Kritik: 1917

Anti-Kriegsfilm-Revolution
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
  • Poster für Kritik 1917 mit George MacKay in einem Schützengraben
  • Spätestens nach 'Dunkirk' ist ein normal inszenierter Kriegsfilm nicht mehr gut genug - nicht mehr realistisch genug. Wer heute noch Krieg auf der Leinwand zeigen möchte, der muss das mit dem größtmöglichen Realismus tun. Wie nun '1917' die komplette Immersion gelingt und was er besser macht als die meisten Kriegsfilme, erfährst du in der Kritik.  Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht’s: Erster Weltkrieg, Nordfrankreich: Der britische Soldat Tom Blake (Dean-Charles Chapman, Game of Thrones) und sein Freund William Schofield (George MacKay) bekommen die gefährliche Mission, eine Botschaft zu übermitteln. Die Soldaten sollen ein britisches Heer an der Front warnen, den…
    Kritik: 1917 tba
    1
    Handlung
    80%
    Spannung
    95%
    Visuelle Umsetzung
    100%
    Schauspiel
    90%
    Emotionen
    90%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 16.01.2020
    Filmlänge: 119 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , ,
    Bildrechte: © 2020 Universal Pictures International (UPI)
  • YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

Gesamtbewertung:

Meisterwerk
91%

Spätestens nach 'Dunkirk' ist ein normal inszenierter Kriegsfilm nicht mehr gut genug - nicht mehr realistisch genug. Wer heute noch Krieg auf der Leinwand zeigen möchte, der muss das mit dem größtmöglichen Realismus tun. Wie nun '1917' die komplette Immersion gelingt und was er besser macht als die meisten Kriegsfilme, erfährst du in der Kritik. 

Darum geht’s:

Erster Weltkrieg, Nordfrankreich: Der britische Soldat Tom Blake (Dean-Charles Chapman, Game of Thrones) und sein Freund William Schofield (George MacKay) bekommen die gefährliche Mission, eine Botschaft zu übermitteln. Die Soldaten sollen ein britisches Heer an der Front warnen, den bevorstehenden Angriff abzubrechen, da die Deutschen eine Falle gestellt haben. Um der Einheit diese Botschaft zu überbringen, müssen die zwei Soldaten das tödliche "Niemandsland" durchqueren.

Soldat Blake ist besonders motiviert, diese tödliche Mission durchzuführen. In der besagten Einheit befindet sich nämlich sein großer Bruder, der beim bevorstehenden Angriff ebenfalls ums Leben kommen würde ...

Die Geschichte basiert lose auf den Erzählungen von Regisseur Sam Mendes' Großvater.

Von A nach B

1917 ist ein Film, der schnell auf den Punkt kommt. Innerhalb der ersten fünf Minuten wird die "Idee" der Geschichte so einfach und schnell erklärt, dass man als Zuschauer sofort mittendrin ist. Zwei Hauptcharaktere, eine Mission, keine Zeit - mehr muss man erstmal nicht wissen.

Wie man aus einer hauchdünnen, stur-linearen Handlung das Maximum an Adrenalin herauskitzelt, haben uns bereits Meisterwerke wie Gravity oder Mad Max: Fury Road gelehrt. Auch 1917 folgt der Idee "Der Weg ist die Story" und verzichtet vollkommen auf Nebengeschichten oder Hintergrund-Infos. Der Effekt ist, dass wir zu jedem Zeitpunkt genauso viel (oder genauso wenig) wissen wie die zwei jungen Soldaten, die noch grün hinter den Ohren sind und der Gefahr absolut nicht gewachsen.

Dean-Charles Chapman und George MacKay in einem Szenenbild für Kritik 1917

Zwei Soldaten, eine Kamera: '1917' wirft den Zuschauer mitten ins Schlachtfeld.

Vertrackter Tracking-Shot

Ja, der gesamte Film ist eine große Kamerafahrt. Zumindest scheint es so. Die Kamera kreist um die Charaktere, wandert durch kilometerlange Schützengräben und zwängt sich mit durch klaustrophobische Bunker. Die Kamera ist der Zuschauer, und der Zuschauer ist der dritte Hauptcharakter. Regisseur Sam Mendes gelingt die Immersion besser als jedem anderen Regisseur, der sich an überlange Tracking-Shots herangewagt hat. Der Grund: Nichts wirkt choreographiert, sondern viel mehr dokumentarisch.

