Kritik: Benedetta

Himmelherrgott!!
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
Jugendgefährdende Inhalte
  • Regisseur Paul Verhoeven ('Elle', 'Starship Troopers') ist bekannt für Filme, die an die Grenzen gehen und vor drastischen Sex- und Gewaltdarstellungen nicht zurückschrecken. Eine Geschichte über Nonnen im Mittelalter klingt da nach einem eher ungewöhnlichen Werk... und ist dabei absolut sehenswert. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht's? Im 17. Jahrhundert wütet die Pest in Italien, Raubritter ziehen durchs Land. In diesen unsicheren Zeiten beschließen sich die wohlhabenden Eheleute Carlini, ihre Tochter Benedetta (Virginie Efira) ins Kloster in Pescia zu geben. Benedetta, schon als Mädchen extrem gläubig und gottesfürchtig, von ihrer Berufung inbrünstig überzeugt, freut sich sehr darauf, ihr Leben Gott und dem Glauben zu widmen. Schon bei Benedettas Aufnahme ins Kloster steht allerdings fest, dass sie nicht nur eine unter vielen Nonnen sein wird. Die Äbtissin (Charlotte Rampling) mahnt sie zur Zurückhaltung und Bescheidenheit, doch Benedetta, unterstützt von der Ausreißerin Bartolomea (Daphne Patakia), ist sich sicher, dass sie auserwählt ist… Werbung Eine Warnung vorweg Um von Anfang an ehrlich zu sein: Benedetta ist rein filmisch kein Meisterwerk. Der distinguierte Filmliebhaber kann sich an einigem stören. So haben die Sexszenen (ja, ganz richtig gelesen! Sex im Nonnenkloster!) etwas leicht Exploitatives, Visions- und Traumszenen alternieren zwischen Kitsch und Schocker, Teile der Handlung driften nah ans Melodram heran. Es gibt oberflächlich betrachtet unnötig viel Gewalt. Bei vielem darf man fragen: Ach, muss denn das sein! Doch genau das macht die Filme von Paul Verhoeven ja immer wieder so spannend. Er nimmt ganz bewusst Elemente etwa des Softporno- und des Sexploitationfilms auf und wirft sie ins Mittelalter. Und dann auch noch in ein Kloster! Dass dabei viele unangenehme Szenen entstehen, ist nicht nur absehbar, sondern klar beabsichtigt. Doch der potentielle Ertrag solcher erzählerischer Experimente ist riesig. So auch im Falle Benedetta. Eine Frage des Glaubens Wir aufgeklärten Menschen in der Moderne können uns gar nicht mehr vorstellen, was es bedeutet, tatsächlich an Gott zu glauben. Folglich ist die Frage um die Echtheit göttlicher Wunder sehr leicht zu beantworten. Doch die mittelalterlichen Figuren in Benedetta hatten diese Perspektive noch nicht. Für sie ist der Zweifel – nicht an Gott selbst, sondern nur an der Tatsächlichkeit seiner Offenbarung in bestimmten Menschen – nicht trivial, sondern ein ganz existentieller. (Es sei hier ein wenig um den heißen Brei herumgeredet, welche Art von Wundern im Film gezeigt werden, um nicht zu viel zu verraten, die Vagheit sei bitte zum eigenen Besten verziehen.) Benedetta bleibt aber zum Glück nicht nur beim Glauben stehen. Aus den religiösen Oppositionen und Allianzen zwischen den Figuren werden alsdann ganz persönliche wie auch politische. Und dann ist der Film mit einem Schlag nämlich explosiv modern, wenn es um Narzissmus und Glaubenskämpfe geht, und zeitlos, wenn er psychologische Kämpfe, emotionale Manipulationen, Lieben und Intrigen vorführt. Eine Meditation ohne Antwort Die Frage des Glaubens ist seit jeher eine des Zweifels. Der Zweifel an der Wahrheit, an der Richtigkeit des evidenzlosen Vertrauens. Beziehungsweise des Vertrauens in Anbetracht guter Gründe FÜR den Zweifel. Mit anderen Worten: wie soll man einem Gott vertrauen, der Unheil in die Welt bringt. Das Thema ist im Kino nicht neu, dessen haben sich schon Scorsese in – unter anderem! – Die letzte Versuchung Christi (1988) und auch Ingmar Bergman in diversen Filmen angenommen. Und auch Meryl Streep, die schon jede Rolle außer vielleicht Batman gespielt hat, hat in Glaubensfrage (2008) bereits die zweifelnde Nonne gegeben. Dabei geben die guten Filme natürlich keine eindeutige Antwort, sondern “meditieren” eher über die Frage. Aber auch wenn schon viel darüber geredet wurde, schafft es Benedetta, dieser cineastischen Tradition noch etwas hinzuzufügen und den Grusel der Unwissenheit zu beleuchten. Der Film geht nicht ganz so weit wie vielleicht Der Exorzist (1973), wenn er die Frage nach dem Beweis der Wundertätigkeit und dem Wirken Gottes eben nicht beantwortet. (Der Teufel im Exorzisten ist dagegen der Wahrhaftige!) Allerdings fügt Regisseur Paul Verhoeven ein, was seine Filme immer besonders gut leisten: die Gewalt in den Bruchstellen der Gesellschaft erschreckend deutlich zu zeigen. In allen seinen Filmen passiert es, dass Situationen vom einen auf den anderen Augenblick umschlagen. Gerade eben hatte man sich noch sicher gefühlt, hatte angenommen, man könne sich auf das System und dessen Regeln verlassen. Doch auf einmal wird diese vermeintliche Gewissheit enttäuscht, man verliert das Gleichgewicht beim Tritt ins Leere. So macht auch Benedetta durch gewalthaltige Schlaglöcher auf die dünne Schicht der Zivilisation aufmerksam, wenn grausame Barbarei daraus hervorbricht. Eine Einschränkung am Schluss Nach all dem Lob, muss ich aber dennoch ganz offen auch die Schwächen Benedettas erwähnen. An manchen Stellen hätte dem Film sorgfältigere Ausarbeitung der Handlung gutgetan. Hier und da machen manche Figuren auf einmal einen drastischen Schwenk, der nicht ihrer bisherigen Figurenanlage entspricht. Ihr Verhalten und ihre Handlungen wirken an manchen Stellen unmotiviert und folgen einfach nur der Handlung, weil dies eben gerade notwendig ist. Und das ist, anders als die Einwände zu Anfang, eben nicht durch “Das soll und muss so!” zu entkräften. Diese Stellen sind schlicht nicht gut geschrieben. Fazit: Eine klare Kinoempfehlung! Wer kein Problem mit Sex und Gewalt hat, dem sei diese Mischung aus Historiendrama, Erotikthriller, Religionsphilosophie, Absurdität und Liebeskitsch wirklich wärmstens empfohlen. Benedetta entführt im erschreckendsten Sinne in andere Welten und rüttelt so richtig durch. Ein lohnender Trip ins Mittelalter mit großartigem Schauspiel, unvorhersehbar unkonventioneller Handlung und dennoch ganz viel Gemeingültigkeit. Benedetta ist zeitlos bewegend und erschreckend modern. Unbedingt anschauen!
    Kritik: Benedetta
    Handlung
    85%
    Schauspiel
    85%
    Visuelle Umsetzung
    75%
    Szenenbild
    80%
    Spannung
    80%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 02.12.2021
    Filmlänge: 131 Minuten
    FSK: 18
    Genre: , , ,
    Regisseur:
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    Bildrechte: Pathé
  • YouTube

