Kritik: The Guilty

Hallo Notruf? Ich habe ein Remake zu melden!
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
  • Ein neues Jahr, ein neues US-amerikanisches Remake eines ausländischen Filmes. Ob der Kammerspiel-Thriller 'The Guilty' mit Jake Gyllenhaal and die Qualität des dänischen Originals herankommt, erfahrt ihr in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Eine harte Nacht für Joe Aufgrund eines ausstehenden Gerichtsverfahrens muss der gestresste Polizist Joe Baylor (Jake Gyllenhaal) in der Notrufzentrale arbeiten. Minuten bevor sich seine Schicht dem Ende zuneigt, geht bei Joe ein mysteriöser Anruf ein: Emily (Riley Keough) wurde entführt und befindet sich noch im Wagen ihres Entführers, der nichts von ihrem Anruf mitbekommen darf. Entgegen aller Regeln versucht Joe, Emily zu retten. Wir alle wissen, Remakes sind fester Bestandteil der US-amerikanischen Filmkultur. Vor dem Trend konnte sich auch der gefeierte dänische Thriller The Guilty von Gustav Möller mit Jakob Cedergren in der Hauptrolle nicht retten. The Equalizer-Regisseur Antoine Fuqua und Schauspieler Jake Gyllenhaal nahmen sich dem Film über einen getriebenen Polizisten an und verpassten der Geschichte einen US-amerikanischen Anstrich. Aber reicht das aus, um das Remake vom starken Original anzuheben und vielleicht sogar besser zu machen? Werbung Fehlende Kreativität Wer das dänische Original gesehen hat, wird vom US-amerikanischen Remake wenig überrascht werden. Fast 1:1 wurden Dialoge und Szenen übernommen, nur in wenigen Momenten geht Fuquas Version der Geschichte andere Wege. Großartig am Verlauf der Handlung ändern, tut dies aber nichts. Auf der einen Seite ist das kein doofer Schachzug, überzeugte doch schon die 2018er Version des Films mit einer sehr kompakten und packenden Handlung. Auf der anderen Seite fragt man sich berechtigterweise, wie ein Remake dann überhaupt zu rechtfertigen ist, wenn doch wirklich nur so wenig angepasst und neu gedacht wurde. Zwei Beispiele: Die US-amerikanische Version des Thrillers versucht, die Institution Polizei zumindest in Ansätzen ein wenig kritischer zu beleuchten als das Original. Ein ohne Zweifel wichtiger Punkt, der aber nicht wirklich ausgearbeitet wird. Die Problematik rund um moralisch fragwürdigen Polizist:innen wäre generell wohl der spannendere neue Spin gewesen, der das Remake zu etwas Besonderem gemacht hätte. Schade, dass diese Chance nicht genutzt wurde.  Außerdem gibt man Joes Charakter ein wenig mehr Hintergrund, um ihn greifbarer zu machen. Doch fragt man sich, ob der Charakter des Protagonisten wirklich der Punkt ist, aus dem man so viel Neues ziehen kann, zumal die zusätzliche Backgroundstory nur wenig Neues über den Charakter offenbart. Drehbuchautor Nico Pizzolatto, vor allem für seine Arbeit an der fantastischen Serie True Detective (2014-2019) bekannt,  hätte man hier mehr Kreativität und Ideenreichtum zugetraut. Ein getriebener Gyllenhaal Bei einem Kammerspiel, dass sich praktisch im Gesicht des Protagonisten abspielt, hat Jake Gyllenhaal logischerweise die große Aufgabe, den Film über 90 Minuten zu tragen. Zum Glück hat man mit Gyllenhaal einen Hauptdarsteller gefunden, der sich bestens mit der Darstellung von getriebenen, moralisch fragwürdigen Protagonisten auskennt (man denke an Filme wie Prisoners (2013) oder Nightcrawler (2014)). Anders als im dänischen Original, in dem die Wut des Protagonisten eher unter der Oberfläche brodelte, trägt Gyllenhaal die Emotionalität Joes nach Außen und hält sich nicht zurück, wenn es mal hitzig wird. Getrieben ist hier das richtige Stichwort, so bringt Gyllenhaals Schauspiel die innere Wut und Zerrissenheit des Protagonisten sehr solide auf die Bildschirme. Von seinen Ausbrüchen fühlt man sich als Zuschauer:in tatsächlich auch ein wenig eingeschüchtert, auch wenn Joe durch seine kurze Zündschnur gefährlich oft sehr nervig wirkt. Das spricht für Gyllenhaals Fähigkeiten, aber leider auch ein wenig gegen die Erträglichkeit des Films. Neben Gyllenhaal sollte vor allem Riley Keough noch lobend erwähnt werden. Als entführte Emily schafft sie es, nur über ihre Stimme das emotionale Wechselbad, das die junge Frau im Verlauf der Handlung durchlebt, überzeugend umzusetzen. Ein weiterer Star des Films ist auch Maz Makhani, zuständig für die Kamera. Ähnlich wie im Original bleibt die Kamera sehr nah am Protagonisten, fängt jede Regung und Zuckung Gyllenhaals ein und trägt deutlich zur angespannten Stimmung des Films bei. Genau das, was man für einen Thriller dieser Art braucht. Fazit: Durchschnittliches Remake mit wenig neuen Ideen Die US-amerikanische Version des dänischen Thrillers überzeugt mit starker Kameraarbeit und einem noch stärkeren Jake Gyllenhaal, der die Getriebenheit des Protagonisten stark umsetzt. Aber trotz der soliden Umsetzung sorgt fehlender Ideenreichtum für einen faden Beigeschmack. Wer das Original nicht gesehen hat, wird eine gute Zeit haben. Alle anderen fragen sich, warum es dieses Remake gebraucht hat.
    Kritik: The Guilty
    Handlung
    65%
    Schauspiel
    75%
    Spannung
    65%
    Atmosphäre
    60%
    Visuelle Umsetzung
    75%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 01.10.2021
    Filmlänge: 90 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , , , , ,
    Bildrechte: Netflix
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Gesamtbewertung:

Ganz okay
68%

Ein neues Jahr, ein neues US-amerikanisches Remake eines ausländischen Filmes. Ob der Kammerspiel-Thriller 'The Guilty' mit Jake Gyllenhaal and die Qualität des dänischen Originals herankommt, erfahrt ihr in der Kritik.

Eine harte Nacht für Joe

Aufgrund eines ausstehenden Gerichtsverfahrens muss der gestresste Polizist Joe Baylor (Jake Gyllenhaal) in der Notrufzentrale arbeiten. Minuten bevor sich seine Schicht dem Ende zuneigt, geht bei Joe ein mysteriöser Anruf ein: Emily (Riley Keough) wurde entführt und befindet sich noch im Wagen ihres Entführers, der nichts von ihrem Anruf mitbekommen darf. Entgegen aller Regeln versucht Joe, Emily zu retten.

Jake Gyllenhaal als Joe Baylor in The Guilty.

Joe (Jake Gyllenhaal) ahnt noch nicht, was diese Nacht für ihn bereit hält.

Wir alle wissen, Remakes sind fester Bestandteil der US-amerikanischen Filmkultur. Vor dem Trend konnte sich auch der gefeierte dänische Thriller The Guilty von Gustav Möller mit Jakob Cedergren in der Hauptrolle nicht retten.

The Equalizer-Regisseur Antoine Fuqua und Schauspieler Jake Gyllenhaal nahmen sich dem Film über einen getriebenen Polizisten an und verpassten der Geschichte einen US-amerikanischen Anstrich. Aber reicht das aus, um das Remake vom starken Original anzuheben und vielleicht sogar besser zu machen?

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Fehlende Kreativität

Wer das dänische Original gesehen hat, wird vom US-amerikanischen Remake wenig überrascht werden. Fast 1:1 wurden Dialoge und Szenen übernommen, nur in wenigen Momenten geht Fuquas Version der Geschichte andere Wege. Großartig am Verlauf der Handlung ändern, tut dies aber nichts.

Jake Gyllenhaal als Joe Baylor in The Guilty.

Das Remake des Thrillers versucht, Joes Charakter mehr Tiefe zu verleihen.

