Kritik: The Woman in the Window

Thrillen nach Zahlen
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
Jugendgefährdende Inhalte
  • Titelbild Kritik The Woman in the Window
  • In Zeiten von Corona schauen wir gerne aus dem Fenster und beobachten Nachbarn und Eichhörnchen. Einen Mord bekommt man meistens nicht zu sehen. Ob 'The Woman in the Window' aus dieser Idee einen potenten Thriller zaubern kann, erfährst du in der Kritik.  Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht’s Eine Kinderpsychologin in New York (Amy Adams) leidet unter Agoraphobie: Sie fürchtet sich davor, ihr Haus zu verlassen. Um ihre Depression zu kompensieren, beobachtet sie das alltägliche Leben ihrer Nachbarn. Doch eines Tages wird sie Zeuge eines grausamen Mordes, der sich hinter den Fenstern des Nachbarhauses abspielt.  Was braucht ein guter Thriller? Wir brauchen einen verletzbaren Menschen im Mittelpunkt. Böse Kräfte zwingen ihn, sich mit seinen Ängsten auseinander zu setzen. Er versucht, die Situation zu verstehen, doch nichts ist so wie es scheint. In jeder Szene tickt eine fiktive Uhr gegen das Leben der Person. Die Spannung steigt ins Unermessliche - so in der Theorie.  Die Praxis funktioniert nicht The Woman in the Window ist der langweiligste spannende Film, den ich seit langer Zeit gesehen habe. Mein Gehirn sagt mir, ich muss jetzt angespannt sein, doch mein Puls ist ruhig und meine Augen werden müde. Dabei sind alle Zutaten für einen guten Thriller da.  Wo ist das Problem?  Hier wird eine Checkliste akribisch abgearbeitet: Protagonistin lebt in einem großen Haus? Check. Protagonistin hat eine drastische Phobie gegen irgendetwas? Check. Alle anderen Charaktere halten die Protagonistin für irre und keiner glaubt ihr? Doppelcheck. Und am Ende gibt es natürlich noch wilde Wendungen, die das Mörder-Mysterium komplett auf den Kopf stellen. Aber gut, ein Großteil der Thriller fällt in dieses Muster; es geht ja auch um die Inszenierung.    Leider werden die Zutaten so lustlos in den Film geschmissen, wie man Lebensmittel in einen Einkaufswagen schmeißt: Man schenkt ihnen kaum Beachtung und fährt einfach weiter. So macht die “Agoraphobie” der Hauptdarstellerin - die Angst vor der Außenwelt - überhaupt keinen Sinn. Sie wirkt wie eine konstruierte Entschuldigung, damit die Protagonistin Zuhause bleibt und aus dem Fenster schauen muss.  Der Film ist die Abstraktion eines Thrillers, ohne eine glaubhafte Geschichte zu erzählen. Noch viel schlimmer ist das Konstrukt des eigentlich Mysteriums: Wer wurde auf der anderen Hausseite wirklich ermordet, bzw. wurde überhaupt jemand ermordet? Die Twists sind so künstlich, dass sie nach Plastik schmecken. Anstatt ein wohl geschichtetes Murder-Mystery zu entfalten wie die Schichten einer Zwiebel, nimmt die Story in The Woman in the Window Kurswechsel ein, die so absurd sind, dass sie schon fast wie eine Parodie auf das Genre (Scream!) wirken.  Fairerweise muss gesagt werden: Die Vorlage der Geschichte ist ein gleichnamiger Roman. Ob das Buch genauso vergurkt ist, kann ich nicht sagen. Doch solange sich Regisseur Joe Wright nicht absolut wilde Freiheiten bezüglich der Handlung genommen hat, kann man guten Gewissens behaupten, dass das Kind schon vor der Entstehung des Films in den Brunnen gefallen ist.  Was Regisseur Joe Wright kann, und was nicht Joe Wright ist kein Regisseur für spannungsgeladene Filme, und das merkt man. Seine bekanntesten Filme sind Stolz & Vorurteil, Abbitte und Die Dunkelste Stunde. Dementsprechend wirken einige seiner Kniffe in The Woman in the Window so unbeholfen und lehrbuchhaft wie die eines Filmstudierenden.  Elegante Kamerafahrten durch das Treppenhaus oder surreale Bildkompositionen aus den Halluzination der Hauptperson wechseln sich ab mit den billigsten Jumpscares des Jahres. Ist es überhaupt noch erlaubt, Zuschauer:innen nur durch laute Geräusche von umfallenden Gegenständen zu erschrecken? Dazu kommen einige Tricks aus der Mottenkiste, um Gänsehaut zu initiieren, wie der “Ich habe dich beim schlafen fotografiert”-Moment, der vollkommen deplatziert wirkt. Insgesamt ist The Woman in the Window wie ein Frankenstein-Monster anderer, besserer Thriller. Auch das Finale ist leider mehr Cringe statt Lynch und hat allerhöchstens die Intensität einer Nachstellung einer Scream-Verfolgungsjagd aus Scary Movie.  Adams und Oldman  Der Film hat mit Amy Adams und Gary Oldman zwei Hochkaräter im Cast. Während Adams viele Möglichkeiten bekommt, die Facetten einer Manisch-Depressiven zu zeigen, bekommt Oldman als potentieller Mörder wenig zu tun. Wie intensiv wäre ein stringentes Psychoduell zwischen beiden Hauptcharakteren gewesen? Stattdessen stören unnötige Nebencharaktere, wie der nerdige Vermieter im Keller, den Fokus auf das Wesentliche.  Fazit: Der Film lädt ein, selbst aus dem Fenster zu gucken The Woman in the Window gehört zu den billigeren Perlen der vielen Netflix-Filme. Der Film ahmt seine Vorbilder nach wie ein Mimikry, ohne zu verstehen, was er überhaupt macht. Die Story ist konstruiert und die Spannung ist künstlich. Unbeholfen platzierte Tricks aus der Mottenkiste, wie billige Jump Scares und sinnlose Murder Reveals, ersticken Amy Adams starkes Schauspiel und sorgen für unfreiwillige Komik. Da schaue ich lieber nochmal Panic Room oder schaue einfach aus meinem Fenster. 
    Kritik: The Woman in the Window
    Handlung
    25%
    Spannung
    50%
    Horror
    40%
    Schauspiel
    65%
    Visuelle Umsetzung
    70%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 14.05.2021
    Filmlänge: 100 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , ,
    Bildrechte: 2021 Netflix
  • YouTube

