Kritik: The French Dispatch

Anderson as can Anderson
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Wes Anderson, Lieblingsregisseur aller weißen Filmnerds, Hobbyeisenbahner und Menschen mit OCD meldet sich mit einem Film zurück, der voller berühmter Schauspieler:innen nicht sein könnte. 'The French Dispatch' erzählt von der Liebe – zwischen Menschen, zur Kunst, für den Reisejournalismus und vieles mehr. Ob der Film auch zum verlieben ist, erfahrt ihr in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum gehts? Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray) ist Gründer und Chefredakteur des "French Dispatch", einer Zeitschrift, die sich reiseberichtartigen Reportagen – ausschließlich aus dem französischen Ennui-sur-Blasé – verschrieben hat und als Sonntagsbeilage zur Liberty, Kansas Evening Sun erscheint. Selber ein eigenwilliger Charakter, steht Howitzer einer Redaktion außergewöhnlicher Journalistinnen und Journalisten vor. Unter anderem schreibt Herbsaint Sazerac (Owen Wilson) über das Fahrradfahren, J.K.L. Berensen (Tilda Swinton) diskutiert und kritisiert, nicht unbefangen, zeitgenössische Kunst, und Lucinda Krementz (Frances McDormand) berichtet von den Frontlinien der Studentenproteste. Werbung Der bekannte Setzkasten… In gewisser Weise ist The French Dispatch überhaupt nichts Neues und liefert genau das, was von einem Wes-Anderson-Film zu erwarten ist: Mit viel Liebe zum kleinsten Detail gestaltete Szenenbilder und Kostüme, raffinierte Setpieces mit sehr kunstvollen Kamerabewegungen, eine Optik, die nichts dem Zufall überlässt, angefüllt mit exzentrischen, am Rande des Karikaturistischen agierende Figuren. Die Schönheit des Films ist von sehr angespannter Kontrolle getragen. Wie in einem Setzkasten ist alles mutiös arrangiert. Das der Film es dabei schafft, eine große Bandbreite an unterschiedlichsten Stilmitteln und Stilen zu vereinen, ist eine filmtechnische Leistung! Es gibt Abschnitte, die in bunten Farben und schnellen Schnitten gestaltet sind; es gibt schwarz-weiße Abschnitte, Slowmotion, musikalische Passagen; es gibt Cartoon-Animation, große Straßen-Sets und kleine Kammerspiel-Elemente, und so weiter und so fort. … in neuer Zusammensetzung Andererseits macht das Drehbuch ein solches Zusammenbringen von diversen Stilen auch sehr leicht. The French Dispatch ist nämlich ein Episodenfilm. In expliziten und durch Zwischentitel eingeleiteten Kapiteln werden vier voneinander eigentlich unabhängige Geschichten erzählt, die nur lose von einer Rahmenhandlung verbunden werden. Im Gegensatz zu Andersons bisher größtem Erfolg, The Grand Budapest Hotel (2014), der durch die Schachtelstruktur der Geschichte ein gewisses Level an Irritation erzeugt, geht The French Dispatch in die Vollen und setzt ganz auf erratisches Nebeneinander. Diese Struktur entspricht nämlich einer (besonderen) Ausgabe des Heftes, das dem Film seinen Namen gibt. Jedes Kapitel erzählt einen Artikel aus dem “French Dispatch”, die Rahmenhandlung berichtet von der Zusammenstellung der Ausgabe am letzten Tag vor Drucklegung. Wenn das jetzt verwirrend klingt, dann, weil es das auch ist. Beziehungsweise, weil man es am besten selbst erlebt, statt es sich hier erklären zu lassen. Denn das lohnt sich! Es macht Spaß, dem sehr verspielten Arrangement der Handlung zu folgen und sich, wie es der Reisejournalismus ja im besten Fall schafft, für ein paar Seiten und Filmminuten in eine andere Welt führen zu lassen. Unter die Oberfläche geschaut Eine berechtigte Kritik, die immer wieder an Wes Anderson