Kritik: Der seidene Faden

Die letzte Darbietung des Daniel Day-Lewis
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Vicky Krieps mit einem prachtvollen Kleid und Daniel Day-Lewis im Hintergrund
    © 2017 Universal Pictures
  • Jedes[glossary_exclude] Frühjahr präsentiert sich die Crème de la Crème der Filmwelt für die Oscar-Verleihung. So auch in 'Der seidene Faden' von Paul Thomas Anderson, der für sechs Oscars nominiert wurde. Der Film ist besonders heiß ersehnt, da niemand geringeres als Daniel Day-Lewis, der mit drei gewonnenen Oscars als bester Hauptdarsteller den Weltrekord hält, seine letzte Darbietung als Schauspieler präsentiert. Gibt es ein Grand Finale? Mehr dazu in der Bewertung und Kritik. [/glossary_exclude] Wenig Zeit? Zum Fazit! Das exzentrische Schneiderlein Im London der 50er Jahre gilt Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) als der renomierteste und exklusivste Schneider der High Society. Mit einer…

    79%

    Gut

    Handlung
    75%
    Spannung
    70%
    Schauspieler
    90%
    Emotionen
    70%
    Atmosphäre
    90%

    Der seidene Faden ist eine eindrucksvolle Inszenierung der Künstlerwelt mit überzeugendenden Charakteren und unerwarteten Abgründen, der allerdings nicht die gewünschte Emotionalität erreicht.

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  • Erscheinungsdatum: 01.02.2018
    Filmlänge: 131 Minuten
    FSK: 6
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , ,
    Bildrechte: © 2017 Universal Pictures

Gesamtbewertung:

Gut
79%

Jedes Frühjahr präsentiert sich die Crème de la Crème der Filmwelt für die Oscar-Verleihung. So auch in 'Der seidene Faden' von Paul Thomas Anderson, der für sechs Oscars nominiert wurde. Der Film ist besonders heiß ersehnt, da niemand geringeres als Daniel Day-Lewis, der mit drei gewonnenen Oscars als bester Hauptdarsteller den Weltrekord hält, seine letzte Darbietung als Schauspieler präsentiert. Gibt es ein Grand Finale? Mehr dazu in der Bewertung und Kritik.

Das exzentrische Schneiderlein

Im London der 50er Jahre gilt Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) als der renomierteste und exklusivste Schneider der High Society. Mit einer künstlerischen Versessenheit entwirft der Designer die eleganteste Kleidung für die Oberschicht. Während er das kreative Genie hinter seinen Werken ist, hält seine Schwester Cyril (Lesley Manville) den Betrieb am laufen und sorgt zugleich dafür, dass für ihren Bruder alles seinen gewohnten Ablauf hat. Um seine Kunst zu perfektionieren, lässt sich der kontrollsüchtige Meisterschneider von nichts ablenken.

Aus diesem Grund gilt er immernoch als Junggeselle, denn abgesehen von Affären und Inspirationen für seine Mode lässt sich Woodcock auf keine engen Bindungen mit Frauen ein. In einem Restaurant wird er jedoch auf die Kellnerin Alma (Vicky Krieps) aufmerksam und ist sofort von ihr angetan. Es kommt zu einem Verhältnis – erst als seine Muse, dann zu einer Beziehung. Mit der Zeit allerdings trifft sie auf massive Widerstände, denn Reynolds ist unfähig, auch nur im Geringsten von seinen alltäglichen Gewohnheiten abzuweichen. Zudem scheint seine Faszination für sie langsam zu schwinden. Womit er allerdings nicht gerechnet hat ist Almas Beharrlichkeit. Denn sie hat keinerlei Absichten ihn zu verlassen.

Reynolds Woodcock probiert seine Modekreation an Alma aus

Reynolds (Daniel Day-Lewis) sieht in Alma (Vicky Krieps) eine neue Muse für seine Werke.

Das Genie spielt das Genie

Es braucht schon eine eigene wissenschaftliche Studie, um den schauspielerischen Werdegang von Daniel Day-Lewis zu beschreiben. Diese Legende gilt als einer der besten Schauspieler aller Zeiten. Und das aus gutem Grund, denn er stellt eine Figur nicht bloß dar... er wird zur Figur. Sein Method-Acting, bei dem er sich mental und emotional in eine Figur hineinversetzt, ist legendär. So hat er für diese Rolle das Schneidern und das Modedesign gelernt, um vollends zu Reynolds Woodcock zu werden. Kein Wunder also, dass er bereits für seinen vierten Oscar nominiert wurde. 

 

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Die Früchte seiner Arbeit spiegeln sich in Woodcock wieder. Als unübertroffenes Genie seines Faches ist er das Epizentrum der Londoner Modewelt und des Filmes. Seine Kunst ist seine Leidenschaft und seine Obsession, deren Aspekte während des Filmes auf verschiedene Weise ersichtlich werden; Er ist charmant und gebildet, zugleich aber auch überempfindlich, stur, kompromisslos und an einigen Stellen sogar unheimlich. Der Charakter bleibt glaubhaft bis zum Schluss.

