Kritik: Titane

Göttin aus der Maschine
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
Jugendgefährdende Inhalte
  • Der große Gewinner der Cannes-Filmfestspiele 2021 heißt 'Titane'. Julia Ducournau legt nach 'Raw' mit einem weiteren Schocker nach, der zu den einzigartigsten Filmerlebnissen des Jahres gehört. Warum das so ist, erfahrt ihr in dieser Kritik.  Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht's Bereits während ihrer Kindheit ist die Beziehung von Alexia (Agathe Rousselle) zu ihrem Vater (Bertrand Bonello) distanziert und unpersönlich. Beide leben an der jeweils anderen Person vorbei, wechseln nur schwerlich Worte miteinander und selbst der gemeinsame Blickkontakt wird zur mühevollen Herausforderung. Die Beziehung der beiden zerschellt schließlich endgültig, als Alexias Vater während einer Auseinandersetzung im Auto die Kontrolle über das Fahrzeug verliert und mit seiner Tochter auf dem Rücksitz gegen eine Leitplanke schießt. Alexia, die von dem Unfall eine schwere Kopfverletzung behält, trägt von diesem Tage an eine Metallplatte unter der Kopfhaut und eine große Narbe als Erinnerungsstück an den Zusammenstoß. Doch nicht nur körperlich hat sie sich verändert, denn Alexia entwickelt eine zärtliche, beinahe romantische, Beziehung zu Autos. Jahre später arbeitet die erwachsene Alexia als Stripperin bei einer Auto-Show, während ihr komplettes Familien- und Privatleben in Trümmern liegt. Als sie nach mehreren brutalen Zwischenfällen allerdings untertauchen muss, lässt Alexia ihr altes Leben und die Wunden der Vergangenheit hinter sich, um sich auf eine bizarre Selbstfindungsreise zu begeben. Wieder ein Kotztüten-Krimi? Julia Ducournau hat einen Ruf zu verteidigen. Bereits fünf Jahre ist es her, dass ihr Debütfilm Raw weniger durch seine Story, als vielmehr durch seine angeblich grotesk expliziten Gewaltszenen die Schlagzeilen der Filmwelt dominierte.  Ob reißerische Überschriften wie „Festivalbesucher fallen bei Vorführung in Ohnmacht“ oder „Kinos verteilen Kotztüten“ den Film wirklich widerspiegelten, oder ob sie primär als Rohfleisch-Futter für die Werbetrommel dienten, blieb dabei zu diskutieren. Doch ihren Zweck erfüllten sie allemal. Wie um ein cineastisches Schauermärchen entstand um Raw der Ruf eines Magen-verdrehenden Schockers, den angeblich nur die hartgesottensten Zuschauer:innen durchstehen. Ein Ruf, der die Erwartungshaltung für Ducournaus Nachfolgefilm Titane entsprechend hoch anlegte. Der WTF-Film des Jahres Bereits in Anbetracht der Trailer war klar, dass Ducournau nach ihrem Debüt-Schocker im wahrsten Sinne des Wortes keinen Gang zurückschaltet. Verdrehte Körper auf Motorhauben, brennende Gebäude und mit eindringlicher Musik untermalte Gewalteindrücke bestimmen die ersten aufwühlenden Bilder des Filmes. Titane selbst liefert alles, was die Trailer versprechen und noch weit darüber hinaus. Ob Wunden aus denen dickflüssiges Motoröl blutet, groteske Haarnadel-Tötungen oder die verstörendsten Bodyhorror-Elemente der jüngeren Kinogeschichte: Alexias Identitätssuche gehört zu den abgefucktesten Erlebnissen, die das Kinojahr 2021 zu bieten hat. Gleichzeitig entwickelt sich die Handlung im Minutentakt in absolut unvorhersehbare Richtungen und sorgt für eine Seherfahrung, die unmöglich in Genregrenzen zu fassen ist. Ist der Film ein emotional kalter Serienkiller-Horrorstreifen, ein bedrückendes Familiendrama oder vielleicht sogar eine einfühlsame, hoffnungsvolle Geschichte? Titane entzieht sich konsequent jeglicher Genrekonventionen und kreiert sich eine einzigartige Identität. Anti-Mainstream Kino An dieser Einzigartigkeit werden sich die Geister allerdings scheiden, denn die kompromisslose Härte des Filmes erschüttert in nicht unerheblich vielen Momenten. Ducournau selbst bezeichnet die Gewalt ihrer Filme als Mittel, um uns nicht nur die körperlichen Schmerzen ihrer Protagonist:innen erlebbar zu machen, sondern