erzählt und wem wir glauben: Bischoff Gyles oder Reporter Gerry. Menschen, Monster, Sensationen Was für eine Story! Diese Frontenziehung ist anregender als das meiste, was ich in den letzten Jahren im Genre gesehen habe. Die zugrundeliegenden Themen sind klar definiert: „Was ist wahr, was Fake?“ und, noch wichtiger: „Wer bestimmt das?“ Die Dualität von Wahrheit/Unwahrheit, Subjektivität/Objektivität und Kirche/Medien durchzieht jede Szene. Mal sehen wir durch Alice Augen ihre Visionen oder erleben in verschrobenen Kamerafahrten Gerrys Albträume, sind also mittendrin in der subjektiven Lebenswelt der Figuren. Dann blicken wir durch Gerrys Kameralinse auf die Wunderheilungen oder sehen TV-Berichte und Live-Streams, Perspektiven also, die objektiver oder neutraler nicht sein könnten. "Sehen bedeutet glauben." Alice in The Unholy Gerry selbst erklärt, als „neutraler Beobachter“ den Fall zu verfolgen, ein Gesandter des Vatikan versichert, alle Mittel der modernen Wissenschaft einzusetzen, um das Wunder zu falsifizieren. Doch kann man ein Wunder beweisen? Muss man es überhaupt? Für die Geheilten, ihre Familien und Alice steht fest: Wir glauben was wir sehen – und wir haben gesehen, wie ein Kind aus dem Rollstuhl aufsteht. Alice bleibt mit der heiligen Jungfrau in regem Kontakt und wird zu einer volksnahen, populistischen Figur mit ultimativem Wahrheitsanspruch, die sehr schnell einen härteren Ton anschlägt: „Zweifel schwächt den Glauben. Zweifel führt zur Verdammnis“. Es läuft einem eiskalt den Rücken herunter, wenn man sieht, wie Menschen das Rationale über Bord werfen, um zu glauben, was sie glauben wollen. Werbung Bischoff Gyles freut sich über die neue Religiosität seiner Gemeinde, doch ist nicht gewillt, die volle Wahrheit zu sehen. Gerry könnte eine Sensation publizieren, müsste dafür aber seine journalistische Integrität vernachlässigen und zu Alice Sprachrohr werden. Er ist ein Rampenlicht-Junkie kurz vor dem Rückfall. Kirche und Medien entgleitet die Kontrolle über die Geschehnisse und ein Unheil zieht auf. War Feuer zu teuer? Was kann mit einem derart tollen Skript schief gehen? Einiges. Obwohl der Stoff das Gehirn stimuliert, stellt man an einen Horrorfilm vor allem eine Anforderung: Horror. Das Denken soll überlistet werden, man will den Kick der Urängste. Weniger denken, mehr gruseln. The Unholy hätte ein tolles Drama sein können, als Horrorfilm versagt er leider. Das Böse zieht ein, doch lässt uns das, trotz einiger gelungener Momente und obligatorischer Jumpscares, leider kalt. Die irdische Gestalt des Bösen ist nicht besonders einprägsam designed, nach dem Abspann hat man direkt wieder vergessen, wovor man sich kurz zuvor noch fürchten sollte. Ob der Film möchte oder nicht: Heutzutage überlebt man im Horror-Genre nicht ohne ikonisches Monster. Orchestriert wird das ganze von Special Effects, die fast schon dreist schlecht sind. Computeranimiertes Feuer ist nicht nur lieblos, sondern auch unnötig. Feuer ist der billigste und älteste Special Effect der Menschheit – wer hat auf CGI-Flammen bestanden? Der Brandschutzbeauftragte? Jeffrey Dean Morgan ist die Rolle des sympathisch-gerissenen Reporters auf den Leib geschrieben, er trägt den Film auf seinen Schultern, ohne ihn wäre er wohl untergegangen. Der Abspann resümiert mit einer Warnung vor Wölfen im Schafspelz. Wie passend, fühlt sich der Film doch ähnlich an: Im Inneren schlummert eine abgründige Energie, doch nach außen hin ist er reizlos und versinkt in der Masse. Fazit: Maria, believe me, I like Gänsehaut Dem Horrorfilm wird im letzten Jahrzehnt ein steigender IQ nachgesagt. The Unholy wirkt wie das Sorgenkind der Klasse, welches nicht schafft, sein Potential auszuschöpfen. Es bleibt ein Film wie eine misslungene Hausarbeit: tolle Exposition, interessante Fragestellung, reichhaltiges Inhaltsverzeichnis… doch mangelhafte Ausführung. Die Filmcrew sollte noch einmal nachsitzen und das Horror-Handwerkszeug lernen. Wenn sie dann das nächste mal eine Vision hat und ans Set kommt, erinnert sie sich hoffentlich an das höchste Gebot des Horrorfilms: Du sollst den Zuschauer das Gruseln lehren, nicht das Philosophieren.
    Kritik: The Unholy
    Handlung
    80%
    Spannung
    70%
    Atmosphäre
    65%
    Splatter/Horror
    60%
    Spezialeffekte
    40%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 17.06.2021
    Filmlänge: 99 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , ,
    Bildrechte: Sony Pictures Releasing GmbH
  • YouTube

