6.6/10

Kritik: Phantastische Tierwesen 2 – Grindelwalds Verbrechen

ROWLINGS SCHREIBBLOCKADE

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Genres: Abenteuer, Fantasy, Startdatum: 15.11.2018

Interessante Fakten für…

  • Johnny Depp hat unterschrieben, ohne ein Drehbuch gelesen zu haben. Er wollte beim Franchise mitmachen, weil er nach eigenen Angaben ein großer Fan ist.
  • Die Kostümbildnerin Colleen Atwood kleidet Johnny Depp seit über 30 Jahren für alle möglichen Rollen ein.

Auf J.K. Rowling ist Verlass – oder vielleicht auch nicht? Tatsächlich scheint die Starautorin für die größte Schwäche des Films verantwortlich zu sein. Wer gute Bücher schreiben kann, der kann eben nicht automatisch gute Drehbücher schreiben. Weshalb ‚Phantastische Tierwesen – Grindelwalds Verbrechen‘ eine Enttäuschung ist, erfahrt ihr in der Bewertung und Kritik.

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#PotterUltra #SchwerMetaller #Storyteller

Darum geht’s

Gellert Grindelwald (Johnny Depp, Pirates of the Caribbean) ist wieder auf freiem Fuß. Nicht nur das englische Ministerium für Zauberei möchte den Schwarzmagier wieder hinter Gittern sehen, sondern vor allem Albus Dumbledore (Jude Law). Doch Grindelwald und Dumbledore haben eine eng verwobene Vergangenheit, weshalb der Hogwarts-Lehrer nicht in den Kampf gegen den dunklen Magier ziehen kann. Stattdessen schickt er seinen alten Lieblingsschüler Newt Scamander (Eddy Redmayne).

Newt treibt es in das magische Paris, wo er wieder auf seine Freunde Tina (Katherin Waterston, Alien: Covenant), Queenie (Alison Sudol) und den Muggel Jacob (Dan Fogler) trifft. Sie machen sich auf die Suche nach dem Jungen Credence (Ezra Miller, Flash aus Justice League), der aufgrund seiner ungezügelten magischen Kraft zu einer großen Gefahr für die ganze Stadt wird. Grindelwald möchte Credence verführen und ihm seine wahre Herkunft anvertrauen. Newt und Co. versuchen mit aller Kraft, dies zu verhindern.

Holprige Wiedervereinigung

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind funktioniert fantastisch als eigenständiger Film (Hier geht’s zu unsere Zusammenfassung). Besonders das emotionale Ende, das die vier Hauptcharaktere voneinander trennt, ist uns als bittersüßer Moment in Erinnerung geblieben. Um Newt, Jacob, Queenie und Tina für die Fortsetzung wieder zu vereinen, schlägt Drehbuchautorin J.K. Rowling verworrene Umwege ein, die dem ersten Film sogar rückwirkend schaden.

Mini-Spoiler: Jacobs Amnesie-Fluch hat wortwörtlich „nicht funktioniert“. Gut, das macht somit auch das Ende vom ersten Film überflüssig. Wäre es in diesem Fall nicht cleverer gewesen, Jacob einfach erneut als unwissenden Muggel in das magische Geschehen zu schmeißen, nur damit er am Ende wieder obliviiert werden muss?

Die kokette Queenie durchläuft während des Films eine Charakterwandlung, – die absolut nicht nachvollziehbar ist. Tatsächlich wird der Wesenswandel einfach mit einem „Du bist doch verrückt!“ gerechtfertigt. Rowling, das kannst du doch so viel besser …

Tatsächlich ist es Eddy Redmayne als Newt Scamander, der als einziger Protagonist nicht ins Wasser geworfen wurde. Seine Rolle ist sogar noch liebenswürdiger, unschuldiger und lustiger als im ersten Film. Die kindlichen Flirt-Versuche mit Tina Goldstein sind köstlich, doch leider bekommt auch Katherine Waterston im Film absolut nichts zu tun. Da ist Zoë Kravitz als Leta Lestrange deutlich interessanter, doch die romantische Freundschaft zwischen ihr und Newt bleibt ebenfalls kriminell unterentwickelt.

Dramaturgischer Totalschaden

Man kann es kaum fassen. Nach sieben wunderbar erzählten und bis ins Detail kohärenten Harry Potter-Büchern, einem Theaterstück und einem magischen ersten Phantastische Tierwesen-Film erreicht J.K. Rowling den Tiefpunkt ihrer kreativen Karriere. Grindelwalds Verbrechen taumelt so planlos durch die fantastische Zaubererwelt, dass man Rowling besorgt bei der Hand nehmen will. Was ist hier nur passiert?