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Gesamtbewertung:

Stark
81%

Regisseur Paul Verhoeven ('Elle', 'Starship Troopers') ist bekannt für Filme, die an die Grenzen gehen und vor drastischen Sex- und Gewaltdarstellungen nicht zurückschrecken. Eine Geschichte über Nonnen im Mittelalter klingt da nach einem eher ungewöhnlichen Werk... und ist dabei absolut sehenswert.

Worum geht's?

Im 17. Jahrhundert wütet die Pest in Italien, Raubritter ziehen durchs Land. In diesen unsicheren Zeiten beschließen sich die wohlhabenden Eheleute Carlini, ihre Tochter Benedetta (Virginie Efira) ins Kloster in Pescia zu geben. Benedetta, schon als Mädchen extrem gläubig und gottesfürchtig, von ihrer Berufung inbrünstig überzeugt, freut sich sehr darauf, ihr Leben Gott und dem Glauben zu widmen.

Schon bei Benedettas Aufnahme ins Kloster steht allerdings fest, dass sie nicht nur eine unter vielen Nonnen sein wird. Die Äbtissin (Charlotte Rampling) mahnt sie zur Zurückhaltung und Bescheidenheit, doch Benedetta, unterstützt von der Ausreißerin Bartolomea (Daphne Patakia), ist sich sicher, dass sie auserwählt ist…

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Eine Warnung vorweg

Um von Anfang an ehrlich zu sein: Benedetta ist rein filmisch kein Meisterwerk. Der distinguierte Filmliebhaber kann sich an einigem stören. So haben die Sexszenen (ja, ganz richtig gelesen! Sex im Nonnenkloster!) etwas leicht Exploitatives, Visions- und Traumszenen alternieren zwischen Kitsch und Schocker, Teile der Handlung driften nah ans Melodram heran. Es gibt oberflächlich betrachtet unnötig viel Gewalt. Bei vielem darf man fragen: Ach, muss denn das sein!

Die Schauspielleistung von Virginie Efira und Daphné Patakia muss ganz explizit gelobt werden, sie trägt den ganzen Film.

Doch genau das macht die Filme von Paul Verhoeven ja immer wieder so spannend. Er nimmt ganz bewusst Elemente etwa des Softporno- und des Sexploitationfilms auf und wirft sie ins Mittelalter. Und dann auch noch in ein Kloster!
Dass dabei viele unangenehme Szenen entstehen, ist nicht nur absehbar, sondern klar beabsichtigt. Doch der potentielle Ertrag solcher erzählerischer Experimente ist riesig. So auch im Falle Benedetta.

