8.8/10

Kritik: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

ROWLING RETTET DIE MAGIE DES KINOS

Jetzt direkt streamen auf:

[jw_add_widget-sc]

Genres: Abenteuer, Action, Fantasy, Startdatum: 17.11.2016

Interessante Fakten für…

  • Der Name “Newt Scamander” erscheint auf der Marauder’s Map in Harry Potter und der Gefangene von Askaban (2004).
  • In beiden Filmen zeigt Newt Scamander deutlich, dass er ein hochfunktionaler Autist ist, insbesondere mit seiner introvertierten Persönlichkeit, seinem unsozialen Verhalten, seiner Abneigung gegen menschlichen Kontakt und seiner extremen Faszination für ein bestimmtes Thema.

Unfassbar: Fünf Jahre ist es schon her, als das ‘Harry Potter’-Universum mit seinem letzten Film einen tränenreichen Abschied feierte. Jetzt gibt es die Zugabe – ‘Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind’ ist der Auftakt einer komplett neuen, fünfteiligen Geschichte. Ihr erwartet Hogwarts-Feeling? Fehlanzeige. Rowling dreht das Ruder um 180 Grad. Ob der Film auch nur ansatzweise an unsere geliebte Fantasy-Reihe anknüpfen kann, verrät euch meine Kritik.

Avatar-Foto
#PotterUltra #SchwerMetaller #Storyteller

Ich werde nicht spoilern, versprochen. Schließlich gibt es zu diesem Film – erstmalig in der Geschichte von Harry Potterkeine Buchvorlage. J.K. Rowling schrieb das Drehbuch – alleine. Sollte eine Romanautorin wirklich ein Filmskript schreiben? Auf der Europa-Filmpremiere in London sagte Rowling:

Es war irgendwie ein Unfall. Ich habe das Drehbuch entworfen und dachte, dass sie es an jemand fachkundigeren weiterreichen würden, aber sie haben es mich selbst machen lassen.

J.K. Rowling auf der Europa-Premiere in London am 15. November 2016

Goodbye England, Hello ’Murica

Wenn eine Geschichte erfolgreich war, dann schenk ihr ein Prequel. So oder so ähnlich lautet die Devise Hollywoods. Nach Star Wars und Der Herr der Ringe ist jetzt also auch Harry Potter fällig. Anders als so manche Hollywood-Produktion ist dieses Spin-Off immerhin mutig: Charaktere, Ort und Zeit wurden komplett ausgetauscht.

Statt dem altbekannten, romantisch-heimischen Großbritannien, bekommen wir nun die Zauberwelt im opulenten Amerika der 1920er-Jahre zu sehen. Schon an dieser Stelle erlaube ich mir eine mutige Aussage: Vergesst das Theaterskript zu Harry Potter and the Cursed Child und lasst die Hogwarts-Geschichte ruhen. Die wahre Magie zeigt euch nun Mr. Newt Scamander.

Pokémon-Jagd mit Zauberstab?

Newt (Eddie Redmayne) ist ein ehemaliger Hogwarts-Absolvent und enthusiastischer Kreaturen-Forscher. Er hegt Interesse an einem Abstecher in die USA und muss nach Ankunft schnell feststellen, dass die amerikanische Zauberergemeinschaft sehr viel vorsichtiger ist als die europäische. Als einige der fantastischen Kreaturen aus Newts magisch-vergrößertem Koffer ausbrechen, ist ihm Aurorin Porpentina Goldstein (Katherine Waterston) sofort auf den Fersen. Denn für Magie gilt ein strenges Geheimhaltungsgesetz. Blöd, dass sich Newts Weg ausgerechnet mit dem naiven „No Maj“ (amerikanisch für „Muggel“) Jacob Kowalski (Dan Fogler) kreuzt.

Nicht-Magier Jacob (Dan Fogler) bekommt von Newt (Eddie Redmayne) das Innenleben seines magischen Koffers gezeigt.

Eddie Redmayne als Newt Scamander und Dan Fogler als Jacob Kowalski in Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Der extrem sperrige Titel des Films Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind verspricht eigentlich eine ebenso sperrige Handlung. Um was soll es denn bitte schön gehen? Schließlich erhoffen wir uns alle mehr, als eine Pokémon-Jagd im Harry Potter-Style. Doch Buchautorin Rowling reichert ihr Drehbuch-Debüt mit einer weiteren, sehr düsteren Geschichte an, die sie mit den namengebenden Tierwesen gekonnt verbindet. Die erste Hälfte zeigt zwar mehr Exposition als Handlung, doch im späteren Verlauf bietet der Film einige erzählerische Raffinessen, wie wir sie aus Harry Potter nur zu gut kennen. Ich will nicht zu viel verraten, doch die Handlung beinhaltet mindestens zwei große Überraschungen, die man unmöglich kommen sieht.

FSK 6 – im Ernst?