Es reiht sich Szene an Szene, ohne dass auch nur im Ansatz so etwas wie eine stringente Geschichte erzählt wird. Der Mittelteil des Films besteht praktisch daraus, dass sich eine Handvoll Charaktere gegenseitig in Paris suchen – dabei vergisst man vollkommen, warum wer wen sucht und wie das alles zusammenhängt. Nach etwa einer Stunde muss sich selbst der größte Harry Potter-Fan eingestehen, dass die Handlung von Grindelwalds Verbrechen glorreich abgesoffen ist. Als Zuschauer treibt man vor sich hin und hofft auf eine Rettung, während man sich verzweifelt an dem ein oder anderen Story-Wrackteil festhält.

Warum kann Rowling keine Geschichte mehr erzählen? Mit dem Vorgängerfilm ist ihr doch noch ein starkes und mächtig unterhaltsames Fantasy-Abenteuer gelungen, das selbst weniger hartgesottenen Fans Spaß gemacht hat. Nun ist die Fortsetzung noch nichtmal überambitioniert oder komplex; sie ist einfach nur durcheinander und furchtbar unbeholfen. Für Teil 3 muss sich Rowling mit einem erfahrenen Drehbuchautor zusammensetzen, der ihre Ideen filmisch umzusetzen weiß.

So viele gute Ideen…

Grindelwalds Verbrechen hätte alles haben können: Interessante Hauptcharaktere, mystische Settings, Plot-Twists und Intrigen, einen Schurken zum Fürchten, ein dramatischer Liebeskonflikt zwischen Dumbledore und Grindelwald – immer wieder schimmert das Potential des Films durch, doch es wird einfach nicht genutzt.

Besonders spannend ist die Vorstellung, dass die dunkle Historie des Europas im 21. Jahrhundert mit der fiktiven „Wizarding World“ zusammengeführt wird. Hier beweist Rowling Mut, doch auch diese Prämisse reißt der Film nur ganz kurz an, nur um dann wieder einen unverständlichen Rückzieher zu machen. Immerhin gibt es noch Potential für weitere Tierwesen-Filme.

Das Ideenreichtum tobt sich vor allem in zwei Disziplinen aus: Zaubersprüche und Tierwesen. Diese sind zwar hübsch anzusehen, wirken aber willkürlich und aneinander gereiht, da sie all zu oft nicht die Handlung stützen, sondern von dieser ablenken. Immerhin werden die Tierwesen nicht so sehr in den Vordergrund der Geschichte gerückt, wie noch im ersten Film. Doch was die Harry Potter-Reihe so magisch macht, ist der metaphorische Charakter der Fantasy und nicht die bloße Ideenfülle.

Selbst der erste Teil Phantastische Tierwesen konnte mit dem Konzept eines „Obskurus“, der in ungeliebten Kindern heranwächst, etwas Weisheit und Aussagekraft in die Geschichte mit einfliessen lassen. Dieses geniale Story-Konzept wird im Sequel zwar weiterhin angesprochen, aber nicht weitergedacht.

Hogwarts in Glanz und Glorie

Wie die Trailer bereits verraten haben, geht es in Grindelwalds Verbrechen zurück nach Hogwarts. Zur Halbzeit leistet sich der Film einen ultraharten Cut, das „Hedwig’s Theme“ wird angestimmt und schon breitet sich das Schloss in einer großen Panoramaaufnahme vor einem aus. Diesen Moment der Rückkehr hätte man definitiv eleganter und mit mehr Feingefühl aufbauen können.

Aber sei’s drum: Hogwarts is back. Und Jude Laws charmante Performance als Albus Dumbledore ist zum niederknien. Ihm hätte man deutlich mehr Screentime geben dürfen. Dennoch ist sexy Dumbledore das Highlight des Films, denn Law kann die kleinen Nuancen seiner Vorgänger Richard Harris und Michael Gambon täuschend authentisch nachahmen – wenn nicht sogar übertreffen.

Einerseits ist es logisch, andererseits aber auch ernüchternd, dass der Hogwarts-Callback der interessanteste Teil des Films ist. Für fünfzehn Minuten dürfen wir in Nostalgie schwelgen und uns der Magie des Franchises ergeben.

Was jedoch in der letzten Stunde des Films passiert, wirkt völlig irrelevant. Überhaupt fühlt sich dieser Part sowieso an wie ein eigener Kurzfilm. Man hätte Hogwarts so viel innovativer mit der Handlung des Films verbinden können – ach stimmt, welche Handlung…

… welche Verbrechen?

Die wahren Verbrechen in Grindelwalds Verbrechen sind jedoch die blass und eintönig geschriebenen Charaktere Credence und Nagini.

