Kritik: Better Call Saul – Staffel 4

Folge 6: Böser Jimmy!
Achtung: Spoiler!
Lesedauer: 17 Mins.
  • Jimmy Mc Gill verbirgt sein trauriges Gesicht hinter einer lächelnden Pappmaske seines früheren Ichs auf dem Plakat zu Better Call Saul Staffel 4
    © 2018 Netflix
  • Better Call Saul meldet sich mit Staffel 4 zurück und nähert sich der Mutterserie 'Breaking Bad' weiter an. Wird der Spagat gelingen? Unsere Episodenkritik zu 'Better Call Saul – Staffel 4' bespricht und bewertet jeden Mittwoch, was die neue Folge zu bieten hat. Kritik: Folge 1 'Rauch' Original-Titel:  Smoke Erscheinungsdatum: 07. August 2018 (DE) Bis dato widmete sich Better Call Saul der „Sunny Side of Life“: Der unermüdliche Optimismus von Jimmy McGill (Bob Odenkirk), der noch jeden Rückschlag mit raffinierten Einfällen wettzumachen wusste, ist eines der maßgeblichen Elemente der Serie – und wird von Fans  gefeiert. Doch wo Licht ist, ist bekanntlich…

    83%

    Stark

    Folge 1: 'Rauch'
    79%
    Folge 2: 'Atmen'
    77%
    Folge 3: 'Etwas Gutes'
    83%
    Folge 4: 'Reden'
    81%
    Folge 5: 'Eine Wilde Fahrt'
    89%
    Folge 6: 'Pinata'
    88%
    User Rating: Be the first one !
  • Staffelstart: 07.08.2018
    Episoden: 40 in 4+ Staffeln
    FSK: 16
    Genre: , , ,
    Showrunner: ,
    Besetzung: , , , , , , ,
    Bildrechte: © 2018 Netflix

Gesamtbewertung:

Stark
83%

Better Call Saul meldet sich mit Staffel 4 zurück und nähert sich der Mutterserie 'Breaking Bad' weiter an. Wird der Spagat gelingen? Unsere Episodenkritik zu 'Better Call Saul – Staffel 4' bespricht und bewertet jeden Mittwoch, was die neue Folge zu bieten hat.

Kritik: Folge 1 'Rauch'

Original-Titel:  Smoke
Erscheinungsdatum: 07. August 2018 (DE)

Kim Wexler und Jimmy McGill auf dem Weg zu Chucks Beerdigung in Better Call Saul Staffel 4 Folge 1

Kim wundert sich, wie sehr Chucks Tod Jimmy kalt lässt.

Bis dato widmete sich Better Call Saul der „Sunny Side of Life“: Der unermüdliche Optimismus von Jimmy McGill (Bob Odenkirk), der noch jeden Rückschlag mit raffinierten Einfällen wettzumachen wusste, ist eines der maßgeblichen Elemente der Serie – und wird von Fans  gefeiert. Doch wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten. Rauch, Folge 1 der vierten Staffel, verzieht sich auf einen Schattenplatz. Schlägt Better Call Saul eine neue Richtung ein? Unsere Episodenkritik weiß eine Antwort. In unserem Podcast, gehen wir zudem noch tiefer auf die Episode ein:

Für einen düsteren, dramatischeren Weg der Serie liefert Rauch eine Handvoll Indizien. Angeführt wird diese Reihe von Hinweisen natürlich mit Chuck McGills (Michael McKean) selbstgewähltem Tod (Staffel 3, Folge 10), den sein Bruder Jimmy in dieser Folge erst einmal verarbeiten muss.

Auch wenn sich die zwei Brüder im Laufe von Staffel 3 endgültig entfremdeten, überrascht es mich, dass der ansonsten überaus empathische Jimmy äußerst wenig Trauer zu empfinden scheint. Zwar schlägt Chucks Tod auch Jimmy aufs Gemüt, der sich ungewohnt deprimiert gibt, doch kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass Jimmy mehr mit seiner eigenen Rolle in Chucks letztem Kapitel beschäftigt ist. Anders gesagt: Jimmy macht sich Vorwürfe. Und das zu Recht: Denn, wie Howard Hamlin (Patrick Fabian) gegenüber Jimmy und Kim (Rhea Seehorn) darlegt, war es Chucks Streit mit seiner Anwaltsversicherung, die ihn in den Tod trieb. Drahtzieher dieser Auseinandersetzung war Jimmy, der in einem niederträchtigen Rachezug die Versicherer seines Bruders über dessen Zustand informierte.