um deren verzweifelte Innenleben in ungeschönter Intensität auf die Leinwand zu bannen. In Titane sorgt dies für Momente, in denen man im Kinosessel zusammenschrumpft und nur noch zwischen den Fingern der schützend vor die Augen gehaltenen Hand zusehen kann. Provokative Grenzverwischung Was nun viele Zuschauer:innen abschrecken wird, ist bei Titane allerdings nie eine deplatzierte Gewaltorgie, die nur als Selbstzweck dient. Wem es gelingt, einen Blick hinter die Fassade zu werfen, der entdeckt in Alexias Geschichte massenweise Subtext, der noch lange über den Film hinaus zum Nachdenken anregt. So spielt Ducournau bewusst mit diversen Gender-Klischees und Zuordnungen und stellt diese auf den Kopf. Sei es der alternde Muskelprotz (Vincent Lindon), der sich Hormone spritzt, um unter Schmerzen doch noch den letzten Klimmzug zu schaffen, die homophobe Gruppe junger Feuerwehrmänner, die bei einem erotisch tanzenden Jungen doch nicht den Blick abwenden kann oder Alexias eigene Entwicklung, die schnell sämtliche Heteronormativität aushebelt. Ducournau überspitzt Gender-Stereotypen und verwischt allmählich die Grenzen zwischen den Geschlechtern. Doch damit nicht genug. Titane ist eine, mit Interpretationsansätzen vollgepackte, Spielwiese, die sich zu keinem Zeitpunkt des Films überladen anfühlt. Ohne verschlüsselte Dialoge oder Bildmetaphern, für deren Verständnis man ein abgeschlossenes Germanistik-Studium benötigt, erzählt Titane durch Emotionen und Beziehungen von Identität, Vergangenheitstraumata und dem Verlangen nach einem Zuhause (wie auch immer dieses aussehen mag). Cineasten, die sich gerne mehrere Tage den Kopf über mögliche Bedeutungen eines Filmes zerbrechen, sind hier genau richtig. Von wahnsinnig bis weich So kontrovers der Inhalt des Films diskutiert werden kann, so fraglos brillant sind die grundverschiedenen Teile von Titane in Szene gesetzt. Von langen Tracking-Shots durch riesige Menschenmengen bis zu intim eingefangenen Momenten der Verletzlichkeit, erzeugt die Kameraarbeit einen unwiderstehlichen Sog, der uns in Alexias surreale Welt hineinzieht. Neben der Bildgestaltung fasziniert jedoch vor allem die musikalische Untermalung durch geniale Einsätze verschiedener lizenzierter Songs, die aus vielen Szenen unvergessliche Gänsehautmomente zaubert. Auch der Cast rund um Agathe Rousselle, die in der Rolle von Alexia schauspielerisch Unglaubliches leistet, ist durch die Bank erstklassig. Besonders das Zusammenspiel zwischen Rousselle und Vincent Lindon als zerbrechliche Vaterfigur ist von Szene zu Szene mitreißender und verleiht dem Film einen essenziellen, emotionalen Kern inmitten des Wahnsinns. Werbung Fazit: Brillant oder Belanglos? Selten gehen die Meinungen über einen Film derart stark auseinander wie bei Titane. Wirft man einen Blick auf verschiedene Bewertungsdurchschnitte, so spiegeln die meisten einen verbitterten Kampf zwischen absoluten Tiefst- oder Höchstwertungen wider, der ein Mittelfeld kaum zulässt. Wenn sich daraus eines Definitiv schließen lässt, dann, dass Titane absolut nicht für jede:n gemacht ist. Die abgefuckte Geschichte rund um Mensch-Maschinen-Hybride und blutigen Mordserien schockiert, provoziert und nimmt keine Rücksicht auf den Verlust unvorbereiteter Zuschauer:innen. Wer sich davon allerdings nicht abschrecken lässt und nach den vielen menschlichen Motiven unter der Oberfläche sucht, wird mit einem der komplexesten und einzigartigsten Filme des Jahres belohnt, der herausfordernde Beiträge zu zahlreichen, hochrelevanten Thematiken wagt.
    Kritik: Titane
    Handlung
    80%
    Schauspiel
    80%
    Horror
    85%
    Tiefgang
    90%
    Visuelle Umsetzung
    85%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 07.10.2021
    Filmlänge: 108 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , ,
    Bildrechte: Koch Films
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Gesamtbewertung:

Stark
84%

Der große Gewinner der Cannes-Filmfestspiele 2021 heißt 'Titane'. Julia Ducournau legt nach 'Raw' mit einem weiteren Schocker nach, der zu den einzigartigsten Filmerlebnissen des Jahres gehört. Warum das so ist, erfahrt ihr in dieser Kritik. 

Darum geht's

Bereits während ihrer Kindheit ist die Beziehung von Alexia (Agathe Rousselle) zu ihrem Vater (Bertrand Bonello) distanziert und unpersönlich. Beide leben an der jeweils anderen Person vorbei, wechseln nur schwerlich Worte miteinander und selbst der gemeinsame Blickkontakt wird zur mühevollen Herausforderung. Die Beziehung der beiden zerschellt schließlich endgültig, als Alexias Vater während einer Auseinandersetzung im Auto die Kontrolle über das Fahrzeug verliert und mit seiner Tochter auf dem Rücksitz gegen eine Leitplanke schießt. Alexia, die von dem Unfall eine schwere Kopfverletzung behält, trägt von diesem Tage an eine Metallplatte unter der Kopfhaut und eine große Narbe als Erinnerungsstück an den Zusammenstoß. Doch nicht nur körperlich hat sie sich verändert, denn Alexia entwickelt eine zärtliche, beinahe romantische, Beziehung zu Autos.

Alexias (Agathe Rousselle) Leben kann nur durch aufwändige Operationen gerettet werden.

Jahre später arbeitet die erwachsene Alexia als Stripperin bei einer Auto-Show, während ihr komplettes Familien- und Privatleben in Trümmern liegt. Als sie nach mehreren brutalen Zwischenfällen allerdings untertauchen muss, lässt Alexia ihr altes Leben und die Wunden der Vergangenheit hinter sich, um sich auf eine bizarre Selbstfindungsreise zu begeben.

Wieder ein Kotztüten-Krimi?

Julia Ducournau hat einen Ruf zu verteidigen. Bereits fünf Jahre ist es her, dass ihr Debütfilm Raw weniger durch seine Story, als vielmehr durch seine angeblich grotesk expliziten Gewaltszenen die Schlagzeilen der Filmwelt dominierte.  Ob reißerische Überschriften wie „Festivalbesucher fallen bei Vorführung in Ohnmacht“ oder „Kinos verteilen Kotztüten“ den Film wirklich widerspiegelten, oder ob sie primär als Rohfleisch-Futter für die Werbetrommel dienten, blieb dabei zu diskutieren. Doch ihren Zweck erfüllten sie allemal. Wie um ein cineastisches Schauermärchen entstand um Raw der Ruf eines Magen-verdrehenden Schockers, den angeblich nur die hartgesottensten Zuschauer:innen durchstehen. Ein Ruf, der die Erwartungshaltung für Ducournaus Nachfolgefilm Titane entsprechend hoch anlegte.

Der WTF-Film des Jahres

Bereits in Anbetracht der Trailer war klar, dass Ducournau nach ihrem Debüt-Schocker im wahrsten Sinne des Wortes keinen Gang zurückschaltet. Verdrehte Körper auf Motorhauben, brennende Gebäude und mit eindringlicher Musik untermalte Gewalteindrücke bestimmen die ersten aufwühlenden Bilder des Filmes.

Alexia (Agathe Rousselle) räkelt sich bei einer Motor-Show erotisch über diverse Motorhauben. Eine der normalsten Szenen von Titane.

Titane selbst liefert alles, was die Trailer versprechen und noch weit darüber hinaus. Ob Wunden aus denen dickflüssiges Motoröl blutet, groteske Haarnadel-Tötungen oder die verstörendsten Bodyhorror-Elemente der jüngeren Kinogeschichte: Alexias Identitätssuche gehört zu den abgefucktesten Erlebnissen, die das Kinojahr 2021 zu bieten hat. Gleichzeitig entwickelt sich die Handlung im Minutentakt in absolut unvorhersehbare Richtungen und sorgt für eine Seherfahrung, die unmöglich in Genregrenzen zu fassen ist. Ist der Film ein emotional kalter Serienkiller-Horrorstreifen, ein bedrückendes Familiendrama oder vielleicht sogar eine einfühlsame, hoffnungsvolle Geschichte? Titane entzieht sich konsequent jeglicher Genrekonventionen und kreiert sich eine einzigartige Identität.

