7.9/10

Kritik: The Innocents

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Genres: Drama, Horror, Thriller, Startdatum: 14.04.2022

Interessante Fakten für…

  • Ellen Dorrit Petersen, die Idas Mutter spielt, und Rakel Lenora Fløttum, die Ida spielt, sind auch außerhalb des Films Mutter und Tochter.
  • Regisseur Eskil Vogt schrieb das Drehbuch für den großartigen norwegischen Film Thelma (2017). Für Fans von Thelma ist The Innocents definitiv einen Blick wert.

The Innocents klingt im ersten Moment nach der endlosen Wiederholung einer alten Idee: Was, wenn Superkräfte nicht bei verantwortungsbewussten Vorzeigehelden, sondern bei Kindern auftreten? Gelingt dem norwegischen Horror-Thriller eine frische Perspektive auf das Konzept oder erwartet uns die x-te Genre-Kopie im New Mutants Stil.

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#ILikeToMoveIt #Mindfuck #Klassikernerd

Darum geht’s

Als jüngstes Familienmitglied und kleines Geschwisterkind der autistischen Anna (Alva Brynsmo Ramstad) fühlt sich die sechsjährige Ida (Rakel Lenora Fløttum) innerhalb ihrer Familie oft übersehen. Als ihr Vater dann noch einen neuen Job annimmt und die Familie aus ihrem gewohnten Umfeld auszieht, um in einer abgeschiedenen Betonbau-Wohnsiedlung zu leben, beginnt der angestaute Geltungsdrang in Ida allmählich hochzukochen. 

Dort angekommen lernt sie jedoch schnell den Nachbarsjungen Ben (Sam Ashraf) kennen, der Idas Situation zu verstehen scheint. Als sich die beiden zusammentun, entdecken sie plötzlich, dass übernatürliche Kräfte in ihnen zu schlummern scheinen. Fasziniert von den eigenen Fähigkeiten beginnen die Kinder deren Grenzen auszuloten, bis aus naivem Spiel schnell düsterer Ernst wird. 

Die norwegischen X-Kids?

Wie würden Kinder damit umgehen, wenn sie plötzlich Superkräfte im feinsten Marvel-Stil bei sich entdecken? Würde ein Kindergartenkind auch nach Avengers-Vorbild die Welt retten, oder gehören übernatürliche Fähigkeiten eher in erwachsenere Hände?

Das Gedankenspiel, um das sich die Handlung von The Innocents aufbaut, hat in der Filmwelt schon einige Jahre auf dem Buckel. Das prominenteste Beispiel wäre wohl die X-Men Reihe, die über die Jahre unendlich viele übernatürlich begabte Heranwachsende auf die Leinwand brachte. Aber auch kleinere Filme wie Brightburn (2019) widmeten sich dem Thema und erweiterten dieses um düstere und brutale Horror-Elemente. 

Auch The Innocents beschreibt sich selbst als Horror-Thriller, der auf die finsteren Seiten der wundersamen Begabungen blickt. Doch obwohl vieles auf dem Papier ähnlich klingt, könnte Idas Geschichte kaum weiter von den effekthascherischen Genre-Kollegen entfernt sein. 

Ähnlich wie Ida (Rakel Lenora Fløttum) fühlt sich auch Ben (Sam Ashraf) von seiner Mutter übersehen.

Schrecken im unschuldigem Gewand

Denn anstelle von großen CGI-Schlachten und Hollywood-Optik, bietet The Innocents einen ruhigen Thriller mit der typisch intensiven Spannung des skandinavischen Kinos. Regisseur Eskil Vogt fängt die trostlose Stimmung der einsamen Wohnsiedlung in entsättigten und unaufgeregten Bildern ein, die im starken Kontrast zu den übernatürlichen Elementen der Handlung stehen. Selbst wenn die verschiedenen Superkräfte allmählich ins Zentrum der Handlung rücken, bleiben sie beinahe unkommentiert und stehen zu jeder Zeit im Kontext eines kaltem Realismus. 

