Kritik: Broadchurch – Staffel 3

Sherlock & Watson im Real Life
Spoilerfrei!
Lesedauer: 6 Mins.
  • Titelbild für Kritik Broadchurch Staffel 3 mit dem kompletten Haupt-Cast
  • Diese BBC-Serie ist seit der ersten Staffel ein durchschlagender Erfolg, was erstaunlich ist: Es handelt sich  ja "nur" um eine einfache Krimiserie, die in einer englischen Provinz spielt – das Besondere ist nur die ikonografische Steilküste. Was ist so besonders an der Serie, dass sie sogar vom amerikanischen Fernsehen unter dem Titel 'Gracepoint' wiederverfilmt wurde (und krachend floppte)? Mehr in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Staffel 1 und 2: Spoilerfreier Rückblick Staffel 1 behandelte den Tod eines Jungen, der an besagter Klippe aufgefunden wurde. Der einheimischen Detektivin Ellie Miller (Olivia Colman) wird ein neuer Kommissar vor die Nase gesetzt,…

    88%

    Sehr gut

    Handlung
    85%
    Spannung
    80%
    Emotionen
    85%
    Schauspieler
    95%
    Tiefgang
    95%
    User Rating: Be the first one !
  • Staffelstart: 27.02.2017
    Episoden: 24 in 3 Staffeln
    FSK: 12
    Genre: , , , ,
    Showrunner:
    Besetzung: , , ,
    Bildrechte: © (2015-) StudioKanal

Gesamtbewertung:

Sehr gut
88%

Diese BBC-Serie ist seit der ersten Staffel ein durchschlagender Erfolg, was erstaunlich ist: Es handelt sich  ja "nur" um eine einfache Krimiserie, die in einer englischen Provinz spielt – das Besondere ist nur die ikonografische Steilküste. Was ist so besonders an der Serie, dass sie sogar vom amerikanischen Fernsehen unter dem Titel 'Gracepoint' wiederverfilmt wurde (und krachend floppte)? Mehr in der Kritik.

Staffel 1 und 2: Spoilerfreier Rückblick

Staffel 1 behandelte den Tod eines Jungen, der an besagter Klippe aufgefunden wurde. Der einheimischen Detektivin Ellie Miller (Olivia Colman) wird ein neuer Kommissar vor die Nase gesetzt, Alec Hardy (David TennantKilgrave aus Jessica Jones), der ihr von Anfang an durch seine nervöse und aggressive Herangehensweise gründlich auf die Nerven geht. Doch die anfängliche Feindschaft nimmt im Laufe der drei Staffeln eine erstaunliche Entwicklung, bis hin zu einer spröden und selbstironischen Freundschaft, die manchmal – besonders durch Tennants überzogene Spielweise – durchaus komische Szenen verursacht.

Die Ermittlungen des Todesfalls verursachen in den verschiedenen, miteinander verwandten oder befreundeten Familien tragische Konsequenzen. Es wird schon bald klar, dass dem Schreiber Chris Chibnal nicht das kriminalistische Element wichtig war, sondern die psychologischen und sozialen Faktoren im Mittelpunkt stehen ("watching humanity in a fishbowl"). Das hört sich vielleicht trocken an, ist aber in allen Facetten so mitreißend und emotional aufwühlend, dass wohl niemand hier unberührt rauskommt. Intensiv ist das Wort, das hier am besten zutrifft.

Staffel 2 handelt von der Gerichtsverhandlung und steht an Qualität und Spannung etwas zurück, wenn sie auch ein absolut Gänsehaut-würdiges Finale findet, wie man es selten bei einer TV-Serie zu sehen bekommt.

Darum geht's in Staffel 3:

David Tennant und Olivia Colman vor einer Steilküste in einem Szenenbild aus Broadchurch Staffel 3

Ellie Miller (Olivia Colman) und Alec Hardy (David Tennant) sind keine Super-Detektive, sondern normale Menschen, die von den Tragödien in der englischen Provinz genauso gezeichnet werden wie ihre Einwohner.

Staffel 3 setzt noch einmal neu an. Eine Frau wurde auf einer Geburtstagsparty überfallen und brutal vergewaltigt. Da auf der Feier praktischerweise die halbe Dorfbevölkerung anwesend war, tappen die beiden Ermittler zunächst im Dunkeln. Doch Miller und Hardy sind zwar als Charaktere sehr unterschiedlich, doch sie verbindet die Leidenschaft zu ihrem Beruf. Sie nehmen ihre Aufgabe sehr ernst und wollen den Vergewaltiger stoppen, bevor weiteres Unheil geschieht. Kein Stein bleibt liegen und die schmutzigen Geheimnisse von vielen kommen – wie schon in Staffel 1 – zum Vorschein. Hier bietet sich natürlich die Gelegenheit für viele falsche Spuren und der Fall wird erst in der letzten Folge so überraschend gelöst, dass wohl keiner behaupten kann, das habe er schon lange geahnt.

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Die Stärke der Serie

Serienschauspieler in den USA sind fast immer überdurchschnittlich gut aussehend. Das hat natürlich einen gewissen Unterhaltungswert, realistisch ist es aber nicht. In Broadchurch steht der Realismus im Vordergrund. Die gezeigten Personen, einschließlich der Ermittler, sind durchschnittliche Menschen, wie wir sie alle kennen. Auch die Polizisten haben ihre normalen Allerweltsprobleme und sind nicht geniale Ermittler, die nach einem kurzen Blick auf den Tatort sofort erstaunliche Schlüsse ziehen (Sherlock), auf die wir natürlich nie gekommen wären. Allerdings sind sie hartnäckig und kennen sich in ihrem Job gut aus. In den zahlreichen Verhören kommt es immer wieder vor, dass wir als Zuschauer gerne glauben würden, was da so erzählt wird.

