7.3/10

Kritik: Winchester: Das Haus der Verdammten

Verfluchte Waffenhersteller!

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Genres: Biografie, Horror, Mystery, Startdatum: 15.03.2018

Interessante Fakten für…

  • Zwar existiert das „Winchester House“ noch, jedoch wurde das Innere des Hauses nachgebaut. Das Original ist dermaßen eng und verwinkelt, dass es sich nicht für die Dreharbeiten eignete.
  • Das echte Haus war voller Spinnenweben, weil Sarah Winchester sie für Glücksbringer hielt.

Geisterhäuser sind eine sichere Hausnummer für Gruselfilme. Mit quietschenden Türen, knarrenden Fußdielen und unnötig langen Korridoren kann man ja auch nichts falsch machen. ‚Winchester‘ erzählt nun die „wahre Geschichte“ (uuhh!) von Amerikas berühmtesten Haunted House gleichen Namens. Warum dieser klischeehafte Gruseltrip noch eine ganz andere Ebene besitzt, die besonders in den USA schlecht aufgenommen werden könnte, erfahrt ihr in der Kritik.

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#PotterUltra #SchwerMetaller #Storyteller

Darum geht’s

USA, 1906: Psychologe Dr. Eric Price (Jason Clarke) bekommt vom Waffenhersteller „Winchester Repeating Arms“ den Auftrag, die Erbin des Konzerns Sarah Winchester (Helen Mirren) für unzurechnungsfähig zu erklären. Sie glaubt nämlich, von den Geistern, die durch eine Winchester-Waffe getötet wurden, heimgesucht zu werden. Während ihres Wahns lässt die alte Dame das wohl spektakulärste Horror-Haus aller Zeiten erbauen: Das „Winchester Mansion“ ist ein Labyrinth aus 160 Räumen, versteckten Geheimgängen und gefährlichen Türen, die ins Nirgendwo führen. Was will Lady Winchester damit erreichen? 

Faszination Jump Scare

Die wahre Kunst besteht ja darin, das Publikum ohne die Unterstützung extrem lauter Geräusche zu erschrecken – oder es gar erschaudern zu lassen. Doch leider ist der verpönte Jump Scare Hauptbestandteil eines jeden Geisterhaus-Films. Auch Winchester verlässt sich auf laute Geräusche und hässliche Fratzen, die urplötzlich in den Film geschnitten werden. Die Trefferquote liegt bei 50 Prozent. Während einige Schocker so vorhersehbar sind wie der Knall eines angezündeten Chinaböllers, können andere durch eine ausgeklügelte Inszenierung als gute Wachrüttler überzeugen – vor allem, wenn sie ausnahmsweise mal völlig aus dem Nichts kommen.

Was allerdings fehlt, ist der Gänsehaut-Faktor – kein mulmiges Gefühl, wenn man nachts nach dem Kinobesuch mal Pipi muss und den Lichtschalter sucht. Während vor allem die Conjuring-Reihe nicht nur durch Jump Scares, sondern auch durch eine dichte Atmosphäre und schlichtweg gruselige Einfälle funktioniert, ist Winchester mehr als stringentes Malen-Nach-Zahlen: Am Ende kommt ein stimmiges aber berechenbares Bild heraus, dessen Vorlage zuvor schon hundert andere „Künstler“ ausgemalt haben. Leider trauen sich die Spierig-Brüder nicht, ein bisschen über die Ränder zur kitzeln – zumindest nicht bezüglich des Grusels.

Das echte „Winchester House“

  • 160 Zimmer
  • 1.000 Fenster
  • 4 Etagen
  • Offen für Besichtigung

Gekonnte Inszenierung

Ein ähnliches Fazit gibt’s für die visuelle Umsetzung. Regisseure Michael und Peter Spierig (letzter Film: Jigsaw) kennen ihr Handwerk, zeigen aber keine größere Vision, die Winchester von jedem anderen Gruselfilm abhebt.

