Kritik: Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

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Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Wie ist das eigentlich, nochmal ganz neu anzufangen? Auswanderergeschichten gibt es viele, doch es ist immer wieder faszinierend, wenn aus „den Migrant:innen“ plötzlich lebendigen Figuren mit greifbarer Geschichte werden. Schafft es 'Minari', uns emotional an die neuen Nachbar:innen zu binden oder bleiben wir auf Distanz? Erfahrt es in unserer Kritik!   Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht’s? Jacob (Steven Yeun) und Monica Yi (Han Ye-ri) erreichen mit ihren Kindern das ländliche Arkansas. Die koreanische Familie hat ein Stück Land gekauft und träumt von einem Neuanfang in den USA. Während Jacob mit Hingabe den Boden urbar macht und die vom harten Landleben zunächst wenig begeisterte Monica langsam Anschluss in der Nachbarschaft findet, entdecken die Kinder die Natur und das Leben. Go West Migration ist aus der Geschichte der USA nicht wegzudenken. Der Melting Pot ist eine Erfolgsgeschichte, zwar eine komplizierte, doch der kulturelle Siegeszug der USA wäre ohne die Synergie ihrer diversen Bevölkerung undenkbar. Auch das Kino verdankt den Einwander:innen unzählige Geschichten, ob sie nun vor oder hinter der Kamera arbeiten oder in den Drehbüchern unsterblich geworden sind, die Erfolgsgeschichte Hollywoods ist eine Geschichte von international gefärbten Dramen und immer neuen Impulsen aus anderen Kulturen. Der durchschlagende Erfolg vieler dieser US-Filme erklärt sich dadurch, dass sie, trotz der „Migrations“-Schablone, häufig eine simple Geschichte erzählen, welche im heimischen, aber mittlerweile auch im internationalen Markt, sofort verstanden wird: der American Dream. Ärmel hoch, Spaten in die Hand, das Glück liegt auf der Straße. Ob aus der „alten Welt“, dem asiatischen Kontinent oder über die südliche Grenze - ungezählte Menschenmassen folgten dem berauschenden Versprechen des amerikanischen Traums, die Autor:innen aller Generationen schrieben mit und die Filmemacher:innen des letzten Jahrhunderts hielten die Kamera drauf. Minari erzählt diese Geschichte von Ankunft, Neubeginn, Eroberung und Verwurzelung aus der Perspektive einer jungen koreanischen Familie in den 1980er Jahren. Dass dieser Film kein Nischenprodukt für Menschen mit ähnlichen Erfahrungen ist, liegt daran, dass die Handlung eine universelle Geschichte von Neuanfang erzählt und diese außerdem derart filigran und zart präsentiert, es fühlt sich an, als sei man dabei. Regisseur Lee Isaac Chung inszeniert, als würden auch wir den Kontinent zum ersten mal betreten, jeder Baum, jedes Gebäude, jeder Grashalm werden erforscht. Umgetopfte Familie Das ländliche Arkansas des Jahres 1983 macht nicht viel her. Das lernen wir genauso schnell wie die Familie Yi. Der Film fokussiert sich deshalb voll und ganz auf die Familie, welche einen lebendigen Organismus bildet, welcher der Erzählung Halt gibt. Die Erfolgsgeschichte vom Tellerwäscher zum Millionär ist häufig eine Soloperformance, im Orbit der Held:innen kreisen Mentor:innen, Verbündete, Freund:innen und Familie. Minari stellt eine gesamte Familie in den Vordergrund und nimmt sie als soziales Geflecht mit allen Bestandteilen ernst. Wir bekommen genug Zeit, alle Mitglieder kennenzulernen und können die verschiedenen Querverbindungen auf ihre Standfestigkeit abklopfen. Vater-Sohn, Ehemann-Ehefrau, Oma-Schwiegertochter, es gibt kaum eine Konstellation, die nicht in einer liebevollen, fotoreifen Einstellung festgehalten wird.Kameramann Lachlan Milne befindet sich stets in der Mitte der Handlung und beweist ein gutes Auge für die Emotionen der Figuren. Die