Kritik: Dune

Dune Done Right
Spoilerfrei!
Lesedauer: 7 Mins.
  • Mit Denis Villeneuves 'Dune' startet diesen September der dritte Anlauf, die ebenso revolutionären wie einflussreiche Vorlage von Frank Herbert auf die große Leinwand zu bringen. Ob Villeneuve der Vorlage endlich gerecht werden kann oder ob 'Dune' nur ein weiterer Sandkorn auf dem Strand der Remakes bleibt, erfahrt ihr in dieser Kritik.  Werbung Wenig Zeit? Zum Fazit! Willkommen auf Arrakis Im Jahr 10191 hat die Menschheit die Erde schon längst hinter sich gelassen. Verteilt durch das gesamte Universum und zusammengehalten vom zentralen Imperium, herrschen die Menschen in adelsgleichen Häusern über die verschiedensten Planeten. Die Reise zwischen den Sternen birgt allerdings Gefahren, die nur unter der Einnahme einer seltenen und wertvollen Droge überlebt werden können: dem Spice. Nachdem die Welt als Folge eines blutigen Aufstands der Entwicklung von künstlichen Intelligenzen den Rücken zugekehrt hatte, blieb das bewusstseinserweiternde Spice, welches ausschließlich auf dem Wüstenplanet Arrakis zu finden ist, die einzige Möglichkeit, um das Leben im Kosmos aufrechtzuerhalten. So wurde das Spice zum Dreh- und Angelpunkt der Welt und verlieh denen, die Arrakis und damit den Abbau der bedeutsamen Droge kontrollierten, grenzenlose Macht und Wohlstand. "Mein Planet Arrakis ist so schön, wenn die Sonne tief steht. Wenn sie über dem Sand schwebt, kann man das Spice in der Luft sehen." Shani in Dune Die Herrschaft über Arrakis befindet sich nach jahrelanger Unterdrückung durch Haus Harkonnen im Umbruch. Haus Atreides, eines der mächtigsten und angesehensten Häuser des Universums, soll unter der Führung von Herzog Leto (Oscar Isaac) ihre Todfeinde, die Harkonnens, von der Herrschaft über Arrakis ablösen. Umgeben von Intrigen und Todesfallen der Harkonnens und unter imperialen Druck bezieht Leto gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Lady Jessica (Rebecca Ferguson) und ihrem gemeinsamen Sohn Paul (Timothée Chalamet) den fremden Planeten und versucht in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Jedoch sollen die Gefahren der anderen Häuser nicht das einzige Hindernis auf dem Weg der Atreides‘ bleiben. Denn wer in der endlosen Wüste von Arrakis zwischen peitschendem Sand und glühender Hitze überleben will, muss sich den gnadenlosen Regeln des unwirtlichen Planeten bereitwillig unterwerfen. Unverfilmbar oder unverstanden? Dune – Der Wüstenplanet. Grenzenlose Universen voller intrigenreicher Geschichten, religiösen Legenden und faszinierenden Charakteren. Ein Roman, der nicht nur die Science-Fiction verändern sollte, sondern große Teile unserer Popkultur bis heute deutlich prägt. Doch trotz alledem sollte Dune immer ein Stoff bleiben, der nie dasselbe Publikum finden konnte, wie die vielen Werke, die er beeinflusste. Nicht wenige Regisseure bissen sich an dem Versuch, Herberts Universum für ein großes Publikum auf die Kinoleinwand zu hieven, die Zähne aus. So ließ der exzentrische Chile Alejandro Jodorowsky Millionen in die Produktion seiner an den Wahnsinn grenzenden Vision fließen, bevor ihm der Geldhahn abgedreht wurde und aus dem Projekt schließlich die Wurzeln von Alien wuchsen. Eine Fernsehminiserie in den frühen 2000ern geriet schnell in Vergessenheit und sogar Regielegende David Lynch versuchte sich in den 80ern an der Geschichte rund um Arrakis. Das Ergebnis: ein Film, der mit seiner knappen Laufzeit unter dem Gewicht des Romanumfangs gnadenlos einknickte. Aller guten Dinge sind drei Wer nun denkt, dass das Dune Universum zu komplex und detailverliebt für eine filmische Umsetzung ist, soll jetzt Jahrzehnte nach dem ersten Versuch einer Verfilmung endlich eines Besseren belehrt werden.  