Kritik: Fabian oder Der Gang vor die Hunde

Kino für den Deutsch-LK
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
  • Der viel ausgezeichnete Regisseur Dominik Graf ('Dreileben', 'Im Angesicht der Verbrechens') hat zwischen etlichen Tatorten mal wieder einen Kinofilm gedreht. Über ein verruchtes Berlin aus einer anderen Zeit. Wieso das leider etwas missraten ist und sich der Gang vor die Kinokasse nur bedingt lohnt, erfahrt ihr in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum gehts? Berlin. In den 30er Jahren. Des letzten Jahrhunderts. Jakob Fabian (Tom Schilling), von allen nur beim Nachnamen gerufen und seines Zeichens promovierter Germanist und schlecht bezahlter Werbetexte, streift durch die Straßen der Großstadt. Er “studiert das Leben: möblierte Zimmer, Bars, gewisse Damen und dazugehörige Etablissements, die Liebe und die Verlogenheit der Menschen…” So heißt es im Klappentext meiner Taschenbuchausgabe des gleichnamigen Romans von Erich Kästner, der die Vorlage zum Film lieferte. Bei dieser sehr vagen Beschreibung kann man es auch eigentlich belassen. Zum einen, weil auch gar nicht so viel Handlung passiert – ein bisschen Liebe, ein bisschen Geldsorgen, Freunde und Bekannte. Zum anderen aber auch, weil es Fabian gar nicht wirklich um Handlung geht. Der Film versucht eher, ein Gefühl des Lebens in der Zeit zu vermitteln. Vieles ist Milieustudie, Sittenbildnis und hier und da Psychogramm. Werbung Exzess! Kürzen! Um den größten Kritikpunkt direkt anzusprechen: Fabian oder der Gang vor die Hunde ist zu lang. Viel zu lang. Wirklich, viel – viel zu lang. Vollkommen unerklärlicherweise dauert er nämlich drei Stunden! Und er hat keinen Grund dazu. Beziehungsweise hätte er vor Kinostart nochmal gründlich gekürzt werden sollen. Wie seine eigene Hauptfigur mäandert der Film die meiste Zeit ziellos dahin, schaut mal in den einen Handlungsstrang, dann in den anderen. Was als Konzept noch überzeugend klingt, wird dann zu einem wirklichen Problem, wenn der Adaption die Disziplin und Präzision der Buchvorlage vollkommen abgeht. Erich Kästners Fabian zeichnet sich gerade durch einen sehr flotten und knappen Stil aus. Es wird nicht lange verweilt, schnell kommt die Handlung voran und zum Punkt. Ganz anders leider der filmische Fabian. Ohne dass viel passiert, schleppt er sich dahin. Nach zwei Stunden habe ich im Kino auf mein Telefon geschielt und entsetzt festgestellt, dass das erst zwei Drittel waren. (Kleines) Figurenfest Unabhängig von der unverschämten Dauer muss ich aber zugeben, dass die einzelnen Szenen, viele der Figuren durchaus ein lohnendes Erlebnis sind. Fabians Mutter (Petra Kalkutschke) etwa spielt die patente Frau vom Dorf, die der großen Stadt jedoch skeptisch gegenübersteht, großartig. Ebenso die dubiose Irene Moll (Meret Becker), die mehrfach Fabians Wege kreuzt und ihm an die Wäsche will. Und auch etwa die Szenen bei Fabians Eltern im letzten Teil des Films sind sehr gut beobachtet und gespielt. Eventuell hätte Dominik Graf einen Mehrteiler filmen sollen. Jetzt gerade schwebt alles nämlich sehr in der Luft zwischen dem Fokus, den es in einem Spielfilm eigentlich braucht, der den Fluss der Handlung lenkt und das Gebilde zusammenhält; und der ausführlichen Detailbetrachtung, die sich eine zum Beispiel eine Serie leisten kann. Schullektürenkino Die filmische Qualität ist trotz aller Kritik nicht zu leugnen. Direkt in der ersten Einstellung beweist der Film, dass er es sehr gut versteht, visuell zu überzeugen: beginnend in der heutigen Berliner U-Bahn reisen wir in einer langen Kamerafahrt zurück in die 30er und finden Fabian an ein Geländer gelehnt. Während vieles durchaus derart gut gelungen ist, bleibt dennoch oftmals leider die Frage, was das genau soll. Beziehungsweise bleibt es das eben auch gerade nicht. Die erwähnte Zeitreise als Parallelisierung der heutigen und der damaligen Zeit = so verschieden ist es heute nicht! Der collagenhafte Zusammenschnitt aus alten Filmaufnahmen und grell Lichtern = die Menschen sind völlig überrannt von den Eindrücken, das Leben an sich als Rausch. Der unregelmäßig auftretende Erzähler als vermeintliche moralische Instanz. Die wiederholten Unterhaltungen über Philosophie, Moral, Politik = gesellschaftlicher Kommentar. Das wirkt alles leider etwas zu plump, bzw. zu gewollt und gezwungen. Gerade so, als sei das Ziel eben die Interpretation im Deutsch-LK. Einschließlich der dritten Transferaufgabe mit Eigenleistung und mild moralischem Impetus in der Fragestellung. Nicht, dass ein Film sich derlei Themen nicht widmen sollte, aber doch nicht ganz so konventionell und holzschnitthaft durchschaubar, bitte. Fazit: Lang und leider langweilig Eine durchaus lohnende, aber auch anstrengende Literaturverfilmung. Wenn man ein wenig die Zähne zusammenbeißt und sich durch die drei Stunden Laufzeit zwingt, dann gibt es einiges an Figuren, Szenen und Bildern, was lohnt. Aber in Anbetracht des Potentials der Vorlage, muss doch festgehalten werden, dass Fabian oder Der Gang vor die Hunde hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Vor allem aufgrund der unnötigen Länge und der unpräzisen Erzählung setzt an einige Stellen Langeweile ein.
    Kritik: Fabian oder Der Gang vor die Hunde
    Handlung
    50%
    Visuelle Umsetzung
    70%
    Dialoge
    60%
    Charaktere
    70%
    Tiefgang
    55%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 05.08.2021
    Filmlänge: 186 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , , , ,
    Bildrechte: DCM
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Gesamtbewertung:

Mäßig
61%

Der viel ausgezeichnete Regisseur Dominik Graf ('Dreileben', 'Im Angesicht der Verbrechens') hat zwischen etlichen Tatorten mal wieder einen Kinofilm gedreht. Über ein verruchtes Berlin aus einer anderen Zeit. Wieso das leider etwas missraten ist und sich der Gang vor die Kinokasse nur bedingt lohnt, erfahrt ihr in der Kritik.

Worum gehts?

Berlin. In den 30er Jahren. Des letzten Jahrhunderts. Jakob Fabian (Tom Schilling), von allen nur beim Nachnamen gerufen und seines Zeichens promovierter Germanist und schlecht bezahlter Werbetexte, streift durch die Straßen der Großstadt. Er “studiert das Leben: möblierte Zimmer, Bars, gewisse Damen und dazugehörige Etablissements, die Liebe und die Verlogenheit der Menschen…”

Tom Schilling und Meret Becker in Dominik Grafs Fabian oder der Gag vor die Hunde nach dem Roman von Erich Kästner

Viele Szenen malen die 30er in unterweltlich entrückten und düsteren Farben.

So heißt es im Klappentext meiner Taschenbuchausgabe des gleichnamigen Romans von Erich Kästner, der die Vorlage zum Film lieferte. Bei dieser sehr vagen Beschreibung kann man es auch eigentlich belassen. Zum einen, weil auch gar nicht so viel Handlung passiert – ein bisschen Liebe, ein bisschen Geldsorgen, Freunde und Bekannte.

Zum anderen aber auch, weil es Fabian gar nicht wirklich um Handlung geht. Der Film versucht eher, ein Gefühl des Lebens in der Zeit zu vermitteln. Vieles ist Milieustudie, Sittenbildnis und hier und da Psychogramm.

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Exzess! Kürzen!

Um den größten Kritikpunkt direkt anzusprechen: Fabian oder der Gang vor die Hunde ist zu lang. Viel zu lang. Wirklich, viel – viel zu lang. Vollkommen unerklärlicherweise dauert er nämlich drei Stunden! Und er hat keinen Grund dazu. Beziehungsweise hätte er vor Kinostart nochmal gründlich gekürzt werden sollen.

Wie seine eigene Hauptfigur mäandert der Film die meiste Zeit ziellos dahin, schaut mal in den einen Handlungsstrang, dann in den anderen. Was als Konzept noch überzeugend klingt, wird dann zu einem wirklichen Problem, wenn der Adaption die Disziplin und Präzision der Buchvorlage vollkommen abgeht.