gefilmte, unmittelbare Nähe zur Familie Yi, in guten wie in schlechten Zeiten, fühlt sich an wie eine Sammlung von Homevideos. Vor allem die Beziehung der Großmutter (Yoon Yeo-jeong) zum jungen David (Alan Kim) bleibt im Gedächtnis und Herzen und dringt durch zu jenem magischen Moment, in dem zwischen zwei Menschen ein familiäres Band entsteht. Werbung Auch wenn Jacobs Pionier-Geist nicht kleinzukriegen ist, zehren die Herausforderungen des neuen Lebens an ihm und seinen Verwandten. Eine Krise zieht auf, jedoch nicht in Form eines Knalls, eines Untergangs oder eines totalen Zusammenbruchs. Die Familie droht zu zerfallen. Die große Herausforderung des Neuanfangs besteht nicht nur im wirtschaftlichen Aufschwung und der Eroberung des Bodens. Das gute Leben, für welches man gekommen ist, muss jedem neuen Tag abgerungen werden. Die gerade entfachte Flamme muss bewahrt werden, bevor die Winde des Alltags sie auszupusten drohen. Zu Harmonisch Das Script braucht keine großen Katastrophen einzuführen, um uns um die Familie Yi bangen zu lassen. Die vielen kleinen Anspannungen lassen sie auseinanderdriften und jede Interaktion scheint ein Klammern zu sein, um sich selbst und die Liebsten beisammen zu halten. Etwas mehr Drama hätte jedoch gut getan, denn schlussendlich fragt man sich schon, was man mit diesem Film anfangen soll, in dem Spannungen auftauchen, aber nie zum Klimax führen. Auflösungen gibt es nur nach dem Unheil, eine moralische Schlussfolgerung nur nach einer Prüfung. Minari plätschert schön, aber irgendwie doch arm an Bed)eutung daher. Wir freuen uns, dass es für die Familie einigermaßen rund läuft, lachen über die authentischen Interaktionen von Oma und Enkel, aber kommen ihnen emotional nicht so nahe, wie es sein könnte. Durch harte Zeiten gehen schweißt zusammen, das gilt auch für den Kinobesuch. Sogar die neuen Nachbarn der Yis begegnen ihnen zuvorkommend, freundlich, hilfsbereit. Von Skepsis oder Vorurteilen gegenüber den koreanischen Einwanderern keine Spur. Einige Kritiker sahen sich dadurch genötigt, dem Film fehlendes Bewusstsein für Rassismus vorzuwerfen, zu beklagen, der Film blende historische Probleme aus um mit dem weißen Publikum zu flirten. Lee Isaac Chung ist das offensichtlich egal, er verfilmt eine Geschichte, die sich dem oft erzählten „Underdog“-Schema verweigert und schöpft Inspiration aus seiner eigenen Kindheit, die scheinbar nun mal harmonisch war. Es sei ihm gegönnt. Fazit: Wurzeln ohne Biss Migrationsgeschichten sind vielseitig und wenn sie gut gemacht sind, lassen sie uns fühlen wie es ist, aufzubrechen und in einer neuen Heimat Wurzeln zu schlagen. Dem leisen, poetischen Film Minari gelingt es wunderbar, einen harmonischen Neuanfang erlebbar zu machen. Die Kinder spielen, die Oma albert rum, man möchte die sympathischen Neuankömmlinge direkt zum Kaffee einladen. Etwas mehr Mut zu Drama hätte dem Film den nötigen Biss verliehen.
    Kritik: Minari – Wo wir Wurzeln schlagen
    Visuelle Umsetzung
    80%
    Schauspiel
    75%
    Charaktere
    70%
    Tiefgang
    65%
    Emotionen
    70%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 15.07.2021
    Filmlänge: 116 Minuten
    FSK: 6
    Genre: , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , ,
    Bildrechte: Prokino
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Gesamtbewertung:

Ordentlich
72%

Wie ist das eigentlich, nochmal ganz neu anzufangen? Auswanderergeschichten gibt es viele, doch es ist immer wieder faszinierend, wenn aus „den Migrant:innen“ plötzlich lebendigen Figuren mit greifbarer Geschichte werden. Schafft es 'Minari', uns emotional an die neuen Nachbar:innen zu binden oder bleiben wir auf Distanz? Erfahrt es in unserer Kritik!

