3.2/10

Kritik: Schweigend steht der Wald

Auf keinem grünen Zweig

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Genres: Krimi, Thriller, Startdatum: 27.10.2022

Interessante Fakten für…

  • Regisseurin Saralisa Volm produzierte Fikkefuchs, ebenfalls eine Romanverfilmung von Wolfram Fleischhauer.
  • Die wenigsten Schauspieler:innen des Cast sind bayerisch.

Mord, dunkle Wälder und Geheimnisse: Dieser Thriller sollte ein Selbstläufer sein, oder? Doch leider will keine Stimmung aufkommen. Aber wer hat Schuld? Stoff oder Umsetzung?

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#Kinogänger #Klassiker #Trashfan

Darum geht’s

Im Sommerurlaub verschwindet der Vater der achtjährigen Anja spurlos. Der Fall wird nie aufgeklärt. Im Jahr 1999 kehrt die junge Forstwissenschaftlerin (Henriette Confurius) zurück in die Oberpfalz, um den Wald zu kartieren. Bald stößt sie auf auffällige Bodenproben. Es scheint, als sei im dunklen Wald vieles vergraben, aber nicht alles vergessen. Ihre Nachforschungen führen zu ihrem Vater aber auch zu wesentlich dunkleren Geheimnissen des Dorfes. Doch Polizei und Dorfgemeinschaft bleiben so schweigsam wie der Tannenforst.

Mysterium Wald

Der deutsche Wald ist zugleich Sehnsuchts- und Schauerort. Schwärmerische Gedichtbände von Naturromantikern und Wandervögeln füllen etliche Regalmeter, direkt nebenan stehen Horrorsagen und schauererregende Märchen aus den dunklen Wäldern. Als einer der ursprünglichsten Angsträume des Homo Sapiens sorgte der Wald wohl schon in den ältesten Lagerfeuergeschichten für Gänsehaut. Undurchsichtiges Dickicht, wilde Tiere, Orientierungslosigkeit ohne Blick zur Sonne, hier liegt vieles vergraben und vergessen. Aus einem unvorsichtigen Spaziergang wird schnell ein Trip ins Ungewisse, denn niemand weiß wirklich, was hinter all den Bäumen schlummert. In Grimms Märchensammlung findet sich der Wald immer wieder als Ort an dem alles möglich ist, Menschen kehren nie so wieder, wie sie hineingingen. Auch im Film sind dunkle Forste wirkmächtige Kulisse für Menschen in Grenzerfahrungen. Blair Witch Project, The Village oder Evil Dead sind nicht einfach Filme im Wald, es sind „Wald-Filme“, sie funktionieren überhaupt erst durch das dunkle Setting.

Hohe Erwartungen also an diesen Tannen-Thriller, doch leider mag keinerlei Stimmung aufkommen. Das Konzept ist zu verkopft, dabei aber nicht konsequent genug. Die Natur ist immer eine Begegnung des Menschen mit sich selbst und auch die angehende Försterin Anja trifft hier auf Spiegelbilder –alte Bekannte, alte Wunden. Doch lässt sich nichts über Anja lernen, die Protagonistin ist vollkommen uninteressant (immer ein schlechtes Zeichen). Als Außenseiterin im Dorf könnte sie Schwung in die Story bringen. Das tut sie auch. Das will uns immerhin das Skript glauben machen. Schwung kommt tatsächlich kaum auf, die Geschichte wird eher von Zufällen als ihrem Spürsinn vorangetrieben (auch immer ein schlechtes Zeichen). Die Auflösung des außergewöhnlichen Whodunit konnten aufmerksame Zuschauer bereits ziemlich früh riechen, während die studierte Forstwissenschaftlerin Anja noch im Dunkeln tappte. Sogar ich konnte es mir zusammenreimen (ein ganz schlechtes Zeichen).

Spitz, pass auf!

