Kritik: A Quiet Place 2

Alieninvasion in piano
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Als 'A Quiet Place' im Jahr 2018 über die Leinwände fegte, waren Kritiker und Fans begeistert. Statt lärmendem Alien-Tornado erlebten wir ein flüsterndes Monster-Ballett. Ist die Rückkehr in diese stille Welt ein Paukenschlag oder viel Lärm um nichts?     Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht’s? Mehr als ein Jahr ist vergangen, seit die Aliens kamen. Mit überempfindlichem Gehör ausgestattet machten sie Jagd auf die Menschheit. Das Leben der Familie Abbott ist ein täglicher Kampf um Dezibel – jedes falsches Geräusch lockt den Tod an. Ohne Vater sind sie auf sich allein gestellt, doch haben einen Funken Hoffnung in Form einer Geheimwaffe, welche die Monster verwundbar macht. Mit Unterstützung von anderen Außenseitern kämpft sich Tochter Regan (Millicent Simmonds) durch das entmenschlichte Land, um den Aliens den vernichtenden Stoß zuzufügen. Was bisher geschah... Beim Thema Sequel wird mancher Filmfan nervös. Viele heißgeliebte Streifen bleiben am besten unangetastet, die Welt ist voll von Fortsetzungen, nach denen niemand gefragt hat, mittelmäßige Produktionen, die sich mit dem Ruhm der Originale schmücken und dahinter ein ziemlich bleiches Filmerlebnis verstecken. Die Ankündigung von A Quiet Place 2 hingegen dürfte den Großteil der Fans mit Vorfreude erfüllt haben. Das Szenario – eine Welt in der jedes Geräusch zu vermeiden ist – klingt zunächst simpel, konnte aber für 90 Minuten Spannung sorgen. Wie kommunizieren? Wie fortbewegen? Welche Orte suchen, welche meiden? Diese Problemstellungen wurden raffiniert und befriedigend inszeniert (nachzulesen in unserer Kritik zu A Quiet Place). Der Survivalist in uns war durchgehend angesprochen, die Finesse, mit der sich den Komplikationen eines 0,0 db-Lebens gewidmet wurde, war ein Genuss. Der erste Teil krempelte das Genre um und entließ uns mit einem Ausblick, dass in der Welt der akustisch-sensiblen Aliens vieles noch nicht auserzählt ist. Der ersehnte zweite Teil nimmt uns mit zurück in die Stille, schaltet aber zunächst den Rückwärtsgang ein: Wir erleben erstmals Tag 1, den Erstkontakt von Monster und Mensch. Alien-Invasionen hat der erprobte Kinogänger schon einige gesehen, diese gehört zu den besseren. In wenigen Minuten werden wir von Eindrücken erschlagen, Verwirrung, Chaos, Überforderung, erste Erkenntnisse, Hoffnungslosigkeit. Prequel im Sequel? Ich bin dabei! Der Film gibt einem einen Einblick, den man weder erwartet, noch gefordert hat, ein nettes Bonbon, welches vielleicht für einen Vertrauensvorschuss sorgen soll. Gleichzeitig ist der Film clever genug, über die Herkunft der Aliens weiterhin Stillschweigen zu bewahren. 474 Days Later Das dominante Merkmal der Filmreihe bleibt das Sounddesign. Man hört jeden Schritt im trockenen Laub, jede knarrende Diele, gleichzeitig werden die Dialoge in einem Flüsterton performt, der absolute Aufmerksamkeit erfordert. Gut, wer im Kino sitzt. Überhaupt, die Post-Corona-Saison kann sich glücklich schätzen über so einen Film im Startblock. Er funktioniert perfekt im Kinosaal, diesem hermetisch abgeschlossenem Raum: der Blick ist ohne Ablenkung auf die Leinwand gerichtet, die Ohren hören nur, was die Tonspur vorgibt, die Sinne sind fokussiert, die Stille ist stiller als die eigene Wohnung bei Nacht. Man ist verführt, sich leicht nach vorne zu lehnen, um ja keinen geflüsterten Dialog zu verpassen, nur um dann von nächsten Action-Sequenz zurück in den Sitz gedrückt zu werden. Werbung Die Monstermomente sind derart klassisch und zugleich unterhaltsam, Steven Spielberg und seine Dinos wären stolz. Monster hinter Glasscheibe, Monster in der Küche, Monster im Gegenlicht, für jeden Fan klassischer Creature Features ist was dabei. Dennoch sind sie