Anti-Mainstream Kino

An dieser Einzigartigkeit werden sich die Geister allerdings scheiden, denn die kompromisslose Härte des Filmes erschüttert in nicht unerheblich vielen Momenten. Ducournau selbst bezeichnet die Gewalt ihrer Filme als Mittel, um uns nicht nur die körperlichen Schmerzen ihrer Protagonist:innen erlebbar zu machen, sondern um deren verzweifelte Innenleben in ungeschönter Intensität auf die Leinwand zu bannen. In Titane sorgt dies für Momente, in denen man im Kinosessel zusammenschrumpft und nur noch zwischen den Fingern der schützend vor die Augen gehaltenen Hand zusehen kann.

Provokative Grenzverwischung

Was nun viele Zuschauer:innen abschrecken wird, ist bei Titane allerdings nie eine deplatzierte Gewaltorgie, die nur als Selbstzweck dient. Wem es gelingt, einen Blick hinter die Fassade zu werfen, der entdeckt in Alexias Geschichte massenweise Subtext, der noch lange über den Film hinaus zum Nachdenken anregt. So spielt Ducournau bewusst mit diversen Gender-Klischees und Zuordnungen und stellt diese auf den Kopf. Sei es der alternde Muskelprotz (Vincent Lindon), der sich Hormone spritzt, um unter Schmerzen doch noch den letzten Klimmzug zu schaffen, die homophobe Gruppe junger Feuerwehrmänner, die bei einem erotisch tanzenden Jungen doch nicht den Blick abwenden kann oder Alexias eigene Entwicklung, die schnell sämtliche Heteronormativität aushebelt. Ducournau überspitzt Gender-Stereotypen und verwischt allmählich die Grenzen zwischen den Geschlechtern.

Alexia (Agathe Rousselle) ist Einzelkämpferin. Wer ihr zu nah kommt, nimmt ein gefährliches Risiko auf sich.

Doch damit nicht genug. Titane ist eine, mit Interpretationsansätzen vollgepackte, Spielwiese, die sich zu keinem Zeitpunkt des Films überladen anfühlt. Ohne verschlüsselte Dialoge oder Bildmetaphern, für deren Verständnis man ein abgeschlossenes Germanistik-Studium benötigt, erzählt Titane durch Emotionen und Beziehungen von Identität, Vergangenheitstraumata und dem Verlangen nach einem Zuhause (wie auch immer dieses aussehen mag). Cineasten, die sich gerne mehrere Tage den Kopf über mögliche Bedeutungen eines Filmes zerbrechen, sind hier genau richtig.

Von wahnsinnig bis weich

So kontrovers der Inhalt des Films diskutiert werden kann, so fraglos brillant sind die grundverschiedenen Teile von Titane in Szene gesetzt. Von langen Tracking-Shots durch riesige Menschenmengen bis zu intim eingefangenen Momenten der Verletzlichkeit, erzeugt die Kameraarbeit einen unwiderstehlichen Sog, der uns in Alexias surreale Welt hineinzieht. Neben der Bildgestaltung fasziniert jedoch vor allem die musikalische Untermalung durch geniale Einsätze verschiedener lizenzierter Songs, die aus vielen Szenen unvergessliche Gänsehautmomente zaubert.

Auch der Cast rund um Agathe Rousselle, die in der Rolle von Alexia schauspielerisch Unglaubliches leistet, ist durch die Bank erstklassig. Besonders das Zusammenspiel zwischen Rousselle und Vincent Lindon als zerbrechliche Vaterfigur ist von Szene zu Szene mitreißender und verleiht dem Film einen essenziellen, emotionalen Kern inmitten des Wahnsinns.

Werbung



Fazit:

Brillant oder Belanglos?

Selten gehen die Meinungen über einen Film derart stark auseinander wie bei Titane. Wirft man einen Blick auf verschiedene Bewertungsdurchschnitte, so spiegeln die meisten einen verbitterten Kampf zwischen absoluten Tiefst- oder Höchstwertungen wider, der ein Mittelfeld kaum zulässt. Wenn sich daraus eines Definitiv schließen lässt, dann, dass Titane absolut nicht für jede:n gemacht ist. Die abgefuckte Geschichte rund um Mensch-Maschinen-Hybride und blutigen Mordserien schockiert, provoziert und nimmt keine Rücksicht auf den Verlust unvorbereiteter Zuschauer:innen. Wer sich davon allerdings nicht abschrecken lässt und nach den vielen menschlichen Motiven unter der Oberfläche sucht, wird mit einem der komplexesten und einzigartigsten Filme des Jahres belohnt, der herausfordernde Beiträge zu zahlreichen, hochrelevanten Thematiken wagt.

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