Tja Howard, ich schätze damit musst du jetzt leben.

Jimmy McGill zu Howard Hamlin

Obendrauf nutzt Jimmy sogar die Trauer Howards aus, um diesen durch sein provozierend gelassenes Verhalten zu verletzen. Ein weiterer Wesenszug, den wir in dieser Intensität bei Jimmy bis dato nicht zu sehen bekamen.

In der Summe macht die Folge Rauch klar, dass Chucks Tod ein einschneidendes Ereignis für die ganze Serie ist. Im wahrsten Sinne des Wortes ist Jimmy altes Leben zu Rauch verpufft. Seine Karriere hängt (vorübergehend) am Nagel, seine Familie ist verschieden, seine finanzielle Sicherheit hinüber. Alles in allem also eine gute Basis für eine dramatische vierte Staffel und einen reiferen Tonfall der ganzen Serie, der uns immer weiter Richtung "Saul Goodman" aus Breaking Bad befördern wird.

Das tatsächliche Highlight der Folge ist jedoch das Schicksal von Gene, wie sich Jimmy McGill nach den Ereignissen von Breaking Bad nennt. Stilsicher und mit einer ordentlichen Portion paranoider Spannung inszeniert, zeichnet sich hier am deutlichsten ab, dass Staffel 4 düsterer wird. Dass wir diese Staffel mehr von Gene sehen werden, wie Bob Odenkirk bestätigt, kann ich nur begrüßen.

Während Jimmys und Genes Handlungsstränge einen gelungenen Auftakt darstellen, sind die Storylines von Mike, Nacho und Gus Fring weniger einprägsam und fühlen sich mehr wie der Nachklang der Ereignisse aus Staffel 3 an.

Besonders mit Mike Ehrmantraut (Jonathan Banks), den die Fans in unserer Better Call Saul Facebook Fangruppe kürzlich zu ihrem Liebling #2 bestimmten, fällt der Serie enttäuschend wenig ein. Seine investigative Tour durch das Madrigal-Lager ist zwar virtuos geschnitten, ließe sich jedoch auch in deutlich weniger Einstellungen abvespern. Dennoch begrüße ich es grundsätzlich, dass sich Better Call Saul – Staffel 4 offenbar mehr mit dem mysteriösen Konzern Madrigal Automotive auseinandersetzen wird. Warten wir ab, was sich daraus noch ergeben wird.

Fazit: Folge 1 'Rauch'

Mit dem sich andeutenden Richtungswechsel beweisen die Showrunner Vince Gilligan und Peter Gould Mut – beschreiten aber auch die richtige Richtung. Denn nach drei Staffeln wird es Zeit, dass sich die bisher sympathisch dahinplätschernde Serie mehr Drama, mehr Spannung und radikalere Charakterentwicklungen zulegt. Mit der sich immer deutlicher abzeichnenden Stoßrichtung „Breaking Bad“ wird dies sowieso nötig. Dennoch wird es spannend zu sehen sein, ob es der Serie gelingt, den einzigartigen Look and Feel beizubehalten, der Better Call Saul so einzigartig macht.


Kritik: Folge 2 'Atmen'

Original-Titel:  Breathe
Erscheinungsdatum: 14. August 2018 (DE)

Jimmy McGill gespielt von Bob Odenkirk auf einem Weg zu einem Bewerbungsgespräch in Better Call Saul Staffel 4 Episode 2 Atmen

© 2018 Netflix

Nach einem düsteren Staffelauftakt gönnt sich Folge 2 Atmen im wahrsten Sinne des Wortes eine Verschnaufpause – zumindest, wenn man Jimmys Storyline betrachtet. Denn viel passiert hier nicht. Es sieht so aus, als fiele den Produzenten Vince Gilligan und Peter Gould mit unserem Titelhelden zunehmend weniger ein.

Die besten Dialogzeilen hat zwar noch immer Jimmy (Bob Odenkirk), der sich mit seinem brillanten Verkaufstalent zu vermarkten weiß, doch im Vergleich zur restlichen Episode fällt seine Jobsuche enttäuschend spannungsarm und nichtssagend aus.

