Kritik: Neues aus der Welt

Im Western nichts Neues
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Titelbild Neues aus der Welt
  • Regie-Routinier Paul Greengrass schickt Everybodys Darling Tom Hanks auf Rettungsmission durch ein vom Bürgerkrieg gezeichnetes Amerika. Die Prämisse mutet hochpolitisch an – doch wird der Film den Erwartungen gerecht? Erfahrt es in unserer Bewertung und Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht's? Nachdem er jahrelang im amerikanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Südstaaten gekämpft hat, ist der Veteran Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks, Sully) rastlos. Mit einem Planwagen und einer Handvoll Zeitungen bestückt reist er von Stadt zu Stadt, um den Menschen dort Neuigkeiten aus aller Welt vorzulesen. Eines Tages begegnet er der jungen Johanna (Helena Zengel, Systemsprenger), die von dem Stamm der Kiowa entführt wurde und nun auf sich alleine gestellt ist. Kidd nimmt sich ihrer an, um sie zu ihren einzigen Verwandten in Castroville zu bringen – doch die Reise ist lang und gefährlich… Werbung (adsbygoogle = window.adsbygoogle || []).push({}); Austauschbarer Plot Um es kurz zu machen: die Story von Neues aus der Welt ist herzlich konventionell. Verbitterter Protagonist bekommt die Verantwortung für ein Kind auferlegt und sträubt sich so lange dagegen, bis es ihm ans Herz wächst. Das kennen wir von Babylon A.D., das kennen wir von The Mandalorian, das kennen wir vom Playstation-Exclusive-Titel The Last of Us, welcher derzeit als HBO-Serie produziert wird. Ist das ein bewährtes Konzept? Absolut. Hält es neue Twists bereit? Meistens nicht. Letztlich kommt wenig, was dem Captain und der kleinen Johanna widerfährt, großartig überraschend. Dass sie im Laufe ihrer gemeinsam überwundenen Hürden zusammengeschweißt werden, ist folgerichtig. Aber selbst diese Hürden sind im Wild-West-Genre nun mal recht ausgelutscht. Eine Schießerei mit ein paar Ganoven, ein politischer Tumult in einem kleinen Dorf, der Kampf gegen Wind und Wetter – Paul Greengrass und sein Co-Writer Luke Davies begnügen sich mit Konventionen. Hochpolitisch, doch ohne Punch Dennoch findet Neues aus der Welt einen spannenden Aspekt, der bislang noch wenig behandelt wurde. Die Zeiten unmittelbar nach dem Bürgerkrieg, der das Land zutiefst gespalten hinterließ, sind politisch hochbrisant. Die Bevölkerung der Südstaaten leidet unter dem Reglement der Nordstaaten, fühlt sich abgehängt und vergessen. Das Ende des Kriegs brachte keine Einigung, sondern eine noch größere Wunde, die zwischen den zwei Parteien klafft. Es ist tatsächlich verblüffend, wie einfach dieser Zustand auf das politische Klima des heutigen Amerikas (und auch darüber hinaus) übertragen werden kann. Die Spannungen haben sich auch fast 160 Jahre nach Ende des Sezessionskriegs nicht groß verändert.  Greengrass und Davies sind mit diesem Umstand nicht sonderlich subtil – und das müssen sie auch nicht. Lagerspaltungen, autonome Gruppierungen und öffentliche Anfeindungen sprechen für sich. Fragwürdig ist jedoch, wie wenig ambivalent die Rolle des nachrichtenlesenden Captains behandelt wird. Als Gatekeeper entscheidet er, welche Neuigkeiten in welcher Stadt vorgetragen werden. In der einen Szene fungiert er als diplomatischer Vermittler zwischen den verfeindeten Parteien. In der nächsten Szene sorgt er fast für einen Aufstand, weil er gegen die ihm auferlegten Vorgaben verstößt. Eine kritische Auseinandersetzung findet jedoch nicht statt – man geht erschreckend wohlwollend mit dem Protagonisten mit. Das liegt auch an der Besetzung, denn: Tom Hanks