Kritik: Der Hauptmann

Kleider machen Nazis
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Eine Gruppe von Soldaten zieht den Geländewagen des SS-Hauptmanns in einem Titelbild für Kritik Der Hauptmann
  • Robert Schwentke ist einer der wenigen deutschen Regisseure, die es tatsächlich bis nach Hollywood geschafft haben. Der Stuttgarter hat zum Beispiel 'R.I.P.D.', 'Insurgent' und 'Allegiant' gedreht, doch für 'Der Hauptmann' ging’s dann wieder zurück nach Deutschland. Dieser Nazi-Film erzählt die unfassbare Geschichte des Kriegsverbrechers Willi Herold. Wie nervenaufreibend der Historienfilm ist, erfahrt ihr in der Bewertung und Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht’s: 1945, an der deutschen Front: Der Krieg wird keine zwei Wochen mehr dauern. Die deutschen Streitkräfte sind versprengt und verzweifelt. Willi Herold (Max Hubacher) ist ein Deserteur, der von seinen Landsleuten durch das Dickicht gejagt wird.…

    82%

    Stark

    Handlung - 80%
    Spannung - 80%
    Visuelle Umsetzung - 90%
    Schauspieler - 75%
    Tiefgang - 85%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 15.03.2018
    Filmlänge: 119 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , ,
    Bildrechte: © 2018 Weltkino Filmverleih

Gesamtbewertung:

Stark
82%

Robert Schwentke ist einer der wenigen deutschen Regisseure, die es tatsächlich bis nach Hollywood geschafft haben. Der Stuttgarter hat zum Beispiel 'R.I.P.D.', 'Insurgent' und 'Allegiant' gedreht, doch für 'Der Hauptmann' ging’s dann wieder zurück nach Deutschland. Dieser Nazi-Film erzählt die unfassbare Geschichte des Kriegsverbrechers Willi Herold. Wie nervenaufreibend der Historienfilm ist, erfahrt ihr in der Bewertung und Kritik.

Darum geht’s:

1945, an der deutschen Front: Der Krieg wird keine zwei Wochen mehr dauern. Die deutschen Streitkräfte sind versprengt und verzweifelt. Willi Herold (Max Hubacher) ist ein Deserteur, der von seinen Landsleuten durch das Dickicht gejagt wird. Doch Willi hat Glück: Nicht nur kann er dem Todesurteil für seine Desertion entkommen, er findet auch noch eine herrenlose SS-Hauptmanns-Uniform. Auch wenn sie nicht ganz perfekt sitzt, reicht die Uniform vollkommen aus, um eine irrsinnige Maskerade ins Rollen zu bringen.

Willi sammelt sich eine Gruppe von Deserteuren zusammen, die er als „Hauptmann Herold“ herumkommandiert. Er habe einen „Auftrag, direkt vom Führer“ und müsse die Zustände hinter der Front dokumentieren. Als Herolds Gruppe an einem Gefangenenlager für Deserteure ankommt, eskaliert Willis Rollenspiel in einen blutigen Amoklauf…

Max Hubacher als Willi Herold steht neben einem liegengebliebenen Geländewagen in einer SS-Uniform und zielt mit einer Fingerpistole in einem Szenenbild für Kritik Der Hauptmann

Willi Herold (Max Hubacher) übt schonmal seine Performance als Hauptmann. Die Uniform ist etwas zu groß, aber das wird schon niemandem auffallen...

Warum in Schwarz-Weiß?

Natürlich denkt man sofort an Schindlers Liste. Dabei ist Schwarz-Weiß vermutlich die ausdrucksstärkste und passendste Filmvariante für die Darstellung des Nazi-Horrors. Ganz ehrlich, irgendwie stellen wir alle uns doch die NS-Zeit in Schwarz-Weiß vor. Schuld daran sind natürlich die zeitgenössischen Fotos und Filmaufnahmen, die in ihren farblosen, schattigen Bildern umso gruseliger wirken. Von eben dieser unterkühlten und tristen Atmosphäre profitiert Der Hauptmann, der das Schwarz-Weiß hervorragend einsetzt und stinknormale Landschaften in bildgewaltige und furchterregende Settings verwandelt.

Die Kamera ruht sich nicht aus und fängt das Geschehen aus allen denkbaren Blickwinkeln ein. Dabei schraubt der Kameramann sein Gerät immer wieder vom Stativ ab und beweist, dass Shaky-Cam einen unglaublich immersiven Effekt haben kann – wenn man es denn richtig macht. In anderen Sequenzen gibt’s dann doch auch mal stoische Totalaufnahmen zu betrachten, die meistens die Absurdität einer Situation einfangen. z.B. als die Gruppe von Soldaten den Geländewagen des „Hauptmanns“ durch den Matsch zieht. Diese Einstellung hat es letztendlich sogar aufs Filmposter geschafft.

Musik aus der Hölle

Ebenso furchteinflößend ist der maschinelle und dissonante Filmscore, der sich mehr wie verzerrter Kriegsartillerie-Krach anhört als Musik. In Kombination mit den tristen Schwarz-Weiß-Aufnahmen funktioniert der Score sehr effektiv. Da kann man sich nur zu gut in das Trauma der Deserteure und Kriegszitterer einfühlen, auch wenn zweites nicht wirklich aufgegriffen wird.

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Doch leider ist nicht alles in Der Hauptmann so effektiv wie die audiovisuelle Umsetzung.