Saskia Rosendahl und Albrecht Schuch in Dominik Grafs Fabian oder der Gang vor die Hunder nach dem Roman von Erich Kästner

Die Figuren leben ein unbeschwertes und hedonistisches, weil blindes Leben voller Verdrängung.

Erich Kästners Fabian zeichnet sich gerade durch einen sehr flotten und knappen Stil aus. Es wird nicht lange verweilt, schnell kommt die Handlung voran und zum Punkt. Ganz anders leider der filmische Fabian. Ohne dass viel passiert, schleppt er sich dahin. Nach zwei Stunden habe ich im Kino auf mein Telefon geschielt und entsetzt festgestellt, dass das erst zwei Drittel waren.

(Kleines) Figurenfest

Unabhängig von der unverschämten Dauer muss ich aber zugeben, dass die einzelnen Szenen, viele der Figuren durchaus ein lohnendes Erlebnis sind. Fabians Mutter (Petra Kalkutschke) etwa spielt die patente Frau vom Dorf, die der großen Stadt jedoch skeptisch gegenübersteht, großartig.

Ebenso die dubiose Irene Moll (Meret Becker), die mehrfach Fabians Wege kreuzt und ihm an die Wäsche will. Und auch etwa die Szenen bei Fabians Eltern im letzten Teil des Films sind sehr gut beobachtet und gespielt.

Albrecht Schuch und Tom Schilling in Dominik Grafs Fabian oder der Gang vor die Hunder nach dem Roman von Erich Kästner

Der Unterwelt und dem Milieu gilt die Hauptaufmerksamkeit des Films.

Eventuell hätte Dominik Graf einen Mehrteiler filmen sollen. Jetzt gerade schwebt alles nämlich sehr in der Luft zwischen dem Fokus, den es in einem Spielfilm eigentlich braucht, der den Fluss der Handlung lenkt und das Gebilde zusammenhält; und der ausführlichen Detailbetrachtung, die sich eine zum Beispiel eine Serie leisten kann.

Schullektürenkino

Die filmische Qualität ist trotz aller Kritik nicht zu leugnen. Direkt in der ersten Einstellung beweist der Film, dass er es sehr gut versteht, visuell zu überzeugen: beginnend in der heutigen Berliner U-Bahn reisen wir in einer langen Kamerafahrt zurück in die 30er und finden Fabian an ein Geländer gelehnt.

Während vieles durchaus derart gut gelungen ist, bleibt dennoch oftmals leider die Frage, was das genau soll. Beziehungsweise bleibt es das eben auch gerade nicht. Die erwähnte Zeitreise als Parallelisierung der heutigen und der damaligen Zeit = so verschieden ist es heute nicht!

in Dominik Grafs Fabian oder der Gang vor die Hunder nach dem Roman von Erich Kästner

Viele Szenen wirken etwas zu schulbuchhaft gewollt symbolisch.

Der collagenhafte Zusammenschnitt aus alten Filmaufnahmen und grell Lichtern = die Menschen sind völlig überrannt von den Eindrücken, das Leben an sich als Rausch. Der unregelmäßig auftretende Erzähler als vermeintliche moralische Instanz. Die wiederholten Unterhaltungen über Philosophie, Moral, Politik = gesellschaftlicher Kommentar.

Das wirkt alles leider etwas zu plump, bzw. zu gewollt und gezwungen. Gerade so, als sei das Ziel eben die Interpretation im Deutsch-LK. Einschließlich der dritten Transferaufgabe mit Eigenleistung und mild moralischem Impetus in der Fragestellung. Nicht, dass ein Film sich derlei Themen nicht widmen sollte, aber doch nicht ganz so konventionell und holzschnitthaft durchschaubar, bitte.

Fazit:

Lang und leider langweilig

Eine durchaus lohnende, aber auch anstrengende Literaturverfilmung. Wenn man ein wenig die Zähne zusammenbeißt und sich durch die drei Stunden Laufzeit zwingt, dann gibt es einiges an Figuren, Szenen und Bildern, was lohnt. Aber in Anbetracht des Potentials der Vorlage, muss doch festgehalten werden, dass Fabian oder Der Gang vor die Hunde hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Vor allem aufgrund der unnötigen Länge und der unpräzisen Erzählung setzt an einige Stellen Langeweile ein.

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