8.3/10

Kritik: Sandman – Staffel 1

SCHLAF KINDLEIN, SCHLAF!

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Genres: Comic, Fantasy, Mystery, Startdatum: 05.08.2022

Interessante Fakten für…

  • Kurz nachdem Dream 1917 von Roderick Burgess eingefangen wurde, treten weltweit mehrere Fälle von Traumstörungen auf, die später als „Enzephalitis lethargica“ bezeichnet werden. Dies ist historisch korrekt: Zwischen 1917 und 1928 litten Menschen im Vereinigten Königreich und in anderen Teilen der Welt an verschiedenen Traumstörungen. Die Ursache der Krankheit wurde nie gefunden.
  • Der Comicbuch Lucifer, der 2015 seine eigene Serienadaption erhalten hat, ist ein Spin-Off der Comicreihe Sandman. Aus diesem Grund hat die Serienadaption von Sandman auch eine eigene Version von Lucifer und von Mazikeen.

Die „Sandman“ Comicreihe – Das surreale Meisterwerk von Neil Gaiman hat nach 30 Jahren endlich eine Serienadaption auf Netflix erhalten. Sind unsere Träume endlich wahr geworden, oder doch eher unsere Albträume?

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#FantasyFanatic #Comicserien #AfterCredit

Darum geht’s

Im Jahre 1916 hat der Okkultist Roderick Burgess (Charles Dance) einen bizarren Plan: Er möchte den Tod einfangen. Und tatsächlich glückt das Ritual – doch es ist nicht Death, denn er eingefangen hat: Der blasse Mann im Bannkreis entpuppt sich als Dream (Tom Sturridge), die Personifikation der Träume. Von der Verwechslung unbeeindruckt erhofft sich Burgess übermenschliche Macht, doch Dream weigert sich zu kooperieren. So verweilt er als Gefangener im Hause der Burgess.

Erst als sich für Dream nach 106 Jahren Gefangenschaft und lange nach Rodericks Tod eine Chance bietet, schafft er die Flucht. Doch als er zurückkehrt, muss er feststellen, dass nicht nur die Menschenwelt durch sein Verschwinden gelitten hat: Sein Traumkönigreich liegt in Trümmern und in seinem geschwächten Zustand kann er es nicht alleine wiederherstellen. Da hilft nur eines: Er muss seine drei Artefakte der Macht finden, die ihm entwendet wurden, um sein vollständiges Potenzial als der Traumewige zu entfalten und wieder Ordnung zwischen Traum- und Wachwelt herzustellen.

Doch nicht alle wollen in das Traumreich zurück. Dafür hat der mörderische Korinther (Boyd Holbrook) viel zu viel Spaß in der Wachwelt…

Mr Sandman bring me a Show

Wer dachte, Neil Gaiman hätte bereits mit Good Omens und American Gods angefangen, epische Geschichte zu erzählen, der sollte sich mal seine Anfänge ansehen: Die preisgekrönte Sandman Comicreihe von 1989 machte Gaiman bereits frühzeitig berühmt. Die unwirkliche „Geschichte über Geschichten“ galt bereits damals als bahnbrechend. Und mit einem Protagonisten, der buchstäblich die Manifestation des Träumens und der Schaffer von Geschichten ist, konnte man damit rechnen, dass hierbei etwas Großes auf den Leser zukommt.

Lange Zeit galt die Comicreihe als unverfilmbar. Dafür war die Handlung viel zu surreal und die Geschichten viel zu losgelöst voneinander. Doch gerade Netflix hatte schon die ein oder anderen verrückten Träume. Da lässt sich doch hoffentlich etwas in der Traumküche zusammenbrauen…

Wenn Träume träumen

Kein Traum ohne Dream. Darum ist es logisch, dass sich diese Welt buchstäblich um den Traumherrscher dreht. Als einer von sieben Ewigen, die über ihre jeweiligen Domänen verfügen, inspiriert und verängstigt er die Menschheit mit seinen Traumwelten. Daher wirkt er auch nicht, als sei er an die wache Welt gewöhnt: Er ist stoisch, zeigt nur subtile Gesichtsregungen und seine Stimme ähnelt einem Flüstern. Seine dünne und blasse Gestalt geben ihm eine geisterhafte Erscheinung. Doch wenn nötig, kann er auch eine albtraumhafte Seite zeigen.