sparsam eingesetzt und jagen bei jedem Auftritt einen wohligen Schauer über den Rücken ohne langweilig zu werden. Polternd ziehen sie durch die ländlichen USA, ein angenehmes Novum der Reihe, viele Katastrophenfilme suchen die ikonischen Einstellungen ja in den Resten urbaner Zivilisation (umgestürzte Statuen, leere Straßenzüge, verwilderte Gebäude). A Quiet Place durchstreift die Kleinstädte, die vermutlich bereits jetzt Alterserscheinungen zeigen. Der Verfall der gesellschaftlichen Ordnung wird in einem etwas forcierten Moment erwähnt, später begegnen wir dann sogar einigen Vertretern dieses neuen, „barbarisierten“ Typus Mensch. Die Idee ist natürlich nicht neu, der Rückfall in gewalttätige Stammeskulturen nach der Apokalypse gehört mittlerweile zum allgemein bekannten Klischee. A Quiet Place 2 erzählt das zwar nicht schlecht, andere machen es schlichtweg besser. An diesem Punkt im Film denkt man jedoch wenig über derartiges nach, die Mitte markiert den Höhepunkt eines Spannungsbogens, der einem den Atem raubt. Streitbar ist: die sich zuspitzende Dramatik an dieser Stelle entsteht aus der Andeutung von Dingen, welche Tabus streifen, es ist fraglich, ob sie in einem Unterhaltungsfilm angebracht sind. Welt in der Krise Millicent Simmonds als Regan ist das Herzstück des Films und ein Ehrenplatz in der (schwach besetzten) Hall of Fame der wirklich überzeugenden Jungschauspieler ist ihr sicher. Kinder und Jugendliche spielen manchmal etwas steif, unfrei, Simmonds jedoch ist weder die hilflose Jungfrau, die vom Drachen gerettet werden muss noch das Power-Kid, welches den Erwachsenen zeigt, was eine Harke ist. Sie liefert eine natürliche Performance und spielt, was sie ist: Eine Jugendliche. Die Angst, aber auch Mut hat, keine Ahnung, wie man eine Shotgun bedient, aber manchmal die Idee, die fehlt. Emily Blunt spielt die traumatisierte Mutter im Überlebensmodus gut, dafür bedarf es nicht vieler Worte. Cillian Murphy hingegen wirkt, als hätte er bereits aufgegeben zu versuchen, aus seinen dünnen Lines noch irgendeine Bedeutung zu destillieren – er ist Storytelling-Füllmaterial, der männliche Erwachsene, auf den man wohl doch nicht ganz verzichten wollte. Vermutlich eher zufällig, dennoch eindrücklich sind die Gemeinsamkeiten zwischen der Welt auf der Leinwand und unserer Realität im fortgeschrittenen Pandemie-Modus. Die Welt in A Quiet Place 2 ist eine Welt in einer Krise, die vor fast 1½ Jahren begann. Der kurze Zeitsprung zurück zu „Tag 1“ ist ein schmerzhafter Rückblick in eine unbedenkliche und leichte Zeit, den wir nur zu gut nachvollziehen können. Menschen isolieren sich, dennoch wünschen sie Gemeinschaft. Das Drama des Films ist auch unseres, obwohl die Dimensionen natürlich ganz andere sind. Fazit: Der Rest ist Schweigen Was immer man von einer Fortsetzung erwartet, A Quiet Place 2 liefert es, ohne dabei sein Pulver komplett zu verschießen. Die Stärken werden ausgespielt, wir bekommen mehr Monster, mehr Survival, mehr Regan. Die altbekannte Story um die Drachentöterin mit der Geheimwaffe wird spannend abgearbeitet, wenige, jedoch fokussierte Sideplots sorgen für einen guten Rhythmus von Anspannung und Entspannung. Ein weiteres Sequel wirkt fast unvermeidlich, allerdings fühlt man sich nach dem zweiten Teil bereits so gesättigt, dass man eine Fortsetzung eher fürchtet als wünscht. Manchmal ist nach einem Sequel alles gesagt. A Quiet Place 2 verdient keinen Nachsatz, sondern Nachhall – in der Stille.
    Kritik: A Quiet Place 2
    Spannung
    80%
    Toneffekte
    85%
    Horror/Splatter
    75%
    Dialoge
    45%
    Atmosphäre
    80%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 24.06.2021
    Filmlänge: 97 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: Paramount Pictures
  • YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

