Kritik: Annette

Romanze in Moll
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Zwischen populären Musicals wie 'West Side Story' und 'Tick, Tick... Boom' erscheint kurz vor Jahresende still und heimlich das musikalische Filmepos vom französischen Regisseur Leos Carax. Erreicht 'Annette' den Status des unerkannten Musical-Geheimtipps 2021 oder sollte der Film besser zwischen den Melodien der Konkurrenz verklingen? Wenig Zeit? Zum Fazit! Werbung Darum geht's Versteckt unter der Kapuze seines grünen Bademantels steht Comedian Henry McHenry (Adam Driver) Abend für Abend auf der Bühne und erzählt von Depression und Weltfrust. Sein Programm sollte eigentlich niemanden zum Lachen bringen und doch sorgen die zynischen Monologe seiner Bühnenfigur für begeistertes Gelächter und machen ihn zum Comedy-Weltstar. Während Henry auf der Bühne pessimistische Predigen hält, blüht er in seinem Privatleben regelrecht auf. Gemeinsam mit der berühmten Opernsängerin Ann (Marion Cotillard) beginnt er eine leidenschaftliche Beziehung, die das prominente Paar schnell zum Thema Nummer eins der Klatschpresse macht. Was als perfekte Liebe beginnt, soll sich allerdings grundlegend verändern, als Henry und Ann ihre Tochter Annette (Devyn McDowell) bekommen. Das einzigartige Kind stellt die Beziehung auf die Probe und entblößt die wahre Natur seiner Eltern. 2021 – Das Jahr der Musicals Ob die Verfilmung des Bühnen-Hits In the Heights, die Spielberg’sche Neuauflage des Klassikers West Side Story oder der persönliche Genre-Liebesbrief Tick, Tick… Boom: Für Musical-Fans war 2021 ein regelrechtes Festmahl. Bevor der Vorhang jedoch endgültig vor dem musikalischen Vorzeigejahr fällt, stößt noch ein letzter Genre-Vertreter klammheimlich zum Gesamtpaket-2021 dazu. Annette vom französischen Regisseur Leos Carax. "Wir bitten Sie nun, bis zum Ende  still zu sein und die Luft anzuhalten. Atmen wird während der Show nicht geduldet. Also, bitte, atmen sie jetzt ein letztes Mal tief ein. Dankeschön." Leos Carax in Annette Nicht vielen wird Carax ein Begriff sein, doch Fans des Regisseurs werden schon ahnen, dass Annette nur ein außergewöhnlicher Beitrag zum besagten Musical-Gesamtpaket sein kann. Schon seit den Achtzigern beschäftigt sich der französische Filmemacher in einzigartig kreativen Filmen mit den dunklen Seiten romantischer Beziehungen. Durch immer neue Blickwinkel beleuchtet Carax Liebe, Einsamkeit und Melancholie und sorgt durch seine eigenwilligen Handlungen für regelmäßiges Stirnrunzeln unter seinen Zuschauer:innen. Auch Annette schlägt in eine ähnliche Kerbe und zeigt die ungebändigte und kompromisslose Vision eines Regisseurs im kreativen Vollrausch. Das Ergebnis: der wohl merkwürdigste Musical-Film des Jahres. Music, Music Everywhere! Und doch könnte man sagen, dass Annette mehr Musical ist, als alle anderen Genre-Vertreter des Jahres zusammen. Wo beispielsweise West Side Story herkömmliche Dialog-Passagen mit gelegentlichen Songeinsätzen abwechseln, arbeitet Annette genau gegenteilig: Die Musik und der Gesang stehen weit im Vordergrund, während der gesprochene Dialog deutlich zurücktritt. Kurz gesagt: in Annette wird alles besungen. Während einer Geburt singen die Ärzte ein fröhliches “Breath in, Breath out”-Ständchen und Henrys Comedy-Show-Publikum lacht im harmonischen “Ha, Ha, Ha” - selbst die banalsten Situationen werden stets melodisch kommentiert. Dabei findet der Gesang selten in einer klassischen Song-Struktur (Strophe, Refrain etc.), sondern in zahlreichen kleinen Versatzstücken statt. Viele "Song"-Einsätze sind oft nur wenige Sekunden lang, bevor sie in ein neues musikalisches Motiv überleiten oder sogar ganz verklingen.  