Und genau dieser Kontrast ist die große Stärke des Film. The Innocents sucht den Horror nicht in Gore oder Jumpscares, sondern in den scheinbar unauffälligen und unschuldigen Elementen. Wo der Film in seinen ersten Minuten noch harmlos erscheint, gelingt es ihm genau diese trügerische Stille fünf Minuten später in eine unangenehme Spannung zu steigern, die sich langsam aber sicher unter die Haut frisst. 

Wenn Ida und Ben gegen Anfang des Filmes gemeinsam im Wald spielen, auf die Autobahn spucken und lachend mit Stöcken in Ameisenhaufen herumstochern, wirkt das zunächst, als könnte es so oder so ähnlich im Mantel einer Feelgood-Komödie im Nachmittagsprogramm laufen könnte. Doch schon Sekunden später schleichen sich Zweifel ein: was wäre, wenn plötzlich Steine auf die Autobahn fliegen und was wäre, wenn die Kinder dieselbe Macht, die sie über die Ameisen haben, über andere Lebewesen hätten?

Auch Ida (Rakel Lenora Fløttum) erkennt die Gefahr der unkontrollierten Superkräfte.

The Innocents funktioniert deshalb so gut, weil uns diese Verhaltensweisen bekannt sind. Das Austesten von Grenzen, Hinterfragen von Autoritäten oder der versteckte Hang zum Verbotenen – jede:r wird solche Tendenzen bereits bei sich selbst oder bei anderen entdeckt haben, weshalb es dem Film gelingt, zu keinem Zeitpunkt den Bereich des Vorstellbaren zu verlassen. Selbst dann nicht, wenn Steine durch die Gegend schweben oder Sechsjährige durch Telepathie kommunizieren.

Geniale Kinderdarsteller:innen

Besonders beeindruckend ist, wie mühelos es den jungen Darsteller:innen gelingt, diese komplexen Themen des Filmes in ihren Rollen umzusetzen. Statt einer eindimensionalen Darstellung von Kindern, die entweder reine Seelen oder das pure Böse sind, schaffen es Vogt und seine Schauspieler:innen jedem der Figuren Motive und Emotionalität zu verleihen. 

Die unbeschwerte Freundschaft zwischen Ben und Ida, der starke Bund zwischen Geschwistern oder die Angst vor der großen Welt außerhalb der eigenen Vorstellungskraft. Den Darsteller:innen gelingt es, jeden dieser Momente berührend umzusetzen und uns dadurch an ihre Figuren zu bringen.

Rakel Lenora Fløttum trägt als Ida einen Großteil des Filmes auf ihren 12-jährigen Schultern. Eine unglaubliche Leistung.

Wenn dann schließlich die Horror-Elemente der Handlung einsetzen, wird deutlich, dass The Innocents keine dieser Figuren verurteilen will. Der Film ist ein nahbarer Gleichnis, welches nicht mit erhobenen Zeigefinger auf Antworten hinweist, sondern uns selbst die Frage beantworten lässt, wie viel (Un)Schuld die Kinder tragen oder nicht. 

Fazit

7.9/10
Gut
Community-Rating:
Schauspiel 7.5/10
Handlung 7/10
Atmosphäre 8.5/10
Horror 8/10
Tiefgang 8.5/10
Details:

Wer sich nach einer Inhaltsangabe von The Innocents auf Superhelden-Horror im Stil von Brightburn gefreut hat, sollte besser die Finger Eskil Vogts Horror-Thriller lassen. Statt B-Movie Splatter-Action bietet der Film einen ruhigen atmosphärischen Thriller, der primär auf psychischen statt körperlichen Horror setzt. In einem nervenaufreibenden Spannungsverhältnis zwischen scheinbar harmlosen Eindrücken und perfiden Schock-Momenten erzählt der Film vom Erwachsenwerden, ohne dabei in flache Genre-Konventionen abzurutschen. Fans von anspruchsvollem und vieldeutigem Horror sollten sich diese skandinavische Filmperle nicht entgehen lassen.

Artikel vom 22. April 2022

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