Das liegt zunächst daran, dass der Konflikt zwischen Chuck und Jimmy, der die dritte Staffel mit Leben füllte, schmerzlich fehlt. Jimmys Handlungsstrang fühlt sich leer und antriebslos an, da unserem Protagonisten ein Widersacher fehlt. Dass Kim Jimmy vor Howards verdrehter Großzügigkeit bewahrt, ist zwar nett gemeint, nimmt Jimmys Story aber zusätzlich den Wind aus den Segeln. Aber wer weiß, vielleicht erreicht dieser Sturm Jimmy doch noch.

Viel problematischer ist, dass Jimmys Handlungsstrang und Charakterentwicklung lediglich im Schritttempo vorantuckern. Zulange braucht die Folge, um zu wenig zu erzählen. Das einzige, was die Handlung weiterbringt ist die Erkenntnis, dass Jimmy eine wertvolle Porzellanfigur stehlen will. Honestly, AMC? Auf der einen Seite braut sich ein Drogenkrieg zusammen und auf der anderen Seite soll ich „Ohh“ und „Ahh“ sagen, wenn Jimmy Nippes rauben will? Hoffentlich werden die nächsten Folgen dieses Ungleichgewicht der Handlungsstränge in Angriff nehmen.

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Während Jimmys Storyline enttäuscht, leben Nacho (Michael Mando) und Gus Fring (Giancarlo Esposito) unter der zusätzlichen Screentime wahrlich auf. Ganz besonders Nacho, dem die Höhepunkte der Folge gehören, entwickelt sich im Eiltempo zum spannendsten und vielversprechendsten Charakter der ganzen Serie.

Denn hin- und hergerissen zwischen Familie und Kartell, Gewalt und Vergebung sowie Kontrolle und Kontrollverlust, macht Nacho wett, was anderen Figuren der Serie fehlt: existenzielle Konflikte. Besonders die berührende Szene mit seinem Vater sowie die Schlussszene mit Gus, bringen eindrucksvoll und atemberaubend auf den Punkt, welche Kräfte an Nacho zerren, was Michael Mando wiederum erstklassig schauspielerisch umzusetzen weiß. Hut ab.

Am meisten im Gedächtnis bleiben wird wohl die letzte Szene der Folge, in der Arturo durch Gus‘ Hand das Zeitliche segnet. Diese unerwartete, rohe Gewalt schockt zutiefst und sorgt für einen erstklassigen Plot Point, der Nachos Handlungsstrang nur umso spannender machen wird. Spätestens jetzt ist klar, dass Staffel 4, wie schon letzte Woche besprochen, einen weitaus düsteren Weg einschlägt, als wir es von Better Caul Saul gewohnt sind. Endlich.

Fazit: Folge 2 'Atmen'

Episode 2 Atmen setzt den düsteren Ton der ersten Folge fort und sorgt im Gus/Nacho-Handlungsstrang für nervenaufreibende Spannung, die in diesem Ausmaß Neuland für Better Call Saul sind. Jimmys Geschichte fällt jedoch weiter ab, da es sowohl an einem Widersacher als auch dramaturgischen Einfällen fehlt.  Better Call Saul – Staffel 4 hat noch immer deutlich Luft nach oben.

– Kritik von Nono Weinzierl


Kritik: Folge 3 'Was Gutes'

Original-Titel:  Something Beautiful
Erscheinungsdatum: 21. August 2018 (DE)

Die Cousins Leonel and Marco Salamanca zielen mit Pistolen in der Wüste vor Albuquerque in Better Call Saul Staffel 4 Folge 3 Etwas Gutes

Folge 3 präsentiert sich gnadenlos und spannungsgeladen, und macht unter anderem so manchen Patzer wett.

In Episode 3 der vierten Staffel ist der Name Programm: Denn nach einer Reihe von Patzern zum Staffelauftakt gelingt Better Call Saul mit der neuen Folge tatsächlich nicht nur „was Gutes“, sondern „einiges Gutes“, wie meine Episodenkritik erklärt. In unserem Better Talk About Saul Podcast gehen wir noch weiter ins Detail:

Gutes geschieht vor allem in Jimmys Handlungsstrang, in dem die langatmige erzählerischere Flaute der letzten Folge zwar noch nicht vollends überwunden ist, aber immerhin nimmt die Geschichte unseres Titelhelden langsam wieder Fahrt auf: Das zeigt sich zunächst an den Einbruchsszenen bei Neff Copiers, die gekonnt Slapstick und Spannung verbinden, was gute Unterhaltung garantiert.