Zwar sieht der viktorianische Stil der verworrenen Korridore und absurden Architektur-Paradoxen ziemlich schick aus, doch ein paar ausgefeiltere visuelle Spielereien hätten dem „Winchester Haunted House“ (auch heute noch für Touristen begehbar) noch mehr geschmeichelt.

Geister wirken lebendiger als Charaktere

Jason Clarke und Helen Mirren spielen ihre Hauptrollen souverän runter. Clarke als drogenabhängiger Psychologe mit dunkler Vergangenheit ist ein typischer Horrorfilm-Protagonist, der dennoch genug Charme mitbringt, um nicht belanglos zu wirken. Helen Mirren überzeugt vor allem in der ersten Hälfte des Films – gegen Ende aber verliert sich ihre Rolle in zu viel parapsychologischem Geschwafel über Jenseits und verlorene Seelen.

Dabei hätte das Zusammenspiel von Clarke und Winchester ziemlich interessant sein können. Der Film wird immer wieder durch Therapiesitzungen der Beiden unterbrochen – doch statt psychologische Einblicke in die Charaktere zu geben, bleiben die Gespräche beim Seelenklemptner oberflächlich und nichtsaussagend. Dabei ist Winchester als Gesamtwerk gar nicht mal so nichtsaussagend.

Was sagt die Waffenlobby dazu?

In Winchester dreht sich alles um Waffen. Ohne zu viel zu verraten, doch der dunkle Fluch der alten Dame ist eng verbunden mit harscher Kritik an der aktuellen Waffen-Politik der USA. Das hört sich unglaublich überinterpretiert an, doch das Statement wird vor allem gegen Ende des Films ziemlich offensichtlich. Die Metapher ist noch nichtmal besonders feinfühlig und dennoch wird sie von einem Großteil des Stammpublikums vermutlich nicht wahrgenommen werden, da sie im Horror-Genre einfach nicht erwartet wird. Für Helen Mirren war dieser Subtext der ausschlaggebende Punkt, Teil des Films zu werden, wie sie in einem Interview mit io9 erklärte:

„Da gab es eine Drehbuchzeile – eigentlich sollte ich mich an die Zeile erinnern, denn sie war der Grund, weshalb ich mich für den Film entschieden habe […] eine Zeile, die besagt ‚Es ist böse vom Verkauf von Waffen zu profitieren‘. Ich spürte da eine große Resonanz.“

Helen Mirren, 2018, ia9

Kann man sich dadurch die miesen 13 Prozent auf Rotten Tomatoes erklären? Hat die Waffenkritik den ein oder anderen konservativen Amerikaner verärgert? Klar wäre das eine Unterstellung. So oder so ist Winchester nicht viel mehr als Durchschnittskost. Dennoch gibt es keine Zweifel daran, dass das Horror-Genre in den letzten Jahren deutlich schlechtere Vertreter rausgehauen hat. Winchester braucht sich vor nichts zu schämen.

Fazit

7.3/10
Ordentlich
Community-Rating:
Horror 7/10
Spannung 7.5/10
Handlung 7.5/10
Schauspieler 7/10
Visuelle Umsetzung 7.5/10
Details:
Regisseur: Michael Spierig, Peter Spierig,
FSK: 16 Filmlänge: 99 Min.
Besetzung: Helen Mirren, Jason Clarke,

Mit einem Kinobesuch kann man nichts falsch machen. Winchester ist eine routinierte Geisterbahn-Fahrt, die man nicht bereut und schnell wieder vergisst. Jason Clarke und Helen Mirren sind (für Horrorfilm-Verhältnisse) interessante Hauptcharaktere, die aber hinter ihrem Potential zurückbleiben. Immerhin ist die Geistergeschichte unterhaltsam genug und es gibt sogar einen passablen Twist zum Schluss. Aus der „wahren Geschichte“ hätte man dennoch wesentlich mehr Saft auspressen können als eine Metapher für die Verkommenheit des US-Waffengesetzes.

Artikel vom 7. Februar 2018

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