Das faszinierende an Dream ist: Obwohl er buchstäblich seit Ewigkeiten existiert, erweckt er den Eindruck eines jungen und unerfahrenen Herrschers, sobald er die Kontrolle zu verlieren scheint. Zu Beginn ist er davon überzeugt, dass er ganz alleine die Traumwelt aufrecht erhalten kann und reagiert erzürnt, wenn man ihm auch nur andeutet, er bräuchte bei irgendwas Hilfe. Alleine der Gedanke, dass sich Zeiten verändern und auch die Traumwelt lange nicht mehr dieselbe ist, ist für ihn Blasphemie. Hinzu kommt sein Stolz und seine Neigung dazu, lange Grolle zu hegen.

Obwohl er sich so von der Menschheit entfremdet fühlt, lassen ihn diese Eigenschaften sehr menschlich wirken. Das merken auch seine Begleiter – zumindest die, die er nahe an sich lässt. Das gilt besonders für Matthew (Stimme: Patton Oswalt), ein Mann, der im Traum verstarb und seitdem als Rabe an Dreams Seite agiert. Durch seine menschliche Betrachtungsweise bringt er eine interessante Dynamik in die Handlung mit ein. Das wird vor allem dadurch ergänzt, dass er in Dream weniger eine Gottheit sieht, sondern viel mehr einen Freund, der Fehler macht, aber gewillt ist zu lernen.

Als eigentlicher Hüter von Geschichten durchlebt Dream seine eigene persönliche Heldenreise, bei denen er nach und nach die Bedeutung von Veränderungen und vom Wert der Menschen lernt.

Nicht schlecht für eine abstrakte Personifikation!

Nur in deinen Träumen!

Dass sich Comicverfilmungen immer mehr zutrauen, ihrer Vorlage treu zu bleiben, ist an sich nichts neues mehr. Umso erstaunlicher ist es, wie treu Sandman seiner psychedelische Comicvorlage geblieben ist. Die ganzen Welten rund um Dream und den anderen Ewigen folgen ihrer ganz eigenen verrückten Logik und die Serie hat keine Hemmungen, uns in diesen Wahnsinn zu werfen. Da opfert man mal einen Traumdrachen, um die Schicksalsgöttinnen zu beschwören oder man spielt mit dem Teufel eine Partie darum, wer die größere Imagination hat – Die Realität ist in solchen Fällen wirklich das, was man daraus macht.

Hinzu kommt die Abwechslung. Jede Episode anders aussieht als die Vorherige: Mal ist sie episch und bildgewaltig, mal ist sie düster und erdrückend und mal ist sie ruhig gehalten mit einem Hauch von Magie in der Luft. Gerade die Effekte bringen das Fantastische gut zur Geltung. Existenzielle Themen, wie Wandel, Vergänglichkeit und der Kern der menschlichen Natur werden auf sehr unterschiedliche Weise beleuchtet. Dabei setzt man mit den Effekten weniger auf Realismus und viel eher auf den Fantasy- und den Comic-Flair, der hier erstaunlich gut funktioniert.

Geschichten über Geschichten

Sandman erzählt viele Geschichten. Die Comicreihe bestand aus vielen Einzelgeschichten, von denen einige den Weltaufbau förderten, während andere zu einem späteren Zeitpunkt wichtig für die Haupthandlung wurden. Und auch hier werden Geschichten erzählt, die sich nur langsam ins Große und Ganze einfügen. Und dieser Übergang funktioniert in der Serie nicht immer…

Einige Stellen fühlen sich durch die detailliert Erklärung und Darstellung doch etwas langatmig an und einige emotionalen Stellen können auch mal ins Kitschige rutschen. Das merkt man vor allem in der zweiten Hälfte, in der plötzlich ein neuer Handlungsstrang reingeworfen wurde, der sich stark von den bisherigen Ereignissen unterscheidet. Storytechnisch gesehen macht diese Entwicklung Sinn, doch der abrupte Stil- und Szenenwechsel kann am Anfang entfremdlich wirken.