Unterstützt von der namhaftesten Besetzung des Jahres und frisch von seinen Science-Fiction-Perlen Arrival und Blade Runner 2049 bringt Denis Villeneuve 2021 endlich die Adaption in die Kinos, die der Roman verdient. Doch wo brilliert Villeneuve, wo seine Vorgänger:innen noch scheiterten? Eine der offensichtlichsten Antworten auf diese Frage ist die Aufteilung des Romans in zwei Teile. Diese Entscheidung geschieht nicht etwa aus einer geldgierigen Laune seitens des Studios, welches aus der Sandwüste von Arrakis möglichst viel Profit heraus sieben will. Sie ist zu hundert Prozent auf Villeneuve selbst zurückzuführen, der erkennt, dass eine Adaption des Materials in Spielfilmlänge kaum möglich ist. Dafür ist die Welt von Dune zu groß, die politischen und gesellschaftlichen Themen zu komplex und die Handlung schlicht und einfach zu lang. Also zieht Villeneuve nach zweieinhalb Stunden, die die Version von Lynch immer noch übertreffen, und ungefähren Hälfte des Romans den Schlussstrich und nimmt sich bis dahin alle Zeit der Welt. Die Hälfte eines Meisterwerks Kinoliebhaber:innen, die Villeneuves Handschrift schon in Blade Runner 2049 kennenlernen konnten, wissen an dieser Stelle sofort, was "alle Zeit der Welt" bedeutet. Mit Samthandschuhen taucht Dune in Frank Herberts Universum ein, entführt uns in faszinierende fremde Welten wie den Heimatplaneten der Atreides Caladan oder die düstere Welt der Harkonnens, etabliert Mysterien wie die Religionsgemeinschaften der Bene Gesserit und erforscht die Auswirkungen des lebensnotwendigen Spice. Besonders mutig daran ist, dass der Film nicht den Zwang verspürt, alle angebrochenen Handlungsstränge in Part One zu einem befriedigenden Übergangsende zu bringen. Damit sei nicht gesagt, dass wir zu Ende geführte Charakterentwicklungen und explosive Höhepunkte in Teil eins vermissen müssen. Ganz im Gegenteil: die Übernahme des Wüstenplaneten durch die Atreides ist auch in der Vorlage eine der vielschichtigsten Passagen der gesamten Handlung, der es an emotionalen Höhepunkten keineswegs mangelt. Doch im Kern ist Dune viel langsames Set-Up für ein Payoff, auf welches wir unbestimmte Zeit warten müssen. Diese untypische Struktur wird sich für viele Kinogänger:innen frustrierend anfühlen und tatsächlich lässt sich über den genauen Schlusspunkt von Part One durchaus diskutieren. Im Gesamtbild trifft Villeneuve hier jedoch zweifellos die richtige Entscheidung. Wenn uns die Geschichte eines gezeigt hat, dann dass eine Adaption von Dune viel, viel Zeit benötigt. Immersion statt Exposition So könnte man Dune durchaus als Slowburn betiteln, doch die atemberaubend dichte Atmosphäre des Sci-Fi-Meisterwerks verleiht selbst der stillsten Szene eine Wucht, die gnadenlos in den Kinosessel presst. Dafür  beweist der Film wirkungsvoll wie essenziell die „show don’t tell“ Faustregel, besonders bei Buchadaptionen, sein kann. Natürlich sind derartig gigantische Universen auch auf geschickte Exposition angewiesen. Doch zahlreiche Stoffe des Buches wie ökologische