und seine Filme herangetragen wird, ist, dass die Form über dem Inhalt stehe, dass es eigentlich nur um schöne Oberflächen gehe. Und das ist, wie gesagt, auch berechtigt. Auch im Falle von The French Dispatch. Viele Figuren sind nicht nur schon durch ihr Kostüm und das Fahrrad, das sie fahren, voll umfänglich charakterisiert, sondern mehr macht sie auch nicht aus. Das ist maximale Oberfläche. Aber das ist auch nicht schlimm, weil es dem Film ja genau um diese Art der Oberflächlichkeit geht, die dem exotizistischen Reisejournalismus eigen ist. Es geht um das Oberfläche-Erzählen und dem (ein bisschen) unter die Oberfläche Schauen. Wir schauen den Journalisten dabei zu, wie sie nicht wirklich neutral berichten, ungewollt selber Teil der Geschichte werden, sich in etwas verrennen, ihre eigene Geschichte etwas glorifizieren und hier und da ziemlich übertreiben. Alles im Dienste der guten Unterhaltung. Viel Tiefgang hat der Film nicht – Sonntagsbeilage eben. Aber das ist auch gut so. Denn es geht nicht um tiefe Meditationen. Es geht um den kurzen, kurzweiligen und unterhaltsamen Blick in die Ferne, vom Küchentisch aus. Andersons Blick ist – und ist schon immer gewesen – der des in teuren Anzügen aus der Distanz auf die Dinge schauenden Intellektuellen. Eines Amerikaners, der gerne in einem Europa leben würde, das es nicht mehr gibt (und auch nie gegeben hat). Mehr geht nicht Wes Anderson hat mit The French Dispatch vielleicht seinen Wes-Anderson-igsten Film gemacht. Nicht nur aufgrund der genannten überbordenden Kiste an für ihn typischen Stilmittel, sondern auch wegen der Besetzung: Ein gigantisches Aufgebot an Anderson-All-Stars von Owen Wilson, Jason Schwartzman oder Bill Murray, als auch neuen Gesichtern. Das individuelle Schauspiel ist dabei exzellent und der Film bietet, was derzeit wohl nur bei Anderson zu haben ist: ein Ensemble aus ganz großen Schauspieler:Innen, bei dem auch jede kleine Nebenrolle star-besetzt ist und selbst in nur zehn Sekunden Leinwand-Zeit glänzen kann. The French Dispatch ist absolut vollgestopft. Voller Schauspieler, Geschichten, Szenen, Bildern und Figuren. Und durch diesen Haufen rennt er in absolutem Galopp, an keiner Stelle verweilt der Film und ruht sich aus. Er rast von einem Gesicht zum anderen, alle paar Augenblicke denkt man “Ach, die spielt auch mit!”. Von einem Schnipsel zum nächsten. Wie das Blättern durch eine Reisebeilage in der Sonntagszeitung. Es ist dennoch sehr zu begrüßen, dass ein Film im Mainstream ungewohnte Erzählstrukturen wagt und kreativ ausprobiert, was nicht ohnehin schon etliche Male probiert wurde. Und dass er ein wenig Fantastik und Exzentrizität in einer vom Realismus gebeutelten Zeit versprüht. Ein klares “Ja!” für The French Dispatch! Fazit: Auf nach Frankreich! The French Dispatch ist ein großes Vergnügen, welches sich genau die Zeit nimmt, die nötig ist. Aber auch nicht zu viel! In nur etwas über anderthalb Stunden unterbreitet der Film einem eine Vielzahl an Realitäten und Geschichten, betrachtet Frankreich durch eine ziemlich verklärte Linse, die aber dafür auch umso mehr Spaß macht. Unbedingt anschauen!
    Kritik: The French Dispatch
    Handlung
    90%
    Visuelle Umsetzung
    80%
    Humor
    70%
    Charaktere
    80%
    Dialoge
    75%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 21.10.2021
    Filmlänge: 103 Minuten
    FSK: 6
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , , , , , , , , , ,
    Bildrechte: Searchlight Pictures
  • YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