Die ungewohnte Atmosphäre, die dadurch entsteht, wird bei weitem nicht alle Zuschauer:innen ansprechen. Selbst Musical-Fans könnten sich von den wenig klassisch-eingängigen Melodien vor den Kopf gestoßen fühlen und diejenigen, die während Musicals gewohnheitsmäßig darauf warten, dass die Songs aufhören und der normale Dialog weitergeht, werden sich zwangsläufig zu Tode langweilen. Annette verlangt es, dass man sich auf seine Einzigartigkeit und musikalischen Eindrücke vollkommen einlässt. Wenn Film und Musik verschmelzen Für die Zuschauer:innen, denen das gelingt, bietet der Film jedoch das Potenzial für einige der eindrucksvollsten musikalischen Momente des gesamten Jahres. Eben dadurch, dass die Musik beinahe nie pausiert, entfaltet sie eine beinahe hypnotische Sogwirkung, die emotionale Höhepunkte oder Konflikte der Handlung plötzlich wie das gewaltige Crescendo eines klassischen Stückes wirken lässt. Wenn der Soundtrack im Klimax der Handlung anschwillt und die Figuren von großen Orchestern begleitet über ihr Leben und Leid berichten, sorgt der Annette für atemberaubende Gänsehautmomente, die fast schon an die Wucht einer Live-Oper heranreichen. Let the Show begin! Ähnliche Bühnenshow-Assoziationen möchte der Film auch in seiner Handlung widerspiegeln. Die Story von Annette erzählt sich nicht klassisch von A nach B, sondern wird immer wieder von verschiedenen Meta-Elementen unterbrochen. So tritt Leos Carax zwischendurch in seiner Funktion als Regisseur auf und Hauptdarsteller Adam Driver wechselt mithilfe einer Perücke zwischen seiner Film- und Schauspielpersona. Der Film schafft sich durch diese realitätsnahe Metaebene eine Rahmung, die die Haupthandlung als klare Fiktion kennzeichnet.  Zwar vervollkommnet der Film damit die perfekte Illusion des Bühnenspektakels im Kinosaal, doch leider steht er sich mit seinen vielen kreativen Einfällen und Methoden auch oft selbst im Weg. Denn so leicht es fällt, ihn auf inszenatorischer und musikalischer Ebene zu bewundern, so schwer ist es einen emotionalen Zugang zu der eigentlichen Geschichte zu finden. Annette stürzt sich von einer Bildspielerei in die nächste, eröffnet Metaebenen und tanzt sich durch ausgefallene Musicalnummern – Carax stapelt hier so viel Ideenreichtum aufeinander, dass ein großer Teil der Haupthandlung darunter verschüttet wird.  Hölzerne Figuren Deutlich wird dies besonders bei den beiden Protagonist:innen, zu denen es stets schwer bleibt, eine emotionale Bindung aufzubauen. Adam Driver und besonders Marion Cotillard spielen zwar großartig, doch ihre Figuren bleiben nichtsdestotrotz distanziert und kalt. Ein Großteil dieser Wirkung ist mit Sicherheit bewusst eingesetzt: Henry und Ann sollen keine uneingeschränkten Sympathieträger:innen sein und die Handlung nimmt durchaus düstere und unangenehme Wendungen. Doch besonders in der zweiten Hälfte, in der Annette zunehmend tragischer wird, fällt die emotionale Distanz zu der Handlung und den Figuren immer schwerer ins Gewicht. Besonders im Vergleich Carax' früheren Filmen wie dem großartigen Die Nacht ist jung (1986) fällt auf, wie unberührt die Geschichte von Annette schlussendlich eine:n zurücklässt.  Fazit: Das Musical der anderen Art Mit Annette zieht Leos Carax einen ausgefallenen Schlussstrich unter das vielseitige Musical-Jahr 2021. Die verschachtelte Geschichte rund um Comedian Henry und Opernsängerin Ann ist originell und einzigartig inszeniert und die vielen musikalischen Elemente sorgen stellenweise für gewaltige Momente der Musical-Kinomagie. Wenn es allerdings um die Emotionalität der Handlung geht, bleibt Annettes tieferer Inhalt weit hinter den oberflächlichen Schauwerten des Filmes zurück. Besonders gegen Ende entsteht eine Distanz zu den Figuren und deren Innenleben, welche der gefühlvoll angelegten Geschichte im Weg steht. Dennoch ist Annette eine uneingeschränkte Empfehlung für neugierige Musik und Musical-Fans, die das Genre von einer vollkommen neuen Seite erleben wollen.
    Kritik: Annette
    Handlung
    60%
    Schauspiel
    80%
    Emotionen
    50%
    Musik
    85%
    Atmosphäre
    75%
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  • Erscheinungsdatum: 16.12.2021
    Filmlänge: 140 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , ,
    Bildrechte: Willd Bunch
  • YouTube