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Gesamtbewertung:

Mäßig
63%

Wo Gott eine Kirche baut, da baut der Teufel eine Kapelle daneben. So auch in 'The Unholy': Ein stabiles Fundament und ein Skript wie ein Bauplan, aus dem sich etwas wundervolles errichten ließe. Doch bei der Umsetzung hatte scheinbar der Teufel die Maurerkelle in der Hand.

 

Worum geht’s?

Der zuletzt erfolglose Reporter Gerry (Jeffrey Dean Morgan) stolpert plötzlich über eine Sensationsstory: in einer Kleinstadt vollbringt die junge Alice (Cricket Brown) Wunder, nachdem ihr die Jungfrau Maria erschienen ist. Bald ist selbst der skeptische Gerry überzeugt, dass hier übernatürliche Kräfte am Werk sind. Doch sind sie göttlichen Ursprungs – oder kommen sie von einer dunklen Macht?

Glaube und Wahrheit

Film ist ein Spiegel der Gesellschaft, sagen manche. Häufig ist das, was wir auf der Leinwand sehen, nicht wahllos zusammengeschnittene Stories, sondern Erzählungen, die in Bilder fassen, was uns alle beschäftigt.

Eine der großen Sorgen der letzten Jahre sind sogenannte „Fake News“ und das abnehmende Vertrauen in Massenmedien. Ihre Bedeutung als „Gatekeeper“ der Wahrheit, welche Wissen für uns bündeln und deuten, schwindet. Statt vom „Wissen“, sprechen manche nun häufiger wieder vom Glauben: ob man eine Nachricht oder einem Medium „glaubt“. Glauben scheint irgendwie nicht in die Medienwelt zu passen, man verbindet ihn eher mit einem anderen, ehemals mächtigen Meinungsmacher, an dem mittlerweile viel gezweifelt wird… Womit wir nun endlich beim Thema des Films wären:

"Dir ging es nie um die Wahrheit. Dir ging es um den Ruhm."

Gerrys Verlegerin in The Unholy

Gerry hat nämlich ein Problem – er ist ein Betrüger. Statt für seine Zeitung Stories zu finden, fabriziert er sie selbst. Teile seiner zurückliegenden Arbeit wurden als Fälschungen entlarvt (ein in Deutschland nicht unbekannter Tatbestand). Seinen Job durfte er behalten, nun jedoch am unteren Ende der journalistischen Nahrungskette. Seine Verlegerin kennt kein Pardon, denn Gerry hat durch seine Fakes dem Vertrauen in das geschriebene Wort massiven Schaden zugefügt. In der scheinbar von der Gottesmutter besuchten Stadt begegnet Gerry nun einer Institution mit ähnlichem Imageproblem – der katholischen Kirche. Auch Bischoff Gyles (Cary Elwes) weiß um den Autoritätsverlust seiner Einrichtung. Dem Diktum „Wir sagen – ihr glaubt“ wird nicht mehr zweifelsfrei gefolgt.

Gerry (Jeffrey Dean Morgan) glaubt seinen Augen nicht – seiner Kamera schon.

Vor langer Zeit definierte der Bischoff von der Kanzel herab Wahrheit und Unwahrheit, doch diese Macht schwindet. Und auch der stigmatisierte Redakteur Gerry weiß, was es bedeutet, wenn dem eigenen Wort nicht mehr bedingungslos geglaubt wird. Als Alice ihre ersten Wunder vollbringt und die Bilder um den Globus gehen, kämpfen die beiden um die Deutungshoheit – ob die Heilungen ein christliches Wunder oder ein weltliches Phänomen sind hängt vor allem davon ab, wer sie uns erzählt und wem wir glauben: Bischoff Gyles oder Reporter Gerry.