Umso wichtiger sind jedoch die potentiellen Auswirkungen auf den Fortgang der Staffel: Denn wie sich spätestens jetzt abzeichnet, hegt Jimmy McGill (Bob Odenkirk) keine großen Ambitionen mehr einen legalen Job anzunehmen. Dass der neue „Karriereweg“ des aktuell suspendierten Anwalts auf kurz oder lang auch seiner Partnerin Kim (Rhea Seehorn) auffallen muss, steht außer Frage. Ebenfalls sicher ist, dass die rechtschaffene und gewissenhafte Kim Jimmys illegalen Machenschaften nicht mittragen wird.

Ein Konflikt scheint also vorprogrammiert. Sollte dieser ausbrechen, dürfen wir auf eine Handlung mit enormer Sprengkraft hoffen – eine Entwicklung, die Jimmys Storyline, die nach Chucks Ableben an Zug verloren hat, wieder zu neuer Spannung verhelfen würde. Denn ohne Kim, die Jimmy sowohl beruflich, freundschaftlich als auch privat Halt gibt, wird aus dem empathischen Jimmy McGill schneller als gedacht der gerissene Saul Goodman.

– Kritik von Nono Weinzierl

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Auch für Kim gibt es Positives zu vermelden: Nachdem Rhea Seehorn schon in Folge 2 mit einer emotionalen Szene überzeugen durfte, setzt die Darstellerin von Kim Wexler diese Woche noch eins oben drauf. In einer der bewegendsten Szenen der bisherigen Staffel überreicht Kim Jimmy Chucks Abschiedsbrief, der entgegen aller (besonders Kims) Erwartungen versöhnliche Töne anschlägt.

Unterstützt von einem besonders feinfühligen Filmschnitt, sehen wir wie Kims Emotionen einen Chorus von Sorge, Zweifel, Schuld und Mitleid anstimmen, der schließlich in einem Crescendo gipfelt, in dem Erleichterung und Trauer die Tränen heraustreiben. Einsame Spitze!

Dass die Serienmacher in dieser Staffel mit Kim offensichtlich einiges vorhaben, freut mich umso mehr, da komplexe weibliche Charaktere in der Männer-dominierten Serie de facto nicht zu finden sind. Ein Manko, dass Seehorn, wie sie gerade eindrucksvoll bewiesen hat, berichtigen kann – wenn man sie lässt.

Während Jimmys Story noch am Warmlaufen ist, ist Nachos (Michael Mando) Schicksal in voller Fahrt – Richtung Endstation. Als Bauernopfer in Frings perfidem Spiel, scheint er seinem Ziel auszusteigen so weit entfernt wie je. In der letzten Folge von Gus Fring (Giancarlo Esposito) als „Doppelagent“ zwangsrekrutiert, inszenieren seine Handlanger nun einen Vorwand, damit die Organisation des Fast-Food-Managers ein eigenes Drogenlabor aufbauen kann.

Diese virtuos inszenierte Eröffnungsszene, erzeugt sowohl durch die visuelle Gestaltung als auch durch die schockierende Gewalt einen düsteren Sog, der sich bereits in der letzten Folge abzeichnete. Spannung und Drama werden hier greifbar, wie nur selten bisher in Better Call Saul. Weiter so!

Zudem wird das übergeordnete Storytelling der Staffel vielschichtiger, was ebenfalls zu begrüßen ist. Denn durch Frings strategisches Händchen, in dem er Juan Bolsa, den Mittelsmann zum mexikanischen Kartell, die Entscheidung treffen lässt, die sich Fring selbst wünscht, ergeben sich vielfältige neue dramaturgische Optionen, die für weitere Spannung sorgen werden.

Ebenfalls erfreulich ist, dass es der Folge trotz zunehmender Dramatik gelingt die absurde Einzigartigkeit, sozusagen den Spleen, von Better Call Saul beizubehalten, was sich besonders in der Laborszene zwischen Gus und Gale Boetticher zeigt, den wir bereits als Frings Meth-Koch aus Breaking Bad kennen.