Nagini ist nur im Film für die Potter-Referenz, die immerhin als Überraschung funktioniert hätte, wenn Trailer sie nicht bereits davor breitgetreten hätten. Und Credence zeigt während des Films nur eine einzige Kombination aus Gesichtsausdruck und Körperhaltung, die mehr nach Reizdarm als nach ungezähmter Macht aussieht. Im Vorgängerfilm wurde sein Charakter wenigstens nicht auf ein „Oh je, der arme, arme Credence!“-Podest gestellt und war somit nicht derart pathetisch. Die Moral von der Geschicht‘: Dreidimensionale Effekte machen eindimensionale Charaktere nicht wett.

Johnny Depp, dessen Besetzung viele Fans vor den Kopf stieß, geht wenigstens schauspielerisch in Ordnung: Ohne zu viel Albernheiten verkörpert Depp einen potentiell charismatischen Bösewicht, der allerdings gar nicht wirklich „böse“ in Erscheinung tritt. Von welchen Verbrechen redet der Film jetzt genau? Außer Klatsch und Tratsch verbreiten, macht Grindelwald in diesem Teil nicht sehr viel. Dabei hätte man auch aus seiner Rolle so viel mehr herausholen können. Wofür wird sonst Grindelwald in der Intro als gefährlicher Manipulator und Intrigant vorgestellt, wenn man davon nichts mehr sieht?

Plot-Twist des Grauens

In all dem Durcheinander hat der Film wenigstens ein Ziel vor Augen: Die Offenlegung von Credences wahrer Identität. Doch in den letzten Sekunden schmeißt uns Rowling einen derart hässlichen Twist vor die Füße, so billig und uncharmant, dass es ganz laut nach Retcon schreit. Ist das wirklich die Handschrift einer Autorin, die sich in ihrem ersten Buch schon die großen Twists für das Finale, sieben Bücher später, zurechtgelegt hat? Der Abspann rollt und da steht tatsächlich „Script by J.K. Rowling“. Meine Vermutung: Dahinter steckt Vielsafttrank.

Fazit

6.6/10
Ganz okay
Community-Rating:
Handlung 5.5/10
Spannung 6/10
Visuelle Umsetzung 9.5/10
Charaktere 6/10
Emotionen 6/10
Details:
Regisseur: David Yates,
FSK: 12 Filmlänge: 134 Min.
Besetzung: Alison Sudol, Dan Fogler, Eddie Redmayne, Johnny Depp, Jude Law, Katherine Waterston,

Es ist die erste „echte“ Enttäuschung des Harry Potter-Universums, die uns bereits neun (!) wunderbare Filme geschenkt hat, die alle, mal mehr mal weniger, ihre eigene Anziehungskraft besitzen. Grindelwalds Verbrechen ist schließlich jener Eintrag, der an der Fortführung des Franchises zweifeln lässt. Der Film ist ein großes Fragezeichen, da es absolut unverständlich ist, wie man so viel Potential für eine großartige Geschichte in den Sand setzen kann. Dank der artistischen Fähigkeiten von Regisseur David Yates ist der Film immerhin ein Augenschmaus. Es gibt starke Momente mit Gravitas, vor allem jene innerhalb der Mauern von Hogwarts, doch als Gesamtwerk ist Grindelwalds Verbrechen ein filmischer Flickenteppich, frei von Spannung, Drama und Ziel. Die Realisation tut weh, doch es gibt kein Weg drumherum: Nach 20 Jahren darf man Rowling nicht mehr blind vertrauen.

Artikel vom 17. November 2018

2 Kommentare
  1. Daniel
    Daniel sagte:

    Deine Kritik ist meiner Meinung unberechtigt da der film ganz klar die nazi zeit aufarbeiten will und du solltest nicht vergessen das es als 5teiler angelegt ist

    Antworten
    • Keyvan Azh
      Keyvan Azh sagte:

      Hallo Daniel,

      die Idee des Films ist auch genial, auch das Setting und die Thematik. Allerdings stockt es (meiner Meinung nach) sehr stark in der Umsetzung, bzw. dem Storytelling.

      Die Story kommt nie richtig in Fahrt und geht sehr verwirrte Umwege. Im Gegensatz zum ersten „PhantaTier“ kann das Sequel kaum als eigenständiger Film angeschaut werden. Meiner Meinung nach muss das, selbst in einer mehrteiligen Reihe jeder Film ein solides, dramatisches Grundgerüst haben.

      Dennoch hat der Film gute Aspekte und ich bin mir sicher, dass sie noch sehr viel aus der Reihe rausholen werden!

      LG
      Keyvan

      Antworten

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