9/10

Kritik: Fellow Travelers – Staffel 1

EINE LIEBE DURCH DIE ZEIT

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Genres: Drama, Historienserie, Startdatum: 28.10.2023

Interessante Fakten für…

  • Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Buch von Thomas Mallon.
  • Alle Hauptdarsteller des Casts identifizieren sich selbst als queer.

Queere Geschichten sind längst nicht mehr die Rarität, die sie mal waren. Doch häufig dreht es sich dabei um Teenager, die ihre Sexualität entdecken. Die Serie “Fellow Travelers” begleitet ihre Charaktere über mehrere Jahrzehnte hinweg und umspannt damit einen großen Teil neuer amerikanischer Geschichte der 50er bis 80er.

Darum geht’s

Hawkins Fuller (Matt Bomer) feiert mit seiner Familie gerade seine Versetzung nach Mailand, als ihn schlechte Neuigkeiten erreichen. Sein ehemaliger Partner Tim Laughlin (Jonathan Bailey) ist an Aids erkrankt und es steht schlecht um seine Gesundheit. Hawk lässt alles stehen und liegen und fliegt zu Tim nach San Francisco, obwohl dieser ihn eigentlich nicht sehen will. Was folgt, ist eine tragische Liebesgeschichte, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt, erzählt in zwei Zeitsträngen. In der Vergangenheit lernen sich Hawk und Tim in den 50ern in Washington kennen und beginnen eine komplizierte On-Off-Beziehung, die sich über mehrere Jahrzehnte strecken wird. In der Gegenwart der 80er sieht sich Hawk mit der Tatsache konfrontiert, dass die Liebe seines Lebens stirbt und er muss damit klarkommen, den Großteils seines Lebens als Lüge gelebt zu haben.

Komplexe Charaktere mit Tiefgang

Herzstück der Serie ist die Beziehung der zwei Politiker Tim „Skippy“ Laughlin und Hawkins „Hawk“ Fuller, die auf den ersten Blick nicht gegensätzlicher sein könnten. Jonathan Bailey liefert eine bewegende Darstellung des anfangs fromm katholischen und naiven Tim Laughlin, der zwischen religiösen Schuldgefühlen und seiner Anziehung zu Männern hin- und hergerissen ist. Und auch Matt Bomer überzeugt als Kriegsheld Hawkins Fuller, der das Bild des stereotypen amerikanischen Ehemann perfektioniert hat, aber innerlich von seinen Emotionen zerrissen ist. Beide Schauspieler schaffen es, die tragische Beziehung der beiden Hauptcharaktere, die von persönlichen Dämonen und gesellschaftlichen Strukturen zerstört ist, mit so viel Feingefühl und Tiefgang darzustellen, dass bei mir in keiner Episode die Augen trocken geblieben sind.

Hawk (Matt Bomer) und Skippy (Jonathan Bailey) können nicht ohne, aber auch nicht so wirklich miteinander.

Fellow Travelers Beitragsbild 4

Doch auch Hawks Freund Marcus (Jenali Alladin) und dessen Partner Frankie (Noah J. Ricketts) schließt man schnell ins Herz. Die beiden liefern einen willkommenen Ausgleich zu Hawk und Tims ständiger On-Off-Beziehung – obwohl natürlich auch diese Beziehung ihre Höhen und Tiefen hat – und zeigen gleichzeitig unterschiedliche Perspektiven auf das Leben als schwule Schwarze Männer in Amerika: Marcus, ein Journalist, der damit kämpft sich anzupassen, um die Arbeit zu machen, die er machen möchte und Frankie, eine Drag-Queen, der es wichtig ist, authentisch für die eigene Lebensrealität einzustehen.

An dieser Stelle sollte angemerkt werden, dass Fellow Travelers mal wieder eine Serie ist, in der die weiblichen Charaktere deutlich zu kurz kommen. Da sich die Serie aber eindeutig um die Erfahrungen von schwulen Männern in den USA dreht, kann man das der Show nicht wirklich anhängen, sondern sollte sich viel mehr fragen, warum es so wenig Serien und Filme über queere Frauen gibt.

