Kritik: Fear Street – Teil 1: 1994

Auferweckung der Totgeglaubten
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
Jugendgefährdende Inhalte
  • Titelbild für Kritik Fear Street 1994 Teil 1
  • Retro-Horror feiert Hochkonjunktur. Und Netflix will natürlich ein fettes Stück von der bluttriefenden Torte abhaben. Eine der Slasher-Neuerscheinungen ist gleich eine ganze Trilogie und trägt den nicht sonderlichen subtilen Titel 'Fear Street – Teil 1: 1994'. Kann der Auftakt der Horror-Reihe überzeugen? Erfahrt es in unserer Bewertung und Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht's? Seit Jahrzehnten brodelt ein unerbittlicher Konkurrenzkampf zwischen den zwei Städten Sunnyvale und Shadyside. Floriert das mit Villen gespickte Sunnyvale scheinbar mühelos, jagt in Shadyside ein blutiges Verbrechen das nächste. Dem Mythos nach sei die Gegend von der mittelalterlichen Hexe Sarah Fier, die zu Unrecht gehängt wurde, verflucht. Angeblich auch der Grund, warum in regelmäßigen Abständen irgendein armer Tropf komplett den Verstand verliert und ohne Erklärung ein Blutbad anrichtet. Als die Cheerleaderinnen Deena (Kiana Madeira) und Samantha (Olivia Scott Welch) in einen nächtlichen Unfall verwickelt werden, erwecken sie versehentlich die Hexe erneut… Werbung Retro-Slasher mit Fußnoten Regisseurin Leigh Janiak (Honeymoon) hat ihre Hausaufgaben gemacht! Wohlwissend, dass spätestens seit Stranger Things nostalgisch-verklärte und durchweg augenzwinkernde Filme und Serien auf dem Vormarsch sind (etwa Summer of ’84), springt sie gleich mit einer Trilogie auf den Money-Zug auf – ein Schelm, wer Böses denkt. Doch nach dem fulminanten Auftakt und dem Entfalten des überraschend weit gedachten Plots ist klar: Janiak kann nicht nur grundsolide inszenieren, sondern beherrscht das Spiel auf der Slasher-Klaviatur einwandfrei. Dabei wird überhaupt kein Hehl daraus gemacht, dass hier munter das Who-is-who der Horror-Klassiker liebevoll rezitiert wird. Von Scream über Nightmare on Elm Street bis hin zu Poltergeist und Spielbergs Der weiße Hai ist alles vertreten, was an Halloween potenziell auf Kabel Eins laufen könnte. Und was kann ich sagen: allein das blutige Referenz-Bingo macht eine Menge Spaß! Das Rad nicht neu erfunden – aber es rollt! Plotmäßig darf man bei Fear Street – Teil 1: 1994 gelegentlich mal ein Auge zudrücken. Die Geschichte um einen Jahrhunderte alten Fluch, dem versehentlichen Erwecken einer bösen Macht, ein paar Kids, die dem Bösen das Handwerk legen und jede Menge finsterer Gestalten ist im Auftakt (noch) nicht sonderlich innovativ. Das heißt aber nicht, dass die Story das blutige Geschehen nicht trotzdem locker trägt. Immerhin spielt Janiak gekonnt damit, die Zuschauenden zu überraschen: entweder, weil etwas konträres passiert oder das Horror-Klischee doch einfach genüsslich erfüllt wird. Gerade im starken Finale sitzen die Schläge an der richtigen Stelle und überraschen mit extremer Härte (ja, die FSK 18 ist gerechtfertigt)! It happens in Shadyside over and over. Normal people turn into psychos. Josh in Fear Street – Teil 1: 1994 Für augenzwinkernde und wunderbar nostalgische Momente sorgt vor allem der Soundtrack des Trilogie-Auftakts. Da sind Klassiker wie “Insane in the Brain” von Cypress Hill ebenso vertreten wie „Creep“ von Radiohead oder (dem 1994 noch nicht erschienenen) „Firestarter“ von The Prodigy. Ein großes Plus, das dem Pacing des Films mehr als guttut. Emotionaler Unterbau der Figuren Warum der zumeist bekannte Horror-Plot ein wenig vernachlässigt werden kann, sind die doppelbödig geschriebenen Figuren. Zwischen dem gelegentlichen Schema-F-Charakter tummeln sich allerhand Persönlichkeiten, die angesichts der rasanten Geschehnisse überraschend gut zur Geltung kommen. Besonders hervorzuheben ist die emotionale Coming-Out-Geschichte zweier Figuren, die nicht nur eine komplette Vorgeschichte mit sich bringt, sondern sich auch äußerst dramatisch entfaltet.   Auch der junge Josh, der als Internet-Nerd und Hobby-Kriminologe eher belächelt wird, bekommt seine großen Momente. Zwar ist seine unlogisch geschriebene Romanze wenig überzeugend, doch man drückt ihm trotzdem bedingungslos die Daumen. Warum die sich rasch entfaltenden Figuren trotz allem Hokuspokus glaubhaft bleiben, liegt am starken Ensemble! Zwischen Feingefühl und Badassery Vor allem das große Vorbild Stranger Things hat gezeigt, dass glaubhafte Jungschauspielende gute Mystery-Geschichten in fantastische Mystery-Geschichten verwandeln können. Hierbei punktet auch Fear Street – Teil 1: 1994. Kiana Madeira und Benjamin Flores Jr. (hat in Rim of the World schon Retro-Luft geschnuppert) tragen den Film mühelos. Dabei sind beide keine Stereotypen, sondern bestechen abwechselnd mit Köpfchen und amtlicher Durchschlagkraft. Julia Rehwald ist für die bissigen Töne zuständig, während sich Fred Hechinger (Neues aus der Welt) als gutherziger Einfaltspinsel schnell zum Publikumsliebling mausert. Die Ambivalenz der Figuren, die immer mal wieder zwischen Skepsis, Angriffslust, Selbstzweifel und schierer Überforderung wechseln, ist, was Fear Street – Teil 1: 1994 von den großen Vorbildern abhebt. Hier gibt es keine reinen Held*innen – und denjenigen, die sich später zu echten Held*innen entwickeln, sieht man es nicht immer auf Anhieb an. Das macht die Angelegenheit auch so spannend – vor allem im Hinblick auf die Sequels. Fazit: 'Fear Street – Teil 1: 1994'  ist eine grundsolide Hommage Der Auftakt der Fear Street Trilogie bietet nicht nur gute Unterhaltung, sondern ist auch eine liebevolle Hommage an all die wunderbaren Klassiker, die das Genre erst definiert haben. Zwar ist der langfristig ambitionierte Plot anfangs noch eher berechenbar und notdürftig behandelt, doch das wird durch gutes Pacing, starkes Schauspiel und einem blutigen Finale locker wieder wettgemacht. Gleichzeitig macht dieses auch verdammt neugierig auf die nachfolgenden Teile. Horror-Neulinge werden sich solide gruseln, während Routiniers die zahlreichen Querverweise anderer Werke entdecken dürfen. Ein im Retro-Overkill unerwartet starker Auftakt einer Filmreihe, die bewährten Horror zurück ins Heimkino holt.
    Kritik: Fear Street – Teil 1: 1994
    Handlung
    70%
    Schauspiel
    80%
    Horror
    75%
    Spannung
    80%
    Emotionen
    80%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 02.07.2021
    Filmlänge: 107 Minuten
    FSK: 18
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , ,
    Bildrechte: 2021 Netflix
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Gesamtbewertung:

Gut
77%

Retro-Horror feiert Hochkonjunktur. Und Netflix will natürlich ein fettes Stück von der bluttriefenden Torte abhaben. Eine der Slasher-Neuerscheinungen ist gleich eine ganze Trilogie und trägt den nicht sonderlichen subtilen Titel 'Fear Street – Teil 1: 1994'. Kann der Auftakt der Horror-Reihe überzeugen? Erfahrt es in unserer Bewertung und Kritik.

Worum geht's?

Seit Jahrzehnten brodelt ein unerbittlicher Konkurrenzkampf zwischen den zwei Städten Sunnyvale und Shadyside. Floriert das mit Villen gespickte Sunnyvale scheinbar mühelos, jagt in Shadyside ein blutiges Verbrechen das nächste. Dem Mythos nach sei die Gegend von der mittelalterlichen Hexe Sarah Fier, die zu Unrecht gehängt wurde, verflucht. Angeblich auch der Grund, warum in regelmäßigen Abständen irgendein armer Tropf komplett den Verstand verliert und ohne Erklärung ein Blutbad anrichtet. Als die Cheerleaderinnen Deena (Kiana Madeira) und Samantha (Olivia Scott Welch) in einen nächtlichen Unfall verwickelt werden, erwecken sie versehentlich die Hexe erneut…

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Retro-Slasher mit Fußnoten

Regisseurin Leigh Janiak (Honeymoon) hat ihre Hausaufgaben gemacht! Wohlwissend, dass spätestens seit Stranger Things nostalgisch-verklärte und durchweg augenzwinkernde Filme und Serien auf dem Vormarsch sind (etwa Summer of ’84), springt sie gleich mit einer Trilogie auf den Money-Zug auf – ein Schelm, wer Böses denkt. Doch nach dem fulminanten Auftakt und dem Entfalten des überraschend weit gedachten Plots ist klar: Janiak kann nicht nur grundsolide inszenieren, sondern beherrscht das Spiel auf der Slasher-Klaviatur einwandfrei.

Dabei wird überhaupt kein Hehl daraus gemacht, dass hier munter das Who-is-who der Horror-Klassiker liebevoll rezitiert wird. Von Scream über Nightmare on Elm Street bis hin zu Poltergeist und Spielbergs Der weiße Hai ist alles vertreten, was an Halloween potenziell auf Kabel Eins laufen könnte. Und was kann ich sagen: allein das blutige Referenz-Bingo macht eine Menge Spaß!

