Kritik: The Legend of Vox Machina – Staffel 1
DUNGEONS AND DRAGONS IN SERIENFORMAT
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DUNGEONS AND DRAGONS IN SERIENFORMAT
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Dunkelheit hat sich über den Kontinent Tal’Dorei ausgebreitet. Ein bösartiger Drache hinterlässt überall Tod und Verwüstung. Die besten und wagemutigsten Helden wurden losgeschickt, um sich dieser Bedrohung glorreich zu entledigen.
Und wenn diese es nicht hinkriegen, heuert man eben Vox Machina an.
Diese Heldentruppe genießt alles andere als einen guten Ruf. Statt für Heldentaten ist diese siebenköpfige Truppe für Randale, Kneipenschlägereien und unsittliches Verhalten bekannt. Als die Truppe nach einer neuen blutigen Auseinandersetzung aus einem weiteren Gasthaus fliegt, überlegen sie, ob sich dieses Team überhaupt noch lohnt. Doch genau in diesem Augenblick findet der vorlaute Barde Scanlan (Sam Riegel) eine Stellenausschreibung: Der König selbst heuert Söldner für einen sehr großzügigen Preis an. Vox Machina nimmt diesen Auftrag freudig an, nichts ahnend, dass ihr Ziel ein leibhaftiger Drache ist.
Doch die Düsternis des Drachen ist nichts im Vergleich zur Dunkelheit im Herzen von Percival de Rolo (Taliesin Jaffe). Eine Dunkelheit, die er vor seiner Truppe verheimlichen konnte und die immer stärker heraus will.
Moment Mal!
Drachen? Tavernen? Dysfunktionale Chaoten? Das ist doch keine Serie. Das klingt doch wie eine Dungeons and Dragons Kampagne. Und mit diesem Gefühl liegt man richtig, denn genau das ist sie auch!
Unter dem Namen Critical Role startete Matt Mercer mit sieben weiteren Synchronsprechern 2015 eine selbstgemachte DnD Kampagne als Live-Stream. Als Dungeon Master (Spielleiter) gab er an, was in der Welt um sie herum passiert und die Spieler traten daraufhin ihre Entscheidungen. Passende Würfelwürfe sollten entscheiden, ob ihre Aktionen gelangen oder fehlschlugen. Dieses einfache Prinzip wurde durch die Leistung der begabten Synchronsprecher zu einem Riesenerfolg, das hunderte Episoden und mittlerweile drei Kampagnen umfasste. Die erste Kampagne, Vox Machina, fand auf Kickstarter blitzschnell Unterstützer, weshalb der Start nur noch eine Frage der Zeit war. Schlussendlich konnte das Abenteuer nun endlich auf Amazon losgehen – mit den originalen Synchronsprechern, versteht sich.
Die eigentliche Frage ist: Lässt sich so ein “ungewöhnliches” Medium in Serienadaption umwandeln und kann dabei dem “Feeling” der DnD-Streams gerecht werden?
Die Prämisse liegt ganz klar auf einer seriösen Fantasywelt und einer Truppe von Chaoten, die diese unsicher machen, was die Serie hervorragend wiederspiegelt. Auch wenn die Charaktere anfangs wie klassische Fantasy-Archetypen eingeführt werden (der dümmliche Barbar, der notgeile Barde u.s.w.), so haben sie dennoch markante Eigenarten, die sie ausmachen. Vor allem die Charakterdynamiken sind das Herzstück der Serie. Dazu gehören beispielsweise die unerwartete Freundschaft zwischen dem riesigen Grog und der kleinen Pike, wobei sie es ist, die hauptsächlich auf ihn aufpasst. Oder auch Keyleth, die über mächtige magische Fähigkeiten verfügt, aber ständig die Ermunterung des Teams braucht, um zu funktionieren. Und für Scanlan braucht jeder aus der Gruppe ein besonderes Maß an Geduld.
Auch wenn nicht jeder Charakter gleich viel Aufmerksamkeit erhält (im Zentrum der ersten Staffel steht ganz klar Percy und sein Rachefeldzug) so ist man dennoch gespannt, wie es mit ihnen weitergeht.
Das Leben schreibt die Geschichte. Diese Aussage trifft selten so zu, wie bei einem Spiel, bei dem das richtige Würfelglück entscheidend ist. Tatsächlich haben sich einige Ereignisse und Handlungsentwicklungen aufgrund von Improvisation, plötzlichen Terminverschiebungen und vor allem sehr interessanten Würfelergebnissen ergeben. Diese unerwarteten Entwicklungen wurden dann genauso in die Serie eingebunden. So schaffen es die Charaktere durch Finesse und verrückte Einfälle auch aus den gefährlichsten Situationen herauszukommen, doch scheitern sie dabei immer wieder an verschlossenen Türen (nur aufgrund schlechter Würfelergebnisse) – so sehr, dass es zu einem Running Gag geworden ist. Und wenn es ums Improvisieren geht, so hat Sam Riegel mit Scanlans Musikeinlagen schon mehr als ausgesorgt.
