Kritik: Norsemen – Staffel 1

Grober Unfug im hohen Norden
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
Jugendgefährdende Inhalte
  • Poster für Kritik Norsemen Staffel 1 mit einem Wikinger und einem Raben auf seiner Schulter
  • Das Wikinger-Genre sorgte jahrelang nur für Nischenprodukte. Erst als Ragnar Loðbrók in 'Vikings' auf Beutezug ging, war das Sujet einem größeren Publikum wieder zugänglich. Mit 'Norsemen' antwortet Norwegen auf das TV-Spektakel – und wählt einen gänzlich anderen Ansatz. Ob dieser funktioniert, erfahrt ihr in unserer Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht's: Die Wikinger treiben wieder ihr Unwesen! Kühne Krieger segeln gen Westen, um erstmals in England für Angst und Schrecken zu sorgen. Allen voran der bullige, eher einfach gestrickte Arvid (Nils Jørgen Kaalstad), der sein Wikinger-Dasein einfach liebt. Sogar die Kriegerbraut Frøya (Silje Torp) mischt auf Raubzug kräftig mit,…

    83%

    Stark

    Handlung
    75%
    Humor
    85%
    Dialoge
    90%
    Charaktere
    80%
    Visuelle Umsetzung
    85%

    'Norsemen' – Staffel 1 ist Nonsense, wie er im Buche steht. Die hochwertig produzierte Serie wartet mit grandiosen Figuren und herrlichen Dialogen auf, die Vikings nach Strich und Faden verarschen.

    User Rating: 4.78 ( 2 votes)
  • Staffelstart: 14.10.2016
    Episoden: 6 in 2+ Staffeln
    FSK: 16
    Genre: , , ,
    Showrunner: ,
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: Viafilm

Gesamtbewertung:

Stark
83%

Das Wikinger-Genre sorgte jahrelang nur für Nischenprodukte. Erst als Ragnar Loðbrók in 'Vikings' auf Beutezug ging, war das Sujet einem größeren Publikum wieder zugänglich. Mit 'Norsemen' antwortet Norwegen auf das TV-Spektakel – und wählt einen gänzlich anderen Ansatz. Ob dieser funktioniert, erfahrt ihr in unserer Kritik.

Darum geht's:

Die Wikinger treiben wieder ihr Unwesen! Kühne Krieger segeln gen Westen, um erstmals in England für Angst und Schrecken zu sorgen. Allen voran der bullige, eher einfach gestrickte Arvid (Nils Jørgen Kaalstad), der sein Wikinger-Dasein einfach liebt. Sogar die Kriegerbraut Frøya (Silje Torp) mischt auf Raubzug kräftig mit, während ihr langweiliger Gatte Orm (Kåre Conradi) mit Rückenschmerzen daheim sitzt und sich mit Poesie beschäftigt. Doch als die Kriegsmeute den englischen Sklaven Rufus (Trond Fausa) zuhause anschleppt, verändert sich das Leben in der Kommune schlagartig...

Nonsense am laufenden Band

Man könnte erst meinen, dass das norwegische Duo Jon Iver Helgaker und Jonas Torgersen ein ähnlich realistisches Setting aufbaut wie im kanadischen Pendant Vikings. Doch damit wird gleich in den ersten Szenen aufgeräumt: Norsemen - Staffel 1 ist tatsächlich reiner Blödsinn und wirkt zuweilen wie eine Aneinanderreihung von möglichst schwachsinnigen Ideen.

Am ehesten könnte man den Klamauk noch mit Monty Python vergleichen. Das wird vor allem immer in den Dialogen offensichtlich, wenn die sonst so barbarischen Figuren höchst eloquent und argumentativ wasserdicht ihre eigene Kultur, Gepflogenheiten oder Traditionen kommentieren oder sogar kritisieren. Diese höchst reflektiert vorgetragenen Passagen sind das Herzstück der Serie und stehen in krassem Kontrast zum eigentlichen Setting – und genau das macht die Angelegenheit so unverschämt unterhaltsam. Allerdings wird nicht jeder den sehr eigenwilligen Humor mögen.

Ungeniert derbe Machtspielchen

Zusätzlich wird immer wieder mit den Erwartungen des Zuschauers gespielt. Teilweise werden Charaktere über zehn Minuten lang komplex eingeführt, nur um sie innerhalb einer kurzen Szene staubtrocken und brutal abzuschlachten. Wenn ein Sklave beispielsweise in der Nähe eines Schießübungsplatzes begeistert davon erzählt, dass er ab morgen ein freier Mann ist, dann ist es für den Zuschauer keine Überraschung mehr, wenn die Figur wenige Minuten später versehentlich zwei Pfeile in die Augäpfel geschossen bekommt. Dieser Humor geht voll auf - subtil ist er nicht, aber verdammt witzig!