Eine Reise durch die Zeit

Die Erzählstruktur ist nichtlinear und springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Dies trägt zur Tragik der Geschichte bei, da man der Entwicklung der Beziehung von Hawk und Tim mit dem Wissen zusieht, dass sie zum Scheitern verurteilt ist und Hawk sich für das sichere Leben mit Frau und Kindern entscheiden wird.

Gleichzeitig gibt das Hin- und Herspringen zwischen den Zeitsträngen der Geschichte eine Grundspannung. Durch gewisse Informationen die in der Gegenwart gestreut werden, schaut man den Erzählstrang in der Vergangenheit mit ganz anderen Augen und wartet auf das Unvermeidbare.

Queere Geschichtsstunde

Zwar ist die Serie auf jeden Fall von ihren Charakteren getrieben und die Beziehung zwischen Hawk und Tim steht klar im Fokus der Erzählung, doch die historisch politischen Vorkommnisse zwischen den 50ern und 80ern bieten einen guten Hintergrund, vor dem sich die Liebesgeschichte ereignen kann. Neben der persönlichen Geschichte dieser fiktiven Charaktere lernt man so nebenher noch extrem viel über queere Geschichte in den Vereinigten Staaten, vor allem über die Anfänge des Kalten Kriegs in den 50ern und die Aids Krise der 80er Jahre. Während die Aids Krise schon in vielen Serien und Filmen behandelt wurde, fand ich es spannend mehr über die McCarthy Ära und den sogenannten „Lavender Scare“ zu erfahren, in der der Kampf gegen Kommunismus und der Kampf gegen Homosexualität in den USA Hand in Hand ging.

Gleichzeitig muss man sagen, dass dieser Teil der Serie für Zuschauende, die sich nicht spezifisch mit der politischen Geschichte der USA auskennen, zu Teilen etwas verwirrend sein kann. Vor allem in der ersten Hälfte der Serie, die überwiegend in den 50ern spielt, dreht sich viel um das politische Geschehen, da Hawk im Außenministerium arbeitet und Tim einen Job im Kongress besorgt, der daraufhin zu einer Art Maulwurf für Hawk und dessen Mentor Senator Smith wird. Zuschauende, die nur für die Beziehung zwischen Hawk und Tim einschalten, werden dem Geschehen aber dennoch folgen können.

So weit sind wir schon gekommen

Besonders schön fand ich mal wieder zu sehen, wie queere Stories immer häufiger und normalisierter werden und auch immer mehr offen queere Menschen diese Geschichten erzählen.

In der queeren Community gibt es immer wieder Diskussionen, ob man Geschichten über „queer pain“ noch erzählen muss oder wir nicht langsam in einem Zeitalter angekommen sind, in dem wir nach vorne schauen und die positive queere Repräsentation erzählen sollten, die wir selbst beim Aufwachsen nicht hatten. Und während ich verstehe, warum man sich nicht anschauen möchte, wie schwierig man es selbst in einer anderen Zeit gehabt hätte oder je nach Alter auch gehabt hat, hat Fellow Travelers für mich gezeigt, dass auch diese Geschichten ihre Daseinsberechtigung haben und auch wichtig sind, um zu verstehen, wie weit wir schon gekommen sind.  Schlussendlich zeigt Fellow Travelers nämlich die Lebensrealität, die viele Menschen zu dieser Zeit hatten und das sollten wir nicht vergessen.

Fazit

9/10
Sehr gut
Community-Rating:
Handlung 8.5/10
Schauspiel 9/10
Emotionen 10/10
Charaktere 9.5/10
Visuelle Umsetzung 8/10
Details:
Showrunner: Ron Nyswaner,
FSK: 16 Epiosden: 8
Besetzung: Allison Williams, Jenali Alladin, Jonathan Bailey, Matt Bomer, Noah Ricketts,

Fellow Travelers war für mich ein echtes Jahreshighlight, das mich tief im Herz getroffen und mich alle Emotionen hat fühlen lassen. Die Erzählstruktur und das Produktionsdesign lassen einen in die Vergangenheit eintauchen und sorgen für Spaß beim Zuschauen. Die Charaktere sind sehr vielschichtig geschrieben, treffen Entscheidungen die man oft nicht gutheißen, aber doch nachvollziehen kann und werden mich bestimmt noch eine Weile begleiten.

Artikel vom 20. Dezember 2023

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