Regeln der Wüste oder ausschweifende technische Details diverser Maschinen setzt der Film durch vielerlei fantasievolle Einfälle ausschließlich visuell um. Auch gesellschaftliche Themen der Vorlage, wie Religion, Feminismus oder die Klimakrise, webt das Drehbuch geschickt in den Subtext ein. Dadurch, dass Villeneuve nicht mit der Dune-Komplettlösung auf dem benachbarten Kinosessel sitzt und unterrichtende Monologe aus Herberts Vorlage zitiert, gibt er uns die Möglichkeit aus dem Kino heraus und hinein in eine fremde Welt zu tauchen. Ihre Geheimnisse mit Staunen selbst zu entdecken und in ihrer beispiellosen Stimmung zu baden. Unter Villeneuve wird die Welt von Dune lebendiger denn je. Rückkehr der Kino-Magie Um diese Welt erleben zu können, empfiehlt der Regisseur selbst einen alternativlosen Gang ins Kino. Man solle sich für den Film die größtmögliche Leinwand in der eigenen Umgebung suchen. Oft sind solche Empfehlungen optional, doch für Dune fühlen sie sich fast schon essenziell an. Wenn man das Sci-Fi Epos mit einem Wort beschreiben müsste, dann „bombastisch“, denn Dune will euch mit seiner Bildgewalt aus dem Kinosessel pusten. Wie schon das Tempo atmet auch die Bildsprache zu jedem Moment den Geist von Blade Runner 2049. Riesige Aufnahmen, fangen gigantische Städte oder die einsame Weite der Wüste in langen Einstellungen ein, Heerscharen an Soldaten werden aus der top-down Perspektive zu kleinen Spielfiguren und Charaktere speisen im kolossalen Schatten monumentaler Konstruktionen. In Kombination mit Hans Zimmers brachialem Soundtrack-Meisterwerk jagt bereits nach fünf Minuten Laufzeit ein Gänsehautmoment dem nächsten nach. Hier birgt der Film allerdings auch ein Risiko, denn er ist mehr auf die Rahmenbedingungen eines großen Kinosaals angewiesen als die meisten anderen Filme. Auf der kleinen Leinwand oder gar in den eigenen vier Wänden werden sich Teile der Wüstenplanet-Magie unvermeidbar im Sande verlaufen. Fazit: Star Wars für Erwachsene? Oft frage ich mich, wie es sich wohl angefühlt hat, bei den Ursprüngen legendärer Filmreihen im Kino gewesen zu sein. Luke Skywalker, der vor dem Sonnenuntergang Tatooines in die Ferne blickt. Die Gefährten, die in kleinen Booten an den gigantischen Monumenten längst verstorbener Könige vorbeiziehen. Im Kinosaal zu sitzen und Dune zu erleben, fühlt sich so an, wie ich mir den Start von Reihen wie Star Wars immer vorgestellt habe. Das erste Kapitel der Wüstenplanet-Saga ist meisterhaft besetzt, im perfekten Tempo erzählt und audiovisuell bombastisch inszeniert. Denis Villeneuve versteht die Atmosphäre der Romanvorlage wie kein Zweiter und setzt seine Vision mit einer Sorgfalt um, an der die Dune Verfilmungen der Vergangenheit noch scheiterten. Folge dieses Detailreichtums ist, dass Dune bis auf Weiteres leider die erste Hälfte einer nicht auserzählten Geschichte bleibt. Ob wir das zweite Kapitel aufschlagen liegt nun an uns. Doch wenn wir das tun ist eines sicher: This is only the beginning.
    Kritik: Dune
    Handlung
    80%
    Schauspiel
    85%
    Visuelle Umsetzung
    100%
    Atmosphäre
    100%
    Soundtrack
    90%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 16.09.2021
    Filmlänge: 155 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , , , , , , , ,
    Bildrechte: Warner Bros
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Gesamtbewertung:

Meisterwerk
91%

Mit Denis Villeneuves 'Dune' startet diesen September der dritte Anlauf, die ebenso revolutionären wie einflussreiche Vorlage von Frank Herbert auf die große Leinwand zu bringen. Ob Villeneuve der Vorlage endlich gerecht werden kann oder ob 'Dune' nur ein weiterer Sandkorn auf dem Strand der Remakes bleibt, erfahrt ihr in dieser Kritik. 

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Willkommen auf Arrakis

Im Jahr 10191 hat die Menschheit die Erde schon längst hinter sich gelassen. Verteilt durch das gesamte Universum und zusammengehalten vom zentralen Imperium, herrschen die Menschen in adelsgleichen Häusern über die verschiedensten Planeten. Die Reise zwischen den Sternen birgt allerdings Gefahren, die nur unter der Einnahme einer seltenen und wertvollen Droge überlebt werden können: dem Spice. Nachdem die Welt als Folge eines blutigen Aufstands der Entwicklung von künstlichen Intelligenzen den Rücken zugekehrt hatte, blieb das bewusstseinserweiternde Spice, welches ausschließlich auf dem Wüstenplanet Arrakis zu finden ist, die einzige Möglichkeit, um das Leben im Kosmos aufrechtzuerhalten. So wurde das Spice zum Dreh- und Angelpunkt der Welt und verlieh denen, die Arrakis und damit den Abbau der bedeutsamen Droge kontrollierten, grenzenlose Macht und Wohlstand.

"Mein Planet Arrakis ist so schön, wenn die Sonne tief steht. Wenn sie über dem Sand schwebt, kann man das Spice in der Luft sehen."

Shani in Dune

Die Herrschaft über Arrakis befindet sich nach jahrelanger Unterdrückung durch Haus Harkonnen im Umbruch. Haus Atreides, eines der mächtigsten und angesehensten Häuser des Universums, soll unter der Führung von Herzog Leto (Oscar Isaac) ihre Todfeinde, die Harkonnens, von der Herrschaft über Arrakis ablösen. Umgeben von Intrigen und Todesfallen der Harkonnens und unter imperialen Druck bezieht Leto gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Lady Jessica (Rebecca Ferguson) und ihrem gemeinsamen Sohn Paul (Timothée Chalamet) den fremden Planeten und versucht in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Jedoch sollen die Gefahren der anderen Häuser nicht das einzige Hindernis auf dem Weg der Atreides‘ bleiben. Denn wer in der endlosen Wüste von Arrakis zwischen peitschendem Sand und glühender Hitze überleben will, muss sich den gnadenlosen Regeln des unwirtlichen Planeten bereitwillig unterwerfen.

Unverfilmbar oder unverstanden?

Dune – Der Wüstenplanet. Grenzenlose Universen voller intrigenreicher Geschichten, religiösen Legenden und faszinierenden Charakteren. Ein Roman, der nicht nur die Science-Fiction verändern sollte, sondern große Teile unserer Popkultur bis heute deutlich prägt. Doch trotz alledem sollte Dune immer ein Stoff bleiben, der nie dasselbe Publikum finden konnte, wie die vielen Werke, die er beeinflusste. Nicht wenige Regisseure bissen sich an dem Versuch, Herberts Universum für ein großes Publikum auf die Kinoleinwand zu hieven, die Zähne aus.

So ließ der exzentrische Chile Alejandro Jodorowsky Millionen in die Produktion seiner an den Wahnsinn grenzenden Vision fließen, bevor ihm der Geldhahn abgedreht wurde und aus dem Projekt schließlich die Wurzeln von Alien wuchsen. Eine Fernsehminiserie in den frühen 2000ern geriet schnell in Vergessenheit und sogar Regielegende David Lynch versuchte sich in den 80ern an der Geschichte rund um Arrakis. Das Ergebnis: ein Film, der mit seiner knappen Laufzeit unter dem Gewicht des Romanumfangs gnadenlos einknickte.

Aller guten Dinge sind drei

Wer nun denkt, dass das Dune Universum zu komplex und detailverliebt für eine filmische Umsetzung ist, soll jetzt Jahrzehnte nach dem ersten Versuch einer Verfilmung endlich eines Besseren belehrt werden.  Unterstützt von der namhaftesten Besetzung des Jahres und frisch von seinen Science-Fiction-Perlen Arrival und Blade Runner 2049 bringt Denis Villeneuve 2021 endlich die Adaption in die Kinos, die der Roman verdient.

Herzog Leto (Oscar Isaac) soll das respektierte Haus Atreides in eine neue Zukunft führen.

Doch wo brilliert Villeneuve, wo seine Vorgänger:innen noch scheiterten? Eine der offensichtlichsten Antworten auf diese Frage ist die Aufteilung des Romans in zwei Teile. Diese Entscheidung geschieht nicht etwa aus einer geldgierigen Laune seitens des Studios, welches aus der Sandwüste von Arrakis möglichst viel Profit heraus sieben will. Sie ist zu hundert Prozent auf Villeneuve selbst zurückzuführen, der erkennt, dass eine Adaption des Materials in Spielfilmlänge kaum möglich ist. Dafür ist die Welt von Dune zu groß, die politischen und gesellschaftlichen Themen zu komplex und die Handlung schlicht und einfach zu lang. Also zieht Villeneuve nach zweieinhalb Stunden, die die Version von Lynch immer noch übertreffen, und ungefähren Hälfte des Romans den Schlussstrich und nimmt sich bis dahin alle Zeit der Welt.