 

Worum geht’s?

Jacob (Steven Yeun) und Monica Yi (Han Ye-ri) erreichen mit ihren Kindern das ländliche Arkansas. Die koreanische Familie hat ein Stück Land gekauft und träumt von einem Neuanfang in den USA. Während Jacob mit Hingabe den Boden urbar macht und die vom harten Landleben zunächst wenig begeisterte Monica langsam Anschluss in der Nachbarschaft findet, entdecken die Kinder die Natur und das Leben.

Go West

Migration ist aus der Geschichte der USA nicht wegzudenken. Der Melting Pot ist eine Erfolgsgeschichte, zwar eine komplizierte, doch der kulturelle Siegeszug der USA wäre ohne die Synergie ihrer diversen Bevölkerung undenkbar. Auch das Kino verdankt den Einwander:innen unzählige Geschichten, ob sie nun vor oder hinter der Kamera arbeiten oder in den Drehbüchern unsterblich geworden sind, die Erfolgsgeschichte Hollywoods ist eine Geschichte von international gefärbten Dramen und immer neuen Impulsen aus anderen Kulturen.

Werden das Kind schon Schaukeln: Die Familie Yi lebt sich ein

Der durchschlagende Erfolg vieler dieser US-Filme erklärt sich dadurch, dass sie, trotz der „Migrations“-Schablone, häufig eine simple Geschichte erzählen, welche im heimischen, aber mittlerweile auch im internationalen Markt, sofort verstanden wird: der American Dream. Ärmel hoch, Spaten in die Hand, das Glück liegt auf der Straße. Ob aus der „alten Welt“, dem asiatischen Kontinent oder über die südliche Grenze - ungezählte Menschenmassen folgten dem berauschenden Versprechen des amerikanischen Traums, die Autor:innen aller Generationen schrieben mit und die Filmemacher:innen des letzten Jahrhunderts hielten die Kamera drauf.

Minari erzählt diese Geschichte von Ankunft, Neubeginn, Eroberung und Verwurzelung aus der Perspektive einer jungen koreanischen Familie in den 1980er Jahren. Dass dieser Film kein Nischenprodukt für Menschen mit ähnlichen Erfahrungen ist, liegt daran, dass die Handlung eine universelle Geschichte von Neuanfang erzählt und diese außerdem derart filigran und zart präsentiert, es fühlt sich an, als sei man dabei. Regisseur Lee Isaac Chung inszeniert, als würden auch wir den Kontinent zum ersten mal betreten, jeder Baum, jedes Gebäude, jeder Grashalm werden erforscht.

Umgetopfte Familie

Das ländliche Arkansas des Jahres 1983 macht nicht viel her. Das lernen wir genauso schnell wie die Familie Yi. Der Film fokussiert sich deshalb voll und ganz auf die Familie, welche einen lebendigen Organismus bildet, welcher der Erzählung Halt gibt.