An dieser Stelle merkt man, dass die Showrunner versuchen, zwei Comicausgaben miteinander zu kombinieren. Um die Handlungsstränge trotzdem zu verbinden, hat man den Korinther als Hauptschurken der ersten Staffel eingeführt, der von Anfang bis Ende da ist. Und daran gibt es nichts auszusetzen. Boyd Holbrook spielt den erschreckend charismatischen Killer mit Hingabe und verängstigt in fast jeder Szene, in der er drin ist. Doch auch hier fühlt es sich komisch an, dass er am Anfang im Hintergrund verweilt, nur um dann in den letzten Episoden als vollwertiger Oberschurke wieder aufzutauchen. Ganz nach dem Motto: „Hey, weist du noch! Ich bin noch da!“

Zwar erreicht die Serie im Finale wieder ihre Höchstform, doch einen Knicks im Spannungsbogen ist zu erkennen.

Crossover oder doch nicht?

So unglaublich das auch klingt: Die Comicreihe Sandman ist ein fester Bestandteil des DC Universums. So sehr sogar, dass die ein oder anderen bekannten DC-Charaktere ihren Auftritt hatten. Dies hat man hier außen vor gelassen, zumal man Sandman als selbstständige Serie etablieren wollte.

Doch dann gibt es Charaktere, die viel stärker in die übernatürlichen Elemente des DC Universums verstrickt sind. Und da hat man markante Entscheidungen getroffen. Statt den ikonischen Exorzisten John Constantine hat man beispielsweise Johanna Constantine (Jenna Coleman) genommen. Klar hat das pragmatische Gründe, zumal sie dadurch wie ein origineller Charakter wirkt (von den urheberrechtlichen Frage mal abgesehen). Dennoch fühlt es sich komisch an. Und John hätte man auch wieder mal gerne gesehen…

Doch einige Einfälle sind so verrückt, dass sie tatsächlich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Das beste Beispiel ist hierbei Lucifer – der DC-Lucifer, der in der Comicvorlage aus der Hölle floh und bereits seine eigene Serienadaption hatte. Die Sandman-Adaption hat ihren eigenen Lucifer und auch ihre eigene Mazikeen als engste Vertraute. Soweit war das zu erwarten. Was jedoch nicht zu warten war, ist ein Lucifer, der von Game of Thrones-Star Gwendoline Christie gespielt wird. Doch, wirklich!

Nach den anfänglichen Verwirrungen entpuppt sich diese Darstellung tatsächlich als sehr interessante Wahl. Die androgyne Darstellung des Lichtbringers passt erstaunlich gut ins ursprüngliche Konzept (zudem ist DC-Lucifer endlich wieder blond). Doch es ist vor allem die originelle Darbietung des Teufels, die sich hervorhebt: Ruhig, sanft, ausgeklügelt und doch boshaft und sadistisch auf eine sehr subtile Weise. Sandman weiß an vielen Stellen zu überraschen.

Fazit

8.3/10
Stark
Community-Rating:
Handlung 8/10
Spannung 7/10
Charaktere 9/10
Visuelle Umsetzung 8.5/10
Tiefgang 9/10
Details:

Selbst in unserer Wachwelt sieht Sandman erstaunlich gut aus. Das liegt vor allem daran, dass man so viele bildgewaltige und verrückte Elemente direkt aus der Vorlage übernommen hat, während man zugleich mit vielen neuen Eigenschaften herumexperimentiert hat. Doch es ist vor allem Dream, der die Serie zusammenhält. Von der Wiederfindung seiner Macht bis zur Konfrontation mit einer sich verändernden Welt erleben wir den Traumkönig in all seinen erstaunlich menschlichen Facetten.

Und auch wenn die Serie gelegentlich langatmig wirkt und die Handlung nicht immer einheitlich verläuft, so mangelt es der Comicadaption nicht an Faszination und Tiefgang.

Die zweite Staffel kann kommen. Doch erstmal eine Mütze voll Schlaf…

Artikel vom 20. August 2022

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