Martin Scorsese: Ein Meisterregisseur wird 75

Ein Leben für's Kino
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
Martin Scorsese mit Anzug und Fliege auf einem roten Teppich

Zusammen mit Steven Spielberg, Brian de Palma, George Lucas, Francis Ford Coppola und anderen gehört er zu den Gründern des "New Hollywood". Heute kann man getrost sagen, dass Scorsese einer der bedeutendsten lebenden Hollywood-Filmemacher und einer der wichtigsten US-Regisseure aller Zeiten ist. Nun ist die Legende 75 Jahre alt geworden. Darum ist sein Lebenswerk beinahe konkurrenzlos: 


Ein Gast-Kommentar von Christian Klosz  (filmpluskritik.com)


Das Werk des in "Little Italy" als Sohn sizilianischer Einwanderer aufgewachsenen Scorsese ist gigantisch. Populär wurde Scorsese durch seine großen "Mafia"-Filme, wie Good Fellas und Casino – oder als Chronist des halbseidenen, kleinkriminellen Amerikas, das ihn für viele seiner Charaktere inspirierte. Bei aller Breite und Vielfalt liegt seine größte Leistung aber wohl in der Entwicklung einer individuellen und ungemein kraftvollen Filmsprache: Die schnellen Kamerabewegungen, der gekonnte Einsatz von Musik und die Einbeziehung mannigfaltiger filmischer Referenzen, die sich als liebevolle Hommagen an seine Vorbilder präsentieren, gehören zur typischen "Scorsese-Note".

Seine Filme zeichnet ein originärer Stil aus, der vor wütender Bewegung pulsiert. Sie sind virtuos choreografiert und inszeniert und steigern ihre Intensität oft gleich sinfonischen Musikstücken.

Bei aller Popularität, bei allem Mainstream-Erfolg, blieb Scorsese aber stets seinen Wurzeln treu: Er ist immer noch ein "Autoren-Filmer" in bester New-Hollywood-Manier. Er wählte seine Themen, seine Filme und Produktionen stets selbst aus, suchte nach Möglichkeiten, sie so zu realisieren, wie es seiner filmischen Vision entsprach, und musste kaum Kompromisse mit den Studios eingehen.

Werkübersicht

Obwohl, wie erwähnt, vor Allem für seine Mafia-Filme bekannt und gefeiert, deckt Scorseses Euvre ein breites Spektrum ab: Zum einen  die im Mafia-Milieu angesiedelten Werke, in denen er das abbildet, was er seit Kindheit kennt: Dazu zählen die „Trilogie“, bestehend aus Mean Streets, Good Fellas und Casino, aber auch Raging Bull und The Departed (2006), der verspätete Oscar-Erfolg.

Der zweite thematische Schwerpunkt sind "religiöse Filme", wie Kundun, Last temptation of the Christ oder zuletzt Silence, die religiöse Sujets in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen.

Drittens drehte Scorsese auch "Komödien", die eher weniger bekannt sind, aber sich durch einen ebenso unverkennbaren wie skurrilen und schwarzen Humor auszeichnen; dazu zählen Filme wie King of Comedy, After Hours, oder auch Wolf of Wall Street – die Kapitalismus-Satire, und zugleich einer seiner größten kommerziellen Erfolge, der ihm die Realisierung des Herzensprojekts Silence ermöglichte.

Hinzu kommen, wie selbst von Scorsese betitelte „filmische Experimente“, wie Cape Fear, Shutter IslandHugo, in denen er sich an ungewohnten Themen oder Genres probierte – aber stets versuchte, den Inhalt auf seinen Stil umzuschreiben.

Gebrochene männliche Egos

Vielfach sind Scorseses Filme Studien "gebrochener Helden", Leidensmänner, fragiler männlicher Egos, die in einer Umgebung, die sie befremdet, prekäre Existenzen führen. Das lässt sich in Raging Bull ebenso erkennen wie in dem unterschätzten Aviator, im Kult-Klassiker Taxi Driver, aber auch in The Departed oder Wolf of Wall Street. Seine (meist) männlichen Protagonisten sind stets Getriebene (ihrer Umwelt oder ihrer eigenen Ambitionen), Suchende, Einzelgänger, die aber trotz ihrer Defizite ikonisch erscheinen.

Junger Martin Scorsese mit einem Revolver in der Hand

Scorsese hatte schon immer eine Schwäche für zwielichtige Charaktere.

Oft sind Scorseses Hauptcharaktere und Filme von tiefen Ambivalenzen gekennzeichnet, wodurch er sich z.B. von seinem Regiekollegen Spielberg unterscheidet, dessen Charaktere oft eindimensional bleiben: Sein Kino erlaubt kein simples "Schwarz-Weiß-Denken", er bemüht sich stets um Verständnis für Outsider, Kriminelle, diejenigen, die im Leben, oft schuldlos, zu kurz gekommen sind; von ihrer Umgebung schikaniert und zum Äußersten getrieben werden. Darin offenbart sich auch Scorseses Humanismus und seine christlich-soziale Grundhaltung. Er, der sich selbst als "lapsed catholic" ("gescheiterter Katholik") bezeichnet, und vor der Regie-Karriere eigentlich Priester werden wollte, vertritt zwar vehement moralische Werte, bittet aber immer auch um Vergebung für die "Sünder" und Verständnis für die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen.

Fruchtbare Kollaborationen

Die erfolgreiche und fruchtbare Karriere von Martin Scorsese gründet sich aber auch auf immer wiederkehrenden Kollaborateuren: Am offensichtlichsten in der oftmaligen Zusammenarbeit mit seinen "männlichen Musen" Robert De Niro und Leonardo Di Caprio, die ihre besten Leistungen unter seiner Regie ablieferten. Aber auch mit den Kameramännern Michael Ballhaus oder Robert Richardson werkte er mehrmals zusammen. Drehbuchautor Paul Schrader schrieb mehrere Entwürfe für seine Filme, wie Taxi Driver oder Last Temptation of Christ. Und mit der Cutterin Thelma Schoenmaker arbeitet er bereits fast seit Beginn seiner Karriere erfolgreich und ohne Unterbrechung zusammen.

Martin Scorseses Einfluss auf und Bedeutung für den amerikanischen Film und das Weltkino ist unschätzbar. Viele junge Filmemacher sehen ihn als Vorbild. Gleichzeitig huldigt er seine eigenen Vorbilder und das Kino selbst als begeisterter Cineast. Happy Birthday, und alles gute zum 75er!


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