Kritik: Everything Sucks! – Staffel 1

Pubertieren in den 90ern
Spoilerfrei!
Lesedauer: 6 Mins.
  • Titelbild zur Kritik Everything Sucks Staffel 1 mit allen Hauptcharakteren, die auf einem Stapel VHS-Kassetten stehen
  • Wer erinnert sich noch an die guten, alten 90er-Jahre? Discmans, übergroße Klamotten, türkis-lila die Farben des Jahrzehnts. Doch Filmemacher beschränken sich allzuoft auf die 80er-Jahre, wenn die Nostalgie-Keule geschwungen wird. Mit 'Everything Sucks!" wagt sich Netflix an ein Jahrzehnt, das bisher weitestgehend unangetastet blieb. Ob das Coming-of-Age-Drama überzeugt, erfahrt ihr in unserer Bewertung und Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht's: Das erste Jahr an der Highschool ist einfach aufregend: die Kindheitsfreunde und TV-Nerds Luke (Jahi Di'Allo Winston), McQuaid (Rio Mangini) und Tyler (Quinn Liebling) stolpern förmlich in den A/V Club, den schuleigenen Fernsehsender. Luke verguckt sich innerhalb von Sekunden…

    79%

    Gut

    Handlung
    70%
    Schauspiel
    90%
    Charaktere
    75%
    Emotionen
    80%
    Kostüm & Maske
    80%
    User Rating: Be the first one !
  • Staffelstart: 16.03.2018
    Episoden: 10 in 1 Staffel
    FSK: 6
    Genre: , , ,
    Showrunner: ,
    Besetzung: , , ,
    Bildrechte: © 2018 Netflix

Gesamtbewertung:

Gut
79%

Wer erinnert sich noch an die guten, alten 90er-Jahre? Discmans, übergroße Klamotten, türkis-lila die Farben des Jahrzehnts. Doch Filmemacher beschränken sich allzuoft auf die 80er-Jahre, wenn die Nostalgie-Keule geschwungen wird. Mit 'Everything Sucks!" wagt sich Netflix an ein Jahrzehnt, das bisher weitestgehend unangetastet blieb. Ob das Coming-of-Age-Drama überzeugt, erfahrt ihr in unserer Bewertung und Kritik.

Darum geht's:

Das erste Jahr an der Highschool ist einfach aufregend: die Kindheitsfreunde und TV-Nerds Luke (Jahi Di'Allo Winston), McQuaid (Rio Mangini) und Tyler (Quinn Liebling) stolpern förmlich in den A/V Club, den schuleigenen Fernsehsender. Luke verguckt sich innerhalb von Sekunden in die schüchterne Kate Messner (Peyton Kennedy), die als Halbwaise und Tochter des Rektors nicht gerade den leichtesten Stand an der Schule hat. Doch die zwei nähern sich unverhofft an...

Jedoch ist die Harmonie nicht von langer Dauer. Der A/V Club legt sich unfreiwillig mit der Theater-AG an, deren prominenteste Mitglieder Oliver (Elijah Stevenson) und Emaline (Sydney Sweeney) ohnehin auf Krawall gebürstet sind und mit wahrer Freude auf die Frischlinge los gehen...

Luke (Jahi Di'Allo Winston) und Kate (Peyton Kennedy) stehen mit Tabletts in einer Schulkantine

Luke (Jahi Di'Allo Winston) hat seine erste, heimliche Liebe gefunden: Kate (Peyton Kennedy), die ausgerechnet die Tochter des Schuldirektors ist. Doch das soll kein Hindernis sein...

Schon wieder Coming-of-Age?

Es ist kein Geheimnis, dass das Coming-of-Age Genre auf Netflix auffällig stark vertreten ist. Ob in 80er-Flair verpackt (Stranger Things), als zotige Zeichentrickserie (Big Mouth) oder wie zuletzt im eigenwillig-skurrilen Werk The End of the f***ing World – den Showrunnern scheint der Stoff einfach nicht auszugehen. So ist die neue Serie aus dem Hause Netflix freilich keine Neuheit. Das Setting hingegen schon.