Die Yis, den gemeinsamen Blick auf die Zukunft gerichtet

Die Erfolgsgeschichte vom Tellerwäscher zum Millionär ist häufig eine Soloperformance, im Orbit der Held:innen kreisen Mentor:innen, Verbündete, Freund:innen und Familie. Minari stellt eine gesamte Familie in den Vordergrund und nimmt sie als soziales Geflecht mit allen Bestandteilen ernst. Wir bekommen genug Zeit, alle Mitglieder kennenzulernen und können die verschiedenen Querverbindungen auf ihre Standfestigkeit abklopfen. Vater-Sohn, Ehemann-Ehefrau, Oma-Schwiegertochter, es gibt kaum eine Konstellation, die nicht in einer liebevollen, fotoreifen Einstellung festgehalten wird.Kameramann Lachlan Milne befindet sich stets in der Mitte der Handlung und beweist ein gutes Auge für die Emotionen der Figuren. Die gefilmte, unmittelbare Nähe zur Familie Yi, in guten wie in schlechten Zeiten, fühlt sich an wie eine Sammlung von Homevideos. Vor allem die Beziehung der Großmutter (Yoon Yeo-jeong) zum jungen David (Alan Kim) bleibt im Gedächtnis und Herzen und dringt durch zu jenem magischen Moment, in dem zwischen zwei Menschen ein familiäres Band entsteht.

Werbung



Auch wenn Jacobs Pionier-Geist nicht kleinzukriegen ist, zehren die Herausforderungen des neuen Lebens an ihm und seinen Verwandten. Eine Krise zieht auf, jedoch nicht in Form eines Knalls, eines Untergangs oder eines totalen Zusammenbruchs. Die Familie droht zu zerfallen. Die große Herausforderung des Neuanfangs besteht nicht nur im wirtschaftlichen Aufschwung und der Eroberung des Bodens. Das gute Leben, für welches man gekommen ist, muss jedem neuen Tag abgerungen werden. Die gerade entfachte Flamme muss bewahrt werden, bevor die Winde des Alltags sie auszupusten drohen.

Zu Harmonisch

Das Script braucht keine großen Katastrophen einzuführen, um uns um die Familie Yi bangen zu lassen. Die vielen kleinen Anspannungen lassen sie auseinanderdriften und jede Interaktion scheint ein Klammern zu sein, um sich selbst und die Liebsten beisammen zu halten. Etwas mehr Drama hätte jedoch gut getan, denn schlussendlich fragt man sich schon, was man mit diesem Film anfangen soll, in dem Spannungen auftauchen, aber nie zum Klimax führen. Auflösungen gibt es nur nach dem Unheil, eine moralische Schlussfolgerung nur nach einer Prüfung. Minari plätschert schön, aber irgendwie doch arm an Bed)eutung daher. Wir freuen uns, dass es für die Familie einigermaßen rund läuft, lachen über die authentischen Interaktionen von Oma und Enkel, aber kommen ihnen emotional nicht so nahe, wie es sein könnte. Durch harte Zeiten gehen schweißt zusammen, das gilt auch für den Kinobesuch.

Jacob (Steven Yeun), Monica (Han Ye-ri) und Soon-ja (Yoon Yeo-jeong) werden in der örtlichen Gemeinde willkommen geheißen

Sogar die neuen Nachbarn der Yis begegnen ihnen zuvorkommend, freundlich, hilfsbereit. Von Skepsis oder Vorurteilen gegenüber den koreanischen Einwanderern keine Spur. Einige Kritiker sahen sich dadurch genötigt, dem Film fehlendes Bewusstsein für Rassismus vorzuwerfen, zu beklagen, der Film blende historische Probleme aus um mit dem weißen Publikum zu flirten. Lee Isaac Chung ist das offensichtlich egal, er verfilmt eine Geschichte, die sich dem oft erzählten „Underdog“-Schema verweigert und schöpft Inspiration aus seiner eigenen Kindheit, die scheinbar nun mal harmonisch war. Es sei ihm gegönnt.

Fazit:

Wurzeln ohne Biss

Migrationsgeschichten sind vielseitig und wenn sie gut gemacht sind, lassen sie uns fühlen wie es ist, aufzubrechen und in einer neuen Heimat Wurzeln zu schlagen. Dem leisen, poetischen Film Minari gelingt es wunderbar, einen harmonischen Neuanfang erlebbar zu machen. Die Kinder spielen, die Oma albert rum, man möchte die sympathischen Neuankömmlinge direkt zum Kaffee einladen. Etwas mehr Mut zu Drama hätte dem Film den nötigen Biss verliehen.

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