Eine Frage des Glaubens

Wir aufgeklärten Menschen in der Moderne können uns gar nicht mehr vorstellen, was es bedeutet, tatsächlich an Gott zu glauben. Folglich ist die Frage um die Echtheit göttlicher Wunder sehr leicht zu beantworten.

Doch die mittelalterlichen Figuren in Benedetta hatten diese Perspektive noch nicht. Für sie ist der Zweifel – nicht an Gott selbst, sondern nur an der Tatsächlichkeit seiner Offenbarung in bestimmten Menschen – nicht trivial, sondern ein ganz existentieller. (Es sei hier ein wenig um den heißen Brei herumgeredet, welche Art von Wundern im Film gezeigt werden, um nicht zu viel zu verraten, die Vagheit sei bitte zum eigenen Besten verziehen.)

"Benedetta" findet im Mittelalter eine hochmoderne, spannende Geschichte, die auch noch hauptsächlich facettenreiche Frauenfiguren ins Zentrum stellt.

Benedetta bleibt aber zum Glück nicht nur beim Glauben stehen. Aus den religiösen Oppositionen und Allianzen zwischen den Figuren werden alsdann ganz persönliche wie auch politische. Und dann ist der Film mit einem Schlag nämlich explosiv modern, wenn es um Narzissmus und Glaubenskämpfe geht, und zeitlos, wenn er psychologische Kämpfe, emotionale Manipulationen, Lieben und Intrigen vorführt.

Eine Meditation ohne Antwort

Die Frage des Glaubens ist seit jeher eine des Zweifels. Der Zweifel an der Wahrheit, an der Richtigkeit des evidenzlosen Vertrauens. Beziehungsweise des Vertrauens in Anbetracht guter Gründe FÜR den Zweifel. Mit anderen Worten: wie soll man einem Gott vertrauen, der Unheil in die Welt bringt.

Das Thema ist im Kino nicht neu, dessen haben sich schon Scorsese in – unter anderem! – Die letzte Versuchung Christi (1988) und auch Ingmar Bergman in diversen Filmen angenommen. Und auch Meryl Streep, die schon jede Rolle außer vielleicht Batman gespielt hat, hat in Glaubensfrage (2008) bereits die zweifelnde Nonne gegeben.

Dabei geben die guten Filme natürlich keine eindeutige Antwort, sondern “meditieren” eher über die Frage. Aber auch wenn schon viel darüber geredet wurde, schafft es Benedetta, dieser cineastischen Tradition noch etwas hinzuzufügen und den Grusel der Unwissenheit zu beleuchten.

Fast unmerklich verführt der Film einen in die mittelalterliche Welt und plötzlich sieht man sich mit der Brutalität der menschlichen Natur konfrontiert.

Der Film geht nicht ganz so weit wie vielleicht Der Exorzist (1973), wenn er die Frage nach dem Beweis der Wundertätigkeit und dem Wirken Gottes eben nicht beantwortet. (Der Teufel im Exorzisten ist dagegen der Wahrhaftige!) Allerdings fügt Regisseur Paul Verhoeven ein, was seine Filme immer besonders gut leisten: die Gewalt in den Bruchstellen der Gesellschaft erschreckend deutlich zu zeigen.

In allen seinen Filmen passiert es, dass Situationen vom einen auf den anderen Augenblick umschlagen. Gerade eben hatte man sich noch sicher gefühlt, hatte angenommen, man könne sich auf das System und dessen Regeln verlassen. Doch auf einmal wird diese vermeintliche Gewissheit enttäuscht, man verliert das Gleichgewicht beim Tritt ins Leere. So macht auch Benedetta durch gewalthaltige Schlaglöcher auf die dünne Schicht der Zivilisation aufmerksam, wenn grausame Barbarei daraus hervorbricht.

Eine Einschränkung am Schluss

Nach all dem Lob, muss ich aber dennoch ganz offen auch die Schwächen Benedettas erwähnen. An manchen Stellen hätte dem Film sorgfältigere Ausarbeitung der Handlung gutgetan. Hier und da machen manche Figuren auf einmal einen drastischen Schwenk, der nicht ihrer bisherigen Figurenanlage entspricht. Ihr Verhalten und ihre Handlungen wirken an manchen Stellen unmotiviert und folgen einfach nur der Handlung, weil dies eben gerade notwendig ist. Und das ist, anders als die Einwände zu Anfang, eben nicht durch “Das soll und muss so!” zu entkräften. Diese Stellen sind schlicht nicht gut geschrieben.

Fazit:

Eine klare Kinoempfehlung!

Wer kein Problem mit Sex und Gewalt hat, dem sei diese Mischung aus Historiendrama, Erotikthriller, Religionsphilosophie, Absurdität und Liebeskitsch wirklich wärmstens empfohlen. Benedetta entführt im erschreckendsten Sinne in andere Welten und rüttelt so richtig durch. Ein lohnender Trip ins Mittelalter mit großartigem Schauspiel, unvorhersehbar unkonventioneller Handlung und dennoch ganz viel Gemeingültigkeit. Benedetta ist zeitlos bewegend und erschreckend modern. Unbedingt anschauen!

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