Kritik: Nomadland

Drama ohne Dramaturgie
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
  • Gute Nachrichten für Wohnmobil-Händler: Das ohnehin schon boomende Geschäft mit dem Zuhause auf vier Rädern könnte dieses Jahr nochmal einen Schub erleben, sollte 'Nomadland' endlich im Kino laufen dürfen. Denn Chloé Zhao, die Frau hinter dem Road Movie, weckt Lust auf die Straße und macht im Corona-Jahrgang des Kinos alles richtig, obwohl – oder vielleicht gerade weil – sie Vieles anders macht. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht’s? Fern (Frances McDormand) schlägt sich durch. Zuerst verliert sie ihren Job, dann ihren Mann, schließlich ihr Haus. Nachdem die Gipsmine erschöpft ist, geht die Industrie, ihr Mann verstirbt und Fern machte sich auf den Weg. Jetzt ist sie mit ihrem weißen Van unterwegs, doch, wie sie selbst sagt, nicht „homeless“, sondern lediglich „houseless“. Als sie auf eine Gruppe weiterer Nomaden trifft, lernt sie das moderne Leben „on the road“ kennen, zwischen Gelegenheitsjobs, Gemeinschaft und Getriebensein. Aus dem „Durchschlagen“ wird ein bewusstes Pilgern durch ein gebeuteltes Amerika. Nicht noch ein Problemfilm! Wenige Minuten nach Beginn des Films parkt Fern im Dunkeln ihren Van auf einem riesigen Parkplatz. In einer Totalen sehen wir über dem Tor, durch das die Frühschicht strömt, den Namen ihres neuen Arbeitgebers: Amazon. Die Kamera nimmt uns mit in die riesige Lagerhalle, in der tausende Pakete auf Fließbändern laufen, gleichsam laufen Assoziationen durch unser Gehirn – Amazon als Arbeitgeber, viele von uns dürften Einschlägiges gehört haben. Als Zuschauer erwartet man nun eine Achterbahnfahrt über Verlierer des Systems, Ausbeutung, die Rolltreppe abwärts. Und so warten wir auf die großen Rückschläge, Arbeitsunfälle, übergriffige Vorgesetzte, platte Reifen, all das Schlechte im Leben, von dem die Dramaturgie eines solchen Films nun mal lebt. Doch die Taschentuchmomente bleiben aus. Statt dem kapitalismuskritischen Hammer wählt Chloé Zhao den naturalistischen Pinsel. Das laut Golden Globe-Jury beste Drama des Jahres kommt ohne klassische Dramaturgie aus. Stattdessen nimmt uns Nomadland mit auf die Straße, hinein in die Mitte von Menschen, die man im Jahr 2021 schon fast aufgegeben hat – bodenständige, Country-hörende US-Amerikaner. Es sind Charaktere, die man vor langer, langer Zeit mal als gutmütige „Heartland“-Bevölkerung bezeichnet hat – mit Gitarre am Lagerfeuer, Pannenhilfe und Dosenbier. Werbung Kino lebt Finanzielle Abhängigkeit und die Herausforderungen des nomadischen Lebensstils schimmern durch, jedoch beherrschen sie niemals das Narrativ. Wenn es überhaupt eine gibt, ist die Story sehr frei erzählt: klare Szenenfolge, Spannungsbögen oder Happy End sucht man vergebens. Die Gespräche zwischen den Figuren (zumeist Laiendarsteller) sind stark gespielt und wirken wie zufällig mitgeschnitten, die Kamera pendelt zwischen dokumentarischem Stil und romantischen Landschaftsaufnahmen. Zhao und ihr Kameramann hatten scheinbar deutlich die Aufführung auf der großen Leinwand vor Augen. In der ersten Einstellung öffnet sich ein Rolltor wie ein Vorhang, gegen Ende schließt sich die Tür wie in Der Schwarze Falke oder Der Pate – kleine Liebeserklärungen ans Kino. Im Kontrast zur Enge des Vans öffnet sich das Bild regelmäßig für den Horizont der Wüste. Das Dach überm Kopf wirkt da schnell klaustrophobisch. Doch im Unterschied zu „Into the Wild“ ist der Film keine Ode an die beste Art zu leben oder den Versuch, aus „dem System“ auszubrechen. Auch sind die Nomads keine „Verlierer des Systems“. Als wahrhaftige Aussteiger ist es ihnen gelungen, die unterschiedlichen Vergangenheiten hinter sich zu lassen und eine frei gewählte Nische der Gesellschaft zu erobern. Politik ohne Provokation, Feminismus ohne Brecheisen Ein Film, der so deutlich auf die große Leinwand gehört, ist in Zeiten des Lockdown ein Sehnsuchtsschrei, wie die Veröffentlichung einer Bademoden-Kollektion im Winter. Doch auch aus anderen Gründen ist Nomadland eine bereichernde Neuerscheinung im Kinojahr 2021. Der Film stellt Figuren in den Vordergrund, die wir lange nicht mehr so unironisch genießen durften: die vielbeschworenen und zuletzt misstrauisch beäugten „kleinen Leute“. Anstatt sich moralisch positionieren zu müssen, verlässt der Film das politische Schlachtfeld und fährt raus in die Wüste, weit weg von den Großstädten mit ihren aufgeheizten Gemütern. Politisches Kino muss nicht provokant oder kontrovers sein. Und obwohl es Golden Globe-Konkurrent Promising Young Woman ist, welcher als progressive Neuerscheinung gefeiert wird, trägt für mich Nomadland langfristig mehr zur feministischen Welt des Kinos bei. Völlig selbstverständlich und unverkrampft lässt der Film eine Frau ein Topos bearbeiten, welches bisher vor allem Männern vorbehalten blieb: die Straße, die Wüste, das Alleinsein. Fazit: 107 Minuten Fernweh Chloé Zhao gelingt das Kunststück, einen politischen Film zu inszenieren, welcher die Schattenseiten des amerikanischen Traums beleuchtet, ohne den Zuschauer mit moralischen Tiefschlägen zu bearbeiten. Ihre „Nomaden“ leben außerhalb des Systems in vollkommener Stille, die wunderschönen Bilder lassen uns vom nächsten Campingurlaub träumen. Doch vermutlich ist es das dokumentierte Miteinander, welches uns am meisten sehnsüchtig werden lässt – nach unkomplizierten Begegnungen mit Menschen, für die nicht zählt, woher du kommst, sondern nur, ob du mal kurz einen Schraubenzieher ausleihen kannst.
    Kritik: Nomadland
    Schauspiel
    75%
    Visuelle Umsetzung
    85%
    Emotionen
    70%
    Tiefgang
    70%
    Atmosphäre
    85%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 11.09.2020
    Filmlänge: 107 Minuten
    FSK: 0
    Genre: , ,
    Regisseur:
    Besetzung: ,
    Bildrechte: © Walt Disney Studios Motion Pictures Germany
  • YouTube