ist einfach zu gut für die Welt Ein schauspielerisches Urgestein wie Tom Hanks gegen den Strich zu besetzen, ist gar nicht mal so einfach. Selbst als vom Leben gezeichneter Veteran, der nicht nur die Gräueltaten des Krieges, sondern auch persönliche Schicksalsschläge erleben musste, wirkt Tom Hanks wie unser aller Vater. Mit seiner ruhigen Aura, verständnisvollem Ton und sozialen Ader nimmt man Hanks den grummeligen alten Kerl nicht immer ab. In den einfühlsamen Szenen hingegen schnurrt die Dynamik natürlich wie ein Uhrwerk. Das ist nicht Tom Hanks geschuldet, der wie (fast) immer brillant aufspielt. Es hätte einfach noch ein paar mehr klare Konflikte benötigt, um auch die Schattenseiten des Captains glaubhaft zu machen. Wo wir beim Schauspiel wären: An Hanks‘ Seite spielt die hochtalentierte deutsche Schauspielerin Helena Zengel, die bereits in Systemsprenger fast wortwörtlich die Leinwand sprengte. Ihre wortkarge Johanna füllt Zengel mit einer ungeheuer intensiven Zerbrechlichkeit, ihre Blicke allein reichen oft schon aus. Die Golden Globe Nominierung hat sie sich redlich verdient. Auch der Rest des Casts, darunter die wunderbare Elizabeth Marvel (House of Cards) und der einprägsame spielende Fred Hechinger, ist einwandfrei besetzt. Ich verstehe euch. Wir alle leiden, ein jeder von uns. Aber ich bin der Meinung, dass auch wir unseren Teil dazu beitragen müssen. Jefferson Kyle Kidd in Neues aus der Welt Greengrass platziert gekonnt Spannungselemente Auch, wenn es in der B-Note so einiges zu meckern gibt, bleibt Neues aus der Welt trotzdem insgesamt sehenswert. Paul Greengrass (Jason Bourne, Captain Phillips), der mit seiner shaky cam einst ein ganzes Genre revolutionierte, setzt immer wieder gekonnt spannungsreiche Nuancen. Ein Shootout mit einer Gangsterbande in einem Canyon ist dabei ebenso schweißtreibend, wie eine Kutschen-Abfahrt mit zwei durchgegangenen Pferden. Die Kamera bleibt nah dran, agiert dabei jedoch wesentlich gezielter als zuletzt etwa in 22. Juli. Ansonsten tun die Ausstattung, die wunderschönen Landschaftsaufnahmen und der eingängige Soundtrack von James Newton Howard (Detroit, Red Sparrow) ihr übriges, um das Western-Epos in stimmige Atmosphäre zu hüllen. Hier steht Western drauf und es ist Western drin: Nicht mehr, nicht weniger. Für Genre-Fans ist der Film damit sowieso Pflichtprogramm, auch wenn sich in den zwei Stunden Laufzeit die eine oder andere Länge einschleicht.    Fazit: 'Neues aus der Welt' vereint eher altbekannte Elemente Mit seinem Western-Drama Neues aus der Welt reiht sich ein weiteres solides, handwerklich gut inszeniertes Werk in die Filmografie von Paul Greengrass ein. Während atmosphärisch alles stimmt und Tom Hanks sowie Helena Zengel in ihren Rollen aufblühen, lässt vor allem das Drehbuch mit seiner bekannten Prämisse eher zu wünschen übrig. Auch die Figur des Protagonisten ist stellenweise etwas zu einseitig geraten (Hanks wird das Good Guy Image nicht ganz los), während der wenig subtil verpackte politische Einschlag des Films einfach ins Leere läuft. Im Hinblick auf das derzeit aufgeladene Klima der Vereinigten Staaten ist dies schlichtweg eine verpasste Chance, da einfach nicht tief genug eingestiegen wird. Neues aus der Welt hat dennoch einiges zu bieten und bleibt unter dem Strich sehenswert.
    Kritik: Neues aus der Welt
    Handlung
    65%
    Schauspiel
    90%
    Action
    70%
    Tiefgang
    60%
    Spannung
    80%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 10.02.2021
    Filmlänge: 118 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , ,
    Bildrechte: 2021 Netflix