Diese direkte Übertragung von einem DnD Spiel verläuft aber auch nicht immer nahtlos. Die Zuschauer der Streams kannten DnD, doch das gilt nicht für die Serie. Zwar ist diese Serie für ein Massenpublikum ausgelegt und in dem Sinne klar verständlich. Dennoch werden bei Zuschauern, die nicht mit DnD Grundlagen vertraut sind oder über ein gewisses Critical-Role-Insiderwissen verfügen, Fragen aufkommen: Woher ziehen sich die Charaktere ihre neuen Fähigkeiten? Wieso hat sich dieser Charakter plötzlich eine Auszeit genommen? Wieso ist Vex’s Bär Trinket plötzlich nicht mehr dabei? Eine gewisse Verwunderung ist daher nicht auszuschließen.
Doch auf der anderen Seite sorgt das für skurrile Überraschungen.
Doch wie sieht es mit der Kampagne selbst aus?
Auf den ersten Blick macht die Handlung nicht viel neu. Eine Abenteuerreise in einer mittelalterlichen Fantasywelt mit Magie, Mysterien und wunderlichen Gestalten. Dabei greift die Serie vor allem anfangs auf bekannte Abläufe zu. Doch auch in der späteren Handlung hat man bestimmte Storyelemente und Wendungen in ein oder anderer Form schonmal gesehen. Und einige der Konfrontationen erinnern uns dran, dass sie den Ursprung in feindlichen NPCs hatten, die Matt Mercer auf seine Spieler losließ. Amüsant, aber nicht immer nötig.
Wobei die Handlung hingegen punktet, ist die Inszenierung. Die Serie schafft es, das Meiste aus dieser verhältnismäßig simplen Reise herauszuholen und daraus etwas Bombastisches zu machen. Es beginnt zwar recht einfach als eine Fantasykomödie mit dysfunktionalen Charakteren, die sich endlich zusammenreißen und als fähige Helden unter Beweis stellen müssen. Doch sobald Percy mit den Briarwoods in Kontakt kommt und alte Erinnerungen wieder aufflammen, nimmt die Handlung langsam Fahrt auf.
Ab da wird die Reise immer intensiver, düsterer und dramatischer, je näher Percy seinem Ziel kommt. Vor allem die letzten drei Episoden setzen eine Schippe drauf und zeigen, zu was diese Truppe alles fähig ist.
Nicht umsonst nutzen die Fans den Spitznamen: “No Mercy Percy”.
„Sie sind das Gesicht, dass ich sah als Mordlust mein Herz flutete.“
Percival Fredrickstein von Musel Klossowski de Rolo III
Man kann nicht über die Serie reden, ohne wenigstens einmal auf die prächtige Animation einzugehen. In dem Sinne folgt The Legend of Vox Machina einem ähnlichen Weg wie Invincible: Hervorragend animiert und hervorragend brutal. Doch im Gegensatz zum Letzteren wird schon am Anfang ersichtlich, dass die Gewalt hier allgegenwärtig ist. Schnell werden wir daran erinnert, wie brutal eine Welt tatsächlich sein kann, die sonst nur in den Köpfen der DnD Spieler abläuft.
Doch trotz der Brutalität und der Gnadenlosigkeit eines mittelalterlichen Fantasysettings, wird einem gezeigt, wie schön diese Welt ist. Magie, Wunder und Wahnsinn wechseln sich ständig ab und wir werden mit einem Spektakel konfrontiert, das im Finale seine Höchstform erreicht.
Wer hätte gedacht, dass man eine durchgeknallte Dungeons and Dragons Spielekampagne als funktionierende Serie adaptieren kann? Mit talentierten Synchronsprechern als Spieler und einem kompetenten Spieleleiter funktioniert das hervorragend. Was daraus folgt, ist ein klassische, aber intensive Abenteuerreise mit liebenswerten Chaoten an der Front. Und auch wenn einige Zuschauer ein paar offene Fragen haben werden, so hat The Legend of Vox Machina gezeigt, dass Pen & Paper Rollenspiele eine Kunstform mit kinematischem Potenzial ist.
Jetzt kommt es nur noch auf einen kritischen Wurf an…
Artikel vom 27. April 2022
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