Menschen, Monster, Sensationen

Was für eine Story! Diese Frontenziehung ist anregender als das meiste, was ich in den letzten Jahren im Genre gesehen habe. Die zugrundeliegenden Themen sind klar definiert: „Was ist wahr, was Fake?“ und, noch wichtiger: „Wer bestimmt das?“ Die Dualität von Wahrheit/Unwahrheit, Subjektivität/Objektivität und Kirche/Medien durchzieht jede Szene. Mal sehen wir durch Alice Augen ihre Visionen oder erleben in verschrobenen Kamerafahrten Gerrys Albträume, sind also mittendrin in der subjektiven Lebenswelt der Figuren. Dann blicken wir durch Gerrys Kameralinse auf die Wunderheilungen oder sehen TV-Berichte und Live-Streams, Perspektiven also, die objektiver oder neutraler nicht sein könnten.

"Sehen bedeutet glauben."

Alice in The Unholy

Gerry selbst erklärt, als „neutraler Beobachter“ den Fall zu verfolgen, ein Gesandter des Vatikan versichert, alle Mittel der modernen Wissenschaft einzusetzen, um das Wunder zu falsifizieren. Doch kann man ein Wunder beweisen? Muss man es überhaupt? Für die Geheilten, ihre Familien und Alice steht fest: Wir glauben was wir sehen – und wir haben gesehen, wie ein Kind aus dem Rollstuhl aufsteht. Alice bleibt mit der heiligen Jungfrau in regem Kontakt und wird zu einer volksnahen, populistischen Figur mit ultimativem Wahrheitsanspruch, die sehr schnell einen härteren Ton anschlägt: „Zweifel schwächt den Glauben. Zweifel führt zur Verdammnis“. Es läuft einem eiskalt den Rücken herunter, wenn man sieht, wie Menschen das Rationale über Bord werfen, um zu glauben, was sie glauben wollen.

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Bischoff Gyles freut sich über die neue Religiosität seiner Gemeinde, doch ist nicht gewillt, die volle Wahrheit zu sehen. Gerry könnte eine Sensation publizieren, müsste dafür aber seine journalistische Integrität vernachlässigen und zu Alice Sprachrohr werden. Er ist ein Rampenlicht-Junkie kurz vor dem Rückfall. Kirche und Medien entgleitet die Kontrolle über die Geschehnisse und ein Unheil zieht auf.

War Feuer zu teuer?

Was kann mit einem derart tollen Skript schief gehen? Einiges. Obwohl der Stoff das Gehirn stimuliert, stellt man an einen Horrorfilm vor allem eine Anforderung: Horror. Das Denken soll überlistet werden, man will den Kick der Urängste. Weniger denken, mehr gruseln.

Die Kirche spielt mit dem Feuer – und verbrennt sich.

The Unholy hätte ein tolles Drama sein können, als Horrorfilm versagt er leider. Das Böse zieht ein, doch lässt uns das, trotz einiger gelungener Momente und obligatorischer Jumpscares, leider kalt. Die irdische Gestalt des Bösen ist nicht besonders einprägsam designed, nach dem Abspann hat man direkt wieder vergessen, wovor man sich kurz zuvor noch fürchten sollte. Ob der Film möchte oder nicht: Heutzutage überlebt man im Horror-Genre nicht ohne ikonisches Monster. Orchestriert wird das ganze von Special Effects, die fast schon dreist schlecht sind. Computeranimiertes Feuer ist nicht nur lieblos, sondern auch unnötig. Feuer ist der billigste und älteste Special Effect der Menschheit – wer hat auf CGI-Flammen bestanden? Der Brandschutzbeauftragte? Jeffrey Dean Morgan ist die Rolle des sympathisch-gerissenen Reporters auf den Leib geschrieben, er trägt den Film auf seinen Schultern, ohne ihn wäre er wohl untergegangen.

Der Abspann resümiert mit einer Warnung vor Wölfen im Schafspelz. Wie passend, fühlt sich der Film doch ähnlich an: Im Inneren schlummert eine abgründige Energie, doch nach außen hin ist er reizlos und versinkt in der Masse.

Fazit:

Maria, believe me, I like Gänsehaut

Dem Horrorfilm wird im letzten Jahrzehnt ein steigender IQ nachgesagt. The Unholy wirkt wie das Sorgenkind der Klasse, welches nicht schafft, sein Potential auszuschöpfen. Es bleibt ein Film wie eine misslungene Hausarbeit: tolle Exposition, interessante Fragestellung, reichhaltiges Inhaltsverzeichnis… doch mangelhafte Ausführung. Die Filmcrew sollte noch einmal nachsitzen und das Horror-Handwerkszeug lernen. Wenn sie dann das nächste mal eine Vision hat und ans Set kommt, erinnert sie sich hoffentlich an das höchste Gebot des Horrorfilms: Du sollst den Zuschauer das Gruseln lehren, nicht das Philosophieren.

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