Auf der einen Seite ist das kein doofer Schachzug, überzeugte doch schon die 2018er Version des Films mit einer sehr kompakten und packenden Handlung. Auf der anderen Seite fragt man sich berechtigterweise, wie ein Remake dann überhaupt zu rechtfertigen ist, wenn doch wirklich nur so wenig angepasst und neu gedacht wurde.

Zwei Beispiele: Die US-amerikanische Version des Thrillers versucht, die Institution Polizei zumindest in Ansätzen ein wenig kritischer zu beleuchten als das Original. Ein ohne Zweifel wichtiger Punkt, der aber nicht wirklich ausgearbeitet wird. Die Problematik rund um moralisch fragwürdigen Polizist:innen wäre generell wohl der spannendere neue Spin gewesen, der das Remake zu etwas Besonderem gemacht hätte. Schade, dass diese Chance nicht genutzt wurde. 

Außerdem gibt man Joes Charakter ein wenig mehr Hintergrund, um ihn greifbarer zu machen. Doch fragt man sich, ob der Charakter des Protagonisten wirklich der Punkt ist, aus dem man so viel Neues ziehen kann, zumal die zusätzliche Backgroundstory nur wenig Neues über den Charakter offenbart. Drehbuchautor Nico Pizzolatto, vor allem für seine Arbeit an der fantastischen Serie True Detective (2014-2019) bekannt,  hätte man hier mehr Kreativität und Ideenreichtum zugetraut.

Ein getriebener Gyllenhaal

Bei einem Kammerspiel, dass sich praktisch im Gesicht des Protagonisten abspielt, hat Jake Gyllenhaal logischerweise die große Aufgabe, den Film über 90 Minuten zu tragen. Zum Glück hat man mit Gyllenhaal einen Hauptdarsteller gefunden, der sich bestens mit der Darstellung von getriebenen, moralisch fragwürdigen Protagonisten auskennt (man denke an Filme wie Prisoners (2013) oder Nightcrawler (2014)).

Anders als im dänischen Original, in dem die Wut des Protagonisten eher unter der Oberfläche brodelte, trägt Gyllenhaal die Emotionalität Joes nach Außen und hält sich nicht zurück, wenn es mal hitzig wird. Getrieben ist hier das richtige Stichwort, so bringt Gyllenhaals Schauspiel die innere Wut und Zerrissenheit des Protagonisten sehr solide auf die Bildschirme.

Von seinen Ausbrüchen fühlt man sich als Zuschauer:in tatsächlich auch ein wenig eingeschüchtert, auch wenn Joe durch seine kurze Zündschnur gefährlich oft sehr nervig wirkt. Das spricht für Gyllenhaals Fähigkeiten, aber leider auch ein wenig gegen die Erträglichkeit des Films.

Jake Gyllenhaal als Joe Baylor in The Guilty.

Das ruhige Gesicht trügt: Joe zeichnet sich vor allem durch seine zahlreichen Wutausbrüche aus.

Neben Gyllenhaal sollte vor allem Riley Keough noch lobend erwähnt werden. Als entführte Emily schafft sie es, nur über ihre Stimme das emotionale Wechselbad, das die junge Frau im Verlauf der Handlung durchlebt, überzeugend umzusetzen.

Ein weiterer Star des Films ist auch Maz Makhani, zuständig für die Kamera. Ähnlich wie im Original bleibt die Kamera sehr nah am Protagonisten, fängt jede Regung und Zuckung Gyllenhaals ein und trägt deutlich zur angespannten Stimmung des Films bei. Genau das, was man für einen Thriller dieser Art braucht.

Fazit:

Durchschnittliches Remake mit wenig neuen Ideen

Die US-amerikanische Version des dänischen Thrillers überzeugt mit starker Kameraarbeit und einem noch stärkeren Jake Gyllenhaal, der die Getriebenheit des Protagonisten stark umsetzt. Aber trotz der soliden Umsetzung sorgt fehlender Ideenreichtum für einen faden Beigeschmack. Wer das Original nicht gesehen hat, wird eine gute Zeit haben. Alle anderen fragen sich, warum es dieses Remake gebraucht hat.

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