Gesamtbewertung:

Ordentlich
73%

Als 'A Quiet Place' im Jahr 2018 über die Leinwände fegte, waren Kritiker und Fans begeistert. Statt lärmendem Alien-Tornado erlebten wir ein flüsterndes Monster-Ballett. Ist die Rückkehr in diese stille Welt ein Paukenschlag oder viel Lärm um nichts?

 

 

Worum geht’s?

Mehr als ein Jahr ist vergangen, seit die Aliens kamen. Mit überempfindlichem Gehör ausgestattet machten sie Jagd auf die Menschheit. Das Leben der Familie Abbott ist ein täglicher Kampf um Dezibel – jedes falsches Geräusch lockt den Tod an. Ohne Vater sind sie auf sich allein gestellt, doch haben einen Funken Hoffnung in Form einer Geheimwaffe, welche die Monster verwundbar macht. Mit Unterstützung von anderen Außenseitern kämpft sich Tochter Regan (Millicent Simmonds) durch das entmenschlichte Land, um den Aliens den vernichtenden Stoß zuzufügen.

Was bisher geschah...

Beim Thema Sequel wird mancher Filmfan nervös. Viele heißgeliebte Streifen bleiben am besten unangetastet, die Welt ist voll von Fortsetzungen, nach denen niemand gefragt hat, mittelmäßige Produktionen, die sich mit dem Ruhm der Originale schmücken und dahinter ein ziemlich bleiches Filmerlebnis verstecken. Die Ankündigung von A Quiet Place 2 hingegen dürfte den Großteil der Fans mit Vorfreude erfüllt haben. Das Szenario – eine Welt in der jedes Geräusch zu vermeiden ist – klingt zunächst simpel, konnte aber für 90 Minuten Spannung sorgen. Wie kommunizieren? Wie fortbewegen? Welche Orte suchen, welche meiden? Diese Problemstellungen wurden raffiniert und befriedigend inszeniert (nachzulesen in unserer Kritik zu A Quiet Place). Der Survivalist in uns war durchgehend angesprochen, die Finesse, mit der sich den Komplikationen eines 0,0 db-Lebens gewidmet wurde, war ein Genuss. Der erste Teil krempelte das Genre um und entließ uns mit einem Ausblick, dass in der Welt der akustisch-sensiblen Aliens vieles noch nicht auserzählt ist.

In stiller Trauer: Evelyn (Emily Blunt) besucht einen Gedenkort des ersten Teils

Der ersehnte zweite Teil nimmt uns mit zurück in die Stille, schaltet aber zunächst den Rückwärtsgang ein: Wir erleben erstmals Tag 1, den Erstkontakt von Monster und Mensch. Alien-Invasionen hat der erprobte Kinogänger schon einige gesehen, diese gehört zu den besseren. In wenigen Minuten werden wir von Eindrücken erschlagen, Verwirrung, Chaos, Überforderung, erste Erkenntnisse, Hoffnungslosigkeit.

Prequel im Sequel? Ich bin dabei! Der Film gibt einem einen Einblick, den man weder erwartet, noch gefordert hat, ein nettes Bonbon, welches vielleicht für einen Vertrauensvorschuss sorgen soll. Gleichzeitig ist der Film clever genug, über die Herkunft der Aliens weiterhin Stillschweigen zu bewahren.

474 Days Later

Das dominante Merkmal der Filmreihe bleibt das Sounddesign. Man hört jeden Schritt im trockenen Laub, jede knarrende Diele, gleichzeitig werden die Dialoge in einem Flüsterton performt, der absolute Aufmerksamkeit erfordert. Gut, wer im Kino sitzt. Überhaupt, die Post-Corona-Saison kann sich glücklich schätzen über so einen Film im Startblock. Er funktioniert perfekt im Kinosaal, diesem hermetisch abgeschlossenem Raum: der Blick ist ohne Ablenkung auf die Leinwand gerichtet, die Ohren hören nur, was die Tonspur vorgibt, die Sinne sind fokussiert, die Stille ist stiller als die eigene Wohnung bei Nacht. Man ist verführt, sich leicht nach vorne zu lehnen, um ja keinen geflüsterten Dialog zu verpassen, nur um dann von nächsten Action-Sequenz zurück in den Sitz gedrückt zu werden.

