6.6/10

Kritik: Triangle of Sadness

Decadence for you and me

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Genres: Drama, Komödie, Startdatum: 13.10.2022

Interessante Fakten für…

  • Der Titel Triangle of Sadness bezieht sich auf die Falten zwischen den Augenbrauen von Hauptfigur Carl.

Erst das Viereck, dann das Dreieck. Nach „The Square“ räumt Regisseur Ruben Östlund mit „Triangle of Sadness“ zum wiederholten Mal den Hauptpreis in Cannes ab. Mit seinem neuen Gesellschaftssatire zielt Östlund auf die reichsten der Reichen ab und lässt kein gutes Haar an seinen Figuren.

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Darum geht’s

Die Models Carl (Harris Dickinson) und Yaya (Charlbi Dean) leben in einer symbiotischen Beziehung. Statt gegenseitiger Zuneigung sind es aufsteigende Follower-Zahlen auf Instagram und attraktive Deals, was das Paar zusammenhält. Das gemeinsame Urlaubsfoto sorgt für Klicks statt Erinnerungen und das Lächeln gilt stets der Kamera und nicht der Person dahinter. 

So ergattert das Model-Duo durch Werbekooperationen eine Kreuzfahrt auf einer luxuriösen Yacht voller reicher, extravaganter Gestalten. Der russische Millionär, das amerikanische Waffenhändler:innen-Ehepaar und der einsame stinkreiche App-Entwickler – alle verbindet sie eins: Sie sind das oberste Ende der Nahrungskette. Doch was hilft Status, wenn die gewohnte Umgebung plötzlich wegbricht?

Der Erfolg der Satire

Satiren, die auf spielerisch-böse Weise gegen die oberste Oberschicht schießen, feiern in den letzten Jahren regelmäßig Erfolge. Erst vor wenigen Wochen dominierten die HBO-Serien The White Lotus und Succession einen Großteil der Emmy-Verleihung und 2019 ging sowohl der Oscar als auch die goldene Palme in Cannes an Bong Joon-Ho’s Meisterwerk Parasite.

Nun wandert zumindest der Cannes-Hauptpreis mit Triangle of Sadness wieder an einen Film mit ähnlichen Absichten. Ruben Östlund hat eine unvergleichbar böse Satire inszeniert, die Dekadenz, Ekel und erkaltete Menschlichkeit auf die Spitze treibt. Doch während Triangle of Sadness dadurch zunächst schockt, fällt schnell auf, dass der Film im Vergleich zu ähnlichen Genre-Vertretern so oberflächlich bleibt, wie seine Figuren.

Nein, du zahlst!

Dabei beginnt Triangle of Sadness mit einem fantastischen Auftakt, in dem Östlund einen diebischen und sezierenden Blick auf die Model-Industrie unter Beweis stellt. Welcher Gesichtsausdruck passt zu einer H&M Werbung und welcher zu Balenciaga? Wer darf in der “we are all equal” Motto-Modeschau in der ersten Reihe sitzen und das Bezahlen im Restaurant wird zu einer mindestens 15-minütigen Diskussion (in Filmlaufzeit). Gerade diese langgezogene Diskussion zwischen Carl und Yaya entwickelt sich zu einer brillant, überzogenen Farce, in der Östlund Geschlechterrollen, Status und Machtspiele bis ins Kleinste zerlegt. Und das alles über 50 Euro. 

Spannung im Paradies. Sie (Charlbi Dean Kriek) lächelt, er (Harris Dickinson) demonstriert das titelgebende „Triangle of Sadness“.

Yaya und Carl in einem Szenenbild von Triangle of Sadness

Triangle of Sadness hat einige dieser Momente. Momente, in denen Östlund seinen Kommentar bis auf’s Äußerste treibt und die Handlung in ein absurdes Zerrbild verwandelt. Doch wo solche Szenen als geschlossene Einheit gut funktionieren, wollen sie in einem 140-minütigen Film einfach nicht zusammenfinden.

Tolle Momente im Vakuum

Deutlich wird dies, wenn die Handlung allmählich auf die Yacht verlagert wird und sich das Figuren-Ensemble plötzlich verfünffacht. Östlund etabliert eine Vielzahl von Figuren, die über die Rolle einer Karikatur hinaus nicht viel zu tun haben. Mit Ausnahme des Gülle-Verkäufers Dimitry (Zlatko Buric) bleiben die Charaktere durch die Bank ungreifbar, unsympathisch und vor allem kaum spannend.