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Gesamtbewertung:

Ganz okay
70%

Zwischen populären Musicals wie 'West Side Story' und 'Tick, Tick... Boom' erscheint kurz vor Jahresende still und heimlich das musikalische Filmepos vom französischen Regisseur Leos Carax. Erreicht 'Annette' den Status des unerkannten Musical-Geheimtipps 2021 oder sollte der Film besser zwischen den Melodien der Konkurrenz verklingen?

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Darum geht's

Versteckt unter der Kapuze seines grünen Bademantels steht Comedian Henry McHenry (Adam Driver) Abend für Abend auf der Bühne und erzählt von Depression und Weltfrust. Sein Programm sollte eigentlich niemanden zum Lachen bringen und doch sorgen die zynischen Monologe seiner Bühnenfigur für begeistertes Gelächter und machen ihn zum Comedy-Weltstar. Während Henry auf der Bühne pessimistische Predigen hält, blüht er in seinem Privatleben regelrecht auf. Gemeinsam mit der berühmten Opernsängerin Ann (Marion Cotillard) beginnt er eine leidenschaftliche Beziehung, die das prominente Paar schnell zum Thema Nummer eins der Klatschpresse macht. Was als perfekte Liebe beginnt, soll sich allerdings grundlegend verändern, als Henry und Ann ihre Tochter Annette (Devyn McDowell) bekommen. Das einzigartige Kind stellt die Beziehung auf die Probe und entblößt die wahre Natur seiner Eltern.

2021 – Das Jahr der Musicals

Ob die Verfilmung des Bühnen-Hits In the Heights, die Spielberg’sche Neuauflage des Klassikers West Side Story oder der persönliche Genre-Liebesbrief Tick, Tick… Boom: Für Musical-Fans war 2021 ein regelrechtes Festmahl. Bevor der Vorhang jedoch endgültig vor dem musikalischen Vorzeigejahr fällt, stößt noch ein letzter Genre-Vertreter klammheimlich zum Gesamtpaket-2021 dazu. Annette vom französischen Regisseur Leos Carax.

"Wir bitten Sie nun, bis zum Ende  still zu sein und die Luft anzuhalten. Atmen wird während der Show nicht geduldet. Also, bitte, atmen sie jetzt ein letztes Mal tief ein. Dankeschön."

Leos Carax in Annette

Nicht vielen wird Carax ein Begriff sein, doch Fans des Regisseurs werden schon ahnen, dass Annette nur ein außergewöhnlicher Beitrag zum besagten Musical-Gesamtpaket sein kann. Schon seit den Achtzigern beschäftigt sich der französische Filmemacher in einzigartig kreativen Filmen mit den dunklen Seiten romantischer Beziehungen. Durch immer neue Blickwinkel beleuchtet Carax Liebe, Einsamkeit und Melancholie und sorgt durch seine eigenwilligen Handlungen für regelmäßiges Stirnrunzeln unter seinen Zuschauer:innen. Auch Annette schlägt in eine ähnliche Kerbe und zeigt die ungebändigte und kompromisslose Vision eines Regisseurs im kreativen Vollrausch. Das Ergebnis: der wohl merkwürdigste Musical-Film des Jahres.

Music, Music Everywhere!

Und doch könnte man sagen, dass Annette mehr Musical ist, als alle anderen Genre-Vertreter des Jahres zusammen. Wo beispielsweise West Side Story herkömmliche Dialog-Passagen mit gelegentlichen Songeinsätzen abwechseln, arbeitet Annette genau gegenteilig: Die Musik und der Gesang stehen weit im Vordergrund, während der gesprochene Dialog deutlich zurücktritt.

Kurz gesagt: in Annette wird alles besungen. Während einer Geburt singen die Ärzte ein fröhliches “Breath in, Breath out”-Ständchen und Henrys Comedy-Show-Publikum lacht im harmonischen “Ha, Ha, Ha” - selbst die banalsten Situationen werden stets melodisch kommentiert. Dabei findet der Gesang selten in einer klassischen Song-Struktur (Strophe, Refrain etc.), sondern in zahlreichen kleinen Versatzstücken statt. Viele "Song"-Einsätze sind oft nur wenige Sekunden lang, bevor sie in ein neues musikalisches Motiv überleiten oder sogar ganz verklingen. 

In vielen Momenten verschmilzt 'Annette' komplett mit seiner Musik.

