7.4/10

Kritik: Alle reden übers Wetter

The one that got away

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Genres: Drama, Startdatum: 15.09.2022

Interessante Fakten für…

  • Mit unter anderem Sandra Hüller und Ronald Zehrfeld treten kleine Stars des Deutschen Kinos auf, jeweils jedoch nur für wenige Augenblicke.

Heimat ist gleichfalls Sehnsuchtsort und Schreckgespenst. Dieser Film beleuchtet beides und bereichert die unerschöpfliche Ost-West-Debatte. Doch hat er für alle Dorfkinder, die in die Stadt ausgewandert sind, etwas Neues zu sagen?

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#Kinogänger #Klassiker #Trashfan

Darum geht’s

Ihre Kindheit und Jugend hat Clara (Anne Schäfer) in der mecklenburgischen Provinz mit Dorffesten, Dartscheibe und der scheidenden DDR verbracht, nun ist sie Philosophiedoktorandin und schläft mal in ihrer WG, mal mit einem ihrer Studenten. Neben dem stressigen Alltag an der Universität mit Leistungsdruck und Netzwerk-Parties kümmert sie sich um ihre jugendliche Tochter Emma (Emma Frieda Brüggler). Die Telefonate mit ihrer Mutter Inge (Anne-Kathrin Gummich) beschränken sich auf Gespräche über das Wetter und die Vorbereitung von Inges anstehender Geburtstagsfeier. Als es soweit ist und Clara ein Wochenende in der alten Heimat verbringt, bemerkt sie, dass ihre Wurzeln nicht abgestorben sind, aber weder in Berlin noch in Mecklenburg wirklich fest verwachsen können.

Kommen und bleiben

Und, woran denkst du, wenn du Mecklenburg-Vorpommern hörst? Ostseestrand? Oder nur „Osten“? Wahlergebnisse? Die Ost-West-Achse der Bundesrepublik bleibt ein beliebter Schauplatz in Literatur und Film, mit einer Vielzahl erhellender und verklärender Werke.

Annika Pinskes ambitioniertes Drama ist so stark, weil es die viel erzählte Dualität des wiedervereinigten Deutschlands um weitere Koordinaten erweitert. Die Konflikte liegen hier nicht zwischen Ossis und Wessis, sondern Alt und Jung, urban und dörflich, Hörsaal und Stammtisch, Berliner Altbau und Platte. Kommen und Bleiben. Der vielzitierte Spalt durch die Gesellschaft läuft nicht von links nach rechts oder von oben nach unten, der Spalt verläuft zwischen uns allen. Ähnlich wie bereits im nachdenklich-schweren Drive my Car lernen wir: Menschen verstehen Menschen nicht, weil sie zwar viel reden, aber nicht kommunizieren. Eine nachvollziehbare und nachhaltige Moral von der Geschicht‘, die Pinske über flotte 89 Minuten entwickelt.

Zurück zu den Wurzeln

Regisseurin und Drehbuchautorin Pinske, selbst in Frankfurt an der Oder aufgewachsen, scheint zu wissen, wovon sie erzählt: Mit stilvoller, aber deutlicher Ablehnung skizziert sie zunächst Claras gewähltes Habitat, elitäre Großstadt-Intellektuelle, die an der Uni über Hegels Philosophie der Freiheit referieren, nach dem dritten Glas Wein aber nicht mit Anzüglichkeiten und herablassenden Kommentaren geizen. Für die mit einem vollen Bücherregal, Moët und Schumanns Kinderszenen der äußerste Rand der Hochkultur erreicht ist. Wenige Dialogzeilen genügen, um ein immer schärferes Bild von diesem Milieu zu zeichnen, in dem sich Clara zwar auf dem Weg, aber nicht zuhause fühlt.

Die emotionale Kühle im akademischen Kosmos erinnern an Ich bin dein Mensch. Der Auftakt ist etwas langatmig, jede Szene möchte dringlich eine Zutat zum thematischen Rezept beitragen. Doch die im Drehbuch gesetzten Stiche stellen bald die entscheidende Frage: Wenn Clara aus diesem System hinaustreten könnte – würde sie wieder zurückwollen? Können Wurzeln, die wir in der Heimat ausgerissen haben, in einer neuen Heimat wieder gänzlich verwachsen? Nach einem langen Auftakt begibt sich das Drama auf die Suche nach Antworten auf diese Fragen.