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Gesamtbewertung:

Schwach
50%

In Zeiten von Corona schauen wir gerne aus dem Fenster und beobachten Nachbarn und Eichhörnchen. Einen Mord bekommt man meistens nicht zu sehen. Ob 'The Woman in the Window' aus dieser Idee einen potenten Thriller zaubern kann, erfährst du in der Kritik. 

Darum geht’s

Eine Kinderpsychologin in New York (Amy Adams) leidet unter Agoraphobie: Sie fürchtet sich davor, ihr Haus zu verlassen. Um ihre Depression zu kompensieren, beobachtet sie das alltägliche Leben ihrer Nachbarn. Doch eines Tages wird sie Zeuge eines grausamen Mordes, der sich hinter den Fenstern des Nachbarhauses abspielt. 

Was braucht ein guter Thriller?

Wir brauchen einen verletzbaren Menschen im Mittelpunkt. Böse Kräfte zwingen ihn, sich mit seinen Ängsten auseinander zu setzen. Er versucht, die Situation zu verstehen, doch nichts ist so wie es scheint. In jeder Szene tickt eine fiktive Uhr gegen das Leben der Person. Die Spannung steigt ins Unermessliche - so in der Theorie. 

Die Praxis funktioniert nicht

The Woman in the Window ist der langweiligste spannende Film, den ich seit langer Zeit gesehen habe. Mein Gehirn sagt mir, ich muss jetzt angespannt sein, doch mein Puls ist ruhig und meine Augen werden müde. Dabei sind alle Zutaten für einen guten Thriller da. 

Wo ist das Problem? 

Hier wird eine Checkliste akribisch abgearbeitet: Protagonistin lebt in einem großen Haus? Check. Protagonistin hat eine drastische Phobie gegen irgendetwas? Check. Alle anderen Charaktere halten die Protagonistin für irre und keiner glaubt ihr? Doppelcheck. Und am Ende gibt es natürlich noch wilde Wendungen, die das Mörder-Mysterium komplett auf den Kopf stellen. Aber gut, ein Großteil der Thriller fällt in dieses Muster; es geht ja auch um die Inszenierung. 

Amy Adams in einem Szenenbild aus The Woman in the Window von Netflix in einer Kritik von 4001reviews

Ihr Psychotherapeut rät Anna (Amy Adams), fremde Menschen aus ihrem Fenster zu stalken. Fragwürdig.

