Kritik: Candyman

Gähndyman
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
Jugendgefährdende Inhalte
  • Aufregung, weil 'Candyman' der erste Film einer schwarzen Regisseurin ist, der auf Platz eins der US-Kinocharts einsteigt. Aufregung, weil Nia DaCosta angeblich nicht die Anerkennung bekommt, die sie verdient. Aufregung, dass Jordan Peele ihr ungewollt die Show stehle – viel drum herum! Wieso der Film an sich aber leider nicht besonders aufregend ist, erfahrt ihr in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht's? Der aufstrebende Künstler Anthony McCoy (Yahya Abdul-Mateen II) erlebt eine kreative Flaute, nachdem seine frühen Arbeiten viel beachtet waren, fehlt ihm nun die Inspiration. Als der Bruder seiner Freundin nebenbei eine Spukgeschichte über eine junge Anthropologin erzählt, die vor fast dreißig Jahren den Verstand verloren und sich verbrannt hat, ist Anthonys Interesse geweckt. Er beginnt zu recherchieren und begibt sich unbewusst auf die Spuren von Candyman… Werbung Tradition und Mythos Candyman ist die Fortsetzung des gleichnamigen Films von 1992 (und ignoriert dabei die ursprünglichen Teile zwei und drei von 1995 und 1999). Der erste Film erzählte die Geschichte der erwähnten Anthropologin, namentlich Helen Lyle (Virginia Madsen), die bei ihren Recherchen in den Schwarzen Ghettos Chicagos auf die Legende des Mörders mit der Hakenhand stößt. Die Fortsetzung nimmt die Fäden des ersten Teils auf und spinnt sie weiter. Dabei greift er das Thema auf, inwiefern das kollektive Erzählen von Mythen Gemeinschaft stiftet. Der Film zeigt, wie die anthropologische Erkundung des urbanen Mythos dreißig Jahre später selber zu einem weiteren Element desselben geworden ist. Ebenso wie sich auch neue Zivilisationsschichten über die damaligen Handlungsorte gelegt hat. Anthony und seine Freundin Brianna (Teyonah Parris) sind aus den prekären Verhältnissen der Wohnblocks herausgewachsen und leben in teuer eingerichteten Designerapartments. Sie stammen aus dem Ghetto (“the hood”), doch sind sie als Künstler und Neo-Bohème die Gentrifizierer in zweiter Generation genau dieses Milieus. Sauber und dreckig Für den Schwarzen Anthony sind die Sozialbauwohnblocks ebenso fremd, wie sie es für die Weiße Helen Kyle 1992 waren. Er muss sich genauso in eine ihm fremde Welt begeben und diese erst erschließen. Damit öffnet er jedoch auch dem hinter den Dingen, in den Wänden ruhendem Wahn, dem übernatürlichen Horror die Türen. Langsam zieht der Schmutz des Ghettos und der Vergangenheit in seine waschbetonsaubere Wohnung und sein Atelier wird zum Drecksschauplatz. Diese Gegensätze setzt Candyman durchaus gelungen in Szene. Jedoch bleibt er insgesamt visuell auf einem sehr durchschnittlichen Niveau. Alle visuellen Gestaltungselemente sind ziemlich konventionell. Die Verwendung von Licht und Schatten, um Ungewissheit zu suggerieren, krasse Lichtakzente, um Verwirrung zu symbolisieren, eine schleichende Kameraführung, die sich auch nur vorsichtig vorzutasten scheint – das ist alles altbekannt und wiegt sich dadurch (visuell) in Sicherheit. Niedriger Puls Trotz der spannenden Verarbeitung des eigenen Erbes und der Themen von Tradition und Herkunft, dem angemessenen Umgang mit bestehenden Erzählungen, ist Candyman leider insgesamt nicht besonders spannend. Denn trotz guter technischer Umsetzung und interessanter Themen ist der Film eines eben nicht: gruselig. Für einen Horrorfilm der größte anzunehmende Unfall. Das liegt, neben den erwähnten konventionellen Versuchen der Spannungserzeugung, vor allem auch daran, dass Candyman selber an der Kraft der eigenen Erzählung zu zweifeln scheint. Immer wieder erzählen sich die Figuren des Films Teile der Legende um Candyman. Man erlebt die Erzählungen nicht mit den Figuren, sodass Grusel aus dem Ungewissen entsteht. Das Erzählte wird stets mit einer Scherenschnittanimation bebildert, wodurch die Zuschauer:innen immer wieder aus der Erzählung gerissen werden. Dadurch entsteht Distanz, die ein Eintauchen und Erleben der Spannung verhindert. Statt solcher optischen Gags – mehr ist er nämlich nicht – hätten dann lieber überzeugendere Dialoge geschrieben werden sollen, die an sich Spannung und Grusel erzeugen und keinen Scherenschnitt nötig haben. Fazit: Interessant aber langweilig Leider kann ich keine Empfehlung aussprechen. Für Genrefans oder gar Genrehistoriker sicher ein interessanter Film, um zu sehen wie die berühmte Vorlage fortgesetzt wird. Auch die sozialen Themen sind nicht uninteressant verhandelt. Wer daran aber nicht, oder nur nebenbei, interessiert ist und von einem Horrorfilm vor allem erwartet, dass er für Grusel und Unterhaltungsangst sorgt, wird enttäuscht werden. Leider nichts Besonderes, außer besonders unspannend.
    Kritik: Candyman
    Handlung
    60%
    Spannung
    45%
    Visuelle Umsetzung
    55%
    Tiefgang
    60%
    Horror
    50%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 26.08.2021
    Filmlänge: 91 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , ,
    Bildrechte: Universal Pictures
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Gesamtbewertung:

Enttäuschend
54%

Aufregung, weil 'Candyman' der erste Film einer schwarzen Regisseurin ist, der auf Platz eins der US-Kinocharts einsteigt. Aufregung, weil Nia DaCosta angeblich nicht die Anerkennung bekommt, die sie verdient. Aufregung, dass Jordan Peele ihr ungewollt die Show stehle – viel drum herum! Wieso der Film an sich aber leider nicht besonders aufregend ist, erfahrt ihr in der Kritik.

Worum geht's?

Der aufstrebende Künstler Anthony McCoy (Yahya Abdul-Mateen II) erlebt eine kreative Flaute, nachdem seine frühen Arbeiten viel beachtet waren, fehlt ihm nun die Inspiration. Als der Bruder seiner Freundin nebenbei eine Spukgeschichte über eine junge Anthropologin erzählt, die vor fast dreißig Jahren den Verstand verloren und sich verbrannt hat, ist Anthonys Interesse geweckt. Er beginnt zu recherchieren und begibt sich unbewusst auf die Spuren von Candyman…

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Tradition und Mythos

Candyman ist die Fortsetzung des gleichnamigen Films von 1992 (und ignoriert dabei die ursprünglichen Teile zwei und drei von 1995 und 1999). Der erste Film erzählte die Geschichte der erwähnten Anthropologin, namentlich Helen Lyle (Virginia Madsen), die bei ihren Recherchen in den Schwarzen Ghettos Chicagos auf die Legende des Mörders mit der Hakenhand stößt. Die Fortsetzung nimmt die Fäden des ersten Teils auf und spinnt sie weiter. Dabei greift er das Thema auf, inwiefern das kollektive Erzählen von Mythen Gemeinschaft stiftet.

Yahya Abdul-Mateen II als Anthony McCoy in Nia DaCostas Candyman (2021)

Visuell hätte 'Candyman' mehr aus den Spannungen seiner Schauplätze herausholen müssen.