Große Gesellschaft, kleiner Cast

Es ist schon erstaunlich. So viele Menschen aus der höheren Gesellschaft haben ihre kleinen Debüts während des Filmes und dennoch könnte man die gesamte Besetzung auf Reynold, Alma und Cyril beschränken. Mehr ist hierfür auch nicht nötig, denn sie ergänzen sich perfekt. Hierbei muss man vor allem auf Alma eingehen. Im Kontrast zu Reynolds wirkt sie bewusst blass, sowohl in ihrem Auftreten, als auch in ihrer Ausdrucksweise. Umso interessanter ist es mit anzusehen, in welche Richtung sie sich innerhalb des Filmes entwickelt. Auch Cyril macht als strenger und sachlicher Gegenpol zu ihrem Bruder eine hervorragende Performance, die allerdings keine Gelegenheit hat, von dieser festgefahrenen Verhaltensweise abzuweichen.

Nur eine Künstler-Romanze?

Die Prämisse um einen Schneider, der die Liebe findet, wird wahrscheinlich den einen oder anderen abgeschreckt haben. Umso erfreulicher ist es, dass dieser Film in eine andere Richtung geht und dabei zum Großteil von Kitsch absieht. Denn diese Beziehung ist alles andere als gesund. Was wie eine gewöhnliche Romanze anfängt, entwickelt sich in einen erbitterten Machtkampf zwischen zwei Individuen, die nicht bereit sind, von ihrer jeweiligen Obsession abzusehen. Bereits Kleinigkeiten sorgen für einen Spannungsaufbau, da beide eine tickende Zeitbombe sind. Dabei ist es erstaunlich, in welche Richtung der Film tatsächlich geht und eine Präsenz aufbaut, in der alles möglich ist.

Reynolds und Alma sehen sich liebevoll an

Kann sich aus künstlerischer Inspiration wahre Liebe entwickeln?

Der seidene Handlungsstrang

Gehetzt wird hier nicht, dafür hat Regisseur Anderson gesorgt. Der seidene Faden zeichnet sich durch ein langsames und entspanntes Tempo aus. Fast schon wie bei einer Dokumentation bekommt der Zuschauer einen Einblick in das Handwerk des Schneiders. Dabei geht Anderson vor allem auf die Details ein. Das Ziel ist klar: Der Zuschauer soll bestmöglich in die Welt des Meisterschneiders eintauchen. Der rote Faden verfolgt ebenfalls ein langsames Erzähltempo. Zwar entsteht dadurch eine gezielte Überschneidung beider Welten, die durch Reynolds Unfähigkeit entsteht, seine Arbeit und seine Beziehungen auseinanderzuhalten, allerdings braucht es eine ganze Weile, bis sich der Film in die richtige Richtung entwickelt.

Eine Welt zum Bestaunen

Natürlich muss man vor allem auf die Atmosphäre eingehen. Anderson gibt sich die größte Mühe, die Ausschweifungen der Oberschicht in ihrer schönsten und bildgewaltigsten Form zu präsentieren. Das Szenenbild passt, die Kostüme sind eindrucksvoll gewählt und die Atmosphäre gibt perfekt die Welt des Meisterschneiders wieder. Ironischerweise fällt die Musik noch stärker auf als die visuellen Stimulationen. Die thematische Untermalung mit klassischen Werken passt perfekt zu jeder Situation.

So erstaunlich die visuellen Darstellungen sind, so muss man bedauerlicherweise sagen, dass diese höchstwahrscheinlich das Element des Films sind, das am ehesten in Erinnerung bleibt. Denn der Film schafft es nur teilweise, eine dauerhaft emotionale Bindung zu den Charakteren aufrecht zu halten. Die opulente Inszenierung geht auf Kosten der Charakterentwicklung. Zu viele Themen werden aufgegriffen, die nicht gleichwertig behandelt werden und dadurch lose wirken (z.B. Reynolds Vergangenheit, die Entmenschlichung seiner "Musen", der gesellschaftliche Status der beiden Charaktere). Man schätzt eher ab, in welche Abgründe sich der Film noch entwickelt, statt wirklich mit den Charakteren mitzufiebern.

Oscar-Nominierungen für diesen Film
  • Oscar-Nominierung für 'Bester Film'
  • Oscar-Nominierung für 'Bester Hauptdarsteller' (Daniel Day-Lewis)
  • Oscar-Nominierung für 'Beste Regie' (Paul Thomas Anderson)
  • Oscar-Nominierung für 'Beste Nebendarstellerin' (Lesley Manville)
  • Oscar-Nominierung für 'Bestes Kostümdesign' (Mark Bridges) / Gewonnen
  • Oscar-Nominierung für 'Beste Filmmusik' (Jonny Greenwood)

Fazit:

'Der seidene Faden' ist Daniel Day-Lewis' Abschiedsgeschenk

Neben prätentiösen "Oscar-Bait-Filmen" (Die Verlegerin) muss man erfreut feststellen, dass Der seidene Faden definitiv etwas Besonderes ist. Der Film bietet einen eindrucksvollen Einblick in das prunkvolle Leben der High Society der Londoner Nachkriegszeit und der exzentrischen Künstler, die diese Zeit revitalisierten. Zudem lebt der Film durch seine Charaktere – nicht zuletzt durch den Kontrast, den Daniel Day Lewis und Vicky Krieps überzeugend darstellen. Die toxische Romanze nimmt interessante und unerwartete Wendungen an, kann die emotionale Bindung des Zuschauers aber nicht konsequent bis zum Ende tragen. Der Film will zu viel und fokussiert sich ausgerechnet auf die falschen Dinge. Nichtsdestotrotz hat Der seidene Faden seine Nominierungen für ganze sechs Oscars völlig verdient. Allerdings konnte sich Daniel-Day Lewis leider nicht mit einer gewonnenen Trophäe von der Schauspielwelt verabschieden.

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