Gesamtbewertung:

Ganz okay
73%

Regie-Routinier Paul Greengrass schickt Everybodys Darling Tom Hanks auf Rettungsmission durch ein vom Bürgerkrieg gezeichnetes Amerika. Die Prämisse mutet hochpolitisch an – doch wird der Film den Erwartungen gerecht? Erfahrt es in unserer Bewertung und Kritik.

Worum geht's?

Nachdem er jahrelang im amerikanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Südstaaten gekämpft hat, ist der Veteran Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks, Sully) rastlos. Mit einem Planwagen und einer Handvoll Zeitungen bestückt reist er von Stadt zu Stadt, um den Menschen dort Neuigkeiten aus aller Welt vorzulesen. Eines Tages begegnet er der jungen Johanna (Helena Zengel, Systemsprenger), die von dem Stamm der Kiowa entführt wurde und nun auf sich alleine gestellt ist. Kidd nimmt sich ihrer an, um sie zu ihren einzigen Verwandten in Castroville zu bringen – doch die Reise ist lang und gefährlich…

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Austauschbarer Plot

Um es kurz zu machen: die Story von Neues aus der Welt ist herzlich konventionell. Verbitterter Protagonist bekommt die Verantwortung für ein Kind auferlegt und sträubt sich so lange dagegen, bis es ihm ans Herz wächst. Das kennen wir von Babylon A.D., das kennen wir von The Mandalorian, das kennen wir vom Playstation-Exclusive-Titel The Last of Us, welcher derzeit als HBO-Serie produziert wird. Ist das ein bewährtes Konzept? Absolut. Hält es neue Twists bereit? Meistens nicht.

Tom Hanks und Helena Zengel in einem Szenenbild für Neues aus der Welt

Der zermürbte Veteran Jefferson Kid (Tom Hanks) nimmt sich der jungen Johanna (Helena Zengel) an.

Letztlich kommt wenig, was dem Captain und der kleinen Johanna widerfährt, großartig überraschend. Dass sie im Laufe ihrer gemeinsam überwundenen Hürden zusammengeschweißt werden, ist folgerichtig. Aber selbst diese Hürden sind im Wild-West-Genre nun mal recht ausgelutscht. Eine Schießerei mit ein paar Ganoven, ein politischer Tumult in einem kleinen Dorf, der Kampf gegen Wind und Wetter – Paul Greengrass und sein Co-Writer Luke Davies begnügen sich mit Konventionen.

Hochpolitisch, doch ohne Punch

Dennoch findet Neues aus der Welt einen spannenden Aspekt, der bislang noch wenig behandelt wurde. Die Zeiten unmittelbar nach dem Bürgerkrieg, der das Land zutiefst gespalten hinterließ, sind politisch hochbrisant. Die Bevölkerung der Südstaaten leidet unter dem Reglement der Nordstaaten, fühlt sich abgehängt und vergessen. Das Ende des Kriegs brachte keine Einigung, sondern eine noch größere Wunde, die zwischen den zwei Parteien klafft. Es ist tatsächlich verblüffend, wie einfach dieser Zustand auf das politische Klima des heutigen Amerikas (und auch darüber hinaus) übertragen werden kann. Die Spannungen haben sich auch fast 160 Jahre nach Ende des Sezessionskriegs nicht groß verändert. 

Greengrass und Davies sind mit diesem Umstand nicht sonderlich subtil – und das müssen sie auch nicht. Lagerspaltungen, autonome Gruppierungen und öffentliche Anfeindungen sprechen für sich. Fragwürdig ist jedoch, wie wenig ambivalent die Rolle des nachrichtenlesenden Captains behandelt wird. Als Gatekeeper entscheidet er, welche Neuigkeiten in welcher Stadt vorgetragen werden. In der einen Szene fungiert er als diplomatischer Vermittler zwischen den verfeindeten Parteien. In der nächsten Szene sorgt er fast für einen Aufstand, weil er gegen die ihm auferlegten Vorgaben verstößt. Eine kritische Auseinandersetzung findet jedoch nicht statt – man geht erschreckend wohlwollend mit dem Protagonisten mit. Das liegt auch an der Besetzung, denn:

Tom Hanks ist einfach zu gut für die Welt

Ein schauspielerisches Urgestein wie Tom Hanks gegen den Strich zu besetzen, ist gar nicht mal so einfach. Selbst als vom Leben gezeichneter Veteran, der nicht nur die Gräueltaten des Krieges, sondern auch persönliche Schicksalsschläge erleben musste, wirkt Tom Hanks wie unser aller Vater. Mit seiner ruhigen Aura, verständnisvollem Ton und sozialen Ader nimmt man Hanks den grummeligen alten Kerl nicht immer ab. In den einfühlsamen Szenen hingegen schnurrt die Dynamik natürlich wie ein Uhrwerk. Das ist nicht Tom Hanks geschuldet, der wie (fast) immer brillant aufspielt. Es hätte einfach noch ein paar mehr klare Konflikte benötigt, um auch die Schattenseiten des Captains glaubhaft zu machen.

Wo wir beim Schauspiel wären: An Hanks‘ Seite spielt die hochtalentierte deutsche Schauspielerin Helena Zengel, die bereits in Systemsprenger fast wortwörtlich die Leinwand sprengte. Ihre wortkarge Johanna füllt Zengel mit einer ungeheuer intensiven Zerbrechlichkeit, ihre Blicke allein reichen oft schon aus. Die Golden Globe Nominierung hat sie sich redlich verdient. Auch der Rest des Casts, darunter die wunderbare Elizabeth Marvel (House of Cards) und der einprägsame spielende Fred Hechinger, ist einwandfrei besetzt.

Ich verstehe euch. Wir alle leiden, ein jeder von uns. Aber ich bin der Meinung, dass auch wir unseren Teil dazu beitragen müssen.

Jefferson Kyle Kidd in Neues aus der Welt

Greengrass platziert gekonnt Spannungselemente

Auch, wenn es in der B-Note so einiges zu meckern gibt, bleibt Neues aus der Welt trotzdem insgesamt sehenswert. Paul Greengrass (Jason Bourne, Captain Phillips), der mit seiner shaky cam einst ein ganzes Genre revolutionierte, setzt immer wieder gekonnt spannungsreiche Nuancen. Ein Shootout mit einer Gangsterbande in einem Canyon ist dabei ebenso schweißtreibend, wie eine Kutschen-Abfahrt mit zwei durchgegangenen Pferden. Die Kamera bleibt nah dran, agiert dabei jedoch wesentlich gezielter als zuletzt etwa in 22. Juli.

Jetzt wird’s brenzlig: Auf dem Weg durch die Prärie fliegen auch die Kugeln

Jetzt wird’s brenzlig: Auf dem Weg durch die Prärie fliegen auch die Kugeln.

Ansonsten tun die Ausstattung, die wunderschönen Landschaftsaufnahmen und der eingängige Soundtrack von James Newton Howard (Detroit, Red Sparrow) ihr übriges, um das Western-Epos in stimmige Atmosphäre zu hüllen. Hier steht Western drauf und es ist Western drin: Nicht mehr, nicht weniger. Für Genre-Fans ist der Film damit sowieso Pflichtprogramm, auch wenn sich in den zwei Stunden Laufzeit die eine oder andere Länge einschleicht.   

Fazit:

'Neues aus der Welt' vereint eher altbekannte Elemente

Mit seinem Western-Drama Neues aus der Welt reiht sich ein weiteres solides, handwerklich gut inszeniertes Werk in die Filmografie von Paul Greengrass ein. Während atmosphärisch alles stimmt und Tom Hanks sowie Helena Zengel in ihren Rollen aufblühen, lässt vor allem das Drehbuch mit seiner bekannten Prämisse eher zu wünschen übrig. Auch die Figur des Protagonisten ist stellenweise etwas zu einseitig geraten (Hanks wird das Good Guy Image nicht ganz los), während der wenig subtil verpackte politische Einschlag des Films einfach ins Leere läuft. Im Hinblick auf das derzeit aufgeladene Klima der Vereinigten Staaten ist dies schlichtweg eine verpasste Chance, da einfach nicht tief genug eingestiegen wird. Neues aus der Welt hat dennoch einiges zu bieten und bleibt unter dem Strich sehenswert.

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