Der Film zeigt, wie die anthropologische Erkundung des urbanen Mythos dreißig Jahre später selber zu einem weiteren Element desselben geworden ist. Ebenso wie sich auch neue Zivilisationsschichten über die damaligen Handlungsorte gelegt hat. Anthony und seine Freundin Brianna (Teyonah Parris) sind aus den prekären Verhältnissen der Wohnblocks herausgewachsen und leben in teuer eingerichteten Designerapartments. Sie stammen aus dem Ghetto (“the hood”), doch sind sie als Künstler und Neo-Bohème die Gentrifizierer in zweiter Generation genau dieses Milieus.

Sauber und dreckig

Für den Schwarzen Anthony sind die Sozialbauwohnblocks ebenso fremd, wie sie es für die Weiße Helen Kyle 1992 waren. Er muss sich genauso in eine ihm fremde Welt begeben und diese erst erschließen. Damit öffnet er jedoch auch dem hinter den Dingen, in den Wänden ruhendem Wahn, dem übernatürlichen Horror die Türen. Langsam zieht der Schmutz des Ghettos und der Vergangenheit in seine waschbetonsaubere Wohnung und sein Atelier wird zum Drecksschauplatz.

Teyonah Parris als Brianna Teller in Nia DaCostas Candyman (2021)

Die Leistung der Schauspieler wie etwa Teyonah Parris ist durchaus nicht schlecht, kann den Film aber leider nicht retten.

Diese Gegensätze setzt Candyman durchaus gelungen in Szene. Jedoch bleibt er insgesamt visuell auf einem sehr durchschnittlichen Niveau. Alle visuellen Gestaltungselemente sind ziemlich konventionell. Die Verwendung von Licht und Schatten, um Ungewissheit zu suggerieren, krasse Lichtakzente, um Verwirrung zu symbolisieren, eine schleichende Kameraführung, die sich auch nur vorsichtig vorzutasten scheint – das ist alles altbekannt und wiegt sich dadurch (visuell) in Sicherheit.

Niedriger Puls

Trotz der spannenden Verarbeitung des eigenen Erbes und der Themen von Tradition und Herkunft, dem angemessenen Umgang mit bestehenden Erzählungen, ist Candyman leider insgesamt nicht besonders spannend. Denn trotz guter technischer Umsetzung und interessanter Themen ist der Film eines eben nicht: gruselig. Für einen Horrorfilm der größte anzunehmende Unfall.

Das liegt, neben den erwähnten konventionellen Versuchen der Spannungserzeugung, vor allem auch daran, dass Candyman selber an der Kraft der eigenen Erzählung zu zweifeln scheint. Immer wieder erzählen sich die Figuren des Films Teile der Legende um Candyman. Man erlebt die Erzählungen nicht mit den Figuren, sodass Grusel aus dem Ungewissen entsteht. Das Erzählte wird stets mit einer Scherenschnittanimation bebildert, wodurch die Zuschauer:innen immer wieder aus der Erzählung gerissen werden.

Scherenschnittanimation in Nia DaCostas Candyman (2021)

Die Animationen der urbanen Legenden, wenn auch gut gemacht, reißen einen immer wieder aus der Handlung.

Dadurch entsteht Distanz, die ein Eintauchen und Erleben der Spannung verhindert. Statt solcher optischen Gags – mehr ist er nämlich nicht – hätten dann lieber überzeugendere Dialoge geschrieben werden sollen, die an sich Spannung und Grusel erzeugen und keinen Scherenschnitt nötig haben.

Fazit:

Interessant aber langweilig

Leider kann ich keine Empfehlung aussprechen. Für Genrefans oder gar Genrehistoriker sicher ein interessanter Film, um zu sehen wie die berühmte Vorlage fortgesetzt wird. Auch die sozialen Themen sind nicht uninteressant verhandelt. Wer daran aber nicht, oder nur nebenbei, interessiert ist und von einem Horrorfilm vor allem erwartet, dass er für Grusel und Unterhaltungsangst sorgt, wird enttäuscht werden. Leider nichts Besonderes, außer besonders unspannend.

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