Werbung



Die Monstermomente sind derart klassisch und zugleich unterhaltsam, Steven Spielberg und seine Dinos wären stolz. Monster hinter Glasscheibe, Monster in der Küche, Monster im Gegenlicht, für jeden Fan klassischer Creature Features ist was dabei. Dennoch sind sie sparsam eingesetzt und jagen bei jedem Auftritt einen wohligen Schauer über den Rücken ohne langweilig zu werden. Polternd ziehen sie durch die ländlichen USA, ein angenehmes Novum der Reihe, viele Katastrophenfilme suchen die ikonischen Einstellungen ja in den Resten urbaner Zivilisation (umgestürzte Statuen, leere Straßenzüge, verwilderte Gebäude). A Quiet Place durchstreift die Kleinstädte, die vermutlich bereits jetzt Alterserscheinungen zeigen.

Die mühsam aufgebaute Zufluchtsstätte geht in Flammen auf

Der Verfall der gesellschaftlichen Ordnung wird in einem etwas forcierten Moment erwähnt, später begegnen wir dann sogar einigen Vertretern dieses neuen, „barbarisierten“ Typus Mensch. Die Idee ist natürlich nicht neu, der Rückfall in gewalttätige Stammeskulturen nach der Apokalypse gehört mittlerweile zum allgemein bekannten Klischee. A Quiet Place 2 erzählt das zwar nicht schlecht, andere machen es schlichtweg besser. An diesem Punkt im Film denkt man jedoch wenig über derartiges nach, die Mitte markiert den Höhepunkt eines Spannungsbogens, der einem den Atem raubt. Streitbar ist: die sich zuspitzende Dramatik an dieser Stelle entsteht aus der Andeutung von Dingen, welche Tabus streifen, es ist fraglich, ob sie in einem Unterhaltungsfilm angebracht sind.

Welt in der Krise

Millicent Simmonds als Regan ist das Herzstück des Films und ein Ehrenplatz in der (schwach besetzten) Hall of Fame der wirklich überzeugenden Jungschauspieler ist ihr sicher. Kinder und Jugendliche spielen manchmal etwas steif, unfrei, Simmonds jedoch ist weder die hilflose Jungfrau, die vom Drachen gerettet werden muss noch das Power-Kid, welches den Erwachsenen zeigt, was eine Harke ist. Sie liefert eine natürliche Performance und spielt, was sie ist: Eine Jugendliche. Die Angst, aber auch Mut hat, keine Ahnung, wie man eine Shotgun bedient, aber manchmal die Idee, die fehlt.

Regan (Millicent Simmonds) wächst hinein in die Rolle der Survivalkünstlerin und Retterin der Erde

Emily Blunt spielt die traumatisierte Mutter im Überlebensmodus gut, dafür bedarf es nicht vieler Worte. Cillian Murphy hingegen wirkt, als hätte er bereits aufgegeben zu versuchen, aus seinen dünnen Lines noch irgendeine Bedeutung zu destillieren – er ist Storytelling-Füllmaterial, der männliche Erwachsene, auf den man wohl doch nicht ganz verzichten wollte.

Vermutlich eher zufällig, dennoch eindrücklich sind die Gemeinsamkeiten zwischen der Welt auf der Leinwand und unserer Realität im fortgeschrittenen Pandemie-Modus. Die Welt in A Quiet Place 2 ist eine Welt in einer Krise, die vor fast 1½ Jahren begann. Der kurze Zeitsprung zurück zu „Tag 1“ ist ein schmerzhafter Rückblick in eine unbedenkliche und leichte Zeit, den wir nur zu gut nachvollziehen können. Menschen isolieren sich, dennoch wünschen sie Gemeinschaft. Das Drama des Films ist auch unseres, obwohl die Dimensionen natürlich ganz andere sind.

Fazit:

Der Rest ist Schweigen

Was immer man von einer Fortsetzung erwartet, A Quiet Place 2 liefert es, ohne dabei sein Pulver komplett zu verschießen. Die Stärken werden ausgespielt, wir bekommen mehr Monster, mehr Survival, mehr Regan. Die altbekannte Story um die Drachentöterin mit der Geheimwaffe wird spannend abgearbeitet, wenige, jedoch fokussierte Sideplots sorgen für einen guten Rhythmus von Anspannung und Entspannung. Ein weiteres Sequel wirkt fast unvermeidlich, allerdings fühlt man sich nach dem zweiten Teil bereits so gesättigt, dass man eine Fortsetzung eher fürchtet als wünscht. Manchmal ist nach einem Sequel alles gesagt. A Quiet Place 2 verdient keinen Nachsatz, sondern Nachhall – in der Stille.

❯ Alle Artikel
SCHREIBE EINEN KOMMENTAR
Noch kein Kommentar

Antworten

*

*