Ich sage nicht, dass eine Satire zwingend eine Identifikationsperson braucht. Mit einem Blick zu The White Lotus lässt sich sagen, dass eine Handlung rund um die größten Unsympathen trotzdem perfekt funktionieren kann. Doch das Triangle of Sadness-Ensemble ist derartig kalt und oberflächlich, dass sie schnell gleichgültig werden. So entsteht ein einheitlicher Brei der Dekadenz zu dem Östlund seinen satirischen Kommentar beimischt, der jedoch immer mehr an Würze verliert. 

Rollenwechsel: Die Crew soll endlich auch mal baden gehen „dürfen“. Wie nett!

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So wirkt der Film stellenweise wie eine Sketch-Show, in der ein fieser Moment an den nächsten gehängt wird. Die russische Oligarchin zwingt die Crew zum Baden, Yaya faket den perfekten Instagram-Shot und das Kapitänsdinner eskaliert in unerwarteter Intensität (nicht mit vollem Magen in Triangle of Sadness gehen!). Gelungene Momente, die ihre Wirkung ohne greifbare Figuren oder Handlung jedoch kaum entfalten können. 

An dieser Stelle lässt sich ein Dialog zwischen Dimitry und dem Schiffskapitän (Woody Harrelson) stellvertretend für das große Problem des Filmes anführen. Beide werfen sich einem hitzigen Wortgefecht Zitate von Marx, Lenin, Reagan und Thatcher an den Kopf, die allerdings ohne Konsequenz im Dialoggewitter untergehen. Östlund betreibt hier schnelles Namedropping, ohne sich wirklich mit den Inhalten der angesprochenen Personen auseinanderzusetzen. Oberflächliche Satire-Schauwerte, die jedoch in Windeseile wieder verblassen. 

„Ein russischer Kapitalist und ein amerikanischer Kommunist auf einer 250 Millionen teuren Luxusyacht.“

Dimitry in Triangle of Sadness

Die Moral von der Geschicht

Zuletzt versucht sich Triangle of Sadness in einer Wendung, die verschiedene Machtverhältnisse hinterfragen und der Handlung zu einem bitteren letzten Twist verhelfen soll. Während die ersten zwei Akte zwar an Tiefe, aber nicht an Unterhaltung mangelten, verliert sich der Film im letzten Drittel und droht an seiner letzten Aussage zu zerfasern. Hier fallen die 140 Minuten Laufzeit plötzlich sehr ins Gewicht und die Geschichte fühlt sich konstruiert, vorhersehbar und in die Länge gezogen an.

Zwar stechen auch in der letzten halben Stunde interessante Momente heraus, doch es drängt sich die Frage auf, ob es dieses letzte Kapitel wirklich gebraucht hätte. Letztendlich nimmt sich Triangle of Sadness am Ende den letzten Wind aus den Segeln einer Schifffahrt, die mit Rückenwind begann, aber immer mehr in eine Flaute geriet.

Fazit

6.6/10
Ganz okay
Community-Rating: (1 Votes)
Handlung 6/10
Humor 8.5/10
Tiefgang 5.5/10
Schauspiel 8/10
Charaktere 5/10
Details:
Regisseur: Ruben Östlund,
FSK: 12 Filmlänge: 147 Min.
Besetzung: Charlbi Dean, Dolly De Leon, Harris Dickinson, Vicki Berlin, Woody Harrelson, Zlatko Buric,

Ruben Östlund bleibt seiner satirischen Handschrift treu und will mit Triangle of Sadness die Machtpositionen seiner stinkreichen Figuren auf bitterböse Weise untergraben. Doch im Gegensatz zu Filmen wie Parasite setzt Östlunds Film auf Übertreibung und Verzerrung und kostet die Absurdität seiner Momente bis zur letzten Sekunde aus. Doch wo diese Momente für sich selbst oft funktionieren, findet der Film kein Weg, um sie in einer kohärente Handlung zu verbinden. Eine zu lange Laufzeit, oberflächliche Aussagen und unnahbare Figuren führen letztendlich dazu, dass die satirischen Momente nur für kurzen Schock, statt Eindruck sorgen.

Artikel vom 18. Oktober 2022

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