Phantastische Tierwesen ist gleichzeitig verspielter und erwachsener als sein Potter-Pendant. Einerseits bietet der Film vermutlich mehr knuffige Kreaturen als in allen Harry Potter-Filmen zusammen, doch spricht er gleichzeitig erwachsene Themen wie politische Verfolgung und Todesstrafe an. Sobald der Film in der zweiten Hälfte zunehmend düsterer wird, wirkt die FSK 6 immer fragwürdiger. Auch wenn sich der Titel vielleicht so anhört – aber das hier ist kein Kinderfilm.

Neuer Stil, neues Glück

New York ist wie für Magie gemacht. Die Zauberwelt aus Phantastische Tierwesen wirkt sogar noch imposanter, als wir es jemals in irgendeinem Harry Potter-Film zuvor gesehen haben. Als ob New York der 20er-Jahre nicht schon fantastisch genug aussähe, belebt das Filmteam von Warner Bros. die Häuserschluchten der Metropole auf faszinierende Art und Weise mit noch grandioseren Fantasien aus Rowlings Feder. Wir werden mit Ideenreichtum erschlagen und können uns an all den liebevollen Details gar nicht satt sehen.

Der schimmernde Stil der Goldenen Zwanziger wird kombiniert mit bekannten, aber zum Großteil komplett neuen Elementen aus der Zauberwelt. Hauselfen, Kobolde und Zaubersprüche erinnern uns an die gute Harry Potter-Zeit und sobald Namen wie „Hogwarts“ oder „Dumbledore“ fallen, lodert in jedem Fan ein lang erloschenes Feuer der Nostalgieauf. Umso schöner ist also die Flut an neuen Kreaturen und Schauplätzen, die wir mit kindlicher Begeisterung verschlingen dürfen. Im Gegensatz zur Hobbit-Trilogie, bietet dieses Spin-Off nicht nur aufgewärmtes, sondern auch frisches Fan-Futter, das nicht nur schmackhaft, sondern köstlich ist.

Fehlt dem Film eine Zauberschule?

Dennoch herrscht kein Hogwarts-Feeling. In Phantastische Tierwesen gibt es keine Teenager und keinen geregelten (Schul-)Alltag. Der Film baut sich sorgfältig eine eigene Atmosphäre auf, die dennoch vor Magie sprüht. Obwohl Harry und seine Freunde 70 Jahre und 7000 Kilometer weit entfernt sind, wächst in uns eine Begeisterung für dieses Universum, die wir zuletzt vermutlich in Der Stein der Weisen erlebt haben: Die Lust am Eintauchen in eine fremde Welt. Obwohl also Phantastische Tierwesen und Harry Potter komplett unterschiedlich auftreten, spüren wir den selben Geist und eine vertraute Nostalgie.

Ist das ein Hippogreif? Nein, noch viel besser.

Eddie Redmayne in Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Eine Runde Sympathie für Newt

Eddie Redmayne in der Rolle des Magiezoologen Newt Scamander ist ein absoluter Volltreffer. Sein Charakter trägt den Film mit einer angenehmen Zurückhaltung und einer sympathischen Schrulligkeit.

Der wahre Sympathieheld ist aber der gutmütige Jacob: Dan Fogler schafft es, uns durch seine pure Anwesenheit zum Grinsen zu bringen. Obwohl der No-Maj eher wenig Mitspracherecht bei der Entwicklung der Handlung hat, ist er der wichtigste Charakter des Films – denn wir sehen alles durch seine Augen und entdecken die Welt mit der gleichen Wissbegierde. Wenn Jacob staunt, dann staunen wir mit und wenn er lacht, dann lachen wir mit. Er bringt nicht nur einen ordentlichen Extraschuss Humor in den Film, sondern auch viel Wärme und Charme in die Geschichte (wie z.B. auch Sam in Der Herr der Ringe).

Mit den beiden Hexengeschwistern Porpentina und Queenie Goldstein ist das Quartett an neuen Hauptcharakteren vollständig. Während „Tina“ als graues Mäuschen das „normalste“ Mitglied der Gruppe ist, lässt Queenie (Alison Sudol) eine dick aufgetragene Imitation von Marilyn Monroe raushängen, die aber in Kombination mit dem unsterblich verliebten Jacob für pure Unterhaltung sorgt.

Fehlen Harry, Ron und Hermine?

Natürlich können die neuen Helden noch nicht die Tiefe und Authentizität des alten Trios ablösen. Wahrscheinlich wird das auch in Zukunft nicht der Fall sein, aber nach einem einzigen Film ist das sowieso ein unfairer Vergleich. Dennoch hat Rowling ihr unvergleichliches Geschick bewiesen, wundervoll einzigartige Charaktere zu entwerfen.

Dazu zählen auch die Gegenspieler, wie der zwielichtige Auror Percival Graves (Colin Farrell) und das mysteriöse Waisenkind Credence (Ezra Miller). Ron Perlmans Gastauftritt als Kobold-Gangster Gnarlack ist kurz, aber nett.

