Kritik: Doch das Böse gibt es nicht

Ein langer Film über das Töten
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
Jugendgefährdende Inhalte
  • Wird in Zukunft mal wieder von einem „mutigen“ Film gesprochen, sollte man ihn hieran messen. Wenn ein Mensch hingerichtet wird, ist das absurd, tragisch und eine menschliche Katastrophe. Wenn ein Mensch einen anderen hinrichtet, jedoch nicht weniger. Es gibt Befehl, Gehorsam, Dienst und Routine – doch das Böse gibt es nicht? Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht’s Der Film ist in vier Episoden eingeteilt, deren Dreh- und Angelpunkt die Todesstrafe im Iran ist. Wir begegnen keinen Verurteilten, erleben jedoch das soziale Geflecht um die Hinrichtung herum. Henker sind traumatisiert, Angehörige erschüttert und alleingelassen, Mithelfer werden gezwungen, Widerstand wird sanktioniert. Menschen drücken Knöpfe, ziehen Hocker weg oder führen Befehle aus und ein menschliches Leben wird ausgelöscht. Das Böse auf der Leinwand „Vorhang auf!“ bedeutet meistens auch „Ring frei!“ Die Filmgeschichte ist eine Geschichte des Kampfes von Gut und Böse. Das Gute sind wir, die Zuschauer:innen; das Böse sind die Anderen. „Wir Guten“ begegnen im Film den „anderen Bösen“ und lernen, sie zu erkennen. Meist wird es uns leicht gemacht, denn die „Bösen“ tragen dunkle Kostüme, Narben und unsympathische Gesichtszüge. So spazieren wir aus dem Saal und fühlen uns gewappnet, in dieser Welt das Böse zu erkennen und uns ihm zu verwehren. Dass die Realität etwas komplizierter ist, dürfte kein Geheimnis sein. Das Böse begegnet uns in mannigfaltiger Gestalt. Jede Person kann etwas Böses tun, ein Gesetz kann Böses ermöglichen, jede Tätigkeit kann für einen bösen Zweck genutzt werden. Die menschliche Aufgabe ist es, sich nicht hinter Pflicht, Job, Zwang und Befehl zu verstecken, sondern klar zu benennen, ob eine Handlung gut oder böse ist. Hierbei ist der Grund erstmal egal. Alle Akteure des Films sehen sich mit dieser Frage konfrontiert. Die einen würden sie als Henker, Mörder, Mittäter beschreiben. Andere würden sagen, sie drücken lediglich einen Knopf, führen einen Befehl aus und sind pflichtbewusst. Die Wahrheit muss jede:r selbst finden und diese Episoden werfen uns in den Alltag von Menschen, die sich auf dieser Suche befinden: Heshmat befindet sich am Anfang der Suche, spürt jedoch, dass der Druck des unausgesprochenen Bösen auf ihm lastet und ihn lähmt. Der Wehrdienstleistende Pouya erkennt das Böse als das, was es ist; als wortwörtlich Gefangener gibt es für ihn jedoch scheinbar keine Alternative. Javad erfährt, dass es immer eine Alternative zum Bösen gibt, lernt aber auch ihren Preis kennen. Der Einsiedler Bahram hat sich dem Guten zugewandt und lebt mit den Konsequenzen. Gift der Gesellschaft Bei einem dramatischen Thema wie der Todesstrafe ist es naheliegend, an die Opfer heranzuzoomen, um die Tragik und das Barbarische der Hinrichtung unmittelbar auf die Leinwand zu holen. Rasulof wählt eine andere Perspektive, Verurteilte kommen hier nur als Streiflichter vor. Seine Protagonisten sind die Henker, die Helfershelfer, ihre Umwelt und ihre Familien. Menschen, die nur Befehle ausführen um ihr Gehalt zu verdienen. Doch macht der Film unmissverständlich klar, dass es kein Outsourcing des Bösen gibt. Wer einen Menschen tötet, ist ein Mörder. Wer diesen Mörder per Dekret, gegen den eigenen Willen, hinrichtet, macht sich ebenfalls zum Mörder. Die Todesstrafe ist nicht nur für die Opfer ein Drama, sondern auch für die Gesellschaft, welche sie durchführt. Werbung Die Todesstrafe ist kein juristisches Mittel wie andere, sie ist keine Medizin um das Böse zu bekämpfen. Vielmehr