Die Hälfte eines Meisterwerks

Kinoliebhaber:innen, die Villeneuves Handschrift schon in Blade Runner 2049 kennenlernen konnten, wissen an dieser Stelle sofort, was "alle Zeit der Welt" bedeutet. Mit Samthandschuhen taucht Dune in Frank Herberts Universum ein, entführt uns in faszinierende fremde Welten wie den Heimatplaneten der Atreides Caladan oder die düstere Welt der Harkonnens, etabliert Mysterien wie die Religionsgemeinschaften der Bene Gesserit und erforscht die Auswirkungen des lebensnotwendigen Spice.

Lady Jessica (Rebecca Ferguson) ist eine Bene Gesserit. Teil einer matriarchalen Religion, des 'Dune'-Universums.

Besonders mutig daran ist, dass der Film nicht den Zwang verspürt, alle angebrochenen Handlungsstränge in Part One zu einem befriedigenden Übergangsende zu bringen. Damit sei nicht gesagt, dass wir zu Ende geführte Charakterentwicklungen und explosive Höhepunkte in Teil eins vermissen müssen. Ganz im Gegenteil: die Übernahme des Wüstenplaneten durch die Atreides ist auch in der Vorlage eine der vielschichtigsten Passagen der gesamten Handlung, der es an emotionalen Höhepunkten keineswegs mangelt. Doch im Kern ist Dune viel langsames Set-Up für ein Payoff, auf welches wir unbestimmte Zeit warten müssen. Diese untypische Struktur wird sich für viele Kinogänger:innen frustrierend anfühlen und tatsächlich lässt sich über den genauen Schlusspunkt von Part One durchaus diskutieren. Im Gesamtbild trifft Villeneuve hier jedoch zweifellos die richtige Entscheidung. Wenn uns die Geschichte eines gezeigt hat, dann dass eine Adaption von Dune viel, viel Zeit benötigt.

Immersion statt Exposition

So könnte man Dune durchaus als Slowburn betiteln, doch die atemberaubend dichte Atmosphäre des Sci-Fi-Meisterwerks verleiht selbst der stillsten Szene eine Wucht, die gnadenlos in den Kinosessel presst. Dafür  beweist der Film wirkungsvoll wie essenziell die „show don’t tell“ Faustregel, besonders bei Buchadaptionen, sein kann. Natürlich sind derartig gigantische Universen auch auf geschickte Exposition angewiesen. Doch zahlreiche Stoffe des Buches wie ökologische Regeln der Wüste oder ausschweifende technische Details diverser Maschinen setzt der Film durch vielerlei fantasievolle Einfälle ausschließlich visuell um.

Paul Atreides (Timothée Chalamet) blickt auf Arrakis einer ungewissen Zukunft entgegen.

Auch gesellschaftliche Themen der Vorlage, wie Religion, Feminismus oder die Klimakrise, webt das Drehbuch geschickt in den Subtext ein. Dadurch, dass Villeneuve nicht mit der Dune-Komplettlösung auf dem benachbarten Kinosessel sitzt und unterrichtende Monologe aus Herberts Vorlage zitiert, gibt er uns die Möglichkeit aus dem Kino heraus und hinein in eine fremde Welt zu tauchen. Ihre Geheimnisse mit Staunen selbst zu entdecken und in ihrer beispiellosen Stimmung zu baden. Unter Villeneuve wird die Welt von Dune lebendiger denn je.