 

Leider werden die Zutaten so lustlos in den Film geschmissen, wie man Lebensmittel in einen Einkaufswagen schmeißt: Man schenkt ihnen kaum Beachtung und fährt einfach weiter. So macht die “Agoraphobie” der Hauptdarstellerin - die Angst vor der Außenwelt - überhaupt keinen Sinn. Sie wirkt wie eine konstruierte Entschuldigung, damit die Protagonistin Zuhause bleibt und aus dem Fenster schauen muss. 

Der Film ist die Abstraktion eines Thrillers, ohne eine glaubhafte Geschichte zu erzählen.

Noch viel schlimmer ist das Konstrukt des eigentlich Mysteriums: Wer wurde auf der anderen Hausseite wirklich ermordet, bzw. wurde überhaupt jemand ermordet? Die Twists sind so künstlich, dass sie nach Plastik schmecken. Anstatt ein wohl geschichtetes Murder-Mystery zu entfalten wie die Schichten einer Zwiebel, nimmt die Story in The Woman in the Window Kurswechsel ein, die so absurd sind, dass sie schon fast wie eine Parodie auf das Genre (Scream!) wirken. 

Fairerweise muss gesagt werden: Die Vorlage der Geschichte ist ein gleichnamiger Roman. Ob das Buch genauso vergurkt ist, kann ich nicht sagen. Doch solange sich Regisseur Joe Wright nicht absolut wilde Freiheiten bezüglich der Handlung genommen hat, kann man guten Gewissens behaupten, dass das Kind schon vor der Entstehung des Films in den Brunnen gefallen ist. 

Was Regisseur Joe Wright kann, und was nicht

Joe Wright ist kein Regisseur für spannungsgeladene Filme, und das merkt man. Seine bekanntesten Filme sind Stolz & Vorurteil, Abbitte und Die Dunkelste Stunde. Dementsprechend wirken einige seiner Kniffe in The Woman in the Window so unbeholfen und lehrbuchhaft wie die eines Filmstudierenden. 

Elegante Kamerafahrten durch das Treppenhaus oder surreale Bildkompositionen aus den Halluzination der Hauptperson wechseln sich ab mit den billigsten Jumpscares des Jahres. Ist es überhaupt noch erlaubt, Zuschauer:innen nur durch laute Geräusche von umfallenden Gegenständen zu erschrecken?

Dazu kommen einige Tricks aus der Mottenkiste, um Gänsehaut zu initiieren, wie der “Ich habe dich beim schlafen fotografiert”-Moment, der vollkommen deplatziert wirkt. Insgesamt ist The Woman in the Window wie ein Frankenstein-Monster anderer, besserer Thriller. Auch das Finale ist leider mehr Cringe statt Lynch und hat allerhöchstens die Intensität einer Nachstellung einer Scream-Verfolgungsjagd aus Scary Movie

Adams und Oldman 

Gary Oldman und Brian Tyree Henry in einem Szenenbild aus The Woman in the Window auf Netflix für eine Kritik von 4001Reviews

Alistair Russell (Gary Oldman) und Detective Little (Brian Tyree Henry) glauben Anna natürlich kein Wort.

Der Film hat mit Amy Adams und Gary Oldman zwei Hochkaräter im Cast. Während Adams viele Möglichkeiten bekommt, die Facetten einer Manisch-Depressiven zu zeigen, bekommt Oldman als potentieller Mörder wenig zu tun. Wie intensiv wäre ein stringentes Psychoduell zwischen beiden Hauptcharakteren gewesen? Stattdessen stören unnötige Nebencharaktere, wie der nerdige Vermieter im Keller, den Fokus auf das Wesentliche. 

Fazit:

Der Film lädt ein, selbst aus dem Fenster zu gucken

The Woman in the Window gehört zu den billigeren Perlen der vielen Netflix-Filme. Der Film ahmt seine Vorbilder nach wie ein Mimikry, ohne zu verstehen, was er überhaupt macht. Die Story ist konstruiert und die Spannung ist künstlich. Unbeholfen platzierte Tricks aus der Mottenkiste, wie billige Jump Scares und sinnlose Murder Reveals, ersticken Amy Adams starkes Schauspiel und sorgen für unfreiwillige Komik. Da schaue ich lieber nochmal Panic Room oder schaue einfach aus meinem Fenster. 

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