Gesamtbewertung:

Gut
79%

Wes Anderson, Lieblingsregisseur aller weißen Filmnerds, Hobbyeisenbahner und Menschen mit OCD meldet sich mit einem Film zurück, der voller berühmter Schauspieler:innen nicht sein könnte. 'The French Dispatch' erzählt von der Liebe – zwischen Menschen, zur Kunst, für den Reisejournalismus und vieles mehr. Ob der Film auch zum verlieben ist, erfahrt ihr in der Kritik.

Worum gehts?

Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray) ist Gründer und Chefredakteur des "French Dispatch", einer Zeitschrift, die sich reiseberichtartigen Reportagen – ausschließlich aus dem französischen Ennui-sur-Blasé – verschrieben hat und als Sonntagsbeilage zur Liberty, Kansas Evening Sun erscheint. Selber ein eigenwilliger Charakter, steht Howitzer einer Redaktion außergewöhnlicher Journalistinnen und Journalisten vor. Unter anderem schreibt Herbsaint Sazerac (Owen Wilson) über das Fahrradfahren, J.K.L. Berensen (Tilda Swinton) diskutiert und kritisiert, nicht unbefangen, zeitgenössische Kunst, und Lucinda Krementz (Frances McDormand) berichtet von den Frontlinien der Studentenproteste.

Werbung



Der bekannte Setzkasten…

In gewisser Weise ist The French Dispatch überhaupt nichts Neues und liefert genau das, was von einem Wes-Anderson-Film zu erwarten ist: Mit viel Liebe zum kleinsten Detail gestaltete Szenenbilder und Kostüme, raffinierte Setpieces mit sehr kunstvollen Kamerabewegungen, eine Optik, die nichts dem Zufall überlässt, angefüllt mit exzentrischen, am Rande des Karikaturistischen agierende Figuren.

Bill Murray als Arthur Howitzer Jr. und Owen Wilson als Herbsaint Sazerac in Wes Anderson The French Dispatch

Optisch bietet "The French Dispatch" die wohlbekannten Bilder früherer Wes-Anderson-Filme.

Die Schönheit des Films ist von sehr angespannter Kontrolle getragen. Wie in einem Setzkasten ist alles mutiös arrangiert. Das der Film es dabei schafft, eine große Bandbreite an unterschiedlichsten Stilmitteln und Stilen zu vereinen, ist eine filmtechnische Leistung! Es gibt Abschnitte, die in bunten Farben und schnellen Schnitten gestaltet sind; es gibt schwarz-weiße Abschnitte, Slowmotion, musikalische Passagen; es gibt Cartoon-Animation, große Straßen-Sets und kleine Kammerspiel-Elemente, und so weiter und so fort.

… in neuer Zusammensetzung

Andererseits macht das Drehbuch ein solches Zusammenbringen von diversen Stilen auch sehr leicht. The French Dispatch ist nämlich ein Episodenfilm. In expliziten und durch Zwischentitel eingeleiteten Kapiteln werden vier voneinander eigentlich unabhängige Geschichten erzählt, die nur lose von einer Rahmenhandlung verbunden werden.

Im Gegensatz zu Andersons bisher größtem Erfolg, The Grand Budapest Hotel (2014), der durch die Schachtelstruktur der Geschichte ein gewisses Level an Irritation erzeugt, geht The French Dispatch in die Vollen und setzt ganz auf erratisches Nebeneinander. Diese Struktur entspricht nämlich einer (besonderen) Ausgabe des Heftes, das dem Film seinen Namen gibt. Jedes Kapitel erzählt einen Artikel aus dem “French Dispatch”, die Rahmenhandlung berichtet von der Zusammenstellung der Ausgabe am letzten Tag vor Drucklegung.

Tilda Swinton, Adrien Brody, Henry Winkler und viele andere in Wes Anderson "The French Dispatch"

In einem ziemlich rauschhaften Tempo prasseln immer neue Bilder und Szenen auf das Publikum ein.

Wenn das jetzt verwirrend klingt, dann, weil es das auch ist. Beziehungsweise, weil man es am besten selbst erlebt, statt es sich hier erklären zu lassen. Denn das lohnt sich! Es macht Spaß, dem sehr verspielten Arrangement der Handlung zu folgen und sich, wie es der Reisejournalismus ja im besten Fall schafft, für ein paar Seiten und Filmminuten in eine andere Welt führen zu lassen.

Unter die Oberfläche geschaut

Eine berechtigte Kritik, die immer wieder an Wes Anderson und seine Filme herangetragen wird, ist, dass die Form über dem Inhalt stehe, dass es eigentlich nur um schöne Oberflächen gehe. Und das ist, wie gesagt, auch berechtigt. Auch im Falle von The French Dispatch.

