Kritik: Preacher – Staffel 2

Gott ist in unseren Herzen – oder doch nicht?

FSK 16

Jesse Custer, Cassidy und Tulip O'Hare sind vor einem violetten Hintergrund zu sehen. Sie sind farblich mit einem bläulich-violetten Filter abgebildet.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Gott ist weg

(Spoiler-Warnung für die erste Staffel!)

Genau das mussten die Einwohner Annvilles auf sehr direkte und unverblühmte Weise erfahren. Statt jedoch Trübsal zu blasen, macht sich der Prediger Jesse Custer (Dominic Cooper) zusammen mit dem Vampir Cassidy (Joseph Gilgun) und seiner ehemaligen Liebe Tulip O'Hare (Ruth Negga) auf, um Gott wieder zu finden. Ausgestattet mit der Macht von Genesis, die jeden verpflichtet, seinen Befehlen zu folgen, will Jesse alles daran setzen, den Allmächtigen zurück auf den himmlischen Thron zu setzen. Ohne Frage muss Jesse ja noch was gut machen. Immerhin war er es, der Eugene Root (Ian Colletti) versehentlich zur Hölle geschickt hat.

Doch die Reise erweist sich als mehr, als nur eine lehrreiche Pilgerfahrt. Denn der legendäre Heilige der Killer (Graham McTavish), wurde aus der Hölle befreit, um Genesis zurückzuholen. Mit allen erdenklichen Mitteln versteht sich...

 

It's all a blur. #Preacher

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Gotteswahnsinn par excellence

Nicht Wenige waren überrascht, als sich ausgerechnet Komiker-Duo Seth Rogen und Evan Goldberg, zusammen mit Breaking Bad Co-Produzenten Sam Catlin der Serienadaption der Comicbuchreihe Preacher widmeten. Die Aufteilung war klar: Rogen und Goldberg sorgen für die kontroversen Absurditäten und Catlin für den passenden Breaking-Bad-Flair. Die Amazon Video Religionsgroteske bewies bereits in der ersten Staffel großes Potenzial, hatte allerdings einen relativ geringen Bezug zur Vorlage. Mit der zweiten Staffel machen die Showrunner es nun anders – und zwar komplett anders. Statt eines einzigen Standortes geht es nun auf zu einem Roadtrip mit einem klaren Ziel: Gott finden. Es kommt sehr selten vor, dass eine Staffel sich so sehr anders anfühlt als sein Vorgänger, doch es fühlt sich sehr erfrischend an.

Höllentrip

Mit einem klaren Ziel vor Augen und einer kleineren Gruppe auf einem Roadtrip sind die Showrunner in der Lage, eine fokussiertere Handlung zu erzählen. Elemente des Mysteriums werden deutlich, wenn die Protagonisten nach Hinweisen des Verbleibes Gottes suchen und gleichzeitig von Verschwörern und einem dämonischen Cowboy gejagt werden. Auch die scheinbar zusammenhangslosen Intros, die noch in der ersten Staffel für Verwirrung gesorgt haben, werden nun direkter und früher eingebunden.

 

Come along for the ride and stream Episodes 1 and 2 of #Preacher on amc.com.

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Allerdings muss man auch nicht allzu viele Änderungen befürchten, denn die Truppe wird relativ schnell wieder "sesshaft". Und an der Grundprämisse hat sich auch nichts geändert. Preacher ist immer noch eine intensive Religionsgroteske, in der sich auch die größten Absurditäten ereignen können. Oder sind wir noch nicht auf Eugene's Handlungsstrang eingegangen, der in der Hölle ausgerechnet auf Adolf Hitler (Noah Taylor) trifft?

Dennoch hätten ich mir gewünscht, dass die zweite Hälfte nicht ganz so langatmig verlaufen wäre.

Die drei Amigos auf Abwegen

Ohne die lästige Kleinstadt im Nacken kann der Fokus endlich stärker auf das Trio und dessen Dynamik gelegt werden. Was ihre Beziehung so interessant macht, ist ihr ständiger Wechsel zwischen Kameradschaft und dem Verlangen, sich gegenseitig an die Kehle zu gehen. Zum einen wäre da Jesse's selbstgerechte Obsession mit der Suche Gottes, und zum anderen ist da Tulip mit ihren eigenen kriminellen Konflikten. Und dann wäre da noch Cassidy, der einfach versucht für Frieden zu sorgen. Alle drei Hauptcharaktere werden deutlich stärker beleuchtet, einschließlich persönlicher und auch vergangener Konflikte. Die Protagonisten sind nicht weniger zwielichtig, als die Gestalten, die sie antreffen. Und dennoch funktionieren sie als Gruppe wunderbar.

