7.9/10

Kritik: Big Mouth – Staffel 1

PANNEN, PUBERTÄT & PHALLUSSYMBOLE

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Genres: Animation, Familie, Komödie, Startdatum: 29.09.2017

Interessante Fakten für…

  • Viele der Figuren, z.B. Nick, sind optisch an ihre Sprecher*innen angelehnt.
  • Missys Eltern werden von Jordan Peele (Get Out) und Chelsea Peretti (Brooklyn Nine-Nine) gesprochen. Sie sind auch im echten Leben verheiratet.

Ach ja, die Pubertät ist schon etwas herrlich Verwirrendes: der Körper verändert sich drastisch und aus kindlichem Leichtsinn wird jugendliche Unsicherheit. Auch wenn es zotige Coming-of-Age Geschichten schon zur Genüge gibt, wagt sich Netflix mit der Cartoon-Serie ‚Big Mouth‘ einmal mehr an die wohl schrägste Phase des Lebens. Mit Erfolg? Erfahrt es in unserer Kritik ‚Big Mouth – Staffel 1‘.

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Darum geht’s

Der kleine Nick (Nick Kroll) und sein bester Freund Andrew (John Mulaney) wirken wie die klassischen Außenseiter: nerdig, verpeilt, unsicher. Während Nick für sein Alter noch sehr klein und unreif ist, kämpft Andrew bereits mit den Tücken der Pubertät. Und dieser Kampf fällt recht ungewöhnlich aus: alle (schmutzigen) Gedanken und Wünsche, die der kleine Kerl nach und nach entwickelt, werden durch ein löwenartiges „Hormonmonsters“ personifiziert, das für andere unsichtbar immer wieder Situationen kommentiert. Überflüssig zu sagen, dass dieses triebgesteuerte Monster die ungleichen Freunde in eine peinliche Situation nach der anderen bringt.

Körperflüssigkeiten und andere Problemchen

Schon nach der Pilotfolge ist klar: subtil sind die Showrunner Nick Kroll, Andrew Goldberg, Mark Levin und Jennifer Flackett bei ihrer Abhandlung jugendlicher Entdeckungstouren nicht. Die Sprache der Heranwachsenden ist so derb, wie es nur geht; es wird im Minutentakt masturbiert, menstruiert oder explosionsartig gekotzt und weil es damit nicht genug ist, verwandelt sich eben mal eine gesamte Basketballmannschaft in springende Penisse. Anfangs sind diese humorvoll-überzogenen Szenen noch recht witzig anzuschauen und werden auch plausibel in die Story eingewoben. Doch irgendwann ermüdet der derbe „in-die-Fresse“-Humor.

Dabei hätte Big Mouth – Staffel 1 das gar nicht so sehr nötig. Denn hinter der anzüglichen Fassade verbirgt sich eine Geschichte, die durch ihre feine Betrachtung der Pubertät tatsächlich glaubwürdig ist: die Aufregung beim ersten Kuss, der fiese Gossip in der Schule, die Unsicherheiten in der Partnerschaft und die ständigen Vergleiche mit Zeitgenossen, die eben schon ein wenig reifer sind als man selbst.

Die Writer der Show haben ihre Hausaufgaben gemacht und diese achso verwirrende Phase mit viel Ehrlichkeit und augenzwinkerndem Witz aufgeschlüsselt. Das zeigt sich immer dann, wenn zwischen Fäkalhumor-Salven auch mal ein Moment intimer Echtheit aufblitzt.

Das Hormonmonster ist einer der schrägsten Charaktere in Big Mouth – Staffel 1.