ist sie ein Gift, welches die gesamte Gesellschaft durchsetzt. Um den moralischen Kompass der Menschen (Leben lassen = gut; töten = schlecht) durcheinanderzubringen, muss das politische System Moral aufgelöst, die böse Tat zur Pflicht und unter Androhung von Strafe durchgesetzt werden. Widerstand ist möglich, jedoch unter Abgabe von Rechten und Privilegien. Wer gegen sein Gewissen handelt und mitmordet, darf weiterleben, mit Pass, Gewerbeschein, Reisefreiheit und Fahrerlaubnis – aber Blut an den Händen. Episodenhaft im Todestrakt So pervers das ist, der Film bringt es uns schonend, aber deutlich bei. Rasulof kritisiert politische Entscheidungsträger, ohne den Skandal zu provozieren. Er beklagt die Entfremdung der Menschen von ihrem Gewissen, attackiert aber nie den Menschen selbst. Wir lernen eine große Bandbreite an Bürger:innen des Irans kennen. Sie alle sind liebevoll gezeichnet und wir spüren, dass Rasulof, selbst im Exil lebend, seine Landsleute von Herzen liebt. Dass ihm für diesen Film das Gefängnis droht, ist absurd, zeigt jedoch, dass er am richtigen Stuhlbein sägt. Der Film ist mit 150 Minuten lang geraten. Zu lang? Vielleicht. Zwar werden die einzelnen Episoden knapp und ohne unnötige Umschweife erzählt, jedoch sind vier dann doch eine stolze Anzahl. Jede:r Kinogänger:in wird für sich eine individuelle Episode identifizieren, die es nicht unbedingt gebraucht hätte. Zwar wirken die Episoden verwoben, der Umgang mit Raum und Zeit ist jedoch locker (Episode 2 könnte eine Vorgeschichte zu Episode 4 sein o.Ä…), jedoch stützen sie sich nicht gegenseitig. Die Episoden selbst lassen manchmal eine erzählerische Diversität vermissen, alle folgen einem klassischen Erzählschema und warten sogar mit einem Twist auf, welcher jedoch spätestens bei der vierten Episode etwas müde daherkommt. Man riecht den Braten zu früh. Was bleibt: Die Todesstrafe ist eine Wunde, die sich ein Volk selbst zufügt und der Film legt diese Wunde schonungslos offen. Die Entscheidungsträger bleiben außen vor, es gibt keine anonymen Anzugträger:innen, die wortlos Todesurteile unterschreiben. Stattdessen sehen wir die Basis, die Menschen, die dieses barbarische Überbleibsel aus der Stammesgesellschaft durchführen, tragen und ertragen müssen. Es sind dieselben Menschen, die letztlich auch den Wandel bringen können. Fazit: Sieh hin! Ein langer Film, der die Zuschauer:innen tief hineinnimmt in ein dunkles Kapitel der Menschheitsgeschichte, an dem noch immer geschrieben wird. Wenn auch nicht jede der Episoden ihre Emotionalität voll entfalten kann, so spürt man doch die Liebe, Verzweiflung und Hoffnung des Filmemachers, der sich eine bessere Zukunft für sein Land wünscht. Ein Film, den man mit guten Freunden sehen und anschließend diskutieren sollte, auch wenn er thematisch schwer zu ertragen ist. Denn, das steht fest, das Böse gibt es. Wir müssen hinsehen.
    Kritik: Doch das Böse gibt es nicht
    Spannung
    70%
    Emotionen
    75%
    Tiefgang
    80%
    Atmosphäre
    75%
    Charaktere
    75%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 19.08.2021
    Filmlänge: 150 Minuten
    FSK: noch nicht bekannt
    Genre: , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , ,
    Bildrechte: Grandfilm
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Gesamtbewertung:

Ordentlich
75%

Wird in Zukunft mal wieder von einem „mutigen“ Film gesprochen, sollte man ihn hieran messen. Wenn ein Mensch hingerichtet wird, ist das absurd, tragisch und eine menschliche Katastrophe. Wenn ein Mensch einen anderen hinrichtet, jedoch nicht weniger. Es gibt Befehl, Gehorsam, Dienst und Routine – doch das Böse gibt es nicht?

