Kritik: Midsommar

Sommer, Sonne, Tod
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
Jugendgefährdende Inhalte
  • Grausamkeiten im Blumenbeet. Modsommar lebt von seinen Kontrasten.
    © 2019 A24 Films
  • Nach dem Horror-Erfolg 'Hereditary – Das Vermächtnis' will nun der Regisseur Ari Aster einen neuen Treffer auf die Leinwand bringen: 'Midsommar'. Diesmal mit hellen Farben, wunderschönen Landschaften und verstörenden Momenten unter der Frühlingssonne. Spannend in der Theorie, weniger spannend in der Praxis. Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht’s: Nach einer Familientragödie stürzt die Welt von Dani in sich zusammen. Ihr einziger Halt und Trostspender ist ihr Freund Christian. Doch lieben tut er sie schon lange nicht mehr. Teils aus Mitgefühl, teils aus Feigheit schließt er nicht mit ihr ab. Als er mit seinen Freunden und Dani schließlich nach Schweden reist,…
    tba
    1
    Spannung
    45%
    Handlung
    75%
    Emotionen
    40%
    Schnitt
    85%
    Szenenbild
    75%

    Midsommar punktet durch seine Ästhetik in Sachen Szenenbild und Schnitt. Auch die Handlung ist abwechslungsreich und ist gut nachvollziehbar. Doch durch den Mangel an Emotionalität, da man sich nicht gut genug in die Charaktere hineinversetzen kann, bricht der Spannungsbogen immer wieder ein.

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  • Erscheinungsdatum: 26.09.2019
    Filmlänge: 147 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: © 2019 A24 Films
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Gesamtbewertung:

Mäßig
64%

Nach dem Horror-Erfolg 'Hereditary – Das Vermächtnis' will nun der Regisseur Ari Aster einen neuen Treffer auf die Leinwand bringen: 'Midsommar'. Diesmal mit hellen Farben, wunderschönen Landschaften und verstörenden Momenten unter der Frühlingssonne. Spannend in der Theorie, weniger spannend in der Praxis.

Darum geht’s:

Nach einer Familientragödie stürzt die Welt von Dani in sich zusammen. Ihr einziger Halt und Trostspender ist ihr Freund Christian. Doch lieben tut er sie schon lange nicht mehr. Teils aus Mitgefühl, teils aus Feigheit schließt er nicht mit ihr ab. Als er mit seinen Freunden und Dani schließlich nach Schweden reist, um einen Stamm während ihrer Festlichkeiten zum Midsommar zu begleiten, wird ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt, denn die Rituale der Kommune sind nichts für schwache Gemüter.

Trügerischer Anfang

Es fängt an wie ein Märchen. Die Dächer sind überzogen mit perfekten Schneedecken. Es liegt eine Stille in der Luft, aus der man unsanft durch ein klingelndes Telefon geweckt wird. Düster, wie die Ruhe vor dem Sturm. Doch die Düsternis trügt. Zwar bleibt das Märchenthema, mit weiten Kameraeinstellungen, hellen Farben und schönen Kleidern, doch ist nichts mehr von der bedrückenden Finsternis des Anfangs übrig.

Regisseur Ari Aster ist filmtechnisch mehr als begabt. Er beherrscht die Setzung von Musik und Stille. Vor allem aber fallen die Übergänge auf. Er traut sich die Kamera auf dem Kopf laufen zu lassen und er setzt die Schnitte so klug, dass man als Zuschauer erstaunt ist, wie geschmeidig man vom Wohnzimmer in ein Flugzeugklo gelangt. Das wird sich auch den ganzen Film lang durchziehen. Jede Kameraeinstellung und Setting wirkt durchdacht und passt an jeder Stelle.

Unpassend dagegen ist es, dem Zuschauer am Anfang des Filmes etwas zu versprechen, dieses aber nicht zu halten. Das Familiendrama im Detail spielt keine Rolle im Fortlauf des Filmes, sondern dient lediglich als Trigger für die Protagonistin. Das Winterthema verfliegt binnen dreier Szenen und es liegt bis zum Ende des Filmes ein Sommerfeeling in der Luft. Im Detail ist Midsommar zwar wunderschön durchdacht und angenehm anzuschauen, doch im Gesamtbild wird der Bogen zum Anfang nicht gespannt, was einen als Zuschauer unbefriedigt lässt.

Dani, Christian, Joshua ehm… wer noch?

Der Cast ist allemal gut gewählt. Wie auch schon 2018 bei Hereditary wirkt keiner der Charaktere überzogen und sehr menschlich. Nicht zu vergessen ist jedoch, dass Menschlichkeit auch das Dasein von Fehlern beinhaltet. Man mag eine Person wegen eines bestimmten Merkmals, hasst sie jedoch aufgrund eines anderen. Diese Faktoren machen jemanden im realen Leben aus, schaffen aber in der filmischen Umsetzung nicht genügend Stoff sich emotional an die Personen zu binden. Auch kann man sich nicht mit der Hauptperson identifizieren, weil den meisten Menschen ihre Situation nicht bekannt ist. Der Tragödie wurde zu wenig Raum zum Atmen gelassen.