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Gesamtbewertung:

Gut
77%

Gute Nachrichten für Wohnmobil-Händler: Das ohnehin schon boomende Geschäft mit dem Zuhause auf vier Rädern könnte dieses Jahr nochmal einen Schub erleben, sollte 'Nomadland' endlich im Kino laufen dürfen. Denn Chloé Zhao, die Frau hinter dem Road Movie, weckt Lust auf die Straße und macht im Corona-Jahrgang des Kinos alles richtig, obwohl – oder vielleicht gerade weil – sie Vieles anders macht.

Worum geht’s?

Fern (Frances McDormand) schlägt sich durch. Zuerst verliert sie ihren Job, dann ihren Mann, schließlich ihr Haus. Nachdem die Gipsmine erschöpft ist, geht die Industrie, ihr Mann verstirbt und Fern machte sich auf den Weg. Jetzt ist sie mit ihrem weißen Van unterwegs, doch, wie sie selbst sagt, nicht „homeless“, sondern lediglich „houseless“. Als sie auf eine Gruppe weiterer Nomaden trifft, lernt sie das moderne Leben „on the road“ kennen, zwischen Gelegenheitsjobs, Gemeinschaft und Getriebensein. Aus dem „Durchschlagen“ wird ein bewusstes Pilgern durch ein gebeuteltes Amerika.

Nicht noch ein Problemfilm!

Wenige Minuten nach Beginn des Films parkt Fern im Dunkeln ihren Van auf einem riesigen Parkplatz. In einer Totalen sehen wir über dem Tor, durch das die Frühschicht strömt, den Namen ihres neuen Arbeitgebers: Amazon. Die Kamera nimmt uns mit in die riesige Lagerhalle, in der tausende Pakete auf Fließbändern laufen, gleichsam laufen Assoziationen durch unser Gehirn – Amazon als Arbeitgeber, viele von uns dürften Einschlägiges gehört haben. Als Zuschauer erwartet man nun eine Achterbahnfahrt über Verlierer des Systems, Ausbeutung, die Rolltreppe abwärts.

Beitragsbild zur Kritik von "Nomadland"

Empire, Nevada: Vor Kurzem noch Heimat, heute eine Geisterstadt.