Darum geht’s

Der Film ist in vier Episoden eingeteilt, deren Dreh- und Angelpunkt die Todesstrafe im Iran ist. Wir begegnen keinen Verurteilten, erleben jedoch das soziale Geflecht um die Hinrichtung herum. Henker sind traumatisiert, Angehörige erschüttert und alleingelassen, Mithelfer werden gezwungen, Widerstand wird sanktioniert. Menschen drücken Knöpfe, ziehen Hocker weg oder führen Befehle aus und ein menschliches Leben wird ausgelöscht.

Das Böse auf der Leinwand

„Vorhang auf!“ bedeutet meistens auch „Ring frei!“ Die Filmgeschichte ist eine Geschichte des Kampfes von Gut und Böse. Das Gute sind wir, die Zuschauer:innen; das Böse sind die Anderen. „Wir Guten“ begegnen im Film den „anderen Bösen“ und lernen, sie zu erkennen. Meist wird es uns leicht gemacht, denn die „Bösen“ tragen dunkle Kostüme, Narben und unsympathische Gesichtszüge. So spazieren wir aus dem Saal und fühlen uns gewappnet, in dieser Welt das Böse zu erkennen und uns ihm zu verwehren. Dass die Realität etwas komplizierter ist, dürfte kein Geheimnis sein.

Pouya (Kaveh Ahangar) kann noch reinen Gewissens in den Spiegel sehen.

Das Böse begegnet uns in mannigfaltiger Gestalt. Jede Person kann etwas Böses tun, ein Gesetz kann Böses ermöglichen, jede Tätigkeit kann für einen bösen Zweck genutzt werden. Die menschliche Aufgabe ist es, sich nicht hinter Pflicht, Job, Zwang und Befehl zu verstecken, sondern klar zu benennen, ob eine Handlung gut oder böse ist. Hierbei ist der Grund erstmal egal.

Alle Akteure des Films sehen sich mit dieser Frage konfrontiert. Die einen würden sie als Henker, Mörder, Mittäter beschreiben. Andere würden sagen, sie drücken lediglich einen Knopf, führen einen Befehl aus und sind pflichtbewusst. Die Wahrheit muss jede:r selbst finden und diese Episoden werfen uns in den Alltag von Menschen, die sich auf dieser Suche befinden:

Heshmat befindet sich am Anfang der Suche, spürt jedoch, dass der Druck des unausgesprochenen Bösen auf ihm lastet und ihn lähmt. Der Wehrdienstleistende Pouya erkennt das Böse als das, was es ist; als wortwörtlich Gefangener gibt es für ihn jedoch scheinbar keine Alternative. Javad erfährt, dass es immer eine Alternative zum Bösen gibt, lernt aber auch ihren Preis kennen. Der Einsiedler Bahram hat sich dem Guten zugewandt und lebt mit den Konsequenzen.

Gift der Gesellschaft

Bei einem dramatischen Thema wie der Todesstrafe ist es naheliegend, an die Opfer heranzuzoomen, um die Tragik und das Barbarische der Hinrichtung unmittelbar auf die Leinwand zu holen. Rasulof wählt eine andere Perspektive, Verurteilte kommen hier nur als Streiflichter vor. Seine Protagonisten sind die Henker, die Helfershelfer, ihre Umwelt und ihre Familien. Menschen, die nur Befehle ausführen um ihr Gehalt zu verdienen. Doch macht der Film unmissverständlich klar, dass es kein Outsourcing des Bösen gibt. Wer einen Menschen tötet, ist ein Mörder. Wer diesen Mörder per Dekret, gegen den eigenen Willen, hinrichtet, macht sich ebenfalls zum Mörder. Die Todesstrafe ist nicht nur für die Opfer ein Drama, sondern auch für die Gesellschaft, welche sie durchführt.