Betrachtet man nun die anderen Charaktere, fehlt diese eine Person, die man liebt. Es gibt keinen Everybody‘s Darling, weshalb einen das Ableben der Charaktere unberührt lässt. Zu viele „wichtige“ Charaktere werden eingeführt, weshalb zu wenig auf die einzelnen eingegangen werden kann. Das Fehlen der Emotionalität trägt auch im Allgemeinen zum Abbau des Spannungsbogens bei, weil man nicht direkt darauf hofft, dass bestimmte Personen am Leben bleiben. Am Ende ist es daher schwer sich die einzelnen Namen zu merken, denn schlussendlich waren diese nur noch Namen, ohne Charakter.

Dazu kommt, dass nie Morde oder Verfolgungsjagden an sich gezeigt werden. Das führt dazu, dass die Sekte fast freundlich rüberkommt, da nie direkt Grausamkeiten zu sehen sind. Lediglich das Endprodukt, beispielsweise die Leiche, wird gezeigt. Und auch diese wird meist in keinem Schockmoment enthüllt, sondern in einer Art und Weise, wie man morgens zum Frühstückstisch geht und Rühreier anstelle von Pfannkuchen entdeckt. Dagegen nehmen die Freunde durch ihre offensichtlichen Makel die Rolle der Banausen ein, die schon durch ihre Kleidung wie Fremdkörper wirken. Ob Aster genau diesen Kontrast will, ob er will, dass die Gemeinde nicht als die Bösen gesehen werden sollen, sei mal dahingestellt.

Die Beziehung zwischen Dani und Christian läuft schon lange nicht mehr

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Darf ich lachen?

Sehr dominant ist im Film die Positionierung unangenehmer Stille und das Aussetzen von Musik, wodurch bestimmte Situationen unangenehm anzusehen sind. Bestandteile sind lange Pausen, bevor Menschen miteinander sprechen oder zu essen anfangen. Es gibt Momente im Film, in denen man sogar anfangen muss zu lachen. Das Lachen ist aber hierbei kein fröhliches Lachen und das gibt dem Film seine paradoxe Ernsthaftigkeit. Als die Kommune den Schmerz mit Dani teilt, schreien die Frauen gemeinsam, weinen, fassen sie an. Zu Anfang scheint das merkwürdig, fast verstörend. Im Laufe des Prozederes jedoch bemerkt man den tieferen Sinn dahinter, was allgemein der Szene seine Bedeutung verleiht. Sich so etwas in einem Film zu trauen, diese Szenen so lange laufen zu lassen, ist mutig, zahlt sich aber am Ende aus. Durch Momente wie diese, macht es Spaß sich auch nach dem Film weiter mit der Handlung zu beschäftigen.

In der schwedischen Kommune wird Schmerz geteilt

Macht das Licht aus, ich will das nicht sehen!

Durch das durchwegs helle Setting des Filmes, gehen viele furchteinflößende Elemente verloren. Man sieht genau was passiert und nach mehr als zehn Sekunden Screentime einer entstellten Leiche, wird sie nicht ekliger und schon lange nicht gruseliger.

Vorteile dieser ungewöhnlichen Kombi von Horror und romantischer Landschaft im Sonnenschein, war das Spiel mit Reflektionen und Spiegeln. Als Schreckensmoment wurde das jedoch traurigerweise wenig genutzt.

Spannend ist die Darstellung von Drogen. Sehr unterschwellig werden Elemente in das Bild geschmuggelt, die dem Zuschauer versichern, dass die Charaktere sich weiterhin in einem Rausch befinden. Die Farben sind wunderschön kontrastreich, vor Allem die bunten Blumen gegenüber den weißen Gewändern.

Auch die Rituale werden sehr ästhetisch in Szene gesetzt, sodass alle Formationen der Menschen und die Hauptattraktionen gemeinsam fast ein gemäldeartiges Gesamtbild ergeben. Doch in einigen Momenten wünscht man sich weniger Licht. Entstellte Leichen, eingeschlagene Köpfe, Eingeweide. Ob der Film das wirklich braucht, um Horror zu inszenieren bleibt fragwürdig, da sich lediglich der Magen umdreht und je öfter man es sieht, desto mehr wird der Zuschauer abgehärtet.

Fazit:

Hier zu viel und da zu wenig

Vieles wurde richtig gemacht. In der Umsetzung ist der Film vorbildlich. Kameraeinstellung und Story sind interessant und plötzlich möchte man mehr über die alten Wikingerkulturen erfahren. Auch verlässt einen der Film nicht. Man möchte sich darüber austauschen und die Entwicklung der Protagonistin ist durch extreme Situationen klar erkennbar. Doch mangelt es an der Emotionalität. Die Charaktere wirken zu fern und man hat keine Chance sie lieben zu lernen. Dadurch kommt kein richtiger Spannungsbogen zustande, weil es einem im Grunde genommen nicht wehtut einen der Personen gehen zu sehen. Für einen Horrorfilm fehlt der Nervenkitzel und die distanzierte Haltung überbringt fast ein Gefühl als würde man eine Dokumentation sehen. Zwar ist die Idee einen so ästhetischen und hellen Gruselfilm zu drehen interessant, aber vielleicht braucht Horror doch eher die Dunkelheit, das Ungesehene und Unbekannte.

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