Kritik: Things Heard & Seen

Viel Spuk, wenig geistreiches
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
  • Haunted Houses, die ihren frisch eingezogenen Bewohnern das Fürchten lehren, erzeugen Grusel meistens aus Alterserscheinungen. Dielen knarren, Glühbirnen flackern, Verstorbene glotzen aus Bilderrahmen herab, es ist muffig. Das Genre selbst hält sich jedoch wacker und erlebt alle paar Jahre einen Frühjahrsputz. Kann auch 'Things Heard & Seen' für Durchzug sorgen? Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht’s? Als der Familienvater George (James Norton) eine Lehrstelle an einer ländlichen Universität antritt, muss er mit seiner Tochter Franny (Ana Sophia Heger) und Frau Catherine (Amanda Seyfried) Manhattan verlassen. Während die zwischenmenschlichen Spannungen des Ehepaars durch Abgeschiedenheit, Lügen und Entfremdung immer größer werden, bringen auch die mysteriösen Kräfte des neuen Zuhauses den Haussegen in Schieflage. Einsatz in vier Wänden: Klischees und Regelwerk sind, besonders im Horrorfilm, erst einmal nichts Schlechtes. Ähnlich wie im Märchen helfen uns wiederkehrende Figuren, Handlungen und Objekte, uns in der fiktiven Welt zu orientieren. Und sie geben den Filmemacher:innen die Macht, uns aus der Bahn zu werfen, indem sie diese Regeln brechen und uns die vermeintlich sichere Orientierung wieder entziehen. Things Heard & Seen steckt voller Klischees und das Zuschauen wird zur cineastischen Schatzsuche, man entdeckt Figuren, Dialoge und Einstellungen aus vergangenen Dekaden des Horrorfilms. Das „Haunted House“-Genre selbst (schnell erklärt: Junge Familie zieht in renovierungsbedürftigen Altbau, langsam enthüllt sich die dunkle Vergangenheit des Anwesens) bietet einen beachtlichen Schatz an Stilmitteln, die immer wiederkehren, ohne zu langweilen. Trotzdem begnügte man sich in diesem Fall nicht mit den Stärken des Genres, sondern erweitert das Portfolio um Esoterik, J-Horror, Beziehungsdrama, Psychoterror und einer Prise Weltuntergang. Der Film scheint überlastet, die vielen spirituellen Erscheinungen und Symbole lassen den Plot zerfasern, anstatt für ihn zu arbeiten. Mal flackert das Licht, mal beginnt das Klavier wie von Geisterhand zu spielen, mal taucht ein schwarzer Vogel auf, mal zieht Catherine ein riesiges Haarbüschel aus dem Abfluss (ES und deine WG lassen grüßen), um kurz darauf aus diesem Albtraum zu erwachen… Das Übersinnliche ist in seiner Vielzahl von Manifestationen nicht konsistent und dadurch auch nicht so gruselig, wie es sein könnte. Der Film schafft es nicht klar zu umreißen, was die böse Macht nun eigentlich vermag – und was nicht. Werbung "This is headless horseman-country..." Die Rahmengestaltung ist ebenso reichhaltig, jedoch besser zugeschnitten. Die Hauptfiguren haben Backstorys im Schlepptau, die nicht bloß im Drehbuch gut aussehen, sondern eigene Dramatik entwickeln. Allen voran liefert Amanda Seyfried eine beeindruckende Leistung und haucht ihrer Figur Leben ein, sie ist keine Heldin, aber auch kein Opfer. Auch die weiteren Charaktere sind konzentriert und übernehmen die genretypischen Rollen zuverlässig. Der Staat New York, Heimat der ureigenen US-Grusel-Folklore, ist die perfekte Bühne für die subtile Unheimlichkeit der Erzählung. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Set Design, die Crew tappt nicht in die Falle, das Jahr 1980 besonders cool aussehen zu lassen, um die von Stranger Things losgetretene Welle zu surfen, sondern entwirft eine zeitlose Ästhetik, in der Malerei, Dia-Projektoren und Bibliotheken ein „analoges“ Setting schaffen, welches einerseits die Präsenz der Vergangenheit im Hier und Jetzt unterstreicht, andererseits die Abgeschiedenheit des Handlungsortes spürbar macht. Der Vergleich mit The Shining drängt sich geradezu auf, auch hier sind es vor allem die zwischenmenschlichen Spannungen, die das Unbehagen auslösen, wenn die Geister Pause machen. In einem guten Rhythmus wechseln sich mystisches und menschliches darin ab, Gänsehaut hervorzurufen. Es gibt Abschnitte des Films, in denen nichts Übernatürliches passiert, dennoch spüren wir die Katastrophe aufziehen. Übersinnlich überladen Das brodelnde Gewitter entlädt sich gegen Ende zu schnell, der Kreis schließt sich nicht und viele Rätsel bleiben ungelöst. Das eingangs erwähnte Regelwerk eines Horrorfilms ist schwer zu greifen: Woher kommt die böse Macht? Wer oder was ist sie? Was will sie, was kann sie? Ein Film muss nicht alle diese Fragen beantworten, doch zumindest eine ausreichende Anzahl an Hinweisen geben. Nur dann können sich die Zuschauer:innen auf den Kampf einlassen und die Handlungen der Figuren nachvollziehen. Was genau die „Zwischenwelt“ der auftretenden Geister ist, wo die Grenze zu unserer Welt verläuft und wie das Jenseitige in unserem Diesseits wirken kann – all das bleibt unklar, zumal einzelne Elemente eher für Verwirrung als für Schaudern sorgen. Die Drehbuchautor:innen sahen sich scheinbar verpflichtet, alle Szenen, Figuren und Nebenstränge der Romanvorlage zu adaptieren, obwohl, und damit wären wir wieder bei Klischees, weniger manchmal mehr ist. Horror kann nach vielen Grundmustern funktionieren, vom platten Slasher bis zum ausgefeilten Psycho-Trip, wichtig ist es aber stets, den Fokus zu behalten. In Things Heard & Seen jagen uns einzelne Momente Angst ein, der Film schafft es aber nicht, diese Elemente innerhalb von zwei Stunden zu einem wirklich angsteinflößenden „Großen Bösen“ zu verbinden. Fazit: Kopfschmerz statt Gänsehaut Ein technisch guter Mystery-Streifen, der seine Energie aus tiefen Figuren, einem stimmigen Setting und der zwischenmenschlichen Tragik des Plots zieht. Die mysteriösen Elemente rund um das Haus folgen eigenen Regeln, die leider nicht gut genug vermittelt werden. Beim Abspann hält man mehr offene Fäden in der Hand, als man eigenständig verknüpfen kann. Allein in den letzten Jahren gab es genügend Genre-Kollegen, die schlicht fokussierter und dadurch eben auch gruseliger waren. Wer eine Ehekrise mit Amanda Seyfried im Spukhaus sehen will, ist mit dem 2020 erschienenen You Should Have Left an einer besseren Adresse.
    Kritik: Things Heard & Seen
    Handlung
    55%
    Atmosphäre
    40%
    Spannung
    55%
    Schauspiel
    70%
    Soundtrack
    55%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 29.04.2021
    Filmlänge: 121 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , , ,
    Regisseur: ,
    Besetzung: ,
    Bildrechte: Netflix
  • YouTube