Die Frage, die ich mir als Kind der 90er beim Anschauen von Everything Sucks! – Staffel 1 zwangsläufig stellen musste, war: bin ich wirklich schon so alt? Und tatsächlich: bisher waren filmische Ausflüge in dieses Jahrzehnt absolute Raritäten und fühlten sich auch nie nach Nostalgie an. Doch im Jahr 2018 scheint der Moment gekommen, da die neue Generation vor den Bildschirmen sitzt und sich darüber kaputt lacht, dass man früher noch VHS-Kassetten und Discmans hatte. Gestehen wir es uns ein: unsere Kindheit vergilbt langsam zu Retrofarben. Doch genug von sentimentalen Kindheitserinnerungen, zurück zur Serie!

Generische Story mit herzlichen Momenten

Insgesamt passiert in Everything Sucks! – Staffel 1 wenig Unvorhergesehenes. Eine Gruppe Freunde unterschiedlicher Ethnien kämpft mit Highschool-Bullies, der Pubertät, ihren peinlichen Eltern und der Abneigung gegen ihre langweilige Heimatstadt. Der Schauplatz ist wortwörtlich Boring, Oregon. Wenn das mal kein Foreshadowing ist? Doch keine Sorge: die Serie ist mit Durchschnittlich 25 Minuten Laufzeit bei zehn Folgen eine sehr kurzweilige Angelegenheit. Und auch, wenn es hin und wieder einige inhaltliche Leerläufe gibt, fesselt die Geschichte genug, um am Ball zu bleiben.

Luke (Jahi Di'Allo Winston) und Kate (Peyton Kennedy) vor dem Ortsschild von "Boring" in einem Szenenbild zu Kritik Everything Sucks Staffel 1

Subtilität kennen die Drehbuchschreiber nicht. Der Schauplatz heißt tatsächlich "Boring".

Die Showrunner behandeln zunächst Themen, die in keiner Coming-of-Age Geschichte fehlen dürfen: die erste Liebe, der erste Kuss, der Schrei nach Aufmerksamkeit in einer lauten Welt. Doch dazwischen blitzen immer wieder mutige Momente auf, mit denen der Zuschauer überhaupt nicht mehr rechnet. Wie geht ein Kind mit dem Verlust eines Elternteils um? Wem vertraut man sich an, wenn einen keiner zu verstehen scheint? Auch das Thema Homosexualität wird mit viel Feingefühl in die Geschichte eingewoben und sorgt für teils urkomische, teils herzzerreißende Momente.

"We're all the heroes of our own story. Without even realizing, we're probably the bad guy in someone else's." 

Leroy O'Neil

Ein neues Gefühl von Nostalgie

Allein schon die Kostüme der Serie sind ein Brüller - und lassen nur schwer glauben, dass die 90er mode- und frisurentechnisch ein derartiger Ausfall waren. Wenn der A/V Club mit urigen Camcordern seine Filme dreht und fast am aufwändigen Analogschnitt verzweifelt, dann ist das nicht nur unterhaltsam mit anzusehen, sondern weckt auch Erinnerungen an die eigenen ersten Filmversuche. Und wenn im Hintergrund "The Mighty Ducks" auf dem Werbeschild eines Kinos steht, während "Breakfast At Tiffany's" von "Deep Blue Something" aus dem Radio tönt, dann ist man wirklich in den 90ern angekommen. Die Macher durften sogar in einer der letzten noch vorhandenen Blockbuster-Videotheken drehen, die direkt danach geschlossen wurde. Ironischerweise aufgrund von Online-Streaming-Portalen, wie Netflix eines ist.