Besonders eindrucksvoll sind die ersten zehn Minuten, als die zwei Hauptdarsteller aus der nordfranzösischen Idylle in die Hölle der Schützengräben abtauchen. Kamerafahrten, Statisten und Sets sind so souverän aufeinander abgestimmt, dass man den Tracking-Shot gar nicht mehr als solchen wahrnimmt. Man ist voll und ganz in die Illusion abgetaucht.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Zwei Stunden Gesäß anspannen

Der Film läuft in Echtzeit. Erstaunlich ist, wie Regisseur Sam Mendes es schafft, diese zwei Stunden derart straff und spannungsgeladen zu füllen. Schließlich verfolgt der Film jeden einzelnen Schritt der Hauptdarsteller, wir begleiten sie durch jede Tür und über jede Brücke, doch die Intensität bricht niemals ab.

Es reicht, dass wir einen gefüllten Milchkrug auf einem scheinbar verlassenen Bauernhof entdecken und das Herz klopf. Die Gefahr ist allgegenwärtig. Sie schlägt nicht immer zu, doch wenn sie es tut, dann hart und unerwartet. Mindestens drei Mal wirst du im Kino zusammenzucken. Eine dunkle Szene in einem verlassenen Bunker der Deutschen ist derart nervenzerreißend, dass selbst der erfahrene Filmkenner, der sonst jeden Jump-Scare runterzählen kann, unruhig in seinen Sessel kriecht.

Werbung



Anti-Kriegsfilm ohne Blutdurst

Ähnlich wie Christopher Nolan mit Dunkirk verzichtet Sam Mendes weitgehend auf herumfliegende Gliedmaßen und herausquellende Gedärme. Die Urgewalt eines Krieges wird aber dennoch auf beängstigende Weise dargestellt. Vor allem der psychische Terror eines Schlachtfelds, der bei so vielen Soldaten posttraumatische Belastungsstörungen auslöst, wird in 1917 für den unbefleckten Kinobesucher spürbar gemacht.

Emotionale Reise

Die zweite Hälfte von 1917 ist weniger klaustrophobisch, dafür größer und emotionaler. Hin und wieder scheinen wir dem Horror des Krieges zu entfliehen. Ruhige, beinahe friedliche Szenen lenken von der eigentlichen Mission ab. Krieg erscheint sinnlos und dennoch unausweichlich. Menschlichkeit und Wahnsinn koexistieren. Diesen Kontrast nagelt Mendes an die Wand.

So ist der Höhepunkt auch weniger ein blutiger oder drastischer, sondern ein erlösender. Eine Katharsis. Das Ende ist "bittersüß" - aber immer noch bitter genug, sodass 1917 nicht wie ein "Märchen" schmeckt, wie zum Beispiel Steven Spielbergs Gefährten.

Arsenal britischer Top-Schauspieler

Die beiden Hauptdarsteller Dean-Charles Chapman und George MacKay tragen den Film mühelos. Das Duo füllt potentielle Durststrecken mit lebendigen Dialogen und erstaunlich viel Witz. Dennoch geht vor allem eine Szene zwischen Chapman und MacKay unter die Haut, die an dieser Stelle aber nicht verraten werden soll.

Der Film hat aber auch die ganz großen Geschütze zur Präsentation mitgebracht: Mark Strong, Andrew Lincoln, Colin Firth und der mittlerweile schon ikonische Benedict Cumberbatch dürfen ebenfalls kleine Cameos spielen, die allesamt nicht viel Laufzeit bekommen, den Film aber dennoch bereichern. Mit Richard Madden sind es sogar zwei große Game of Thrones-Schauspieler. Allerdings konnte keiner der britischen Hochkaräter eine Oscar-Nominierung als "Bester Nebendarsteller" für sich gewinnen.

Dafür wird 1917 in allen technischen Kategorien den Award abstauben - ziemlich sicher.

Fazit:

'1917' ist ein Kraftpaket

Im Gegensatz zu vielen anderen Kriegsfilmen versucht 1917 nicht, das große Ganze zu erklären. Stattdessen gelingt es Regisseur Mendes besser als jedem Regisseur zuvor, per Tracking-Shot eine komplette Immersion zu erschaffen, damit wir uns in die Rolle eines einfachen Soldaten hineinfühlen können. Der Film setzt Krieg und Menschlichkeit nebeneinander, wodurch die Unterschiede so krass zur Geltung kommen, dass überhaupt keine explizite Gewalt nötig ist, um die Sinnlosigkeit des Massakers zu erklären. Aber abgesehen davon ist 1917 in erster Linie ein hochspannender Höllenritt voller grandioser Höhepunkte, filmtechnisch und inhaltlich.

❯ Alle Artikel
SCHREIBE EINEN KOMMENTAR
Noch kein Kommentar

Antworten

*

*