Viele Figuren sind nicht nur schon durch ihr Kostüm und das Fahrrad, das sie fahren, voll umfänglich charakterisiert, sondern mehr macht sie auch nicht aus. Das ist maximale Oberfläche. Aber das ist auch nicht schlimm, weil es dem Film ja genau um diese Art der Oberflächlichkeit geht, die dem exotizistischen Reisejournalismus eigen ist.

Tilda Swinton als J.K.L. Berensen in Wes Andersons The French Dispatch

Die Schauspieler:Innen haben sichtlich Spaß an der Exzentrik ihrer Figuren, etwa Tilda Swinton als die Kunstkritikerin J.K.L. Berensen.

Es geht um das Oberfläche-Erzählen und dem (ein bisschen) unter die Oberfläche Schauen. Wir schauen den Journalisten dabei zu, wie sie nicht wirklich neutral berichten, ungewollt selber Teil der Geschichte werden, sich in etwas verrennen, ihre eigene Geschichte etwas glorifizieren und hier und da ziemlich übertreiben. Alles im Dienste der guten Unterhaltung.

Viel Tiefgang hat der Film nicht – Sonntagsbeilage eben. Aber das ist auch gut so. Denn es geht nicht um tiefe Meditationen. Es geht um den kurzen, kurzweiligen und unterhaltsamen Blick in die Ferne, vom Küchentisch aus. Andersons Blick ist – und ist schon immer gewesen – der des in teuren Anzügen aus der Distanz auf die Dinge schauenden Intellektuellen. Eines Amerikaners, der gerne in einem Europa leben würde, das es nicht mehr gibt (und auch nie gegeben hat).

Mehr geht nicht

Wes Anderson hat mit The French Dispatch vielleicht seinen Wes-Anderson-igsten Film gemacht. Nicht nur aufgrund der genannten überbordenden Kiste an für ihn typischen Stilmittel, sondern auch wegen der Besetzung: Ein gigantisches Aufgebot an Anderson-All-Stars von Owen Wilson, Jason Schwartzman oder Bill Murray, als auch neuen Gesichtern.

Das individuelle Schauspiel ist dabei exzellent und der Film bietet, was derzeit wohl nur bei Anderson zu haben ist: ein Ensemble aus ganz großen Schauspieler:Innen, bei dem auch jede kleine Nebenrolle star-besetzt ist und selbst in nur zehn Sekunden Leinwand-Zeit glänzen kann.

Lyna Khoudri als Juliette, Frances McDormand als Lucinda Krementz und Timothée Chalamet als Zeffirelli in Wes Andersons The French Dispatch.

Politische Themen, wie etwa die Studentenrevolten der 68er, dienen allerdings hauptsächlich als Halterung für weitere schöne Oberflächen.

The French Dispatch ist absolut vollgestopft. Voller Schauspieler, Geschichten, Szenen, Bildern und Figuren. Und durch diesen Haufen rennt er in absolutem Galopp, an keiner Stelle verweilt der Film und ruht sich aus. Er rast von einem Gesicht zum anderen, alle paar Augenblicke denkt man “Ach, die spielt auch mit!”. Von einem Schnipsel zum nächsten. Wie das Blättern durch eine Reisebeilage in der Sonntagszeitung.

Es ist dennoch sehr zu begrüßen, dass ein Film im Mainstream ungewohnte Erzählstrukturen wagt und kreativ ausprobiert, was nicht ohnehin schon etliche Male probiert wurde. Und dass er ein wenig Fantastik und Exzentrizität in einer vom Realismus gebeutelten Zeit versprüht. Ein klares “Ja!” für The French Dispatch!

Fazit:

Auf nach Frankreich!

The French Dispatch ist ein großes Vergnügen, welches sich genau die Zeit nimmt, die nötig ist. Aber auch nicht zu viel! In nur etwas über anderthalb Stunden unterbreitet der Film einem eine Vielzahl an Realitäten und Geschichten, betrachtet Frankreich durch eine ziemlich verklärte Linse, die aber dafür auch umso mehr Spaß macht. Unbedingt anschauen!

❯ Alle Artikel
SCHREIBE EINEN KOMMENTAR
Noch kein Kommentar

Antworten

*

*