Fazit: Folge 3 'Was Gutes'

Episode 3 Was Gutes stellt die Weichen für die restliche Staffel, die in allen Handlungssträngen eine ordentliche Portion an Drama zulegen kann. Besonders hervorstechend ist Rhea Seehorns vielfältiges Schauspiel und eine einfallsreiche und virtuos inszenierte Eröffnungsszene, die eindeutig die Handschrift von Breaking Bad trägt.

– Kritik von Nono Weinzierl


Kritik: Folge 4 'Reden'

Original-Titel:  Talk
Erscheinungsdatum: 28. August 2018 (DE)

Einer der Salamanca Cousins zielt mit einer Pistole in Better Call Saul Staffel 4 Episode 4 Reden

In Folge 4 gehen die Salamancas Gus Plan endgültig auf den Leim.

In Episode 4 Reden wird nicht viel gequatscht, sondern viel geschossen. Dennoch bleibt die vierte Staffel Better Call Saul in der Vorbereitungsphase. Lässt sich die Serie endgültig zu viel Zeit oder dient alles nur des unterschwelligen Spannungsaufbaus? Schließlich ist schon beinahe Staffel-Halbzeit. Ob der gnadenlose „Slow-Burn“ immer noch aufgeht oder jetzt langsam mal Butter bei die Fische kommen muss, erfahrt ihr in dieser Episodenkritik. Noch mehr in die Materie eintauchen, kannst du mit unserem Podcast

Reden startet mit einer Szenencollage, die Mikes Sohn Mathew, aka „Matty“, als Kind zeigt. Das Intro wirkt mit seinen Homevideo-Überblendungen und dudelnder Hintergrundmusik ungewohnt, fast schon aus einer 90er-Jahre Sitcom geklaut. Ein harter Cut leitet über zu einem seelentot dreinschauenden Mike, gefangen im Stuhlkreis der Gruppentherapie. Auch die nüchterne Beobachterinszenierung, die schon lange das Markenzeichen von Better Call Saul ist, soll für den Rest der Episode nicht mehr solchen Experimenten weichen.

Die vierte Folge zählt zu den tristesten Kapiteln der Serie. Das liegt vor allem daran, dass Jimmy (vorerst) zu einer Nebenfigur degradiert wird und die düsteren Handlungsstränge um Mike und Nacho in den Vordergrund rücken.

Tatsächlich ist Jimmys Odysee zu Saul Goodman in eine Flaute geraten. Der eigentliche Hauptcharakter scheint plan- und ziellos zu sein. Gerade hat er noch eine Porzellanfigur stibitzt, jetzt schlägt er die Zeit als Handy-Verkäufer mit einem Flummi tot. Auch wenn diese Szenen im Kontext der Serie ihre Daseinsberechtigung verteidigen könnten, sind sie vorerst belanglos. Es fehlt der Drive, das Pay-Off – vor allem fehlt Chuck.

Ohne einen echten Gegenspieler ächzt Jimmys Geschichte nach Drama und Momentum. Die Beziehung zwischen den Brüdern McGill war das Herz der Serie. Diese Leere konnte bis jetzt nicht gefüllt werden. Spätestens ab der nächste Folge muss Jimmys Plot eine klare Richtung einschlagen und die Charakterzüge des angehenden Saul Goodman schärfer zeichnen.

Umso spannender wird der Weg von Nacho. Im Gegensatz zu Jimmy befindet sich Mr. Varga in einem echten Dilemma. Hin- und hergerissen zwischen den Salamancas, Gus Fring und seinem Vater, schwebt der Charakter ohne Breaking Bad-Hintergrund in einer zerbrechlichen Blase, die ihn vor dem baldigen Serien-Tod bewahrt. Die Suspense erreicht zwar bei weitem nicht das Niveau des Duells Heisenberg vs. Fring, entwickelt sich aber hervorragend.

Der Shoot-Out der Salamanca-Brüder, die mit dem Massaker unwissend die Konkurrenz von Gus Fring eliminieren, gehört zu den größten „Action-Szenen“ der Serie. Die Inszenierung ist authentisch und dezent, so wie es sich für Better Call Saul gehört. Aber wieder der Vergleich: Gegen die letzte Schießerei der Cousins aus Breaking Bad-Folge 03x07 gegen Hank Schrader, verblasst das gebotene Geballer auf allen Ebenen.

