8.2/10

Kritik: Bones and All

MIT HAUT UND HAAR

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Genres: Coming-Of-Age, Horror, Romanze, Startdatum: 24.11.2022

Interessante Fakten für…

  • Während der Produktion wurde bei der Filmcrew eingebrochen. Der Stadtrat von Cincinnati stellte schließlich mit Unterstützung des Bürgermeisters 50.000 $ für die Sicherheitskosten zur Verfügung.
  • Dies ist der dritte Taylor-Russell-Film innerhalb von drei Jahren, bei dem die Hauptdarsteller auf dem Plakat ihre Stirne zusammen haben.

‚Bones and All‘ heißt das neue Coming-of-Age-Drama des ‚Call me by your Name‘ Regisseurs Luca Guadagnino. Statt italienischer Spezialitäten steht diesmal jedoch Menschenfleisch auf dem Speiseplan. Kann der Film dennoch berühren oder driftet die Liebesgeschichte ins Absurde ab?

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#ILikeToMoveIt #Mindfuck #Klassikernerd

Darum geht’s

Das Leben von Maren (Taylor Russel) und ihrem Vater findet keinen Halt. Seit ihrer jüngsten Kindheit ziehen beide von Haus zu Haus und Ort zu Ort, ohne lange an einem Punkt zu verweilen. Der Grund dafür: Maren hat eine Drang, der sich immer weniger kontrollieren lässt – den Drang nach Menschenfleisch. Als es kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag wieder zu einem blutigen Zwischenfall kommt, findet sie sich plötzlich ohne ihren Vater und allein auf der Straße wieder. Jenseits des geschützten Elternhauses begibt sich Maren auf die Spuren ihrer Vergangenheit, wobei sie Lee (Timothée Chalemet) kennenlernt, der ihr zeigt, dass sie nicht so allein auf der Welt ist, wie sie immer dachte.

Teenie trifft Terror

Regisseur Luca Guadagnino hat sich in den letzten Jahren einen beachtlichen Namen im Genre der Teenie-Filme mit Anspruch verdient. So kann sein bekanntestes Werk Call me by Your Name jetzt schon mit gutem Gewissen als moderner Klassiker bezeichnet werden. Doch auch durch weniger bekannte Projekte wie die fantastische Miniserie We are who we are bewies Guadagnino sein Talent für komplexe Coming-of-age-Geschichten, die jenseits klassischer Schubladen und klischeebehafteten Denkens stattfinden. 

Doch Guadagnino kann auch anders! Wer den Regisseur nur von seinen einfühlsamen Dramen kannte und mit entsprechender Erwartungshaltung in sein Horror-Meisterwerk Suspiria stolperte, wird mit ziemlicher Sicherheit ein schockierendes Kino-Erlebnis gehabt haben. Das Remake des Kultklassikers hielt sich keineswegs zurück: verstörend, verdrehte Körper, bedrückende Atmosphäre und eindringliche Bilder – Suspiria kam so gar nicht wie Call me by your Name daher und war dennoch fantastisch. 

Mit Bones and All bringt Guagagnino jetzt beide Welten zusammen: Die einfühlsame Liebesgeschichte trifft auf intensive Atmosphäre und happigen Body-Horror. 

Lee (Timothée Chalamet) und Maren (Taylor Russell) teilen eine ähnliche Vergangenheit.

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Lovestory mit Leckerbissen

Ja, im Kern ist Bones and All immer noch eine Coming-of-Age-Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Erwachsenen. Ähnlich wie bei Raw (2016) nutzt Guagagnino den Kannibalismus-Body-Horror als schockierende Metapher für das Innenleben seiner Figuren. Und auch wenn Bones and All nicht die Tiefe eines Raw erreicht, holt der Film erneut Unerwartetes aus der Kannibalismus-Prämisse heraus. 

Wofür genau der Drang nach Menschenfleisch dabei steht, ist in weiten Teilen den individuellen Interpretationen der Zuschauer:innen überlassen. Identitätszweifel, Zugehörigkeit oder Sexualität – es lassen sich viele Themen aus der Handlung herauslesen, doch bricht man es herunter, so ist Bones and All ein Film über Menschen außerhalb der Norm. Zwei Menschen, die entdecken, dass sie anders sind und der Weg auf den sie diese Entdeckung schickt. Marens und Lees Suche nach Zugehörigkeit wird so zum Herzstück des Films und zu einer mitreißenden sowie berührenden Dynamik. 