Die Rückkehr in die Provinz ist mit Liebe, aber ohne den eingangs erwähnten verklärenden Blick, gestaltet. Heimat ist da, wo du auf der Straße mit Vornamen angesprochen wirst. Heimat kann aber auch sein, wo Jugendliche zu Rechtsrock auf der Parkbank sitzen. Die Geburtstagsparty ist in seiner Stimmung greifbar als wäre man da, Top 50-Hits vom DJ am blinkenden Mischpult und Wodka-Cola-Mische am Biertisch. Wer nicht durchmacht kommt morgens eh wieder, zum Aufräumen. Clara fühlt sich gleichzeitig angezogen und abgestoßen. Bereits am ersten Tag kehrt ihr regionaler Zungenschlag zurück (Respekt an Münchener Schauspielerin!) und doch verstehen sie und die Dorfbewohner:innen einander nicht. Zu viel ist passiert.

Jede Mutter ist auch eine Tochter

Im alten Netzwerk angekommen stellt sie nicht nur fest, dass andere Lebensmodelle als das eigene stabil existieren, sondern auch, dass ihr eigener, emanzipierter Lebensentwurf nicht vor generationsübergreifenden Problemen gefeit ist. Die brüchige, kommunikationsarme Beziehung zwischen Clara und ihrer Mutter Inge scheint sich in der Beziehung zu ihrer Tochter Emma fortzusetzen. Clara und Inge leben in völlig unterschiedlichen Lebenswelten und sprechen lieber übers Wetter als das, was sie wirklich beschäftigt. Clara und Emma sprechen nicht über aufwühlende Teenager-Gefühle und Schulprobleme, sondern lassen unausgesprochene Gedanken mit der Musik durchs Auto schweben.

Der Film streift die Kehrseite von Claras emanzipatorischem Selbstverständnis nur und fokussiert sich, glücklicherweise, vor allem auf den Begriff der Heimat, ein zwiespältiges Thema für viele Menschen, für Deutsche ganz besonders. Wer jemals von Zuhause weggezogen ist und auf dem Heimaturlaub den Großeltern erklären musste, was man „da eigentlich genau macht in der Stadt“, wird sich hier wiederfinden. Ebenso, wer den Tränen nahe feststellen muss, dass sich zwischen Familienmitgliedern ein Graben aufgetan hat, den tausende Small-Talk-Telefonate nicht füllen können. Im vielleicht intimsten Moment, in dem Clara ganz bei sich ist und wir bei ihr, öffnet sie sich und gelangt, abseits von allen Erwartungen zu einem klaren Blick: „Wenn ich einen Gedanken zu fassen kriege“, sagt sie über ihre akademische Arbeit, während sie das leere Schnapsglas in den Händen dreht, „und ihn aufschreibe und wer anders, der versteht dann, was ich meine. Das ist Heimat.“

Egal ob Mecklenburg oder Mannheim, 16 oder 60, Globetrotter oder Dorfwirt, Heimat ist da, wo wir miteinander kommunizieren.

Fazit

7.4/10
Ordentlich
Community-Rating:
Schauspiel 7.5/10
Emotionen 7/10
Dialoge 7.5/10
Tiefgang 8/10
Atmosphäre 7/10
Details:
Regisseur: Annika Pinske,
FSK: 12 Filmlänge: 89 Min.
Besetzung: Anne Schäfer, Anne-Kathrin Gummich, Emma Frieda Brüggler, Max Riemelt,

Der Auftakt nimmt sich viel Zeit um ein Milieu zu skizzieren, dass dem städtischen Programmkino-Publikum ohnehin bekannt sein dürfte. Leider vergehen die verbleibenden Filmminuten zu schnell, so liebevoll und tiefschürfend ist das Dorfleben inszeniert. Trotz vieler thematischer Baustellen und einem sachlichen Stil gelingt ein bewegendes Fazit: Wo wir offenherzig kommunizieren, kann Heimat entstehen. Egal welche Karten uns Geographie, Rollenbilder oder Status austeilen.

Artikel vom 20. September 2022

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