Aber den Menschenverachter Alec Hardy zu überzeugen ist nicht so leicht. Ellie Miller ist wie immer gekennzeichnet durch starkes Mitgefühl mit dem Opfer. Durch ihren eigenen Leidensweg kann sie vieles nachvollziehen. In den Nebenrollen werden uns die Dramen des Alltags und der verschiedenen Lebensgeschichten präsentiert, und das lässt uns nicht kalt.

Alle Schauspieler sind überdurchschnittlich gut und das Drehbuch fordert ihnen extreme Leistungen ab. Besonders zu nennen sind dabei die Eltern des toten Jungen aus Staffel 1, die noch immer mit den Folgen kämpfen. Ihre Ehe hat die Krise nicht überstanden und besonders Mark ist noch schwer traumatisiert. Wie diese Person dargestellt wird, die tiefe Depression, Trauer und unterdrückte Wut ist absolut einmalig. Es kommt in der Mitte der Staffel zu einer Konfrontation, zu der ich ohne zu spoilern nichts inhaltlich sagen kann außer, dass hier der existentiellen Frage nach Rache, Vergebung und Weiterleben nach dem Verlust eines geliebten Menschen intensiv auf den Grund gegangen wird.

Unangenehme Themen

Wie sich schon erahnen lässt, ist das keine 08-15 Whodunit Krimiserie. Man könnte sie eher als Dramaserie verstehen mit einem starken sozialen Interesse. Was treibt einen Mann zu einem Angriff auf eine Frau und einer Vergewaltigung? Welches Rollenbild und welches Verhaltensmuster ist bestimmend für einen Heranwachsenden? Wie wirkt sich emotionale Vernachlässigung auf Menschen aus? Welche Rolle spielt der exzessive Konsum von Pornografie und die Gefahr von Social Media? Diese Frage müssen sich auch Miller und Hardy als Eltern von Teenagern stellen. Als am Ende der Täter sich erklärt und blauäugig seine Tat beschreibt, steht Ellie das Entsetzen vor dieser Gefühllosigkeit und Verrohung ins Gesicht geschrieben.

"Diese Frauen hatten doch alle schon mal Sex, auf einmal mehr kommt es doch nicht an."

Angeklagter

"Das war kein Sex, das war eine Vergewaltigung! Ihre Körper gehören ihnen, du kannst doch darüber nicht bestimmen!"

Ellie Miller

Zum Glück ist die Serie nicht nur grau, trüb und deprimierend. Das extreme schauspielerische Talent von David Tennant und Olivia Colman konnte man ja schon in zahlreichen berühmten Rollen bewundern. Mir bleibt eine kleine, unwichtige Szene im Gedächtnis: Alec trifft sich zu einem Blinddate mit einer hübschen Frau und blubbert in seiner Unsicherheit und Hypernervosität sofort heraus, dass seine Tochter ihm geholfen hat, die Richtige rauszufiltern, dass es überhaupt ihre Idee gewesen war. Im gleichen Moment realisiert er natürlich, wie undiplomatisch und dämlich das eigentlich war und versucht es zu überspielen. Als er dann später einigermaßen verwirrt Ellie über den Weg läuft, die natürlich sofort kapiert, was da schief gelaufen ist, wird einem klar, dass die beiden Ermittler mittlerweile so symbiotisch geworden sind wie Sherlock und Watson.

Am Ende sehen wir sie wieder, wie in den Staffeln zuvor, auf der Bank vor der ikonischen Klippe sitzen – sie wieder in der alten orangenen Windjacke, er in zerknittertem Anzug. Wieder lädt sie ihn auf einen Drink ein und wieder lehnt er ab. Man kann sich ja keine Blöße geben und zugeben, dass man an diesem Ort endlich eine Heimat mit guten Freunden gefunden hat.

Wie geht es weiter mit 'Broadchurch'?

Die Engländer lieben ihren Doctor Who. David Tennant spielte ihn schon, aktuell ist es Jodie Whittaker, die auch zum Cast von Broadchurch gehört. Tatsächlich wird der geniale Erfinder und Hauptschreiber von Broadchurch Chris Chibnal nun diese Serie nicht mehr fortsetzen sondern wechseln zu – richtig – Dr. Who. Damit ist die dritte Staffel das Ende einer grandiosen Serien-Trilogie, die allerdings nicht weiter fortgesetzt werden muss. Manchmal ist es doch ratsam aufzuhören, wenn es am schönsten ist. 

Fazit:

'Broadchurch' - Staffel 3 ist Krimi par excellence

Dieses Crime-Drama ist empfehlenswert für alle, die anglophil sind, die sich im englischen O-Ton über Tennants breites Schottisch kaputtlachen können und die im Großen und Ganzen an Menschen und ihren besonderen, alltäglichen Dramen interessiert sind. Broadchurch hält den Ball flach und ist genau deshalb so mitreißend und authentisch. Das Haupdarsteller-Duo aus Olivia Colman und David Tennant ist so stark, dass es sich den Vergleich mit Sherlock und Watson absolut verdient. Sorry, Tatort – die Engländer machen es einfach um Welten besser. 

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