Rückkehr der Kino-Magie

Um diese Welt erleben zu können, empfiehlt der Regisseur selbst einen alternativlosen Gang ins Kino. Man solle sich für den Film die größtmögliche Leinwand in der eigenen Umgebung suchen. Oft sind solche Empfehlungen optional, doch für Dune fühlen sie sich fast schon essenziell an. Wenn man das Sci-Fi Epos mit einem Wort beschreiben müsste, dann „bombastisch“, denn Dune will euch mit seiner Bildgewalt aus dem Kinosessel pusten. Wie schon das Tempo atmet auch die Bildsprache zu jedem Moment den Geist von Blade Runner 2049. Riesige Aufnahmen, fangen gigantische Städte oder die einsame Weite der Wüste in langen Einstellungen ein, Heerscharen an Soldaten werden aus der top-down Perspektive zu kleinen Spielfiguren und Charaktere speisen im kolossalen Schatten monumentaler Konstruktionen.

Die unendliche Weite der Wüste gehört zu den beeindruckendsten Elementen des gesamten Films.

In Kombination mit Hans Zimmers brachialem Soundtrack-Meisterwerk jagt bereits nach fünf Minuten Laufzeit ein Gänsehautmoment dem nächsten nach. Hier birgt der Film allerdings auch ein Risiko, denn er ist mehr auf die Rahmenbedingungen eines großen Kinosaals angewiesen als die meisten anderen Filme. Auf der kleinen Leinwand oder gar in den eigenen vier Wänden werden sich Teile der Wüstenplanet-Magie unvermeidbar im Sande verlaufen.

Fazit:

Star Wars für Erwachsene?

Oft frage ich mich, wie es sich wohl angefühlt hat, bei den Ursprüngen legendärer Filmreihen im Kino gewesen zu sein. Luke Skywalker, der vor dem Sonnenuntergang Tatooines in die Ferne blickt. Die Gefährten, die in kleinen Booten an den gigantischen Monumenten längst verstorbener Könige vorbeiziehen. Im Kinosaal zu sitzen und Dune zu erleben, fühlt sich so an, wie ich mir den Start von Reihen wie Star Wars immer vorgestellt habe. Das erste Kapitel der Wüstenplanet-Saga ist meisterhaft besetzt, im perfekten Tempo erzählt und audiovisuell bombastisch inszeniert. Denis Villeneuve versteht die Atmosphäre der Romanvorlage wie kein Zweiter und setzt seine Vision mit einer Sorgfalt um, an der die Dune Verfilmungen der Vergangenheit noch scheiterten. Folge dieses Detailreichtums ist, dass Dune bis auf Weiteres leider die erste Hälfte einer nicht auserzählten Geschichte bleibt. Ob wir das zweite Kapitel aufschlagen liegt nun an uns. Doch wenn wir das tun ist eines sicher: This is only the beginning.

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Ein Kommentar
  • Ruth Wilding
    23 Oktober 2021 at 16:06

    Villeneuves Dune ist der überambitionierteste Film des Jahres und auch der am meisten überbewertete. Viele Szenen, in denen überhaupt geschauspielert wird, sind denen aus der sehr kritisierten Fassung von David Lynch durchaus ähnlich, so dass man sich über die Diskrepanz der Bewertungen der beiden Filme zum Teil wundert. Aber bei Lynch sind die geschaupielerten Szenen teilweise wesentlich besser und es gibt eine deutliche Charakterisierung der Figuren und eine Darlegung der Beziehungen zwischen ihnen, jedenfalls in der besseren, ersten Hälfte von Lynchs Film, die etwa das erste Drittel des ersten Buchs von Frank Herbert abdeckt, was in etwa auch der Story von Villeneuves Film entspricht. Eine Charakterisierung der Figuren oder eine Charakterentwicklung findet bei Villeneuve so gut wie nicht statt. Ebenso lässt das worldbuilding sehr zu wünschen übrig. Zuschauer, die die Bücher nicht kennen, werden Mühe haben, sich wichtige Zusammenhänge aus dem Film zu erschließen. Insgesamt wird zuviel Zeit mit designerhaften Wüstenbildern verschwendet, bei denen der Libellokopter der eigentliche Star ist, der reichlich viel Screentime bekommt. Die wäre bei geschauspielten Szenen besser investiert gewesen. Die Filmmusik ist aufdringlich bedeutungsschwer und letzlich emotional arm, so wie der Film überhaupt. Das ist kein Meisterwerk. Das ist bestenfalls überambitioniertes, leicht überdurchschnittliches SciFi-Kino mit der zeitgenössischen Überbewertung computeranimierter Bilder. Ich gebe 6,5/10, aber besser ist das einfach nicht.

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