Mike Ehrmantraut ist die interessanteste Figur in Reden. Nicht nur redet der verbitterte Mike mehr als sonst, er durchlebt auch eine subtile Charakterentwicklung, die seine moralischen Prinzipien aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Seine eiskalte Offenbarung eines Schwindlers aus der Selbsthilfegruppe scheint der Auslöser für eine Abwärts-Spirale zu sein, die „Opa-Mike“ in „Gus’ Mann für’s Grobe“ verwandelt. Welchen Auftrag hat Gus für Mike? Die Ermordung von Nacho Varga? Wir werden sehen…

Fazit: Folge 4 'Reden'

Jimmys Transformation zu Saul Goodman hängt immer noch in der Warteschleife fest. Langsam wird’s echt Zeit! Dieser Einbruch der Dramaturgie wird aber übertüncht von Nacho- und Mike-Szenen, die es in sich haben. Die beiden Nebencharaktere hängen nun endgültig im Netz der schwarzen Witwe namens Gus Fring, ein guter Schub für die Spannung dieser Nebenplots. Tatsächlich entwickelt sich Better Call Saul immer mehr zu Breaking Bad. Diese Entwicklung wollen wir nun aber auch für den Handlungsstrang von Jimmy sehen.

– Kritik von Keyvan Azh


Kritik: Folge 5 'Eine Wilde Fahrt'

Original-Titel:  Quite a Ride
Erscheinungsdatum: 04. September 2018 (DE)

Jimmy McGill verkauft Handys an eine Rockerbande in Better Call Saul Staffel 4 Episode 5

Eine Wilde Fahrt war die vierte Staffel bisher nicht unbedingt – mehr ein gemütlicher Spaziergang. Doch zur Staffelhälfte zieht das Tempo endlich an. Vor allem Jimmys Story holt die verlorene Zeit der letzten vier Folgen auf. Was Eine Wilde Fahrt so besonders macht, erfahrt ihr in dieser Kritik. Unser Episodenpodcast geht zudem noch mehr ins Detail. 

Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Während der Plot um Mike und Nacho immer interessanter wurde, schien die Hauptfigur im Limbus verloren zu sein. Vier Folgen lang bekam Jimmy so gut wie nichts zu tun. Doch damit ist jetzt Schluss. Diese Folge ist der letzte Startschuss für Jimmys Sprint zu Saul Goodman. Tatsächlich ist der titelgebende Alias in dieser Folge auch das erste Mal zu sehen!

Wie nie zu vor bricht Better Call Saul mit seiner eigenen Erzählstruktur. Das Intro von Eine Wilde Fahrt zeigt einen verzweifelt Saul, kurz vor Ende der Breaking Bad-Ära, in dringlicher Aufbruchsstimmung. Saul bestellt einen „Staubfilter“ und beantragt damit das Verschwinde-Programm, das Saul zu Gene machen soll. Diese Szene spielt nur wenige Stunden vor Staffel 5, Folge 15 Granite State. Die Intro ist energetisch und spannungsgeladen, ein echter Wachrüttler.

Besonders köstlich ist Francescas kalte und gleichgültige Art, die im krassen Gegensatz zur „alten“ Francesca aus Better Call Saul - Staffel 3 steht. Kaum vorstellbar, was für Entwicklungen Jimmy und seine Sekretärin noch hinlegen müssen.

Dass Better Call Saul nicht mehr viel Zeit bis Breaking Bad bleibt, scheint der Serie nun schlagartig bewusst geworden zu sein. Endlich sehen wir die Flamme in Jimmy auflodern und sein Talent, aus schlechten Situationen mit allen Mitteln das Beste herauszuholen. Jimmy verkauft nun Wegwerf-Handys an kriminelle Kunden… auf der Straße. Endlich besitzt sein Handlungsstrang wieder die altbekannte Absurdität.

Natürlich war uns klar, dass „Slippin’ Jimmy“ aus dieser langweiligen Situation ausbrechen wird. Doch umso erstaunlicher ist es, dass Kim eine ähnliche Entwicklung durchzumachen scheint. Auch sie fühlt sich in ihrem aktuellen Job fehl am Platz und sucht sich eine Beschäftigung, in der sie wirklich aufgehen kann. Nun sehen wir Kim als Anwältin für Kleinkriminelle, und nicht Jimmy. Ein unerwarteter Einschlag, der aber umso willkommener ist. Und jetzt mal Hand aufs Herz, uns hat Mesa Verde auch gelangweilt.