Das Schauspiel trägt nicht unbedingt zum Sehgenuss bei. Wie bereits erwähnt, bleibt die Hauptfigur immer genau das: eine Figur, kein Mensch. Es ist kaum vorstellbar, dass sie außerhalb der Szene existiert, fast nie stellt sich das entspannte Gefühl ein, einen Menschen zu beobachten, vielmehr fühlt es sich an als beobachtete man eine Schauspielerin beim schauspielern. Das weitere Ensemble ist ein kaum auseinanderzuhaltendes Gemisch aus „B-Mannschaft des Tatorts“, „Keine Zeit, Dialoge zu lernen, ich les‘ vom Teleprompter ab“ und „I sprich Boarisch, ma is ’s scheisegoi ob ihr des vastäd oda ned.“ Nur in Ausnahmefällen entsteht Energie zwischen Figuren, eine positive Reibung, aus der Interesse an den Charakteren entsteht. Meistens sind die Personen jedoch so distanziert, man kann die Corona-Regeln am Set förmlich spüren.

Die Regie führt das Spiel nicht ausreichend, was wichtig und was unwichtig ist, ist häufig diffus. Eine vermeintliche Nebenfigur mit drei Dialogzeilen tritt plötzlich wieder auf, das Skript erwartet, dass wir sie sofort erkennen. Im Zweifel liegt es also nahe, den „Spitz, pass auf“-Modus einzuschalten und die Vielzahl an Personen, Namen, Beziehungen und Fakten mitzuschreiben. Sehvergnügen geht anders.

Schlapper Krimi

Das energielose Schauspiel, stimmungslose Sets und unnatürlicher Dialogfluss fügen sich zwar in das Drehbuch ein, welches rein formell ein Thriller ist, aber nicht fesselt. Der Trailer vermittelt ein falsches Bild, gutmeinende Zuschauer:innen erwarten Märchen, Mystik und Mord, stattdessen entweicht die Stimmung an so vielen Stellen, dass ein schlapp aufgepumpter Vorabend-Krimi zurückbleibt. In der Romanvorlage funktionierte die Mischung aus oberflächlichem Mordfall und tiefenpsychologischem Subtext wohl besser, doch auf der Leinwand scheitert das Material. Woran das liegt? Film ist ein visuelles Medium, alles Bedrohliche muss vom Text ins Sichtbare umgesetzt werden. Dieses Kunststück gelingt nicht und die bildliche Stimmung einzelner Szenen wird immer wieder durch fragwürdige Regieentscheidungen gebrochen. Fast möchte man eine Träne vergießen, denn genau das Spiel mit Unterbewusstsein, Verdrängung und Vergessen (etwas liegt im Wald „vergraben“, Anja „stochert“ darin herum) ist die Stärke der Story.

Eine weitere Herausforderung einer Romanverfilmung ist die Aufgabe, alles innere nach außen zu tragen, Gedanken sicht- und hörbar zu machen. Wer den Figuren Raum, Zeit und Magie gibt, schafft es, dass sich ihr innerstes in wenigen Zeilen nach außen kehrt und lässt den Kinosaal teilhaben an ihrem Seelenleben. Oder man schustert statt guter Prosa scheußlich konstruierte Aussagesätze zusammen, welche dann in völlig alltagsfremden Dialogen erläutern, wer was wann wieso macht. Schweigend steht der Wald gehört in die zweite Kategorie.

Fazit

3.2/10
Mies
Community-Rating:
Handlung 4/10
Schauspiel 4/10
Szenenbild 3.5/10
Spannung 2.5/10
Atmosphäre 2/10
Details:
Regisseur: Saralisa Volm,
FSK: 12 Filmlänge: 95 Min.
Besetzung: August Zirner, Henriette Confurius, Noah Saavedra, Robert Stadlober,

Eine an sich spannende Geschichte wird ohne Verve oder filmische Raffinesse umgesetzt und die Leidtragenden sind die Zuschauer:innen. Figuren führen mit nervig-erklärenden Dialogen zur Verzweiflung, Momente von wohligem Grusel werden schnell von typischem Krimi-Feeling abgelöst, überall fehlt es an Feingefühl und Erzählrhythmus. Dem deutschen Film Abgeneigte sehen alle Vorurteile bestätigt, alle anderen dürfen auf künftige Thriller warten, die das tun was sie sollen: gleichsam Schauer und Neugier auslösen.

Artikel vom 12. November 2022

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