Ein technisches Kraftpaket

Regisseur David Yates ist schon ein alter Hase im Harry Potter-Filmgeschäft: Seine Erfahrung, die er mit den letzten vier Filmen des Franchises gesammelt hat, schnürt er in ein stilistisches Meisterwerk. Die visuelle Umsetzung ist wunderschön, wenn auch sehr CGI-lastig. Die magischen Tierwesen sehen noch brillanter aus, als es die Trailer vermuten ließen und das Innere von Newts Koffer gehört zu den umwerfendsten Schauplätzen, die das Fantasy-Filmgenre zu bieten hat. So viel Kreativität!

Falls du nach dieser Szene auch am liebsten ein Tierwesen mitgehen lassen wolltest, mach doch unseren Test! Er verrät dir, welches magische Haustier am besten zu dir passt.

Endlich wieder 3D, das Spaß macht. Neben einem satten Tiefeneffekt, springen auch regelmäßig Kreaturen und Gegenstände aus der Leinwand. Der Aufpreis lohnt sich definitiv! Ein ordentliches Soundsystem im Kino schadet auch nicht, damit James Newton Howards epischer Soundtrack mächtig aus den Lautsprechern wummern kann.

Fazit

8.8/10
Sehr Gut
Community-Rating: (1 Votes)
Handlung 8.5/10
Visuelle Umsetzung 10/10
Charaktere 8.5/10
Humor 8.5/10
Emotionen 8.5/10
Details:
Regisseur: David Yates,
FSK: 6 Filmlänge: 133 Min.
Besetzung: Alison Sudol, Colin Farrell, Dan Fogler, Eddie Redmayne, Jon Voight, Katherine Waterston, Ron Perlman,

Im Sumpf von gefühlskalten Blockbustern und unzähligen sich wiederholenden Comic-Verfilmungen, ist dieser Film eine wahre Wohltat. Von „Kommerz“ und „Ausschlachtung“ kann hier kaum die Rede sein, denn Phantastische Tierwesen ist ein actionreiches, lustiges, detailverliebtes und emotionales Abenteuer, das mit seinem abenteuerlichen Charme an alte Filmklassiker wie Jurassic Park und nicht zuletzt an die alten Harry Potter-Filme erinnert. Bis auf die langsamen Handlungsfortschritte in der ersten Hälfte bleibt keine Kritik übrig. Für Fans, ob groß oder klein, ist der Familienfilm ein 130-minütiges Fest. Für alle anderen ein sehr unterhaltsamer und rundum stimmiger Fantasy-Film, der nach einem epischen und emotionalen Finale Lust auf mehr macht. Rowling returns!

Artikel vom 17. November 2016

3 Kommentare
  1. Marcus Glöder
    Marcus Glöder sagte:

    Hallo und guten Tag,

    ganz zu Beginn Ihres Textes über die Figur Newt Scamander schreiben Sie:

    »In beiden Filmen zeigt Newt Scamander deutlich, dass er ein hochfunktionaler Autist ist, insbesondere mit seiner introvertierten Persönlichkeit, seinem unsozialen Verhalten, seiner Abneigung gegen menschlichen Kontakt und seiner extremen Faszination für ein bestimmtes Thema.«

    Unsoziales Verhalten? Inwiefern verhält sich Newt, den Eddie Redmayne nach eigener Aussage als Autisten spielt, denn unsozial?

    Er hilft allen Menschen und Tieren, wenn sie in Not geraten sind, ist ein treuer Freund, handelt nie für seinen eigenen Vorteil, sondern immer danach, was richtig ist und er ist immer offen und ehrlich. Typisch autistisch eben. Eher ist es so, dass er von vielen nicht verstanden und aus ihrem sozialen Leben ausgeschlossen wird. Das ist nicht Newts Schuld und hat seine Ursache nicht in seinem Verhalten. Die Ursache ist das Unverständnis und der Unwille der meisten anderen, sich mit ihm und seinen besonderen Eigenschaften überhaupt auseinanderzusetzen.

    Das erzeugt eine Mauer, die viele Autistinnen und Autisten nur zu gut kennen. Es gibt ein Wort dafür: Diskriminierung.

    Wenn Sie in Ihrem Text suggerieren, Newt und eigentlich alle Autistinnen und Autisten verhielten sich »unsozial«, dann bauen sie an dieser Mauer mit.

    Bitte denken Sie über diesen Punkt noch einmal nach und ändern den Text.

    Viele Grüße
    Marcus Glöder
    F84.5

    Antworten
    • Keyvan Azh
      Keyvan Azh sagte:

      Hallo,
      vielen Dank für Ihre konstruktive Kritik. Dieser Artikel von mir ist bereits etwas “angestaubt” und obwohl ich noch voll und ganz hinter der Meinung zum Film stehe, sehe ich meinen Kommentar zum Autismus mittlerweile als sehr naiv und blauäugig an. Da bin ich nun um einiges aufgeklärter. Daher werde ich diese Passage auch umformulieren.

      Viele Grüße
      Keyvan Azh

      Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

4001Reviews.de (V4) – Seit 2015