Im Vordergrund ein Priester mit ausgestochenen Augen, im Hintergrund ein Wikinger mit zwei Pfeilen mit aufgespießten Augen in den Händen,

Das ging ins Auge: Norsemen liefert derben Humor vom Feinsten.

Dieses komödiantischen Kniffs wird sich in den acht Folgen immer wieder bedient. Und obwohl man mit jeder Folge mehr vorausahnt, was als nächstes passieren könnte, ist es doch immer wieder eine Freude, wenn diese Vorahnung auf süffisante Weise und mit höchster Übertreibung zur Realität wird.

Optisch hochwertig produziert

Vor allem die Optik der norwegischen Serie ist ein echter Hingucker. Opulente Drohnen-Shots zeigen die unberührte, wunderschöne Natur Skandinaviens; die detailgetreuen Schlachtschiffe dümpeln über endlose Fjorde; auch Kostüm und Ausstattung wirken wie aus einem Guss. Wenn diese schwachsinnige Handlung nicht wäre, könnte man fast glauben, man befände sich in einem Spin-Off von Vikings.

Doch selbst der ungeheure Aufwand hinter der Serie, die mittlerweile auf Netflix zu finden ist, dient letztlich nur wieder dem Humor. Die gestochen scharfen, sehr atmosphärischen Bilder stehen natürlich im starken Gegensatz zu den assoziativen, hirnverbrannten Ergüssen der Protagonisten. Ironischerweise funktioniert dadurch auch der Fäkalhumor, mit dem die Macher nicht geizen. Immer wieder muss man sich kopfschüttelnd fragen, warum Produzenten einen derartigen Aufwand für eine bescheuerte Zote unter der Gürtellinie betreiben. Doch diese Frage beantwortet sich von selbst, wenn man einen Augenblick später wieder in schallendes Gelächter ausbricht.

Ein männlicher und zwei weibliche Wikinger stehen auf einem Bootsdeck und schauen in die Ferne

Frøya (Silje Torp) ist eine Wikinger-Braut, wie sie im Buche steht.

Die sympathischen Schauspieler sind sich für nichts zu schade

Dem Cast von Norsemen – Staffel 1 muss man höchsten Respekt zollen. Um auch am internationalen Markt Gehör zu finden, wurden nämlich alle Dialoge zwei Mal gedreht: in norwegisch für die Landsleute, in englisch für das erweiterte Publikum. Diesen sicherlich herausfordernden Spagat merkt man den Schauspielern an, immer wieder scheinen sie nach den richtigen englischen Phrasen zu suchen. Gepaart mit dem charmanten norwegischen Akzent entsteht dadurch aber ein Ton, der sehr authentisch wirkt.

Wie auch schon die Serie nimmt sich der Cast keine Sekunde lang ernst. Und das ist gut so: die Figuren sind ohnehin überzogen und so dermaßen bescheuert angelegt, dass das selbstironische Spiel nur konsequent ist. Hier ist sich niemand für etwas zu schade - eine weitere Stärke der Serie.

Selbstreferenzielle Gaudi

Nachdem sich Vikings spätestens mit Staffel 4 ins inszenatorische Valhalla katapultiert hat (ob es Staffel 5 besser macht?), ist das Publikum reif für einen neuen Anlauf des Stoffes. Praktisch, denn Norsemen - Staffel 1 ist auf Anhieb ein Volltreffer, auch wenn es sowohl das offensichtliche Vorbild als auch sich selbst aufs Korn nimmt.

Fans von Vikings finden hier eine ungeheure Anzahl an Seitenhieben auf die Geschichte rund um Ragnar Loðbrók. Der dubiose Seher, die kulturellen Unterschiede zwischen Barbaren und den zivilisierten Engländern, die abstrusen Beziehungskonstellationen und der stetige Kampf um die Machtposition im Dorf - Kenner werden schnell merken, was hier alles durch den Kakao gezogen wird. Wer von Vikings die Schnauze voll hat, findet jetzt definitiv einen würdigen Ersatz.


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Fazit:

'Norsemen' – Staffel 1 ist Humbug auf hohem Niveau

Sie können es, die Norweger. Mit einem hohen Produktionsaufwand und einer schier unermesslichen Portion an Humor verarschen Jon Iver Helgaker und Jonas Torgersen das Vorbild Vikings nach Strich und Faden. Dabei finden sie eine ganz eigene Herangehensweise, die mit überzogen-vorhersehbarem Hau-drauf-Humor und köstlichen Dialogen aufwartet. Wer sich mit Klamauk der übelsten Sorte anfreunden kann, sollte sich diesen Geheimtipp nicht entgehen lassen. Ein Fest für die Lachmuskeln!

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