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Gesamtbewertung:

Enttäuschend
55%

Haunted Houses, die ihren frisch eingezogenen Bewohnern das Fürchten lehren, erzeugen Grusel meistens aus Alterserscheinungen. Dielen knarren, Glühbirnen flackern, Verstorbene glotzen aus Bilderrahmen herab, es ist muffig. Das Genre selbst hält sich jedoch wacker und erlebt alle paar Jahre einen Frühjahrsputz. Kann auch 'Things Heard & Seen' für Durchzug sorgen?

Worum geht’s?

Als der Familienvater George (James Norton) eine Lehrstelle an einer ländlichen Universität antritt, muss er mit seiner Tochter Franny (Ana Sophia Heger) und Frau Catherine (Amanda Seyfried) Manhattan verlassen. Während die zwischenmenschlichen Spannungen des Ehepaars durch Abgeschiedenheit, Lügen und Entfremdung immer größer werden, bringen auch die mysteriösen Kräfte des neuen Zuhauses den Haussegen in Schieflage.

Einsatz in vier Wänden:

Klischees und Regelwerk sind, besonders im Horrorfilm, erst einmal nichts Schlechtes. Ähnlich wie im Märchen helfen uns wiederkehrende Figuren, Handlungen und Objekte, uns in der fiktiven Welt zu orientieren. Und sie geben den Filmemacher:innen die Macht, uns aus der Bahn zu werfen, indem sie diese Regeln brechen und uns die vermeintlich sichere Orientierung wieder entziehen.

Things Heard & Seen steckt voller Klischees und das Zuschauen wird zur cineastischen Schatzsuche, man entdeckt Figuren, Dialoge und Einstellungen aus vergangenen Dekaden des Horrorfilms. Das „Haunted House“-Genre selbst (schnell erklärt: Junge Familie zieht in renovierungsbedürftigen Altbau, langsam enthüllt sich die dunkle Vergangenheit des Anwesens) bietet einen beachtlichen Schatz an Stilmitteln, die immer wiederkehren, ohne zu langweilen. Trotzdem begnügte man sich in diesem Fall nicht mit den Stärken des Genres, sondern erweitert das Portfolio um Esoterik, J-Horror, Beziehungsdrama, Psychoterror und einer Prise Weltuntergang.

Augen auf beim Hauskauf! Die Maklerin verschweigt so einiges...