Dabei ist es faszinierend, wie es Guadagnino gelingt, diese einfühlsamen Momente seines Films mit überzogenen Kannibalismus-Sequenzen in Einklang zu bringen, ohne die Atmosphäre seines Filmes komplett aus dem Gleichgewicht zu bringen. Bones and All balanciert seine schockierenden Sequenzen perfekt aus und gibt der Reise seiner Protagonist:innen dadurch allen Raum, um sich trotz absurder Rahmung natürlich zu entfalten. 

Und plötzlich alleine auf der Welt. Maren (Taylor Russell) sucht nach ihrem Platz.

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On the Road

Diese Reise seiner Figuren erzählt Guadagnino zum Großteil im Stil eines Roadmovies. Die Handlung verweilt nie lange an einem Ort und trägt uns Schritt für Schritt von Setting zu Setting mit immer neuen Figuren und Problemen. Genau wie in seinen vorherigen Filmen inszeniert Guadagnino diese Reise in einem melancholisch entschleunigten Tempo. 

Lange Bilder von Wiesen, die im Wind wehen, ruhige Autofahrten und kleine Begegnungen mit fremden Menschen. Bones and All gibt ein ruhiges Tempo vor, das allerdings täuscht. Denn wie aus dem Nichts kann der Film plötzlich explodieren und sein Publikum mit waschechtem Body-Horror konfrontieren. An der Stelle sei gesagt: Wer einen schwachen Magen hat, sollte einen Bogen um Bones and All machen. 

Guadagnino gelingt durch diese Mischung ein atmosphärisches Setting, das in seiner Stimmung einzigartig ist. Bones and All entführt uns in eine vertraute und nahbar wirkende Welt, die gleichzeitig zu jedem Zeitpunkt leicht verschroben und einschüchternd wirkt. Der Film spiegelt dadurch in seiner Stimmung die Gefühlslage seiner Protagonist:innen und deren vertrauter Zweisamkeit inmitten einer Welt von Anfeindung und merkwürdigen Figuren wieder.

Sully (Mark Rylance) redet von sich nur in der dritten Person. Und das ist bei weitem nicht das Merkwürdigste…

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Verschrobene Figuren

Und wenn es zu den Figuren kommt, die die Welt von Bones and All bevölkern, ist das Wort „merkwürdig“ wahrscheinlich noch untertrieben. Trotz Kannibalismus-Trieb sind Maren und Lee noch die normalsten Gestalten des Films, denn auf ihrer Reise trifft das Duo auf eine zwielichtige Person nach der anderen. All diese Figuren sorgen für eindrucksvolle Kapitel der Haupthandlung und teilen den Film Roadmovie-typisch in einzelne Stationen ein, die mal berührend, mal beängstigend sein können.

Ein Highlight dieser Stationen sei an dieser Stelle besonders hervorgehoben: Der von Mark Rylance verkörperte Sully. Rylance gibt eine hypnotische und transformativen Performance und wird mit Sully zu einer maximal unangenehmen Gestalt, bei der man nicht wissen soll, ob man gespannt hin- oder angewidert wegschauen soll. Durch das Zusammenspiel von einigen Handlungskniffen und Rylance’s Darstellung gehören viele von Sullys Szenen zu den verstörendsten Momenten des Filmes, auch wenn sie teilweise nichts mit Kannibalismus zu tun haben. Hier zeigt sie, wie gruselig Bones and All werden kann. 

Fazit

8.2/10
Stark
Community-Rating: (1 Votes)
Schauspiel 9/10
Handlung 7.5/10
Horror 8.5/10
Emotionen 8.5/10
Tiefgang 7.5/10
Details:
Regisseur: Luca Guadagnino,
FSK: 16 Filmlänge: 131 Min.
Besetzung: Mark Rylance, Taylor Russel, Timothée Chalamet,

Bones and All ist ein faszinierendes Coming-of-Age-Drama, welches Liebesdrama auf einzigartige Weise mit Body-Horror-Elementen mischt. Regisseur Luca Guadagnino zeichnet eine atmosphärische Welt voller extravaganter Figuren und beeindruckend eingefangenen Schauplätzen, in der zwei Teenager auf die Suche nach Zugehörigkeit gehen. Diese Suche ist großartig gespielt, regt zum Nachdenken an und vermag gleichermaßen zu berührend, wie sie zu schockieren weiß. Zuschauer:innen mit starkem Magen und einer Schwäche für langsam erzählte Charakterdramen sollten sich den Film nicht entgehen lassen.

Artikel vom 4. Dezember 2022

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