Der Mike-Plot beginnt mit einer Szene, der es komplett an Kontext fehlt. Die Drehbuchautoren scheinen dieses Stilmittel zu lieben. Erst Take für Take stellt sich heraus, dass die unbekannte Person das Opfer von Mikes paranoiden Sicherheitsvorkehrungen ist. Die Szene ist urkomisch und mit Jump-Cuts und POV-Perspektiven versehen. Hier zeigt Better Call Saul erneut seine Qualität, aus stillen Situation das Maximum an Spannung und Komik zu kitzeln.

Endlich stellt sich das leichte Bauchkribbeln ein, dieses Gefühl, etwas heimliches und verbotenes zu tun, das Breaking Bad so auszeichnete. Das Undercover-Bewerbungsgespräch mit einem lauschenden Gus im Hinterzimmer läutet die interessante Phase des organisierten Verbrechens ein, obwohl sich der Plot immer noch etwas zu sehr nach Exposition für Breaking Bad anfühlt. Kandidat Nr. 2 namens Werner Ziegler (Rainer Bock) erinnert mit seinem Präzisionsdenken und seiner leicht schrulligen Art an den frühen Walter White. Am Ende ist sogar Gus von Zieglers Kompetenz beeindruckt und ringt sich ein paar deutsche Worte ab, die in der deutschen Synchro natürlich unentdeckt bleiben.

Fazit: Folge 5 'Eine Wilde Fahrt'

Staffel 4 hat endlich seine Richtung gefunden. Letzte Woche habe ich mich noch gefragt, was eigentlich der geschichtliche Aufhänger dieser Staffel sein wird. Nun steht fest: Alle Hauptcharaktere, also Jimmy, Kim, Nacho, Gus und Mike, wollen aus ihrer aktuellen Welt ausbrechen und sich ein neues Business erschaffen. Die Charaktere scheinen endlich ihre Richtung zu finden, wodurch auch die Geschichte endlich spannender und stringenter wird. Better Call Saul scheint die Makel der letzten Folgen wieder wett zu machen – schneller, als wir alle dachten. Und jetzt bitte mit Vollgas ins Ziel!


Kritik: Folge 6 'Piñata'

Original-Titel:  Piñata
Erscheinungsdatum: 11. September 2018 (DE)

Bob Odenkirk als Jimmy McGill bedroht Jugendliche Kriminelle, die zwischen Piñatas kopfüber von der Decke hängen in Better Call Saul Staffel 4 Episode 6 Piñata

Jimmy träumt vom Leben als „Criminal Lawyer“ – oder doch als „criminal Lawyer“? Folge 6 Piñata macht aus Jimmy einen echten Kriminellen. Die Uhr steht kurz vor Zwölf und Saul Goodman mit einem Bein in der Tür. Weshalb sich die Serie nun auf dem exakt richtigen Kurs befindet, erfahrt ihr in der Kritik. Noch mehr Details gibt's in unserem Podcast: 

Die Bilder der Eröffnungsszene wirken leicht unterkühlt. Wie uns Better Call Saul bereits gelehrt hat, spielen diese Szenen in der Vergangenheit. Mit ein wenig Recherche kann man anhand des Oscar-Tippspiels auch ableiten, dass der Flashback aus dem Jahr 1993 stammt. Aber was soll uns diese Szene sagen? Außer natürlich, dass der Oscar-Film „Howards End“ ein nicht gerade subtiles Foreshadowing für Howard Hamlins Schicksal ist und Chuck sein versprochenes Cameo bekommt.

Jimmy scheint in Kim heimlich verliebt gewesen zu sein und reagiert neidisch auf ihre Fangirl-Attacke über Chuck. Das kongeniale, dialoglose Storytelling der Serienmacher spricht für sich, als Jimmy kurz darauf die Bibliothek besucht: Baut Jimmys Karriere als Anwalt darauf auf, dass er Kim imponieren wollte?