Die ungewohnte Atmosphäre, die dadurch entsteht, wird bei weitem nicht alle Zuschauer:innen ansprechen. Selbst Musical-Fans könnten sich von den wenig klassisch-eingängigen Melodien vor den Kopf gestoßen fühlen und diejenigen, die während Musicals gewohnheitsmäßig darauf warten, dass die Songs aufhören und der normale Dialog weitergeht, werden sich zwangsläufig zu Tode langweilen. Annette verlangt es, dass man sich auf seine Einzigartigkeit und musikalischen Eindrücke vollkommen einlässt.

Wenn Film und Musik verschmelzen

Für die Zuschauer:innen, denen das gelingt, bietet der Film jedoch das Potenzial für einige der eindrucksvollsten musikalischen Momente des gesamten Jahres. Eben dadurch, dass die Musik beinahe nie pausiert, entfaltet sie eine beinahe hypnotische Sogwirkung, die emotionale Höhepunkte oder Konflikte der Handlung plötzlich wie das gewaltige Crescendo eines klassischen Stückes wirken lässt. Wenn der Soundtrack im Klimax der Handlung anschwillt und die Figuren von großen Orchestern begleitet über ihr Leben und Leid berichten, sorgt der Annette für atemberaubende Gänsehautmomente, die fast schon an die Wucht einer Live-Oper heranreichen.

Let the Show begin!

Ähnliche Bühnenshow-Assoziationen möchte der Film auch in seiner Handlung widerspiegeln. Die Story von Annette erzählt sich nicht klassisch von A nach B, sondern wird immer wieder von verschiedenen Meta-Elementen unterbrochen. So tritt Leos Carax zwischendurch in seiner Funktion als Regisseur auf und Hauptdarsteller Adam Driver wechselt mithilfe einer Perücke zwischen seiner Film- und Schauspielpersona. Der Film schafft sich durch diese realitätsnahe Metaebene eine Rahmung, die die Haupthandlung als klare Fiktion kennzeichnet. 

Cast, Regisseur, Komponisten und Sänger:innen – alle sind versammelt und noch niemand spielt eine Rolle.

Zwar vervollkommnet der Film damit die perfekte Illusion des Bühnenspektakels im Kinosaal, doch leider steht er sich mit seinen vielen kreativen Einfällen und Methoden auch oft selbst im Weg. Denn so leicht es fällt, ihn auf inszenatorischer und musikalischer Ebene zu bewundern, so schwer ist es einen emotionalen Zugang zu der eigentlichen Geschichte zu finden. Annette stürzt sich von einer Bildspielerei in die nächste, eröffnet Metaebenen und tanzt sich durch ausgefallene Musicalnummern – Carax stapelt hier so viel Ideenreichtum aufeinander, dass ein großer Teil der Haupthandlung darunter verschüttet wird. 

Hölzerne Figuren

Deutlich wird dies besonders bei den beiden Protagonist:innen, zu denen es stets schwer bleibt, eine emotionale Bindung aufzubauen. Adam Driver und besonders Marion Cotillard spielen zwar großartig, doch ihre Figuren bleiben nichtsdestotrotz distanziert und kalt.

"We love eachother so much": So heißt es in einem Song, doch der Funken zwischen Ann (Marion Cotillard) und Henry (Adam Driver) will nicht überspringen.

Ein Großteil dieser Wirkung ist mit Sicherheit bewusst eingesetzt: Henry und Ann sollen keine uneingeschränkten Sympathieträger:innen sein und die Handlung nimmt durchaus düstere und unangenehme Wendungen. Doch besonders in der zweiten Hälfte, in der Annette zunehmend tragischer wird, fällt die emotionale Distanz zu der Handlung und den Figuren immer schwerer ins Gewicht. Besonders im Vergleich Carax' früheren Filmen wie dem großartigen Die Nacht ist jung (1986) fällt auf, wie unberührt die Geschichte von Annette schlussendlich eine:n zurücklässt. 

Fazit:

Das Musical der anderen Art

Mit Annette zieht Leos Carax einen ausgefallenen Schlussstrich unter das vielseitige Musical-Jahr 2021. Die verschachtelte Geschichte rund um Comedian Henry und Opernsängerin Ann ist originell und einzigartig inszeniert und die vielen musikalischen Elemente sorgen stellenweise für gewaltige Momente der Musical-Kinomagie. Wenn es allerdings um die Emotionalität der Handlung geht, bleibt Annettes tieferer Inhalt weit hinter den oberflächlichen Schauwerten des Filmes zurück. Besonders gegen Ende entsteht eine Distanz zu den Figuren und deren Innenleben, welche der gefühlvoll angelegten Geschichte im Weg steht. Dennoch ist Annette eine uneingeschränkte Empfehlung für neugierige Musik und Musical-Fans, die das Genre von einer vollkommen neuen Seite erleben wollen.

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