2.9/10

Kritik: France

STORY? WELCHE STORY?

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Genres: Drama, Komödie, Startdatum: 25.08.2021

Interessante Fakten für…

  • Die clevere Eingangssequenz nutzt Archivmaterial einer Pressekonferenz, um France und Emmanuel Macron aufeinander treffen zu lassen
  • Fred wird von Benjamin Biolay gespielt, einem in Frankreich berühmten Chansonnier

Mon dieu, was ist das denn? Ein talentierter Regisseur und Frankreichs Superstar tun sich zusammen und wissen nichts miteinander anzufangen. Die ambitionierte Möchtegern-Satire kämpft nicht mit großem Drama, sondern gegen die Müdigkeit an.

johannes 1
#Kinogänger #Klassiker #Trashfan

Darum geht’s

Frankreich hat eine neue Star-Journalistin: France de Meurs (Léa Seydoux). Mit ihren Reportagen von den Kriegsschauplätzen der Welt zeigt sie, was sich andere nicht trauen, in ihrer Talkshow und bei Pressekonferenzen bohrt sie bei den Mächtigen des Landes nach. Das Publikum liebt sie, für sie gibt es nur eine Richtung: weiter nach oben. Als sie den Rollerfahrer Baptiste (Jawad Semmar) anfährt, ändert sich ihr Leben schlagartig: Die Boulevardmedien stürzen sich auf France und sie erkennt, dass sie sich um Meinungen, jedoch nie um Menschen kümmerte. In ihrem neuen Lebensabschnitt trifft sie bald auf Alex (Emanuele Arioli), der ganz anders als ihr bisheriges Umfeld ist.

Unbedeutender Unfall

France hat keine Probleme und genau das wird ihr zum Problem. Täglich gehört von Millionen, geliebt von Allen, ihr Wort hat Gewicht in der Republik. Doch wenn man auf dem Gipfel angekommen ist, kann es eigentlich nur noch bergab gehen. Und dann wieder bergauf. Und dann wieder bergab. Über die Spielzeit des Films geht es für France mal hoch, mal runter, doch bewegt sich die dramatische Skala minimal. Zu keinem Zeitpunkt entfernt sich der Film wirklich vom Höhepunkt (Fernsehstar, luxuriöses Apartment, von der Bevölkerung verehrt) und wird dadurch auch nie spannend. Alles, wirklich fast alles, was erzählerisches Material geboten hätte, wird links liegen gelassen. Mit einer unfassbaren Dickköpfigkeit verweigert sich das Script allen interessanten Momenten und entlässt jede potentiell entscheidende Szene in die Banalität.

Der Unfall von France und Baptiste soll einen vermeintlichen Wendepunkt in ihrem Leben darstellen, der Moment, in dem sich ihr Leben durch äußere Einwirkung drastisch verändert. Jedoch ist dieser Moment vollkommen bedeutungslos. Der „Unfall“ selbst ist kein weltbewegender Stoff und auch die Auswirkungen sind oberflächlich und unbedeutend. France anschließender Besuch des Opfers im Krankenhaus und später im elterlichen Wohnhaus im Banlieue sind seelenlose Momente. Der Fernsehstar schwört, sie werde sich um den angefahrenen Baptiste kümmern und ihr Leben fortan bedeutsameren Dingen widmen als der Karriere. Na, schöpft da jemand Hoffnung, dass der Film nach einer knappen halben Stunde endlich Fahrt aufnehmen könnte? Bald macht sich Enttäuschung breit: Diese als „Wendepunkt“ deklarierte Erfahrung hat keinerlei weitere Folgen. Nicht für France, nicht für den Film. Von ihrem veränderten Lebenswandel, der nun für Spannung sorgen sollte, ist nichts zu spüren. Der Film verkauft uns Baptiste als wichtigen Einfluss auf Frances Biographie – und entledigt sich ihm dann auf direktem Wege. Wir sollen nie mehr von ihm hören.

War was, Fred?