Diese kleinen Details des visuellen Storytellings, die mehr aussagen als zehn Dialogzeilen, zeigen sich in der Folge noch öfter. Als zum Beispiel Kim heimlich Jimmys Namenvorschläge für „Wexler & McGill“ anschaut, sehen wir Jimmys innere Zerstreutheit: Während er Kim durchgehend als Expertin für Bankrecht ausführt, wechselt seine Spezifikation in jedem der Vorschläge – egal was, Hauptsache mit Kim zusammen. Umso mehr Gewicht bekommt Jimmys kleine Panikattacke im Restaurant, als er von Kims Zukunftsplänen mit Schweikart & Cogley erfährt.

Trotz dieser kleinen Details ist Piñata keine Folge, die nur kleine Schritte geht. Für Better Call Saul-Verhältnisse bewegt sich Jimmys Storyline sogar in Lichtgeschwindigkeit. Nach den langsamen ersten vier Folgen, ist dieser Sprint unerwartet und umso willkommener. Jimmys Tatendrang ist für uns Zuschauer ansteckend und unterhaltsam. Wir sehen ihn zwar immer noch nicht in Anwalts-Action, doch der Umweg als krimineller Handyverkäufer ist derart abstrus, dass nur das Drehbuchteam um Vince Gilligan damit umgehen kann.

Die Rückkehr von Mrs. Ngyuens Nagelstudio lässt die komödiantischen Vibes der ersten Staffel wieder aufflackern und heitert die bisher eher düstere vierte Staffel etwas auf. Allerdings ist Jimmys darauffolgende Szene ein echter Schocker. In bester Heisenberg-Manier verdient sich Jimmy den Respekt der Straße, indem mit Kleinganoven „Piñata“ spielt. Die desorientierte Inszenierung der Szene ist nicht nur gruselig, sondern beinahe schon grotesk. Wir können davon ausgehen, dass Jimmy endgültig das moralische Grund-Level eines Saul Goodman erreicht hat. Jetzt fehlt nur noch der Name.

Auch bei Mike und Gus hat sich viel getan. Während der lange und bedeutungsschwangere Monolog von Gus vor Hectors Bett zwar exzellent gespielt ist aber etwas über sein Ziel hinausschießt, bleibt das Bauprojekt von Werner Ziegler weiterhin spannend. Hier erschaffen die Drehbuchautoren eine clevere Situation, die dramaturgisch hervorragend ausgeschlachtet werden kann: Was passiert mit den deutschen Arbeitern, die sich zehn Monate in komplette Isolation begeben, um Gus Frings Superlabor zu bauen? Wir haben hier eine echte Big Brother-Situation, die ordentlich explodieren kann.

Fazit: Folge 6 'Piñata'

Die Serienmacher haben ihr Versprechen eingehalten. Tatsächlich fühlt sich Staffel 4 mehr nach Breaking Bad an als alle Staffeln zuvor. Das höhere Erzähltempo, das mit Folge 5 aufgefahren wurde und immer noch nicht abbaut, tut der Serie unglaublich gut. Zwar ist es schade, dass Nacho für zwei Folgen die Bühne verlassen musste, doch wird seine Abwesenheit mit Jimmys Side-Business und FringsBig Brother-Show bestens kompensiert. Zusammen mit Eine Wilde Fahrt ist Piñata die beste Folge der vierten Staffel!


Kritik: Folge 7 'Something Stupid'

Original-Titel:  Something Stupid
Erscheinungsdatum: 18. September 2018 (DE)

Unsere Episodenkritik erscheint am Mittwochabend, nachdem die neue Folge erschienen ist.


Kritik: Folge 8 'Coushatta'

Original-Titel:  Coushatta
Erscheinungsdatum: 25. September 2018 (DE)

Unsere Episodenkritik erscheint am Mittwochabend, nachdem die neue Folge erschienen ist.


Kritik: Folge 9 'Wiedersehen'

Original-Titel:  Wiedersehen
Erscheinungsdatum: 02. Oktober 2018 (DE)

Unsere Episodenkritik erscheint am Mittwochabend, nachdem die neue Folge erschienen ist.


Kritik: Folge 10 'Winner'

Original-Titel:  Winner
Erscheinungsdatum: 09. Oktober 2018 (DE)

Unsere Episodenkritik erscheint am Mittwochabend, nachdem die neue Folge erschienen ist.

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