Szenenbild aus Fear Street 1994 Teil 1 in einem Supermarkt

Fear Street zitiert eine Menge Klassiker aus dem Horror-Genre und hat dabei sichtlich Spaß.

Das Rad nicht neu erfunden – aber es rollt!

Plotmäßig darf man bei Fear Street – Teil 1: 1994 gelegentlich mal ein Auge zudrücken. Die Geschichte um einen Jahrhunderte alten Fluch, dem versehentlichen Erwecken einer bösen Macht, ein paar Kids, die dem Bösen das Handwerk legen und jede Menge finsterer Gestalten ist im Auftakt (noch) nicht sonderlich innovativ. Das heißt aber nicht, dass die Story das blutige Geschehen nicht trotzdem locker trägt. Immerhin spielt Janiak gekonnt damit, die Zuschauenden zu überraschen: entweder, weil etwas konträres passiert oder das Horror-Klischee doch einfach genüsslich erfüllt wird. Gerade im starken Finale sitzen die Schläge an der richtigen Stelle und überraschen mit extremer Härte (ja, die FSK 18 ist gerechtfertigt)!

It happens in Shadyside over and over. Normal people turn into psychos.

Josh in Fear Street – Teil 1: 1994

Für augenzwinkernde und wunderbar nostalgische Momente sorgt vor allem der Soundtrack des Trilogie-Auftakts. Da sind Klassiker wie “Insane in the Brain” von Cypress Hill ebenso vertreten wie „Creep“ von Radiohead oder (dem 1994 noch nicht erschienenen) „Firestarter“ von The Prodigy. Ein großes Plus, das dem Pacing des Films mehr als guttut.

Emotionaler Unterbau der Figuren

Warum der zumeist bekannte Horror-Plot ein wenig vernachlässigt werden kann, sind die doppelbödig geschriebenen Figuren. Zwischen dem gelegentlichen Schema-F-Charakter tummeln sich allerhand Persönlichkeiten, die angesichts der rasanten Geschehnisse überraschend gut zur Geltung kommen. Besonders hervorzuheben ist die emotionale Coming-Out-Geschichte zweier Figuren, die nicht nur eine komplette Vorgeschichte mit sich bringt, sondern sich auch äußerst dramatisch entfaltet.

 

Auch der junge Josh, der als Internet-Nerd und Hobby-Kriminologe eher belächelt wird, bekommt seine großen Momente. Zwar ist seine unlogisch geschriebene Romanze wenig überzeugend, doch man drückt ihm trotzdem bedingungslos die Daumen. Warum die sich rasch entfaltenden Figuren trotz allem Hokuspokus glaubhaft bleiben, liegt am starken Ensemble!

Zwischen Feingefühl und Badassery

Vor allem das große Vorbild Stranger Things hat gezeigt, dass glaubhafte Jungschauspielende gute Mystery-Geschichten in fantastische Mystery-Geschichten verwandeln können. Hierbei punktet auch Fear Street – Teil 1: 1994. Kiana Madeira und Benjamin Flores Jr. (hat in Rim of the World schon Retro-Luft geschnuppert) tragen den Film mühelos. Dabei sind beide keine Stereotypen, sondern bestechen abwechselnd mit Köpfchen und amtlicher Durchschlagkraft. Julia Rehwald ist für die bissigen Töne zuständig, während sich Fred Hechinger (Neues aus der Welt) als gutherziger Einfaltspinsel schnell zum Publikumsliebling mausert.

Die Ambivalenz der Figuren, die immer mal wieder zwischen Skepsis, Angriffslust, Selbstzweifel und schierer Überforderung wechseln, ist, was Fear Street – Teil 1: 1994 von den großen Vorbildern abhebt. Hier gibt es keine reinen Held*innen – und denjenigen, die sich später zu echten Held*innen entwickeln, sieht man es nicht immer auf Anhieb an. Das macht die Angelegenheit auch so spannend – vor allem im Hinblick auf die Sequels.

Fazit:

'Fear Street – Teil 1: 1994'  ist eine grundsolide Hommage

Der Auftakt der Fear Street Trilogie bietet nicht nur gute Unterhaltung, sondern ist auch eine liebevolle Hommage an all die wunderbaren Klassiker, die das Genre erst definiert haben. Zwar ist der langfristig ambitionierte Plot anfangs noch eher berechenbar und notdürftig behandelt, doch das wird durch gutes Pacing, starkes Schauspiel und einem blutigen Finale locker wieder wettgemacht. Gleichzeitig macht dieses auch verdammt neugierig auf die nachfolgenden Teile. Horror-Neulinge werden sich solide gruseln, während Routiniers die zahlreichen Querverweise anderer Werke entdecken dürfen. Ein im Retro-Overkill unerwartet starker Auftakt einer Filmreihe, die bewährten Horror zurück ins Heimkino holt.

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