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Die Todesstrafe ist kein juristisches Mittel wie andere, sie ist keine Medizin um das Böse zu bekämpfen. Vielmehr ist sie ein Gift, welches die gesamte Gesellschaft durchsetzt. Um den moralischen Kompass der Menschen (Leben lassen = gut; töten = schlecht) durcheinanderzubringen, muss das politische System Moral aufgelöst, die böse Tat zur Pflicht und unter Androhung von Strafe durchgesetzt werden. Widerstand ist möglich, jedoch unter Abgabe von Rechten und Privilegien. Wer gegen sein Gewissen handelt und mitmordet, darf weiterleben, mit Pass, Gewerbeschein, Reisefreiheit und Fahrerlaubnis – aber Blut an den Händen.

Episodenhaft im Todestrakt

So pervers das ist, der Film bringt es uns schonend, aber deutlich bei. Rasulof kritisiert politische Entscheidungsträger, ohne den Skandal zu provozieren. Er beklagt die Entfremdung der Menschen von ihrem Gewissen, attackiert aber nie den Menschen selbst. Wir lernen eine große Bandbreite an Bürger:innen des Irans kennen. Sie alle sind liebevoll gezeichnet und wir spüren, dass Rasulof, selbst im Exil lebend, seine Landsleute von Herzen liebt. Dass ihm für diesen Film das Gefängnis droht, ist absurd, zeigt jedoch, dass er am richtigen Stuhlbein sägt.

In der optisch betörendsten Episode ist das Schicksal von Nana (Mahtab Servati) und Javad (Mohammad Valizadegan) durch das Böse verbunden.

Der Film ist mit 150 Minuten lang geraten. Zu lang? Vielleicht. Zwar werden die einzelnen Episoden knapp und ohne unnötige Umschweife erzählt, jedoch sind vier dann doch eine stolze Anzahl. Jede:r Kinogänger:in wird für sich eine individuelle Episode identifizieren, die es nicht unbedingt gebraucht hätte. Zwar wirken die Episoden verwoben, der Umgang mit Raum und Zeit ist jedoch locker (Episode 2 könnte eine Vorgeschichte zu Episode 4 sein o.Ä…), jedoch stützen sie sich nicht gegenseitig.

Die Episoden selbst lassen manchmal eine erzählerische Diversität vermissen, alle folgen einem klassischen Erzählschema und warten sogar mit einem Twist auf, welcher jedoch spätestens bei der vierten Episode etwas müde daherkommt. Man riecht den Braten zu früh.

Bahram (Mohammad Seddighimehr, hier mit Baran Rasulof) verlor das Gute, als er sich dem Bösen verweigerte.

Was bleibt: Die Todesstrafe ist eine Wunde, die sich ein Volk selbst zufügt und der Film legt diese Wunde schonungslos offen. Die Entscheidungsträger bleiben außen vor, es gibt keine anonymen Anzugträger:innen, die wortlos Todesurteile unterschreiben. Stattdessen sehen wir die Basis, die Menschen, die dieses barbarische Überbleibsel aus der Stammesgesellschaft durchführen, tragen und ertragen müssen. Es sind dieselben Menschen, die letztlich auch den Wandel bringen können.

Fazit:

Sieh hin!

Ein langer Film, der die Zuschauer:innen tief hineinnimmt in ein dunkles Kapitel der Menschheitsgeschichte, an dem noch immer geschrieben wird. Wenn auch nicht jede der Episoden ihre Emotionalität voll entfalten kann, so spürt man doch die Liebe, Verzweiflung und Hoffnung des Filmemachers, der sich eine bessere Zukunft für sein Land wünscht. Ein Film, den man mit guten Freunden sehen und anschließend diskutieren sollte, auch wenn er thematisch schwer zu ertragen ist. Denn, das steht fest, das Böse gibt es. Wir müssen hinsehen.

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