Cast für’s Theater

Wie so oft in deutschen Filmen, haben die Schauspieler ein Problem mit natürlich wirkenden Dialogen. Gespräche wirken oft hölzern und gleichzeitig überspielt, so als ob der Cast zu einem Theaterpublikum sprechen würde. Da hilft auch das immer wieder erzwungene Nuscheln nicht weiter.

Max Hubacher kann man sein Overacting verzeihen, da er ja zum Großteil des Films in die Rolle des „Hauptmanns“ schlüpft. Die authentischste Performance liefert Milan Peschel als Freytag, der dem Hauptmann als erstes über den Weg läuft und sich schnell als unterwürfiger Diener beweist. Frederick Lau als Deserteur, der das Rollenspiel von Willi Herold zu durchschauen scheint, steigert sich mit Herzblut in seine psychopathische Rolle hinein, auch wenn ein paar seiner Ausraster zu überspitzt wirken.

Max Hubacher, Milan Peschel und Frederick Lau stehen vor einem Gefangenenlager in einem Szenenbild für Kritik Der Hauptmann

Willi (Max Hubacher, vorne) fühlt sich in seiner Rolle mittlerweile richtig wohl. Freytag (links, Milan Peschel) scheint das Rollenspiel nicht zu durchschauen, im Gegensatz zu Kipinski (rechts, Frederick Lau), der aber an der ganzen Situation Gefallen zu finden scheint.

Potential nicht voll ausgenutzt

Der Hauptmann baut von Anfang an ein großes Suspense-Konstrukt auf. Wie lange wird Willis Rollenspiel unentdeckt bleiben? Schwentke arbeitet dabei mit den üblichen Nazi-Klischees, die wir bereits aus Inglourious Basterds und Co. kennen. Es gibt wieder SS-Offiziere, die sich fiese Psychospielchen erlauben und alles zu durchschauen scheinen, in manische Wutanfälle verfallen, nur um sich wenige Minuten später wieder im eloquenten Deutsch über die fehlende Disziplin deutscher Soldaten zu brüskieren. Das hat man alles schon gesehen und ist lange nicht mehr so überraschend wie in älteren Nazi-Filmen.

Verdammt starke erste Hälfte, schwächere zweite Hälfte

Leider kann das Drehbuch den Spannungsbogen nicht bis zum Ende hin straff halten. Während die erste Stunde des 120 Minuten langen Films verdammt stark an den Nerven des Zuschauers kitzelt, scheint das Geschehen in der zweiten Hälfte zum Stehen zu kommen. 

Schuld daran sind die wahren Begebenheiten, denn die meisten seiner Gräueltaten verübte Willi in einem Gefangenenlager. Der Hauptmann wird also beinahe zu einem Kammerspiel. Die Intensität geht dadurch nicht verloren, nur scheint die sorgfältig aufgebaute Spannung langsam an Bedeutung zu verlieren.

Im letzten Drittel eskaliert der Film immer mehr. Einige Szenen erinnern tatsächlich an die Exzesse aus The Wolf of Wallstreet, z.B. als die Nazi-Gruppe eine dekadente Partyorgie veranstaltet und die Kamera in Zeitlupe draufhält, wie sich Offiziere an nackten Brüsten bedienen und gleichzeitig Champagner in sich reinkippen. Aus dramaturgischer Sicht geht dieses Stakkato an Sauf- und Gewaltexzessen mindestens 20 Minuten zu lang. Die Auflösung wirkt dabei schon beinahe antiklimatisch.

Ganz leichter Spoiler: Mutiger Abspann

Das Highlight kommt tatsächlich erst ganz zum Schluss. Hier wird es interessant, denn den Abspann werden einige sehr wahrscheinlich als überzogen und prätentiös abstempeln. Dabei liefert er die nötige Pointe des Films: Wir sehen den Geländewagen des „Schnellgericht Herold“ durch die Berliner Innenstadt rasen, in gewohnter Schwarz-Weiß-Aufnahme. Doch allmählich schleichen sich Passanten mit Handys, Starbucks und ein moderner Benz ins Bild ein. In den folgenden Szenen verhaftet Willi Herold Passanten, nimmt ihnen den Geldbeutel weg und belästigt sie so gut es nur geht. Die Aufnahmen zeigen, wie abstrus und undenkbar die damalige Zeit in heutiger, vertrauter Umgebung aussehen würde. Das ist schon beinahe Satire, wie wir sie aus Er ist wieder da kennen.

Fazit:

'Der Hauptmann' ist ein starker Historienfilm mit 20 Minuten zu viel auf den Rippen

Robert Schwentke hat nicht unbedingt ein Meisterwerk geschaffen, dafür aber einen durchaus beeindruckenden Film, dem man einige Schwächen verzeihen muss. Aus technischer Sicht ist Der Hauptmann astreines Kunst-Kino, das in seinen Schwarz-Weiß-Bildern eine bedrückende Atmosphäre gefangen hält, der man sich nur schwer entziehen kann. Die stark aufgebaute Spannung flaut in der zweiten Hälfte etwas ab. Nach dem mutmaßlichen Finale schaufelt der Film noch einige Extraszenen hinterher, die zwar aus historischer Sicht notwendig sind, aber aus dramaturgischer Sicht vollkommen losgelöst wirken. Dennoch ist Der Hauptmann eine intensive Kinoerfahrung und einer der stärksten deutschen Filme der letzten paar Jahre.

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