Teuflische Typen

Eine ganze Staffel über wurde er aufgebaut, nun ist er endlich da: Der Heilige der Killer. Aus der Hölle entlassen, um dem Haupttrio nachzujagen, hinterlässt der Cowboy eine Spur der Verwüstung. Dieser scheinbar unverwüstliche Terminator ist mit seiner dämonischen Präsenz einfach nur beängstigend. Nicht zuletzt ist er für einige der blutigsten und auch der intensivsten Szenen der gesamten Staffel verantwortlich und das obwohl die zweite Staffel nicht ganz so blutig ist wie die Erste. 

 

Don't make him ask again. #Preacher

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An was es der zweiten Staffel auf jeden Fall nicht mangelt, sind furchterregende Gestalten. Der werte Herr Starr (Pip Torrens), der etwas später eingeführt wird, ist durch und durch verstörend. Und mit der Höllenwärterin Ms. Mannering (Amy Hill) wollen wir gar nicht erst anfangen...

Denkt ihr immer noch Gotteslästerung wäre lustig?

In der Tat, sofern gut umgesetzt. Die Religionssatire wurde in der ersten Staffel mit so viel schwarzen Humor eingebunden, dass man nicht wusste, ob man tatsächlich mit gutem Gewissen darüber lachen durfte. Und auch die zweite Staffel ist voll von Religionssatire. Dennoch muss man betonen, dass sich die Stimmung der zweiten Staffel deutlich düsterer und auch ernüchternder anfühlt. Und obwohl die Religionsgroteske munter mit immer mehr "gotteslästerlicher" Ideen, wie einem Höllengefängnis, einem Gottesschauspieler und dem Seelenhandel weitergeht, so kann man es nicht mehr wirklich als Komik ansehen. Dafür wirkt es zu düster und auch zu makaber, um darüber lauthals lachen zu können. Und das ist beabsichtigt. Denn dadurch, in Kombination mit der fokussierteren Handlung, kann das Setting durchaus als "anspruchsvoll" angesehen werden. Alles wirkt beklemmender, aber auch spannender, was klar als Vorteil zu werten ist.

Kommt da noch ein Knall?

Als das Finale der ersten Staffel ausgestrahlt wurde, schlug es sprichwörtlich und wortwörtlich ein wie eine Bombe. Die finale Episode änderte gänzlich die Wahrnehmung, die wir über die Serie hatten und ließ uns mit einem "WTF"-Gesichtsausdruck zurück. Es war ein übertriebenes und bizarres Finale, dass gleichzeitig eine neue Reise für die Protagonisten einführte. Und genau das fehlt im Finale der zweiten Staffel. Dieses fällt dagegen nämlich ernüchternd "ruhig" aus. Dennoch hat das Finale seine Stärken, seine Momente und seine cleveren Twists. Was fehlt ist lediglich der "Knall". Zudem fühlt es sich viel stärker wie ein Cliffhanger an, der viel mehr Fragen offen lässt als Staffel 1, welche sich wirklich noch wie ein abgeschlossenes Kapitel anfühlte. Der Weg für Staffel 3 ist immerhin geebnet. 

'Preacher' - Staffel 2 ist eine göttliche Pilgerfahrt voller Absurditäten

Nur wenige Serien schaffen es, so viele neue Änderungen mit einer neuen Staffel einzuführen, ohne die Qualität einzubüßen, oder die Grundprämisse zu verfälschen. Und genau das hat Preacher geschafft. Die stärker betonten satirischen und gesellschaftskritischen Elemente des Kleinstadtsettings der ersten Staffel werden ersetzt durch eine düstere, rauere und auch intensivere Reise nach dem Standort des Allmächtigen. An absurd religiöser Symbolik mangelt es jedoch auch in der zweiten Staffel keineswegs. Im Gegenteil, es wird noch eine Schippe draufgelegt. Ob jetzt die zweite Staffel deutlich besser ist, bleibt jedem selbst überlassen, da sie vor allem eines ist: Erfrischend anders. Und auch wenn das Finale nicht ganz so wuchtig einschlägt wie erhofft, so ist Preacher drauf und dran, etwas Einzigartiges aufzubauen.

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