Das Hormonmonster in Big Mouth Staffel 1

Top-Stars mimen die liebenswerten Figuren

Netflix hat sich schon in der Vergangenheit an Zeichentrickserien versucht. Das ging mal gut (Bojack Horseman) und mal eher nicht (F is for Family). In Big Mouth – Staffel 1 wird jedenfalls aus dem Vollen geschöpft: da wird die Freiheitsstatue zur emanzipatorischen Diva, die Hormonmonster sexualisieren alles, was einen Puls hat und das World Wide Web wird mit all seinen pornografischen Abgründen in einer Apocalypse Now-Metapher dargestellt. Das ist herrlich mit anzuschauen, auch wenn der selbst­re­fe­ren­zi­elle Humor oft einfach drüber ist. Wie hier zum Beispiel:

Das ist dir jetzt alles peinlich. Aber eines Tages denkst du mit Wonne daran zurück und machst vielleicht sogar was Schönes draus.
Was? Eine Serie über masturbierende Kinder?
Ist das nicht im Grunde Kinderpornografie?
Ach, du Scheiße. Ich hoffe nicht. Mit einer Animationsserie kommen wir vielleicht durch.“

Andrew, Nick und das Hormonmonster in Big Mouth

Auch die jungen Charaktere werden von erwachsenen Top-Stars synchronisiert.

Zwei Charaktere aus Big Mouth Staffel 1

Die liebevoll gezeichneten Charaktere sind eines der Highlights in Big Mouth – Staffel 1. Die pubertierenden Stöpsel werden vom Who-is-Who der in den letzten Jahren groß gewordenen Comedians vertont. Neben Nick Kroll, der mit seiner Stimme ganzen zehn Charakteren Leben einhaucht und auch optisches Vorbild ist, geben sich Stars wie Jason Mantzoukas, Maya Rudolph oder Fred Armisen die Ehre. Das Ergebnis ist fantastisch: die viel zu erwachsen klingenden Stimmen sind nicht nur zum Brüllen komisch, die Tatsache selbst dient als schöne Metapher für die Umbruchphase zwischen Kind und Erwachsener.

Nachvollziehbare Reise in die Pubertät

Alles in allem bleibt Big Mouth natürlich eine Komödie. Das schon im Trailer (siehe unten) vorgestellte Hormonmonster ist ein so noch nie dagewesener (Anta-?)Protagonist, der einfach urkomisch ist. Immer wieder diskutiert das Monster mit den Figuren, die sich auch oft partout gegen die unmoralischen Vorschläge des triebgesteuerten Zottelwesens wehren. Klar, wer im Klassenzimmer eine Erektion bekommt, sollte vielleicht nicht sofort Hand anlegen. Dieser innere, aber offen ausgetragene Konflikt zwischen Charakter und Hormonen ist sehr amüsant und tatsächlich gut nachvollziehbar.

Auch so schrecken die Macher der Serie nicht davor zurück, außerweltliche Figuren einzuführen. So spricht der kleine Nick immer wieder auf dem Dachboden mit dem Geist des verstorbenen Duke Ellington, der dem Knaben ebenfalls Tipps gibt, wie er seinen Alltag meistern kann. Und diese Figuren wachsen dem Zuschauer auch nach und nach so richtig ans Herz. Denn letztlich wissen weder die Kids, noch verstorbene Jazzmusiker oder Hormonmonster so richtig, wie man mit all diesen verwirrenden Situationen und Veränderungen der Pubertät richtig umzugehen hat. Und das kommt der Realität dann schon wieder sehr nah.

Fazit

7.9/10
Gut
Community-Rating: (3 Votes)
Handlung 7.5/10
Charaktere 8.5/10
Humor 7.5/10
Tiefgang 8/10
Dialoge 8/10
Details:

Big Mouth – Staffel 1 lebt von großartigen und liebenswerten Charakteren, die versuchen, sich aus ihrem pubertierenden Körper einen Reim zu machen. Der Humor ist streckenweise großartig, schießt aber immer wieder gehörig übers Ziel hinaus. Es sind vor allem die glaubhaften, scharf beobachteten Stolpersteine der Pubertät, die intelligent in die Coming-of-Age-Geschichte eingebaut werden und die Serie zu einer herzlichen, obgleich sehr obszönen Angelegenheit machen. Wer stimmige Geschichten mag, aber auch über Penis-Witze lachen kann, wird Big Mouth lieben.

Artikel vom 26. Oktober 2017

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