Nicht nur der arme Baptiste kommt unter die Räder, so ziemlich jede Nebenfigur bleibt flach wie Bühnenkulisse. Frances Mann Fred ist Schriftsteller, der jedoch hinter ihrem Fame zurückbleibt. Die beiden streiten um ihre Rollen in der Beziehung, um Erziehung, um Geld. Doch bleiben die Auseinandersetzungen zu kurz um wirkliche Tiefe zu erreichen. Auch Lou, die als Assistentin stets an Frances Seite ist, könnte ihr als Gegenstück dienen und für Tiefe sorgen, doch bleibt es bei müden humorvollen Versuchen. Es braucht Figuren, die France erden und einordnen lassen. Die Dialoge entstehen lassen, welche für inhaltliche Schwere sorgen. Doch davon gibt es viel zu wenig. France steht nur für sich selbst. Sie dominiert jede Szene und lässt kaum Raum für andere Charaktere oder Gedanken. Es ist fast unglaublich, doch im Film France geht es, fast ausschließlich um die Titelfigur France. Nicht um andere Menschen. Nicht um Journalismus, Medien, das Leben, die Liebe, Psyche oder irgendetwas, es geht um France alleine.

Wer nun erwartet, dass sich hinter dem doppeldeutigen Namen (France de Meurs – Meurs de France – Der Tod Frankreichs) schließlich doch etwas interessantes versteckt, wird ebenfalls enttäuscht. Was will uns dieser Film über die Grande Nation sagen? Dass ihr Tod bevorsteht? Dass sie einer psychisch instabilen Journalistin gleicht, die zwischen Gefühlslagen pendelt? Großspurig legt der Film eine scheinbar clevere allegorische Fährte aus, am Ende der Fährte findet sich jedoch rein gar nichts.

Die einzige erzählerische Doppeldeutigkeit hier ist: France ist eine Figur, die sich nur um sich selbst dreht – in einem Film, der sich nur um sie dreht.

Kein Keim geht auf

Als Mediensatire beworben, verbringt der Film tatsächlich viel Zeit mit der Darstellung journalistischer Praxis. France berichtet live von Kriegsschauplätzen, diskutiert im Fernsehstudio, beeinflusst die öffentliche Meinung. Wenige Momente stechen heraus, vieles ist jedoch harmlose Fiktion und nicht bissig genug für wirkliche Satire. Auch in diesen Momenten tritt das Hauptsymptom des Films in den Vordergrund: Alles potentiell interessante wird links liegen gelassen.

France, in kugelsicherer Weste und Helm, steht vor einer Kamera im Kriegsgebiet, Bombeneinschläge in der Ferne, Kugelzischen in der Nähe. Mit ihrem kleinen Team läuft sie durch Ruinen, während kurzer Verschnaufpausen spricht sie ihren Front-Report in die Kamera. Gemeinsam mit ihrem Team besteigt sie ein Boot voller Flüchtender, Ziel: Europa. Sie berichtet live von der Überfahrt. Die Reporterin wittert in dieser reißerischen Berichterstattung einen journalistischen Coup und auch wir lassen uns hinreißen zu glauben, dass etwas spannendes passieren könnte. Nun, was passiert? Nichts. Der Schusswechsel bleibt ungefährlich, das Flüchtlingsboot schippert bei Sonnenschein durchs Mittelmeer, die Insassen schweigen brav und werden schließlich von der Küstenwache aufgenommen. In France reihen sich Szenen aneinander, in denen Keimlinge von Dramatik spürbar sind, aber nicht aufgehen.

Jedes Kind lernt: Essen ist wertvoll und wird nicht verschwendet. In Frankreichs Filmschulen sollte man lehren: Dramatik ist wertvoll – und wird nicht verschwendet.

Fazit

2.9/10
Schlecht
Community-Rating:
Handlung 3/10
Spannung 2/10
Tiefgang 3/10
Charaktere 3.5/10
Dialoge 3/10
Details:
Regisseur: Bruno Dumont,
FSK: 12 Filmlänge: 134 Min.
Besetzung: Benjamin Biolay, Blanche Gardin, Léa Seydoux,

Dass dieser Film als „Satire“ beworben wird, ist der einzige Witz, den es über schleppende 130 Minuten zu erleben gibt. Die guten Idee sind rar und werden nie konsequent zu Ende geführt. Alle anderen Rollen im Script werden zugunsten der Titelfigur verstümmelt, doch das Handeln von France ist beliebig und nicht nachvollziehbar. Sie dominiert in ständig wechselnden, aufwendigen Outfits die vielen Szenen, welche eigentlich nichts aussagen. Ein Filmerlebnis wie das Durchblättern einer alten, langweiligen Vogue.

Artikel vom 22. Juni 2022

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