Der Film scheint überlastet, die vielen spirituellen Erscheinungen und Symbole lassen den Plot zerfasern, anstatt für ihn zu arbeiten. Mal flackert das Licht, mal beginnt das Klavier wie von Geisterhand zu spielen, mal taucht ein schwarzer Vogel auf, mal zieht Catherine ein riesiges Haarbüschel aus dem Abfluss (ES und deine WG lassen grüßen), um kurz darauf aus diesem Albtraum zu erwachen… Das Übersinnliche ist in seiner Vielzahl von Manifestationen nicht konsistent und dadurch auch nicht so gruselig, wie es sein könnte. Der Film schafft es nicht klar zu umreißen, was die böse Macht nun eigentlich vermag – und was nicht.

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"This is headless horseman-country..."

Die Rahmengestaltung ist ebenso reichhaltig, jedoch besser zugeschnitten. Die Hauptfiguren haben Backstorys im Schlepptau, die nicht bloß im Drehbuch gut aussehen, sondern eigene Dramatik entwickeln. Allen voran liefert Amanda Seyfried eine beeindruckende Leistung und haucht ihrer Figur Leben ein, sie ist keine Heldin, aber auch kein Opfer. Auch die weiteren Charaktere sind konzentriert und übernehmen die genretypischen Rollen zuverlässig.

Catherine beschleicht bald das Gefühl, einen ungebetenen Gast im Haus zu haben.

Der Staat New York, Heimat der ureigenen US-Grusel-Folklore, ist die perfekte Bühne für die subtile Unheimlichkeit der Erzählung. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Set Design, die Crew tappt nicht in die Falle, das Jahr 1980 besonders cool aussehen zu lassen, um die von Stranger Things losgetretene Welle zu surfen, sondern entwirft eine zeitlose Ästhetik, in der Malerei, Dia-Projektoren und Bibliotheken ein „analoges“ Setting schaffen, welches einerseits die Präsenz der Vergangenheit im Hier und Jetzt unterstreicht, andererseits die Abgeschiedenheit des Handlungsortes spürbar macht. Der Vergleich mit The Shining drängt sich geradezu auf, auch hier sind es vor allem die zwischenmenschlichen Spannungen, die das Unbehagen auslösen, wenn die Geister Pause machen. In einem guten Rhythmus wechseln sich mystisches und menschliches darin ab, Gänsehaut hervorzurufen. Es gibt Abschnitte des Films, in denen nichts Übernatürliches passiert, dennoch spüren wir die Katastrophe aufziehen.

Übersinnlich überladen

Das brodelnde Gewitter entlädt sich gegen Ende zu schnell, der Kreis schließt sich nicht und viele Rätsel bleiben ungelöst. Das eingangs erwähnte Regelwerk eines Horrorfilms ist schwer zu greifen: Woher kommt die böse Macht? Wer oder was ist sie? Was will sie, was kann sie? Ein Film muss nicht alle diese Fragen beantworten, doch zumindest eine ausreichende Anzahl an Hinweisen geben. Nur dann können sich die Zuschauer:innen auf den Kampf einlassen und die Handlungen der Figuren nachvollziehen. Was genau die „Zwischenwelt“ der auftretenden Geister ist, wo die Grenze zu unserer Welt verläuft und wie das Jenseitige in unserem Diesseits wirken kann – all das bleibt unklar, zumal einzelne Elemente eher für Verwirrung als für Schaudern sorgen. Die Drehbuchautor:innen sahen sich scheinbar verpflichtet, alle Szenen, Figuren und Nebenstränge der Romanvorlage zu adaptieren, obwohl, und damit wären wir wieder bei Klischees, weniger manchmal mehr ist.

Die unvermeidliche Séance-Szene ist in etwa so gruselig wie ein Jahrmarktbesuch.

Horror kann nach vielen Grundmustern funktionieren, vom platten Slasher bis zum ausgefeilten Psycho-Trip, wichtig ist es aber stets, den Fokus zu behalten. In Things Heard & Seen jagen uns einzelne Momente Angst ein, der Film schafft es aber nicht, diese Elemente innerhalb von zwei Stunden zu einem wirklich angsteinflößenden „Großen Bösen“ zu verbinden.

Fazit:

Kopfschmerz statt Gänsehaut

Ein technisch guter Mystery-Streifen, der seine Energie aus tiefen Figuren, einem stimmigen Setting und der zwischenmenschlichen Tragik des Plots zieht. Die mysteriösen Elemente rund um das Haus folgen eigenen Regeln, die leider nicht gut genug vermittelt werden. Beim Abspann hält man mehr offene Fäden in der Hand, als man eigenständig verknüpfen kann. Allein in den letzten Jahren gab es genügend Genre-Kollegen, die schlicht fokussierter und dadurch eben auch gruseliger waren. Wer eine Ehekrise mit Amanda Seyfried im Spukhaus sehen will, ist mit dem 2020 erschienenen You Should Have Left an einer besseren Adresse.

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