Kommentar: Faszination True Crime

Wahre Verbrechen als Quotentreiber?
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
Titelbild für Kommentar Faszination True Crime mit Cuba Gooding Jr. als O.J. Simpson, in einem Gerichtssaal, Handschuhe tragend

Das Genre True Crime boomt wie nie zuvor. Serienfans verfolgen den Prozess um O.J. Simpson und begeistern sich an Dokumentarserien wie 'Making A Murderer'. Was mit einem Podcast seinen Anfang nahm, hatte zahlreiche Serien und Filme zur Folge. Der 'Stern' widmet dem Format sogar ein eigenes Magazin. Warum reißt der Erfolg nicht ab und weshalb wirkt das Genre so anziehend? Es gibt mehrere Gründe.

Blutvergießen an der Tagesordnung

Angesichts des enormen Interesses an Netflix-Serien wie American Crime Story, ManhuntThe Jinx und Making a Murderer ist es offensichtlich, dass wahre Verbrechen ihren Reiz versprühen und viele Zuschauer zum Einschalten bewegen. Doch es ist keine Erfindung von Netflix, sich intensiver mit Mord und Totschlag zu beschäftigen und echte Kriminalfälle möglichst ästhetisch in Szene zu setzen.

Auch deutsche Fernsehzuschauer kommen bereits seit Jahren in den Genuss von echten True-Crime-Formaten. So ist die 1967 (!) gestartete Fernsehsendung Aktenzeichen XY…ungelöst ein echter Quotengarant, der regelmäßig von Millionen von Zuschauern verfolgt wird. Monat für Monat werden von Rudi Cerne ungeklärte Gewaltverbrechen vorgestellt und anschließend von Laienschauspielern rekonstruiert. Alles nichts Neues, könnte man meinen, doch der Dauerbrenner erfährt in den letzten Jahren einen zusätzlichen Schub. Heute werden ganze TV-Sender dem Format gewidmet. Neben dem Digitalsender RTL Crime präsentiert auch der der verlagseigene Ableger Stern mit STERN Crime ein eigenes Print-Magazin. Darin werden ausschließlich wahre Verbrechen thematisiert und auf "unterhaltsame" und spannende Weise nacherzählt. 

Warum ist True Crime so erfolgreich?

Bereits bei guten Krimis oder Thrillern fiebert der Zuschauer mit, dazu bedarf es keiner wahren Begebenheiten. Viele Fans empfinden bei diesen Formaten "große" Gefühle wie Angst, Hass und Liebe. Kommt dann noch die "wahre" Komponente hinzu, werden diese Gefühle weiter verstärkt. Kein Wunder also, dass sich Serien und Filme mit dem "Nach wahren Begebenheiten"-Stempel besonders gut verkaufen.

Ein wesentlicher Grund für die hohe Nachfrage ist derselbe, weshalb sich bei Verkehrsunfällen viele Schaulustige zusammenfinden oder Millionen von Menschen die Jagd nach O.J. Simpson in Echtzeit verfolgten. Es ist das Außergewöhnliche und die Möglichkeit, sich als stiller Beobachter – ohne sich dabei selbst einer reellen Gefahr auszusetzen – in das echte Leben und die Gedankenwelt von Mördern und Psychopathen hineinzuversetzen. Allgemein bekannte und erfolgreiche Serien wie Manhunt und Making a Murderer sind sich dessen Wirkung bewusst und spielen mit der Lebensrealität der Zuschauer. So wird es ihnen möglichst einfach gemacht, sich mit der Situation und Lage der Opfer (oder gar Täter!) zu identifizieren. Im Verlauf der Serie stellt sich irgendwann die berühmte Frage: „Was wäre wenn?“ Was wäre wenn ich zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen wäre? Das könnte jedem passieren und True Crime-Formate spielen eben genau mit der Tatsache, dass jeder in die Fänge eines Mörders, oder gar der Justiz geraten könnte.

Zuschauer als Jury

Verfolgt man die erst Staffel von American Crime Stories, findet man sich schnell in der Rolle des Richters wieder. So stellt man sich immer wieder die Frage: „Hat O.J. es  getan?“ Dass die Serie auf einem wahren Kriminalfall beruht gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, selbst über den Fall zu recherchieren, sich mit den beteiligten Personen genauer zu befassen und schließlich ein eigenes Urteil zu fällen. Die Möglichkeit Parallelen und Unterschiede zum wirklichen Verbrechen zu finden und sich letztendlich ein eigenes Bild zu machen, ist bei fiktionalen Krimis nicht möglich. Man fühlt sich von den Drehbuchautoren manipuliert und denkt nicht allzu viel über deren fiktiven Kosmos nach. In Drehbüchern suchen wir Eskapismus, in True Crime die Realität.

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Voyeurismus und die Frage nach dem Warum

Bei Dokumentationen über Serienmörder rückt eine weitere Frage in den Vordergrund: Wieso begeht ein Mensch solch unvorstellbare Verbrechen? Abartige und völlig unverständliche Morde müssen dem menschlichen Verstand erst einmal erklärt werden. True-Crime-Formate können Ansätze liefern, diese Beweggründe zu verstehen. Ein Paradebeispiel ist die erste Staffel der Serie Manhunt, die den Fall des "Unabombers" aufgreift. Zeitweise wird der Terrorist Ted Kaczynski sogar als ein Protagonist dargestellt. Ist das moralisch vertretbar? Einerseits darf und sollte man mit keinem Mörder Sympathie empfinden, andererseits können wir dadurch die Motivation eines grausamen Serienmörders besser "nachvollziehen" – seine Motive werden erklärt, nicht unbedingt gerechtfertigt. Dem Zuschauer könnte das helfen, die grausamen Bilder aus den Nachrichten besser zu verarbeiten.

Nichts desto trotz spielt auch der Voyeurismus eine bedeutende Rolle. Sind bekannte Persönlichkeiten auf irgendeine Weise an Verbrechen beteiligt, fühlt sich das Publikum in den persönlichen Kreis von Angeklagten, Opfer und Angehörigen mit eingeweiht. Kein Wunder, weshalb bei American Crime Story ausgerechnet die Fälle um O.J. Simpson und Gianni Versace behandelt werden. Die Geschichten verbinden Sex, Politik und Gewalt mit einer gehörigen Portion Wahrheit. Das perfekte True Crime.

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