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Was die Figuren anbelangt, so könnte Everything Sucks! - Staffel 1 auch heute spielen. Seien es die kreativen Exzentriker, die hotten Teenie-Girls, die intellektuellen Nerds oder die vercheckten Außenseiter - die Charaktere amerikanischer Highschools scheinen sich seit Jahrzehnten nicht verändert zu haben (man werfe nur einen Blick auf Tote Mädchen lügen nicht). Erfrischend ist dabei nur, dass der Fokus auf Nischenclubs wie der Theater- und Film-AG liegt. Hier haben sich die Macher auch etwas besonderes einfallen lassen: immer wieder wird verstärkt mit dem Camcorder-typischen Zoomeffekt gearbeitet. Das ist nicht nur eine augenzwinkernde Hommage an den Heim-Filmstil der 90er, sondern dient in vielen Szenen tatsächlich auch der emotionalen Tiefe der Geschichte. Ein kleiner Zoom auf das Gesicht des Protagonisten, der gerade im Regen stehen gelassen wurde, kann tatsächlich unheimlich viel aussagen.

Wie so oft bei Netflix: top besetzt!

Die Schauspieler in Everything Sucks! - Staffel 1 sind eine wahre Freude! Einmal mehr ist das Casting sensationell gelungen - bei jung und alt. Jahi Di'Allo Winston wechselt mühelos zwischen "goofy", egozentrisch und verletzlich und funktioniert dadurch auch als ambivalente Identifikationsfigur. Ihm zur Seite steht Peyton Kennedy, der es ebenfalls gelingt, die vielseitigen Facetten der Pubertät und der damit einher kehrenden Unsicherheit glaubhaft zu transportieren. Es ist beachtlich, dass die beiden Jungdarsteller jede einzelne Szene tragen - und das, obwohl sie mit ihren zarten 14 Jahren selbst noch mitten in der Pubertät stecken.

Ein weiteres Highlight ist die Besetzung von Claudine Mboligikpelani und Patch Darragh, die als Elternteile von Luke und Kate mit viel Verantwortung zu kämpfen haben. Erneut finden wir hier zwei Figuren vor, die vielseitig geschrieben und in ihrer Herkunft absolut glaubhaft sind. Mboligikpelani spielt ihre fürsorgliche Mutter mit viel Herzlichkeit und Humor, doch Darragh setzt noch einen drauf: seine herrlich verschrobene, irgendwie auch zutiefst verletzliche und doch herzensgute Vaterfigur ist so feinfühlig gespielt, dass man den Kerl einfach nur knuddeln möchte.

Alle weiteren Rollen sind ebenfalls gut verkörpert, doch kommt hier das große "Aber" bei Everything Sucks!: Viele der Figuren erfahren in Staffel 1 keinerlei Entwicklung. Gerade die nerdigen Freunde von Luke haben undankbare Rollen abbekommen, auch wenn sie so viel mehr Potenzial hätten. Auf der anderen Seite werden die Figuren der Theaterspieler Emaline und Oliver anfangs so überzogen eingeführt, dass ihre Charakterentwicklung wiederum sehr abrupt wirkt - gerde in den letzten Folgen. Für Staffel 2 wäre ein wenig mehr Unterbau für die Nebendarsteller äußerst wünschenswert. Verdient hätten sie es allemal!

Fazit:

'Everything Sucks! – Staffel 1' entführt uns in eine gar nicht so unbekannte Vergangenheit

Viel ist bekannt, viel wurde bereits erzählt: die Coming-of-Age Geschichte in Everything Sucks! - Staffel 1 mag zwar stimmig und unterhaltsam sein, doch sie bietet wenig neues. Das heißt aber nicht, dass das Netflix Original nicht sehenswert wäre, im Gegenteil: der kurze Ausflug zurück in die 90er-Jahre macht eine Menge Spaß und dürfte den einen oder anderen Nostalgiker zum Schmunzeln bringen. Die Autoren der Serie bedienen sich einerseits einer Menge Klischees, doch immer wieder erzählen sie Lebensmomente, die zutiefst berühren und sehr glaubhaft transportiert werden. Ein großes Plus ist das sensationelle Schauspiel des Casts, allen voran die Kinderdarsteller, die in ihren komplexen Figuren brillieren. Leider bekommt nicht jede Figur eine gute Charakterentwicklung spendiert, so bleiben Geschichte und Charaktere an manchen Punkten hinter ihrem Potenzial zurück. Insgesamt ist der Ausflug in die 90er jedoch geglückt: eine unterhaltsame Coming-of-Age Story mit viel Herz, einigen Lachern und ordentlich Retro-Momenten.

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