Und so warten wir auf die großen Rückschläge, Arbeitsunfälle, übergriffige Vorgesetzte, platte Reifen, all das Schlechte im Leben, von dem die Dramaturgie eines solchen Films nun mal lebt. Doch die Taschentuchmomente bleiben aus. Statt dem kapitalismuskritischen Hammer wählt Chloé Zhao den naturalistischen Pinsel. Das laut Golden Globe-Jury beste Drama des Jahres kommt ohne klassische Dramaturgie aus. Stattdessen nimmt uns Nomadland mit auf die Straße, hinein in die Mitte von Menschen, die man im Jahr 2021 schon fast aufgegeben hat – bodenständige, Country-hörende US-Amerikaner. Es sind Charaktere, die man vor langer, langer Zeit mal als gutmütige „Heartland“-Bevölkerung bezeichnet hat – mit Gitarre am Lagerfeuer, Pannenhilfe und Dosenbier.

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Kino lebt

Finanzielle Abhängigkeit und die Herausforderungen des nomadischen Lebensstils schimmern durch, jedoch beherrschen sie niemals das Narrativ. Wenn es überhaupt eine gibt, ist die Story sehr frei erzählt: klare Szenenfolge, Spannungsbögen oder Happy End sucht man vergebens. Die Gespräche zwischen den Figuren (zumeist Laiendarsteller) sind stark gespielt und wirken wie zufällig mitgeschnitten, die Kamera pendelt zwischen dokumentarischem Stil und romantischen Landschaftsaufnahmen.

Zhao und ihr Kameramann hatten scheinbar deutlich die Aufführung auf der großen Leinwand vor Augen. In der ersten Einstellung öffnet sich ein Rolltor wie ein Vorhang, gegen Ende schließt sich die Tür wie in Der Schwarze Falke oder Der Pate – kleine Liebeserklärungen ans Kino.

Beitragsbild zur Kritik von "Nomadland"

Die drei Protagonist:innen des Films: Frances McDormand, ihr Van und die Wüste

Im Kontrast zur Enge des Vans öffnet sich das Bild regelmäßig für den Horizont der Wüste. Das Dach überm Kopf wirkt da schnell klaustrophobisch. Doch im Unterschied zu „Into the Wild“ ist der Film keine Ode an die beste Art zu leben oder den Versuch, aus „dem System“ auszubrechen. Auch sind die Nomads keine „Verlierer des Systems“. Als wahrhaftige Aussteiger ist es ihnen gelungen, die unterschiedlichen Vergangenheiten hinter sich zu lassen und eine frei gewählte Nische der Gesellschaft zu erobern.

Politik ohne Provokation, Feminismus ohne Brecheisen

Ein Film, der so deutlich auf die große Leinwand gehört, ist in Zeiten des Lockdown ein Sehnsuchtsschrei, wie die Veröffentlichung einer Bademoden-Kollektion im Winter. Doch auch aus anderen Gründen ist Nomadland eine bereichernde Neuerscheinung im Kinojahr 2021.

Der Film stellt Figuren in den Vordergrund, die wir lange nicht mehr so unironisch genießen durften: die vielbeschworenen und zuletzt misstrauisch beäugten „kleinen Leute“. Anstatt sich moralisch positionieren zu müssen, verlässt der Film das politische Schlachtfeld und fährt raus in die Wüste, weit weg von den Großstädten mit ihren aufgeheizten Gemütern. Politisches Kino muss nicht provokant oder kontrovers sein.

Und obwohl es Golden Globe-Konkurrent Promising Young Woman ist, welcher als progressive Neuerscheinung gefeiert wird, trägt für mich Nomadland langfristig mehr zur feministischen Welt des Kinos bei. Völlig selbstverständlich und unverkrampft lässt der Film eine Frau ein Topos bearbeiten, welches bisher vor allem Männern vorbehalten blieb: die Straße, die Wüste, das Alleinsein.

Fazit:

107 Minuten Fernweh

Chloé Zhao gelingt das Kunststück, einen politischen Film zu inszenieren, welcher die Schattenseiten des amerikanischen Traums beleuchtet, ohne den Zuschauer mit moralischen Tiefschlägen zu bearbeiten. Ihre „Nomaden“ leben außerhalb des Systems in vollkommener Stille, die wunderschönen Bilder lassen uns vom nächsten Campingurlaub träumen. Doch vermutlich ist es das dokumentierte Miteinander, welches uns am meisten sehnsüchtig werden lässt – nach unkomplizierten Begegnungen mit Menschen, für die nicht zählt, woher du kommst, sondern nur, ob du mal kurz einen Schraubenzieher ausleihen kannst.

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